Willkommen in Lake Success: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Willkommen in Lake Success: Roman' von Gary Shteyngart
3.75
3.8 von 5 (8 Bewertungen)

Eines frühen Morgens entledigt sich Barry Cohen, Master of the Universe, der Fesseln seines allzu perfekten Lebens. Der Sohn eines jüdischen Poolreinigers hat eine traumhafte Karriere gemacht: Seine Hedgefonds spülen ihm Millionen aufs Konto, für ihn zählen nur Status, Ruhm, Prestige und Perfektion. Doch dann kommt der Tag des tiefen Falls: Er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Mit nichts als seinen Lieblingsuhren im Gepäck flieht Barry mit einem Greyhound-Bus aus New York. Sein irrwitziger Plan: nach zwanzig Jahren seine College-Liebe Layla in El Paso zu treffen. Ob er mit ihr das echtere Leben von damals wieder aufnehmen kann? Bestsellerautor Gary Shteyngart nimmt uns in dieser Great American Novel mit auf eine turbulente Reise durch das zutiefst gespaltene Amerika der Vor-Trump-Ära - und erzählt von der Suche eines Mannes nach dem wahren Glück. Großherzig, klug und witzig!

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783328600695

Rezensionen zu "Willkommen in Lake Success: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Sep 2019 

    Master of the Universe

    In seinem Buch „Willkommen in Lake Success“ lässt der Autor Gary Shteyngart einen neureichen Hedgefondsmanager auf das arme Amerika prallen, im Greyhound-Bus quer durchs Land im Jahr des Wahlsieges von Donald Trump.

    Unsympathisch und tragikomisch ist Barry Cohen, einstmals leuchtender Stern am Hedgefondshimmel, jetzt mit der Finanzaufsicht wegen Insidergeschäften im Nacken auf der Flucht aus seinem augenscheinlich perfektem Manhatten-Leben mit Frau und autistischem Sohn. Mit einem Koffer voller teurer Uhren landet er mitten in der Nacht an einer Greyhoundstation und macht sich auf den Weg zu seiner Jugendliebe aus Collegetagen.
    Barry hat in seiner freudlosen Jugend hart daran gearbeitet, mit Menschen umzugehen, mit einstudierten Freundschaftssätzen begibt er sich unter seine Mitmenschen, die er nerdhaft und distanziert eher als Streichelzoo und Projekte denn als gleichberechtigt betrachtet.
    Begeisterungsfähig stolpert er durch viele Begegnungen mit dem armen Amerika, ist mittellos, blind für die Gefühle anderer. Und auch wenn es oft den Anschein hat, dass er abstürzt landet Barry immer wieder auf den Füßen. Er sieht sich als Mentor für Junkies und Abgehalfterte, hat große Pläne für junge Drogendealer, die immer als Parallelspur neben der Realität verlaufen.

    Vom Sohn eines jüdischen Poolreinigers zum Superreichen und dann im Freien Fall in den Abgrund, kurz davor gestoppt und wieder aufgestiegen ist der turbulente Weg von Barry, die meiste Zeit begleitet vom Ticken seiner teuren Uhrensammlung, bis ihm auch diese letzte Verbindung zu seinem alten Luxus-Leben in einem Greyhound-Bus gestohlen wird. Mit immenser Leutseeligkeit und Naivität scheint Barry durch und in Begebenheiten zu taumeln, manipulativ und mitleiderregend, auf der Suche nach Glück und dem wahren Leben, großherzig im Kleinen und ein wahres Raubtier bei großen schmutzigen Geschäften. Widersprüchlich und zerrissen wie sein Charakter ist auch sein Handeln.

