Wilde Freude: Roman

Rezensionen zu "Wilde Freude: Roman"

  1. Krebs mit Bling-Bling

    Sorj Chalandon kann schreiben – das steht außer Frage. Aber schöne Worte allein, machen noch keinen guten Roman. Dabei ist die Grundidee durchaus vielversprechend.

    Am Anfang steht Jeanne. Sie hat es im Leben nicht leicht gehabt. Ihr Sohn wird mit einer unheilbaren Krankheit geboren und stirbt noch als Kind. Den Verlust haben Jeanne und ihr Mann Matt nie richtig verwunden. Jeanne trägt seit dem Tod ihres Kindes nur noch schwarz und Matt konzentriert sich auf seine Arbeit. In dieser ohnehin schon tristen Situation entdeckt Jeanne einen Knoten in ihrer Brust. Die Ärzte diagnostizieren Brustkrebs. Jeanne muss die Diagnose allein verarbeiten. Matt ist ihr überhaupt keine Hilfe. Im Gegenteil: Er flüchtet nicht in seine Arbeit; er reagiert gefühlskalt und kommentiert die körperlichen Begleiterscheinungen der Chemotherapie bei Jeanne mit widerlichen Worten.

    Beim Warten auf ihre regelmäßigen Infusionen lernt Jeanne Brigitte kennen. Brigitte hat ebenfalls Krebs und bietet Jeanne Hilfe und ihre Freundschaft an. Mit Brigitte kommen auch deren Lebenspartnerin Assia und eine weitere Freundin, Melody, in Jeannes Leben.

    Bis hierhin hätte aus dem Buch ein wirklich guter Roman werden können. Jedoch greift der Autor nun tief in die Klischee- und Trick-Kiste. Kapitel für Kapitel werden die Lebensgeschichten von Brigitte, Assia und Melody ausgerollt. Was zunächst nur danach aussah, als wolle der Autor hier ein paar Seiten des ohnehin nicht langen Romans machen, entpuppte sich aber zudem als Aneinanderreihung höchst unwahrscheinlicher, schlimmer Schicksalsschläge. Kinder werden abgetrieben, verloren und weggenommen. Es folgen Kriminalität, Entführung und Drogen. Zugegeben: All so etwas gibt es. Aber diese Häufung wirkte auf mich unrealistisch und untergräbt das Gewicht jedes Einzelschicksals.

    Der Coup des Romans - die vier Frauen überfallen einen Pariser Juwelier - ist zudem völlig de-platziert. Das Motiv für den Überall ist platt und enttäuschend. Das wird durch die "überraschende" Enthüllung am Ende leider nicht gerettet. Der Autor hat sich sehr um eine moralische Recht¬fertigung für den Überfall bemüht. Das gelingt aber nicht. Denn der Autor hat allein das bedauernswerte Schicksal der vier Protagonistinnen im Blick und übersieht, dass die räuberische Erpressung weitere Opfer schafft. Der locker-flockige Umgang mit dem Eigentum und der Willensfreiheit anderer hinterlässt bei mir einen schalen Nachgeschmack.

    Zudem passt die klamaukhafte Schilderung der Vorbereitung und Durchführung des Überfalls nicht zur Krebsgeschichte. Der spaßige Überfall nimmt der einfühlsamen und authentischen Krebs- und Freundschaftsgeschichte leider viel von ihrer Wirkung und ihrem Gewicht.

    Insgesamt ist der Roman zwar bildhaft und mitreißend geschrieben. Hier wird, wer das sucht, gut unterhalten. Allerdings war Krebs mit Bling-Bling nicht das, was ich erwartet hatte. Daher nur drei Sterne.

  1. Zwischen Krankenhaus und Räuberposse

    Im vergangenen Jahr habe ich Sorj Chalandon als Autor kennengelernt. Ich war von seinem Roman „Am Tag davor“ BEGEISTERT, er gehörte zu meinen Jahreshighlights 2019. Insofern habe ich bei dieser Neuerscheinung blind zugegriffen. Das zur Vorgeschichte: Ich wollte das Buch mögen.

    Die ersten 50 Seiten beginnen vielversprechend: Die 39-jährige Ich-Erzählerin Jeanne bekommt die Schreckensdiagnose Brustkrebs.
    „Bis heute hatte Krebs für mich nie etwas anderes bedeutet als eine nationale Herausforderung, rosa Schleifchen in Illustrierten, ein Drama in einem Roman oder das tragische Ende einer Serienheldin. Es gab immer den Krebs und mich. Ihn weit entfernt wie einen räudigen Hund, irgendwo auf der anderen Seite, und mich. Mich, die nicht raucht und nicht trinkt. (…)“ (S. 18)

    Sie wird operiert, braucht das volle Programm: Chemotherapie und anschließend Bestrahlungen. Ihr Mann Matthew ist ihr weder eine tatkräftige noch eine moralische Unterstützung. Er lässt sie allein und zündelt mit verletzenden Unverschämtheiten. Zunächst hat man noch Verständnis, weil er bereits Krebserkrankungen im nächsten Familienkreis erleben musste. Zudem hat das Paar vor einigen Jahren das gemeinsame Kind verloren und diesen Verlust augenscheinlich nie professionell aufgearbeitet. Das führte zu fortschreitender Entfremdung. Man verzeiht Matt also zunächst seine Aussetzer. Im Verlauf des Buches werden sie allerdings immer gravierender– bis hin zur Unglaubwürdigkeit der gesamten Figur.

