Wilde Freude: Roman

Rezensionen zu "Wilde Freude: Roman"

  1. Wilde Freude

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Okt 2020 

    Beginnend mit einer niederschmetternde Krebsdiagnose, über einen riskanten Plan und der Freundschaft unter Leidensgenossinnen führt der Weg des neuen Romans „Wilde Freude“ des französischen Schriftstellers Sorj Chaladon, der vom feinfühligen ersten Stolpern auf dem steinigen Krankheitsweg plötzlich zum handfesten Kriminalroman wird.

    Das Leben der Buchhändlerin Jeanne wird durch die Diagnose Krebs komplett umgekrempelt. Sie verlässt ihren Mann, der kein Verständnis für ihre Krankheit aufzubringen vermag, und zieht in eine Frauen-WG zusammen mit Leidensgenossinnen. Die nunmehr vier Frauen kümmern sich umeinander, aufmerksam aber ohne Resignation und Mitleid.
    Ohne Sentimanetalität beschreibt Sorj Chaladon in diesem Teil die massiven Veränderungen im Leben von Jeanne, die sich im Krieg mit dem Krebs befindet und für die ein Schwächeln das Todesurteil bedeutet. Das Ende ihres normalen Alltagslebens, das Beenden der Beziehung mit Matt, die zuvor schon tot war, die durch die Chemotherapie verursachten grenzwertigen körperlichen Belastungen beschreibt Sorj Chaladon mit unglaublicher Sensibilität und sehr genauer Beobachtung, er stellt den Leser sofort auf die Seite von Jeanne, die so verletzlich und so stark zugleich ist und die begreift, dass sie sich von der Wand in ihrem Rücken wegbewegen muss, um den Krebs besiegen zu können. Details wie das Drama des Haarausfalls besonders bei Frauen zu Beginn der Chemotherapie sind Spiegel einer Gesellschaft der Gesundheitsfanatiker und des obsoleten leider immer noch herrschenden Rollenbildes von Frauen heute.

    Jeanne hat Glück als sie bei ihrer ersten Chemotherapie Brigitte, Assia und Melody trifft, die in einer luxuriösen Pariser Wohnung zusammenleben und in der WG Jeanne einen Ort anbieten, an dem sie aufgefangen wird und wo die Frauen generalstabsmäßig den Kampf für ihr Weiterleben angehen, willensstark und kraftvoll durch ihre Verbundenheit.
    Das Schicksal von Melody geht Jeanne besonders nahe. Melody‘s Kind wurde von deren Partner nach Russland entführt und er verlangt eine Auslöse von 100.000 Euro dafür, dass die junge Frau ihre Tochter zurückbekommt. Die vier Frauen schmieden einen Plan, um an das Geld zu kommen, und aus der sensiblen Geschichte wird plötzlich ein Krimi, mit Elementen in der Tradition eines Noir-Romans.

    Zwischen Mitgefühl mit Jeannes Schicksal und der Spannung um den geplanten Raubüberfall bewegt sich das Buch jetzt, und hat mich dadurch mit meiner anfänglichen Begeisterung leider verloren. Für meinen Geschmack ein paar Schicksalsschläge zu viel hat Sorj Chaladon seinen Heldinnen aufgeladen, denn Jeanne hat vor der Krebsdiagnose bereits ein Kind verloren, was die Beziehung zu ihrem Mann bereits damals in der Kühlschrank der Depression verlagerte. Sie ist natürlich gerade dadurch empfänglicher für die Tragödie um Melody‘s Tochter, genau wie Assia mit ihrem heimlichen Schwangerschaftsabbruch und Brigitte mit ihrem Sohn, der sie später gemieden hat. Doch für mich wurde das sensibel und mit bewegendem Ernst erzählte Buch über den Kampf gegen die Krankheit, das auch Humor und Spott über das eigene Schicksal in sich birgt und gerade dadurch das Leben zu feiern vermag wie es kaum ein anderer Roman vermag, zum fast Klamaukhaften Krimi.

    Sorj Chaladon schreibt mit stilistischer Klasse, und er bleibt sich treu, indem er seine Figuren ins Spannungsfeld zwischen Gut und Böse zu setzen vermag. Er erzählt mitreißend und vermag es, Anteilnahme für seine Figuren zu wecken. Das Schicksal von Jeanne am Anfang ihres Weges zeugt davon, dass er sehr genau den Grat zwischen Leben und Tod beim Kampf mit einer schweren Krankheit ausloten kann und vor allem kitsch- und klischeefrei davon zu schreiben vermag. Aber die Räuberpistole, die er im Verlauf der Handlung hervorzaubert, ist in meinen Augen kein gelungener Twist sondern einfach albern und übertrieben. Ich liebte den letzten Roman von Sorj Chaladon „Am Tag davor“ sehr, bei diesem Buch hier folge ich dem Autor leider nicht mit so großer Begeisterung. Neben der nicht gelungenen Wende nehme ich dem Buch das übertriebene Pathos am Ende übel, bei dem Chaladon wieder zur Krebsgeschichte zurück kehrt, allerdings mit reichlich Abendrotstimmungs-Kitsch.