    Gary Shteyngart nimmt seine Leser mit auf eine Wahnsinnstour durch Amerika kurz vor Trumps Wahlsieg. Er zeichnet ein Sitten- und Stimmungsgemälde des reichen und armen Amerika im Jahr 2016, bitterböse satirisch, schön und schäbig, oft nur als Blitzlichter am Rand von Barry‘s Greyhound-Tour.
    Man muss sich schon Zeit lassen beim Lesen, sonst übersieht man schnell ein paar Feinheiten, und das ist schwer bei der soghaften Art des Erzählens von Shteyngart.
    Und man hat manchmal das Gefühl, dass man genau diesen Menschen lieber nicht begegnen möchte, die Barry trifft. Gary Shteyngart versteht es, den Finger immer wieder in die Wunde zu führen, keine der Figuren taugt wirklich als Sympathieträger, und das ist tatsächlich großartig umgesetzt. Man ist gefesselt, wenn auch manchmal voll Abscheu und Unglauben, doch manchmal voller Empathie für eine bestimmte Handlung Barry‘s. Es ist ein genialer Roman, oft völlig und mit ganzer Absicht überzeichnet, witzig und abgründig, satirisch und bitterböse.
    Einzig der Schluß macht mich ein ganz klein wenig unzufrieden, denn Shteyngart versucht den Leser mit Barry zu versöhnen und hat letztlich Mitleid mit ihm. Aber das ist wohl einfach nur Geschmackssache.
    Das Buch ist unbedingt lesenswert für alle, die böse augenzwinkernde amerikanische Satiren mögen, so wie ich.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Aug 2019 

    Wenn ein Egotourist auf Reisen geht!

    Sommer 2016, Donald Trump befindet sich im Wahlkampf. Barry Cohen, Investmentbanker, Ehemann, Vater, verlässt nach einem Streit seine Familie. Mit einem Greyhound Bus macht er sich auf eine Reise quer durch die USA, um zu seiner Jugendliebe Layla zu gelangen.
    Es ist ein sehr schräger Road Trip, auf den Barry sich einlässt. Nach und nach erfahren wir Barrys Geschichte, von veruntreuten Millionen, seinem autistischen Sohn Shiva, seinem Faible für teure Uhren. Barry, der eigentlich aus einfachen Verhältnissen stammt, lebt schon so lange in der Welt der Reichen und Schönen, dass er sich mit absoluter Naivität und Gleichgültigkeit gegenüber dem „wirklichen Leben“ auf die Welt der Straße einlässt. Wie aus Teflon gleitet er von einer Situation zur nächsten, verhandelt mit Straßendealern, schläft mit einer jungen attraktiven Frau und erwartet, dass Layla ihn mit offenen Armen empfängt.
    Seema, Barrys verlassen Ehefrau, stürzt sich in eine Affäre mit dem Nachbarn. Die Betreuung für das autistische Kind sieht die Anwältin wie einen Prozess, alles organisiert und unter ihrer Kontrolle.
    Mir erschienen sämtliche Figuren in diesem Roman als unerträglich hohl und oberflächlich. Ihre Borniertheit und Fadesse überträgt sich auf das geschriebene.
    Doch dann kam Layla! Endlich eine Person, die ich annähernd authentisch und lebensnah finden konnte. Vielleicht weil sie auf "der richtigen Seite" steht, politisch, intellektuell. Sie fasst Barry in einem Satz zusammen: "Du läufst durch die Welt und machst Sachen und weißt nicht mal, warum du sie machst....Das Verhalten deines Geschlechts, wie es im Buche steht." Zumindest in diesem Buche!
    Gary Shteyngart hat ein Händchen für skurrile Situationen, karikiert die Wall Street Emporkömmlinge, macht auch nicht Halt vor der eigenen Literatenzunft, spiegelt die USA kurz vor Trump.
    Ist es Zufall dass sich Autor und Protagonist phonetisch gleichen? Zumindest haben beide ihren Faible für ausgefallen Chronometer gemeinsam. Was will uns nun Gary über Barry sagen?
    Nun, Seema sagt über Barry „…sie möge nicht was Barry sei. Nicht wer, sondern was.“
    Doch wer oder was ist Barry? Ein von Herkunft und Schicksal geprägter Charakter, mit autistischen Zügen, wie es gegen Ende des Buchs plötzlich anklingt. Der als Kind keine Freunde hatte und sich diese mit „Freundschaftssätzen“ ködern wollte. Der sich lieber mit Dingen als mit Menschen beschäftigt. Oder doch nur ein selbstverliebter Narzisst, ein Egotourist, dem nichts anhaftet, der sich rauskaufen kann aus allen Schwierigkeiten. Gary Shteyngart hat zum Schluss des Buches Mitleid mit diesem unerträglichen Menschen. Ich leider nicht.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Jul 2019 