    Im Krankenhaus wird Jeanne sehr einfühlsam von der ihr zunächst unbekannten Brigitte umsorgt, die dasselbe Schicksal teilt. Die beiden Frauen freunden sich an, so lernt Jeanne auch Brigittes Mitbewohnerinnen Assia und Melody kennen. Jede dieser Frauen hat schwere Schicksalsschläge und Verluste erlitten. Aus dieser Situation heraus stützen sie sich gegenseitig und sind füreinander da. Bis hierher konnte ich dem Autor weitgehend folgen. Er verfügt über ein todsicheres Sprachgefühl, kann Emotionen schaffen, Bilder, Atmosphäre, Nähe – großartig!

    Jeanne hat das Leben vorsichtig gemacht. Sie möchte nicht anecken, passt sich an ihren egoistischen Gatten an, schämt sich ihrer Krankheit, möchte ihm alles Recht machen. Insofern freut man sich, dass sie in die Gemeinschaft der Frauen aufgenommen wird, die ihr gut tun und ihr Selbstbewusstsein stärken.
    Die „Schwestern mit Krebs“ nehmen Jeanne in Brigittes Wohnung auf. Sie feiern das Leben, die „therapeutische Wirkung“ von Cannabis und Alkohol. Nach und nach werden die Härten ihrer Leben aufgedeckt – ein Schicksal ist schwerer als das andere… Genau deshalb rührten sie mich nicht mehr an. Es wird zu dick aufgetragen, den Frauen von der Männerwelt zu schlimm mitgespielt. Die Geständnisse übertrumpfen sich gegenseitig.
    „Uns allen fehlte ein Kind. Diese Erkenntnis machte mich sprachlos. Deshalb hatte Brigitte sich für Assia entschieden, deshalb hatten die beiden Melody adoptiert, deshalb hatten sie mich in ihren magischen Zirkel aufgenommen.“ (S. 137)

    Das verlorene Kind wird zum Hoffnung spendenden Symbol. Wenn sie ein Kind retten können, können sie sich dann vielleicht auch alle selbst retten? Aus diesem Gedanken heraus entsteht der Plan zu einem gewagten Coup: der Überfall eines Pariser Juweliers! Solch ein Vorhaben muss sorgfältig geplant werden. Die Frauen steigern sich mit einer wilden Freude in dessen Umsetzung, die gar zu sehr ins Irreale, Skurrile, Slapstickhafte abdriftet. Der Autor bemüht Übertreibungen, überzeichnet seine Charaktere, baut zahlreiche Klischees, pathetische Szenen und martialische Sätze ein:
    "Wir Mädels hatten einen der intensivsten Momente unseres Lebens hinter uns. Wir waren knapp am Tod vorbeigeschrammt, und niemand hatte es bemerkt". (S. 237)

    Der Plan für den Überfall wird fulminant ausgearbeitet und detailliert umgesetzt, es soll ja schließlich ein großer Raub werden nach erfolgreichem Vorbild. Hotel Ritz, Prinzessin, Limousinen, ergebene Diener – hier ist alles erlaubt. Das Buch pendelt dermaßen stark zwischen Krankenhaus und Posse, dass man auch nach dem Fertiglesen nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Diese Ambivalenz war für mich schwer erträglich, auch wenn es gegen Ende noch Überraschungen gibt.

    Vielleicht gibt es Leser, die über das Buch lachen können. Ich kann es nicht, an keiner Stelle. Der Verlag wirbt mit „Thelma und Louise in Paris“… Ich hätte mich vorher wohl doch besser mit dem Inhalt des Buches beschäftigen sollen. Auf jeden Fall war es nach dem ersten Viertel eine große Enttäuschung.

    Ich empfehle das Buch Menschen, die unverkrampft mit der Krankheit Krebs umgehen können, Spaß an wilden Räubergeschichten und starken Frauenfiguren haben und nicht alles in Bezug auf Realitätsnähe hinterfragen. Vorsichtig sein sollten alle Leser, die hier eher ein literarisches Highlight erwarten. Als Film kann ich mir die Geschichte bestens vorstellen. Dann allerdings sollte sich die Kameraeinstellung verstärkt den vermeintlich lustigen Szenen zuwenden und die Schwere aus dem Plot nehmen. Als Unterhaltung könnte es funktionieren.
    2,5/5 Sterne