  1. Krebs-Drama oder feministische Gaunerkomödie?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Sep 2020 

    Handlung:⠀

    Die Pariser Buchhändlerin Jeanne hat Brustkrebs und gerät ob der Diagnose ins Straucheln. Ihr Mann – der Mensch, der sie vorbehaltlos unterstützen sollte! – lässt sie kläglich im Stich, weil er die Situation nicht erträgt. Er hat den Tod des gemeinsamen Sohnes noch nicht verkraftet, seine Mutter und Schwester sind an Krebs gestorben… Er macht dicht, er kann mit Jeannes Krankheit nicht umgehen, und sie verliert den Halt.⠀

    Doch im Wartezimmer des Krankenhauses lernt sie Menschen kennen, die in der gleichen Situation sind. Dadurch macht sie die Bekanntschaft von Brigitte, Assia und Mélody, die sie aufnehmen und zu einer Art Familie für sie werden – auch sie wurden vom Leben gebeutelt, auf unterschiedliche Arten. Als eine von ihnen dringend eine große Summe Geld braucht, beschließen die Frauen, einen Juwelier zu überfallen, der Schmuck im Wert von mehreren Millionen lagert…⠀


    Anfangs habe ich das Buch sehr positiv aufgenommen. Ich war zutiefst beeindruckt davon, wie authentisch und sensibel der Autor die existentiellen Ängste einer krebskranken Frau einfängt. Auch die hilflose Fassungslosigkeit der Umgebung schildert er sehr überzeugend: die Überforderung des Ehemanns, die Art und Weise, wie eine kranke Frau mit Glatze entweder angestarrt oder angestrengt ignoriert wird.⠀

    Aber vor allem die Kameraderie, die zwischen Menschen herrschen kann, die einen ähnlichen gesundheitlichen Kampf kämpfen, gibt er so glasklar und authentisch wieder, dass ich mich als chronisch Kranke (nein, kein Krebs) beim Lesen ganz deutlich wiedererkannte.⠀

    Es berührte mich, wie ungeschönt und doch hoffnungsvoll sich die Szenen im Krankenhaus lesen. Das ist einfach ein Stück Leben, dass der Autor in Worte gebannt hat. Denn ja, es kann wirklich so sein, wie er es beschreibt! Ich habe mir schon sehr freundschaftlich einen Raum, Sandwiches und Kaffee geteilt mit vier bis sechs anderen Personen, die auch alle neben mir am Tropf hingen. Man sitzt in einem Boot, das verbindet.⠀

    Protagonistin Jeanne tat mir sehr leid. Die Situation ist schlimm genug: sie hat erst ihr Kind, dann ihre Gesundheit verloren, und der Ehemann, der für sie da sein sollte, verhält sich mehr als selbstsüchtig – er dreht Jeannes Verluste und Ängste um und macht sie zu seinen Verlusten und Ängsten. Ja, du hast Krebs, aber weißt du, wie schlimm das für mich ist? Er wird als Charakter sehr übertrieben geschildert: ich fand ihn furchtbar, er machte mich unglaublich wütend – aber da war ich auch zwiegespalten, denn Matt ist massiv traumatisiert und bräuchte wahrscheinlich selber Therapie.⠀

    Jeanne will nur ein paar tröstende Worte hören und in den Arm genommen werden, aber Matts Vorbelastung ist zu gravierend, um selbst moderate Ansprüche zu erfüllen. So weit fand ich die Geschichte zwar sehr tragisch, aber immer noch durchaus glaubhaft.⠀

    Doch so nach und nach schlichen sich beim Lesen Ernüchterung und Zweifel ein. In mir kamen Fragen auf wie: Sind die Charaktere nicht zu einseitig gezeichnet? Ist das denn wirklich nötig, dass die Schicksale der Frauen sich mit Drama förmlich überbieten? Die Glaubwürdigkeit geriet für mich deutlich ins Wanken.⠀