    Selbstfindungstrip eines Superreichen

    Gary Shteyngarts Roman "Willkommen in Lake Success" ist ein über weite Strecken spannend zu lesende "Roadtrip-Geschichte", in der man als Leser in die Welt der reichsten 0,1 Prozent der amerikanischen Gesellschaft geführt werden. Hauptfigur ist Barry Cohen, ein super reicher Hedgefonds Manager. Er lebt in New York in einem riesigen Appartement, zusammen mit seiner schönen jungen Frau und seinem dreijährigen Sohn. Für Barry zählen nur Reichtum und Status. Als er erkennen muss, dass sein Sohn schwer autistisch ist, bricht für ihn der Traum von einem perfekten Leben zusammen. Nach einem Streit mit seiner Frau entschließt er sich spontan, alles stehen und liegen zu lassen und sich auf einen Roadtrip quer durch die Weiten seines Landes zu begeben.
    Vages Ziel seiner Reise ist seine Ex-Freundin aus Studientagen, mit der er noch einmal ein neues Leben beginnen will. Bewusst reist er nicht wie es in seinen Kreisen üblich wäre mit einem Netjet-Flieger, sondern mit dem Greyhoundbus, in dem in den USA diejenigen unterwegs sind, die sich keine Flugtickets leisten können. Barry wirft auch seine exquisite Kreditkarte weg, um seine Reise endgültig zu einem Neuanfang werden zu lassen. Nur mit einem Koffer, in dem sich seine millionenschwere Uhrensammlung befindet, macht er sich auf den Weg zum Busbahnhof in New York.

    In Gegensatz zu Barry akzeptiert seine junge Ehefrau ihr Leben mit einem behinderten Kind. Sie scheint einen funktionierenden moralischen Kompass zu haben. Könnte aus Barry nicht auch noch ein liebender und verantwortungsvoller Vater für seinen behinderten Sohn werden? Werden die zurück gelegten Meilen und die Erfahrungen mit Menschen aus anderen sozialen Schichten einen besseren Menschen aus Barry machen? Diese Fragen bilden die Klammer um den Roman, und sorgen für dessen Dynamik. Ohne all zu viel zu verraten, darf doch gesagt werden, dass man als Leser sehr lange auf eine Charakteränderung warten muss. Barry bleibt lange der gleiche arrogante, gefühlsblinde und seltsam realitätsfremde Mensch, der er zu Beginn des Romans war.

    Die stärksten Stellen des Romans sind diejenigen, in denen der böse Humor des Autors aufblitzt. Gary Shteyngart schreibt über die Lebensgewohnheiten besonders der reichen Gesellschaftsschichten in den USA mit einer ironisch-sarkastischen Distanz. Als Barry z.B.einen schwarzen Drogendealer kennenlernt, entsteht in ihm der selbstgefällige Wunsch, den Schwarzen in dessen Problemviertel zu helfen. Als Uhrenliebhaber stellt er sich vor, dort einen Urban Watch Fond zu gründen, um den Jugendlichen in dem Problemviertel Kultur beizubringen - ein grotesker, weltfremder Gedanke. Mit ironischer Distanz schildert der Autor, die bevorzugten Marken für Whiskey, Hemden und Seife bis hin zu den üblichen Sexualpraktiken der Superreichen.
    Leider wird aber in dem Roman die ironische Distanz zu unserem Helden nicht durchgehalten. Einerseits benimmt er sich grotesk, anderseits wirbt der Autor auch um Mitleid für ihn, schließlich hat Barry früh seine Mutter verloren und scheint autistische Züge zu haben. Durch diese Mischung von Sarkasmus und Tragik verliert der Roman an Würze.

    "Willkommen in Lake Success" ist ein, über weite Strecken spannend zu lesender Roadtrip Roman, mit ironisch-sarkastischen Zügen, in der die Gesellschaft der USA, am Vorabend der Wahl von Doland Trump zum Präsidenten, porträtiert wird. Auch wenn die Mischung aus Ironie und Tragik nicht immer gelungen ist, hat der Roman doch insgesamt einen hohen Unterhaltungswert.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Jul 2019 

    Hat mich nicht ganz überzeugen können.

    Fünf Wochen habe ich für dieses Buch benötigt, da ich derzeit meinen Kopf nicht freibekomme, da so viel anderes ansteht. Das ist das erste Mal, wofür ich für ein Buch so lange benötigt habe.

