Willkommen in Lake Success: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Willkommen in Lake Success: Roman' von Gary Shteyngart
4
4 von 5 (4 Bewertungen)

Eines frühen Morgens entledigt sich Barry Cohen, Master of the Universe, der Fesseln seines allzu perfekten Lebens. Der Sohn eines jüdischen Poolreinigers hat eine traumhafte Karriere gemacht: Seine Hedgefonds spülen ihm Millionen aufs Konto, für ihn zählen nur Status, Ruhm, Prestige und Perfektion. Doch dann kommt der Tag des tiefen Falls: Er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Mit nichts als seinen Lieblingsuhren im Gepäck flieht Barry mit einem Greyhound-Bus aus New York. Sein irrwitziger Plan: nach zwanzig Jahren seine College-Liebe Layla in El Paso zu treffen. Ob er mit ihr das echtere Leben von damals wieder aufnehmen kann? Bestsellerautor Gary Shteyngart nimmt uns in dieser Great American Novel mit auf eine turbulente Reise durch das zutiefst gespaltene Amerika der Vor-Trump-Ära - und erzählt von der Suche eines Mannes nach dem wahren Glück. Großherzig, klug und witzig!

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783328600695

Rezensionen zu "Willkommen in Lake Success: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Jul 2019 

    Roadtrip auf der Suche nach sich selbst...

    Barry ist kein sonderlich sympathischer Zeitgenosse, seine Freundschaften bleiben allesamt an der Oberfläche, was zählt, ist Geld und Erfolg, koste es was es wolle. Nun aber zerbricht sein Leben vor seinen Augen. Barrys dreijähriger Sohn hat die Diagnose 'Autismus' erhalten, er spricht nicht, und es ist überhaupt schwierig, zu ihm in Kontakt zu kommen. Die Beziehung zu seiner Frau scheint sich zunehmend zu verschlechtern. Und gegen Barry selbst wird aufgrund nicht ganz sauberer Vorgehen in seinen Hedgefonds inzwischen ermittelt - FBI und Kartellamt sind ihm auf der Spur.

    Kurz entschlossen packt Barry die wichtigsten Uhren seiner Sammlung in einen Rollkoffer und begibt sich ohne Abschied zum Bahnhof. Eine Greyhound-Tour von Küste zu Küste schwebt ihm vor, ein Roadtrip auf der Suche nach sich selbst. Grobes Ziel ist seine alte Liebe aus Studienzeiten, die er gerne wieder aufleben lassen möchte. Denn schließlich war das Leben damals noch ein echtes, unverstellt von Reichtum und Erfolg.

    Erzählt wird hier abwechselnd aus der Sicht von Barry Cohen und seiner Frau Seema, einer tamilischen, indischstämmigen Anwältin, die seit der Geburt ihres Sohnes nicht mehr arbeitet. Seema herrscht über die riesige Penthouse Wohnung in einem von New Yorks besten Vierteln, beschäftigt zahlreiches Personal und einen ganzen Therapeutenstab für ihren autistischen Sohn. Auch sie scheint nicht zufrieden mit ihrem Leben und versucht sich neu zu orientieren, auch wenn sie ihre gewohnte Umgebung nicht verlässt.

    Gary Shteyngart lässt kein gutes Haar an seinem Protagonisten - und scheint doch Mitleid mit ihm zu haben. Auch wenn Barry letztlich ganz unten landet, ohne einen Cent in der Tasche und bettelnd in der prallen Sonne, geht der Autor schlussendlich milde mit ihm um. Das Buch endet anders als man womöglich erwartet, aber irgendwie doch vorstellbar.

    Ganz nebenbei erzählt Gary Shteyngart auch von Amerika. Von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo ein reicher Spinner jedes Ziel erreichen kann, wenn er nur genug dafür tut. Nicht zufällig hat Shteyngart den Roman zur Zeit des Wahlkampfs zwischen Hilary Clinton und Donald Trump angesiedelt - Geld regiert die Welt, der gesunde Menschenverstand zählt nicht mehr.

    Ein Roman voller Zynismus, Anspielungen und Andeutungen, die ich sicher nicht alle erfasst habe, voller oberflächlicher Werte, Desillusionen und trauriger Schicksale. Eine Erzählung, die etliche autistische Personen verortet, nicht nur Barrys und Seemas kleinen Sohn. Was Shteyngart damit bezweckt hat, erschließt sich mir nicht - ich kann nur vermuten, dass dies als Sinnbild dient für eine autistische Gesellschaft, in der jeder nur noch um sich selbst kreist.