    Warum schreibe ich das? Hauptsächlich für mich, wenn ich diese Buchbesprechung nach einer gewissen Zeit wieder nachlesen möchte, und ich mich nicht wundern muss, weshalb mich das Buch so viel Zeit beansprucht hat.

    Aber hat es wirklich nur an mir gelesen? Nein, nicht nur an mir, es hat auch etwas an dem Buch gelegen. Es war sehr zäh, hat sich gezogen, sodass die Handlung für mich nach etwa zweihundert Seiten die Glaubwürdigkeit verloren hat. Deshalb werde ich mich in dieser Besprechung kurzhalten.

    Außerdem wurden viele Themen angerissen, die nicht zu Ende gedacht wurden.

    Hier geht es zur Buchvorstellung; zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

    Die Handlung
    Die Handlung beschreibt das Leben einer Kleinfamilie namens Cohen. Berry Cohen ist etliche Jahre älter als seine Frau Seema. Seemas Eltern sind Einwanderer und kamen ursprünglich aus Indien, während sie selbst in den Staaten geboren ist und dadurch die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hat. Berry, Ende dreißig, ist Jude und seit über zwanzig Jahren in der Finanzbranche tätig. Er verwaltet Wertpapiere bis zu 2,4 Milliarden Dollar.

    Seema ist Juristin und 29 Jahre alt.
    Sie haben einen gemeinsamen Sohn namens Shiva. Ein langersehntes Kind, da es mit dem Kinderkriegen zuvor nicht wirklich klappen wollte, bis Seema einer künstlichen Befruchtung zustimmte.

    Der kleine Shiva ist aber kein normales Kind. Es ist autistisch. Die Eltern müssen lernen, mit der Besonderheit ihres Kindes umzugehen. Aber der Autismus fordert die Eltern heraus. Eigentlich passt er nicht in das Lebensbild des Vaters, denn Berry kommt aus einer perfekten Welt, in der Schwächen nicht geduldet werden. Das Kind spürt die mangelnde Zuneigung seines Vaters und lehnt ihn vehement ab. Die Ehe der Eltern wird auf die Probe gestellt.

    Seit Seema die Diagnose ihres Sohnes erfahren hatte, verbringt die junge Mutter jede freie Minute, für das Kind da zu sein. Sie nimmt alle Stränge in die Hand, organisiert eine Tagesmutter zu und medizinische Hilfe, in der das Kind gefördert werden kann, während Berry gar nicht wahrhaben will, dass sein Sohn autistisch ist. Dadurch, dass Seema jede freie Minute für ihr Kind investiert, so ist es Berry, der glaubt, zu kurz zu kommen.

    Seema wirft ihm bedingt durch seinen Beruf Empathie- und Fantasielosigkeit vor.

    Barry besitzt viele teure und anspruchsvolle Uhren.

    Zitat:
    "Die Uhr schmiegt sich um sein Handgelenk wie ein Artefakt aus einem goldenen, technisch ausgereiftem Universum, und sie tat kund, was für ein Mann Barry eigentlich war. "(2018, 28)

    Die Probleme zu Hause hält Barry nicht aus und macht sich auf, mit einem Bus nach Richmond zu reisen, um seine alte Jugendfreundin zu finden. Doch eigentlich ist er auf der Flucht. Auf der Flucht vor seinem Sohn, vor seiner Frau, nicht zuletzt auch vor sich selbst.

    Welche Szenen haben mir gar nicht gefallen?
    Mich hat genervt, dass der Autor ein großes Geheimnis um den Autismus gemacht hat. Er hat die Erkrankung viele Seiten über umschrieben, um wahrscheinlich die Thematik spannender aufzuziehen. Aber ich glaube, dass jeder anspruchsvolle Leser*in weiß, was Autismus ist. Ich bin sehr schnell hinter seine Umschreibung gekommen.

    Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
    Politisch: Die kritische Sichtweise zu Donald Trump.
    Barry ist ein Trump – Gegner.

    Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
    Keine

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Barry aber auch seine Frau. Eigentlich fand ich alle Figuren unsympathisch, vor allem die, die in einer starken materiellen Welt gefangen sind und wenig innere Werte besitzen.

    Meine Identifikationsfigur
    Keine.

    Cover und Buchtitel
    Beides sehr ansprechend.

    Zum Schreibkonzept
    Auf den 430 Seiten ist das Buch in 13 Kapiteln gegliedert. Es gibt keinen Prolog aber einen Epilog.

    Meine Meinung
    Eigentlich hatte mich das Buch anfangs fasziniert. Den Klappentext fand ich ansprechend, aber die ganze Thematik hat mich irgendwann angefangen zu langweilen. Dann war mir die Thematik zwischen den Amerikaner*innen und den Migrant*innen zu einseitig und zu dick aufgetragen. Und überhaupt zu viele Gedanken über die Hautfarbe. Warum müssen Menschen so viel über die Hautfarbe schreiben? Es gibt dunkle Menschen. Es gibt helle Menschen. Es gibt braune Menschen … Wo ist das Problem?

    Mein Fazit
    Ich freue mich, dass ich nun mit dem Buch durch bin, und dass ich durchgehalten habe, ohne es vorzeitig abzubrechen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Jul 2019 

    Roadtrip auf der Suche nach sich selbst...

    Barry ist kein sonderlich sympathischer Zeitgenosse, seine Freundschaften bleiben allesamt an der Oberfläche, was zählt, ist Geld und Erfolg, koste es was es wolle. Nun aber zerbricht sein Leben vor seinen Augen. Barrys dreijähriger Sohn hat die Diagnose 'Autismus' erhalten, er spricht nicht, und es ist überhaupt schwierig, zu ihm in Kontakt zu kommen. Die Beziehung zu seiner Frau scheint sich zunehmend zu verschlechtern. Und gegen Barry selbst wird aufgrund nicht ganz sauberer Vorgehen in seinen Hedgefonds inzwischen ermittelt - FBI und Kartellamt sind ihm auf der Spur.

    Kurz entschlossen packt Barry die wichtigsten Uhren seiner Sammlung in einen Rollkoffer und begibt sich ohne Abschied zum Bahnhof. Eine Greyhound-Tour von Küste zu Küste schwebt ihm vor, ein Roadtrip auf der Suche nach sich selbst. Grobes Ziel ist seine alte Liebe aus Studienzeiten, die er gerne wieder aufleben lassen möchte. Denn schließlich war das Leben damals noch ein echtes, unverstellt von Reichtum und Erfolg.

    Erzählt wird hier abwechselnd aus der Sicht von Barry Cohen und seiner Frau Seema, einer tamilischen, indischstämmigen Anwältin, die seit der Geburt ihres Sohnes nicht mehr arbeitet. Seema herrscht über die riesige Penthouse Wohnung in einem von New Yorks besten Vierteln, beschäftigt zahlreiches Personal und einen ganzen Therapeutenstab für ihren autistischen Sohn. Auch sie scheint nicht zufrieden mit ihrem Leben und versucht sich neu zu orientieren, auch wenn sie ihre gewohnte Umgebung nicht verlässt.

    Gary Shteyngart lässt kein gutes Haar an seinem Protagonisten - und scheint doch Mitleid mit ihm zu haben. Auch wenn Barry letztlich ganz unten landet, ohne einen Cent in der Tasche und bettelnd in der prallen Sonne, geht der Autor schlussendlich milde mit ihm um. Das Buch endet anders als man womöglich erwartet, aber irgendwie doch vorstellbar.

    Ganz nebenbei erzählt Gary Shteyngart auch von Amerika. Von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo ein reicher Spinner jedes Ziel erreichen kann, wenn er nur genug dafür tut. Nicht zufällig hat Shteyngart den Roman zur Zeit des Wahlkampfs zwischen Hilary Clinton und Donald Trump angesiedelt - Geld regiert die Welt, der gesunde Menschenverstand zählt nicht mehr.

    Ein Roman voller Zynismus, Anspielungen und Andeutungen, die ich sicher nicht alle erfasst habe, voller oberflächlicher Werte, Desillusionen und trauriger Schicksale. Eine Erzählung, die etliche autistische Personen verortet, nicht nur Barrys und Seemas kleinen Sohn. Was Shteyngart damit bezweckt hat, erschließt sich mir nicht - ich kann nur vermuten, dass dies als Sinnbild dient für eine autistische Gesellschaft, in der jeder nur noch um sich selbst kreist.