    Kein bequemer Roman, ich fand ihn über lange Passagen gar anstrengend zu lesen, unter anderem weil er gespickt ist mit Aufzählungen von Personen, die mir teilweise nichts sagten, vor allem aber mit meist exklusiven Markennamen, die mir völlig schnuppe sind und die mich schließlich nur noch nervten. Nicht grundlos verweigere ich mich jeder Werbung, wo ich nur kann.

    Die Reichen werden immer reicher und fallen stets wieder auf die Füße, egal wobei sie erwischt werden. Dies ist eine der Erkenntnisse, die ich aus dem Roman ziehe. Eine autistische, nicht empathische, zielorientierte Persönlichkeit ohne Interesse am Schicksal anderer ist von Vorteil, will man ganz nach oben kommen, ist eine weitere Erkenntnis. Ein unbequemer Spiegel, den Shteyngart Amerika da vorhält - und sicher nicht nur Amerika. Trump ist das Resultat dieser gesellschaftlichen Entwicklung und letztlich wohl leider eine logische Konsequenz.

    Ein Roman, der mir zu intellektuell angehaucht ist, bei dem ich sicher etliche Anspielungen verpasst habe und dessen Charaktere mir weitestgehend ziemlich gleichgültig blieben. Ein kleiner Denkanstoß, mehr aber auch nicht.

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Jul 2019 

    Geld regiert die Welt

    Vom ersten Teil dieses Buches war ich fasziniert. Shteyngart hält der amerikanischen Gesellschaft mit der Figur des Barry Cohan den Spiegel vor.

    Barry ist Hedgefondsmanger und allein auf Geld fixiert. Millionen oder eine 300 qm Etagenwohnung im Flatironbuilding zu haben, ist nicht genug, solange andere noch mehr Millionen oder gar Milliarden oder gar das Penthaus über einem haben. Sich auf Beziehungen zu anderen Menschen einzulassen fällt Barry dagegen eher schwer. Seine Ehe mit Seema läuft demgemäß auch gerade schlecht, nachdem die Cohans erfahren haben, dass ihr Sohn autistisch ist. Statt sich den Problemen zu stellen, flieht Barry. In seinem Gepäck befindet sich sein größter Schatz - ein Satz unheimlich teure Uhren.

    Barrys fühlt, dass er den Boden unter den Füßen verloren hat und möchte zu sich und dem echten Amerika zurückfinden. Daher entschließt er sich eine Reise zu wiederholen, die er als junger Mann schon einmal gemacht hat. Mit dem Greyhoundbus will er durch Amerika touren und seine alte Jugendliebe wieder treffen und mit ihr ein neues Leben beginnen.

    Auf seiner Reise trifft er viele, teils sehr arme Menschen. Diese Begegnungen rufen in Barry den Wunsch hervor, zu helfen. In Sozialismus darf die Hilfe nach Ansicht Barrys allerdings nicht ausarten. Schließlich hat er sich als Sohn eines Poolreinigers auch allein bis nach oben arbeiten müssen. Deshalb sieht er sich eher als Mentor, der anderen hilft, sich selbst zu helfen. Ein Mentoringprogramm hat Barry allerdings nicht. Sein Traum von einer Uhrenstiftung ist einfach nur absurd.

    Barry hätte auf seiner Reise viel über seine Mitmenschen lernen können. Am Ende, als er nach New York zurückkehrt, scheint er für mich aber kaum verändert. Seinen privaten Problemen stellt er sich nach wie vor nicht. Für seine geschäftlichen Verfehlungen muss er auch nicht wirklich gerade stehen. Wer reich ist, bleibt reich. Der Teufel sch... immer auf den größten Haufen.

    Das hat mich an der Botschaft des Buches am Ende zweifeln lassen. Daher vergebe ich in diesem Fall nur vier Sterne.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Jul 2019 

    Make my Life Great again!