    Kein bequemer Roman, ich fand ihn über lange Passagen gar anstrengend zu lesen, unter anderem weil er gespickt ist mit Aufzählungen von Personen, die mir teilweise nichts sagten, vor allem aber mit meist exklusiven Markennamen, die mir völlig schnuppe sind und die mich schließlich nur noch nervten. Nicht grundlos verweigere ich mich jeder Werbung, wo ich nur kann.

    Die Reichen werden immer reicher und fallen stets wieder auf die Füße, egal wobei sie erwischt werden. Dies ist eine der Erkenntnisse, die ich aus dem Roman ziehe. Eine autistische, nicht empathische, zielorientierte Persönlichkeit ohne Interesse am Schicksal anderer ist von Vorteil, will man ganz nach oben kommen, ist eine weitere Erkenntnis. Ein unbequemer Spiegel, den Shteyngart Amerika da vorhält - und sicher nicht nur Amerika. Trump ist das Resultat dieser gesellschaftlichen Entwicklung und letztlich wohl leider eine logische Konsequenz.

    Ein Roman, der mir zu intellektuell angehaucht ist, bei dem ich sicher etliche Anspielungen verpasst habe und dessen Charaktere mir weitestgehend ziemlich gleichgültig blieben. Ein kleiner Denkanstoß, mehr aber auch nicht.

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Jul 2019 

    Geld regiert die Welt

    Vom ersten Teil dieses Buches war ich fasziniert. Shteyngart hält der amerikanischen Gesellschaft mit der Figur des Barry Cohan den Spiegel vor.

    Barry ist Hedgefondsmanger und allein auf Geld fixiert. Millionen oder eine 300 qm Etagenwohnung im Flatironbuilding zu haben, ist nicht genug, solange andere noch mehr Millionen oder gar Milliarden oder gar das Penthaus über einem haben. Sich auf Beziehungen zu anderen Menschen einzulassen fällt Barry dagegen eher schwer. Seine Ehe mit Seema läuft demgemäß auch gerade schlecht, nachdem die Cohans erfahren haben, dass ihr Sohn autistisch ist. Statt sich den Problemen zu stellen, flieht Barry. In seinem Gepäck befindet sich sein größter Schatz - ein Satz unheimlich teure Uhren.

    Barrys fühlt, dass er den Boden unter den Füßen verloren hat und möchte zu sich und dem echten Amerika zurückfinden. Daher entschließt er sich eine Reise zu wiederholen, die er als junger Mann schon einmal gemacht hat. Mit dem Greyhoundbus will er durch Amerika touren und seine alte Jugendliebe wieder treffen und mit ihr ein neues Leben beginnen.

    Auf seiner Reise trifft er viele, teils sehr arme Menschen. Diese Begegnungen rufen in Barry den Wunsch hervor, zu helfen. In Sozialismus darf die Hilfe nach Ansicht Barrys allerdings nicht ausarten. Schließlich hat er sich als Sohn eines Poolreinigers auch allein bis nach oben arbeiten müssen. Deshalb sieht er sich eher als Mentor, der anderen hilft, sich selbst zu helfen. Ein Mentoringprogramm hat Barry allerdings nicht. Sein Traum von einer Uhrenstiftung ist einfach nur absurd.

    Barry hätte auf seiner Reise viel über seine Mitmenschen lernen können. Am Ende, als er nach New York zurückkehrt, scheint er für mich aber kaum verändert. Seinen privaten Problemen stellt er sich nach wie vor nicht. Für seine geschäftlichen Verfehlungen muss er auch nicht wirklich gerade stehen. Wer reich ist, bleibt reich. Der Teufel sch... immer auf den größten Haufen.

    Das hat mich an der Botschaft des Buches am Ende zweifeln lassen. Daher vergebe ich in diesem Fall nur vier Sterne.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Jul 2019 

    Make my Life Great again!

    In „Willkommen in Lake Success“ schickt Gay Shteyngard seinen Romanhelden Barry mit dem Greyhound-Bus quer durch die USA von New York aus, wo Barry auf der absoluten Luxusetage eines Wohntowers im besten Teil Manhattens lebt. Mit seinen Bankgeschäften hat er sich diese Stellung und diese Wohnsituation verschafft und kann so auf alles herabschauen, was sich unter ihm bewegt. Alles in diesem Leben scheint makellos: Wohnung, Beziehungen, Bekannte. Das kann sich Barry bis zu einem gewissen Zeitpunkt jedenfalls einreden, bis nämlich seine eher obskuren Finanzgeschäfte immer mehr in sich zusammenfallen und ihm eine finanzrechtliche Ermittlung droht. Und dann ist da auch noch der nicht ins Konzept passende Sohn, für den nicht etwa schon ein Platz in einer der Eliteunis vorgebucht werden kann, sobald er das Licht der Welt erblickt. Nein, er ist psychisch auffällig, was die Ärzte nach vielen Test als starken Autismus diagnostizieren. Das Unglück platzt also über Barry herein, er fühlt sich wirklich als der am härtesten getroffene Mensch und er entflieht seinem Leben mit dem vollkommen ungewissen Ziel einer Exbeziehung – Layla – per Greyhound-Bus ans andere Ende der USA.
    Auf dieser Reise stolpert er ohne die sonstige Sicherheit seiner grenzenlosen Kreditkarte und ohne das auffangende Netzwerk seiner Klasse von einer Stadt zur anderen. Fällt bei den Eltern seiner Ex, bei einem ehemaligen, gefeuerten Mitarbeiter und schließlich bei der Exfreundin selbst ein. Er sieht Seiten seines Landes, die er sonst nie sieht und tapst so recht hilf- und orientierungslos durch eine Welt, die er und seine Klasse meinen, regieren zu können.
    Das alles siedelt Shteyngart ganz sicher nicht zufällig zu dem Zeitpunkt an, an dem Donald Trump seinen Wahlkampf zum amerikanischen Präsidenten beginnt, und es drängt sich beim Leser immer wieder der Eindruck auf, dass Shteyngart mit seinem Helden Barry dem Leser irgendwie einen Donald in Miniformat vorführen möchte. Während Donald durchs Land zieht mit dem Ruf „Make America great again“ ist Barry auf der Mission „Make my life great again“ und baut diesen Slogan auf dem Anspruch eines absolut makellosen Lebens für Amerika (bei Barry: für sich und seine Familie) auf. Da sind die Menschen und Schicksale, die auch in diesem Land leben, aber Lichtjahre von Makellosigkeit entfernt sind, für ihn nicht etwa Maßstab oder Korrektiv für seine Weltsicht und für die Art, wie er lebt. Diese Menschen spielen für Barry eher nur eine untergeordnete Rolle. Es sind Menschen, für die er sich als Mentor sieht und damit die Welt (und deren Leben) meint, retten zu können. In Wirklichkeit rettet er aber niemandem, sondern ist nur auf der Suche nach einer Form von Makellosigkeit für sich selbst.
    Zum Ende seiner Reise kommt Barry tatsächlich bei seiner Ex Layla an und vollkommen überraschend nimmt sie ihn auch auf. Für eine kurze Zeit leben sie zusammen und Barry entwickelt hier sogar eine positive Beziehung zu Laylas Sohn. Hat die Reise durch das Land Barry also doch verändert? Hat sie ihm die Augen für ein Land geöffnet, das er sonst nur aus dem 25. (?) Stock zu sehen bekommen hat?
    Hier lässt mich der Roman sehr hilflos zurück, denn als Barry dann wieder nach New York zurückkehrt, hat sich zwar sein Privatleben erheblich verändert (die Ehe wird geschieden, die Firma aufgelöst), aber dennoch schlüpft er eher wieder in sein altes Leben und seine Abgehobenheit zurück als dass er seine Erkenntnisse der Busreise für einen Neuanfang nutzt. Die finanzrechtlichen Schritte gegen ihn lösen sich zudem weitestgehend in Wohlgefallen auf, denn wo andere für deutlich geringere Vergehen im Gefängnis landen, kommt er mit einer Geldstrafe davon, die sein Leben in keiner Weise verändert bzw. seinen Lebensstil reduziert.
    Barry führt uns so die Arroganz der oberen Etagen deutlich vor Augen. Und Shteyngart gibt uns dazu auch keinen Hoffnungsschimmer hinsichtlich einer möglichen Wandlung dieser Sichtweise.
    Gern hätte ich am Ende des Romans eine freundlichere Perspektive vorgefunden. Aber Shteyngart tut uns diesen Gefallen nicht. Und so lässt mich das Buch reichlich frustriert zurück genauso wie so vieles beim Blick in Chefetagen und Regierungskreise.
    Das Buch hat für mich trotz (oder wegen) der Frustration 4 Sterne verdient.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Jul 2019 

    Ein Blick auf die USA zur Zeit der Präsidentschaftswahl 2016

    Dies wird keine einfache Rezension, ich bin mir nicht sicher, ob ich diesem recht weitgreifendem Roman gerecht werden kann. Ich versuche es mal.