    In „Willkommen in Lake Success“ schickt Gay Shteyngard seinen Romanhelden Barry mit dem Greyhound-Bus quer durch die USA von New York aus, wo Barry auf der absoluten Luxusetage eines Wohntowers im besten Teil Manhattens lebt. Mit seinen Bankgeschäften hat er sich diese Stellung und diese Wohnsituation verschafft und kann so auf alles herabschauen, was sich unter ihm bewegt. Alles in diesem Leben scheint makellos: Wohnung, Beziehungen, Bekannte. Das kann sich Barry bis zu einem gewissen Zeitpunkt jedenfalls einreden, bis nämlich seine eher obskuren Finanzgeschäfte immer mehr in sich zusammenfallen und ihm eine finanzrechtliche Ermittlung droht. Und dann ist da auch noch der nicht ins Konzept passende Sohn, für den nicht etwa schon ein Platz in einer der Eliteunis vorgebucht werden kann, sobald er das Licht der Welt erblickt. Nein, er ist psychisch auffällig, was die Ärzte nach vielen Test als starken Autismus diagnostizieren. Das Unglück platzt also über Barry herein, er fühlt sich wirklich als der am härtesten getroffene Mensch und er entflieht seinem Leben mit dem vollkommen ungewissen Ziel einer Exbeziehung – Layla – per Greyhound-Bus ans andere Ende der USA.
    Auf dieser Reise stolpert er ohne die sonstige Sicherheit seiner grenzenlosen Kreditkarte und ohne das auffangende Netzwerk seiner Klasse von einer Stadt zur anderen. Fällt bei den Eltern seiner Ex, bei einem ehemaligen, gefeuerten Mitarbeiter und schließlich bei der Exfreundin selbst ein. Er sieht Seiten seines Landes, die er sonst nie sieht und tapst so recht hilf- und orientierungslos durch eine Welt, die er und seine Klasse meinen, regieren zu können.
    Das alles siedelt Shteyngart ganz sicher nicht zufällig zu dem Zeitpunkt an, an dem Donald Trump seinen Wahlkampf zum amerikanischen Präsidenten beginnt, und es drängt sich beim Leser immer wieder der Eindruck auf, dass Shteyngart mit seinem Helden Barry dem Leser irgendwie einen Donald in Miniformat vorführen möchte. Während Donald durchs Land zieht mit dem Ruf „Make America great again“ ist Barry auf der Mission „Make my life great again“ und baut diesen Slogan auf dem Anspruch eines absolut makellosen Lebens für Amerika (bei Barry: für sich und seine Familie) auf. Da sind die Menschen und Schicksale, die auch in diesem Land leben, aber Lichtjahre von Makellosigkeit entfernt sind, für ihn nicht etwa Maßstab oder Korrektiv für seine Weltsicht und für die Art, wie er lebt. Diese Menschen spielen für Barry eher nur eine untergeordnete Rolle. Es sind Menschen, für die er sich als Mentor sieht und damit die Welt (und deren Leben) meint, retten zu können. In Wirklichkeit rettet er aber niemandem, sondern ist nur auf der Suche nach einer Form von Makellosigkeit für sich selbst.
    Zum Ende seiner Reise kommt Barry tatsächlich bei seiner Ex Layla an und vollkommen überraschend nimmt sie ihn auch auf. Für eine kurze Zeit leben sie zusammen und Barry entwickelt hier sogar eine positive Beziehung zu Laylas Sohn. Hat die Reise durch das Land Barry also doch verändert? Hat sie ihm die Augen für ein Land geöffnet, das er sonst nur aus dem 25. (?) Stock zu sehen bekommen hat?
    Hier lässt mich der Roman sehr hilflos zurück, denn als Barry dann wieder nach New York zurückkehrt, hat sich zwar sein Privatleben erheblich verändert (die Ehe wird geschieden, die Firma aufgelöst), aber dennoch schlüpft er eher wieder in sein altes Leben und seine Abgehobenheit zurück als dass er seine Erkenntnisse der Busreise für einen Neuanfang nutzt. Die finanzrechtlichen Schritte gegen ihn lösen sich zudem weitestgehend in Wohlgefallen auf, denn wo andere für deutlich geringere Vergehen im Gefängnis landen, kommt er mit einer Geldstrafe davon, die sein Leben in keiner Weise verändert bzw. seinen Lebensstil reduziert.
    Barry führt uns so die Arroganz der oberen Etagen deutlich vor Augen. Und Shteyngart gibt uns dazu auch keinen Hoffnungsschimmer hinsichtlich einer möglichen Wandlung dieser Sichtweise.
    Gern hätte ich am Ende des Romans eine freundlichere Perspektive vorgefunden. Aber Shteyngart tut uns diesen Gefallen nicht. Und so lässt mich das Buch reichlich frustriert zurück genauso wie so vieles beim Blick in Chefetagen und Regierungskreise.
    Das Buch hat für mich trotz (oder wegen) der Frustration 4 Sterne verdient.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Jul 2019 

    Ein Blick auf die USA zur Zeit der Präsidentschaftswahl 2016

    Dies wird keine einfache Rezension, ich bin mir nicht sicher, ob ich diesem recht weitgreifendem Roman gerecht werden kann. Ich versuche es mal.