    Ich hatte beim Lesen und besonders danach das Gefühl, dass in diesem Roman eigentlich mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt werden. Die nachfolgenden Abschnitte sollen die verschiedenen Geschichten zeigen, dadurch wird vielleicht auch der Erfolg des Buches in Amerika verdeutlicht.

    Einerseits geht es um die USA, und die Gemengelage der politischen Empfindungen in diesem Land kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2016. Es wird verdeutlicht, dass die Bevölkerung der USA extrem gespalten ist. Schon durch die Größe des Landes ist diese Spaltung durch die verschiedenen Wohngegenden und ihre wirtschaftliche Situation bedingt (Ostküste, Südstaaten, mittlerer Westen, Südwesten, Westküste), dazu kommt dann noch die soziale Spaltung der Bevölkerung und die Spaltung nach Hautfarben/Nationen. Diese Spaltung wird von bestimmten Kreisen natürlich forciert, um die Unzufriedenheit zu befeuern und eigene Fankreise zu erschaffen.

    Dann haben wir das zentral gestellte Paar Seema und Barry Cohen in New York. sie ist eine in Amerika geborene Tamilin, er ist ein Sohn eines jüdischen Poolreinigers, sie ist Anwältin, er ist millionenschwerer Hedgefondmanager, sie ist Mitte 20 und er ist Mitte 40. Die Ehe der beiden wird nicht etwa wegen der Gefühle geschlossen, die Mutter von Seema stößt ihr Kind eher in die Richtung: Suche dir einen reichen Mann und alles wird gut!. Beide haben ein Kind zusammen, den dreijährigen Shiva, ein schwer autistisches Kind. Natürlich ist die eheliche Situation, die vorher schon nicht gut war, durch die Probleme wegen dem Jungen noch angespannter. Bei der Beschreibung der Lebensumstände der Cohens und ihrer Umgebung wird deutlich wie sehr der Autor sich über die Superreichen Amerikas lustig macht. Köstlich! Schließlich kommt es zum Eklat zwischen Seema und Barry und die Folge ist Barrys Flucht aus New York mit dem Greyhound quer durch die USA. Mit auf die Reise darf nur ein Teil der heißgeliebten superteuren Uhren von Barry, diese liebt Barry innig. Der Entschluss zur Flucht entsteht nicht nur durch den Streit mit Seema, sondern auch durch gewisse berufliche Schwierigkeiten mit ungewissen juristischen Folgen. Auf der Reise durch die USA lernt Barry ein Sammelsurium an verschiedenen skurrilen Personen kennen, die den schon beschriebenen Blick auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglichen. Dass ernannte und heiß ersehnte Ziel der Reise von Barry ist seine Jugendliebe Layla in El Paso, Texas. Auf dieser Reise wird nach und nach klar, dass der anfänglich unsympathische Charakter Barry, deutliche Defizite in der empathischen Wahrnehmung seiner Mitmenschen hat und auch im Miteinander mit Ihnen und durch dieses Zeichnen dem Leser etwas sympathischer.

    Shteyngart schreibt seinen Roman/seinen Blick auf Amerika mit einem gewissen Humor/einem gewissen Sarkasmus/Zynismus. Vieles wird deutlich überzeichnet, vieles polarisierend dargestellt und auch vieles polemisierend. Dadurch stößt dieser Roman auch ab, mir hat dieses Bild von Amerika und seiner Einwohner aber sehr gefallen, dieses Buch ist ein sehr gesellschaftskritischer, aber in meinen Augen ein sehr realer Blick. Und entgegen sehr vieler anderer Rezensenten sehe ich definitiv in diesem Roman einen Entwicklungsroman, die Charaktere Seema und Barry durchlaufen sehr wohl eine Entwicklung.

    Interessant finde ich auch welche Bedeutung hier dem Thema Autismus und den betroffenen Menschen gegeben wird, dabei wird auch gezeigt wie unterschiedlich autistische Formen sein können.