    Ich hatte beim Lesen und besonders danach das Gefühl, dass in diesem Roman eigentlich mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt werden. Die nachfolgenden Abschnitte sollen die verschiedenen Geschichten zeigen, dadurch wird vielleicht auch der Erfolg des Buches in Amerika verdeutlicht.

    Einerseits geht es um die USA, und die Gemengelage der politischen Empfindungen in diesem Land kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2016. Es wird verdeutlicht, dass die Bevölkerung der USA extrem gespalten ist. Schon durch die Größe des Landes ist diese Spaltung durch die verschiedenen Wohngegenden und ihre wirtschaftliche Situation bedingt (Ostküste, Südstaaten, mittlerer Westen, Südwesten, Westküste), dazu kommt dann noch die soziale Spaltung der Bevölkerung und die Spaltung nach Hautfarben/Nationen. Diese Spaltung wird von bestimmten Kreisen natürlich forciert, um die Unzufriedenheit zu befeuern und eigene Fankreise zu erschaffen.

    Dann haben wir das zentral gestellte Paar Seema und Barry Cohen in New York. sie ist eine in Amerika geborene Tamilin, er ist ein Sohn eines jüdischen Poolreinigers, sie ist Anwältin, er ist millionenschwerer Hedgefondmanager, sie ist Mitte 20 und er ist Mitte 40. Die Ehe der beiden wird nicht etwa wegen der Gefühle geschlossen, die Mutter von Seema stößt ihr Kind eher in die Richtung: Suche dir einen reichen Mann und alles wird gut!. Beide haben ein Kind zusammen, den dreijährigen Shiva, ein schwer autistisches Kind. Natürlich ist die eheliche Situation, die vorher schon nicht gut war, durch die Probleme wegen dem Jungen noch angespannter. Bei der Beschreibung der Lebensumstände der Cohens und ihrer Umgebung wird deutlich wie sehr der Autor sich über die Superreichen Amerikas lustig macht. Köstlich! Schließlich kommt es zum Eklat zwischen Seema und Barry und die Folge ist Barrys Flucht aus New York mit dem Greyhound quer durch die USA. Mit auf die Reise darf nur ein Teil der heißgeliebten superteuren Uhren von Barry, diese liebt Barry innig. Der Entschluss zur Flucht entsteht nicht nur durch den Streit mit Seema, sondern auch durch gewisse berufliche Schwierigkeiten mit ungewissen juristischen Folgen. Auf der Reise durch die USA lernt Barry ein Sammelsurium an verschiedenen skurrilen Personen kennen, die den schon beschriebenen Blick auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglichen. Dass ernannte und heiß ersehnte Ziel der Reise von Barry ist seine Jugendliebe Layla in El Paso, Texas. Auf dieser Reise wird nach und nach klar, dass der anfänglich unsympathische Charakter Barry, deutliche Defizite in der empathischen Wahrnehmung seiner Mitmenschen hat und auch im Miteinander mit Ihnen und durch dieses Zeichnen dem Leser etwas sympathischer.

    Shteyngart schreibt seinen Roman/seinen Blick auf Amerika mit einem gewissen Humor/einem gewissen Sarkasmus/Zynismus. Vieles wird deutlich überzeichnet, vieles polarisierend dargestellt und auch vieles polemisierend. Dadurch stößt dieser Roman auch ab, mir hat dieses Bild von Amerika und seiner Einwohner aber sehr gefallen, dieses Buch ist ein sehr gesellschaftskritischer, aber in meinen Augen ein sehr realer Blick. Und entgegen sehr vieler anderer Rezensenten sehe ich definitiv in diesem Roman einen Entwicklungsroman, die Charaktere Seema und Barry durchlaufen sehr wohl eine Entwicklung.

    Interessant finde ich auch welche Bedeutung hier dem Thema Autismus und den betroffenen Menschen gegeben wird, dabei wird auch gezeigt wie unterschiedlich autistische Formen sein können.