    Denn es ist nicht allein Ehemann Matt, bei dem sich die Traumata häufen. Keine der Frauen, um die sich die Geschichte dreht, hat ‘nur’ Krebs, sondern eine Vielzahl von anderen Problemen wie aus einem Fernsehdrama. Alles wird angerissen, dann springt die Geschichte zum nächsten Thema – das ist einfach zu viel, da bleibt kein Raum mehr für Tiefgang. Dabei läuft das Buch genau dann zur Hochform auf, wenn es einfach ‘nur’ um das Leben mit einer Krebserkrankung geht!⠀

    Was mich letztlich jedoch am meisten störte, war die mangelnde Charakterentwicklung. Die Charaktere wirken meiner Ansicht nach etwas klischeehaft und überzeichnet. Ich hatte das Gefühl, dass ihre emotionale Reifung desto mehr in den Hintergrund trat, je mehr Raum der actionreichere Teil der Handlung einnahm.⠀

    Die Vorbereitungen auf dem Raubüberfall lesen sich unterhaltsam (wenn auch hemmungslos übertrieben), aber letztendlich führt das gemeinsame Abenteuer bei keinem Charakter zu echtem Wachstum – jedwede Entwicklung geht hopplahopp, zum Teil buchstäblich über Nacht. Die schüchterne, ängstliche Jeanne ist zum Beispiel auf einmal ganz tough – aber ich kaufte ihr das nicht ab, weil es meines Erachtens nicht glaubhaft beschrieben wurde. Ihre Charakterentwicklung versandet einfach.⠀

    Die Männer sind (mit nur einer Ausnahme) selbstsüchtig oder gewalttätig oder kriminell oder in irgendeiner anderen Form eher unerfreulich. Das war mir persönlich zu einseitig.⠀

    Das Ende konnte mich leider nicht überzeugen. Gerade weil ich mich am Anfang von diesem Buch so verstanden fühlte, war ich am Schluss umso bitterer enttäuscht. So viel verschenktes Potential… Ich hätte mir ein Ende gewünscht, an dem die Geschichte zurückkehrt zu ihren Stärken: dem einfühlsamen, realistischen Umgang mit der Krebserkrankung und derer psychischen Folgen.⠀

    Doch gerade die Erkrankung und die Nebenwirkungen der Chemotherapie verlieren mehr und mehr an Realismus – man fragt sich, wie die Frauen manche Dinge körperlich überhaupt bewältigen können.⠀

    Stattdessen kann das Ende sich nicht so recht entscheiden zwischen realistischem Drama bis in die bitterste Konsequenz und filmreifem Happy End. Das Verhalten der Charaktere ist in meinen Augen unerklärlich und beißt sich auch damit, wie sie bis zu diesem Punkt dargestellt wurden.⠀

    Um diese Rezension mit etwas Positiverem zu beenden: der Schreibstil liest sich sehr flüssig und ausdrucksstark, mit angenehmem Sprachrhythmus und Tempo. Dieser Autor kann schreiben! Daher fand ich den Roman auch dann noch recht unterhaltsam, als er für mich inhaltlich nicht mehr stimmig war.⠀

    Fazit:⠀

    Jeanne wird nach ihrer Brustkrebs-Diagnose von ihrem Mann im Stich gelassen und findet Trost und Zuspruch bei ihren Leidensgenossinnen Brigitte, Assia und Mélody. Als eine von ihnen dringend Geld braucht, planen die Frauen einen hochriskanten Raubüberfall.⠀

    Meiner Begeisterung über die einfühlsame Schilderung der Auswirkungen, die eine Krebserkrankung auf Psyche, Alltag und Beziehungen einer erkranken Person haben kann, wich nach und nach Ernüchterung. Die Charaktere erschienen mir zunehmend überzeichnet, gerade weil sich ein Drama nach dem anderen in ihren Hintergrundgeschichten auftat, und auch das Ende erschien mir nicht ganz überzeugend oder stimmig.⠀

  1. Gemeinsam rissen sie die Krebsstation nieder und errichteten auf

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Sep 2020 

    Gemeinsam rissen sie die Krebsstation nieder und errichteten auf ihren Trümmern eine fröhliche Zitadelle.

    "Wilde Freude" ist ein Buch über Frauen, die an Krebs erkranken/erkrankten, die negative Erfahrungen teilen, die zusammenhalten. Der Hauptcharakter Jeanne, eine Buchhändlerin, bekommt die Diagnose und fällt in ein Loch, in ein großes Loch, das Krebs-Loch. Doch sie lernt während der Behandlung drei weitere Frauen kennen, zwei der drei Frauen kennen die Diagnose ebenso, die dritte im Bunde verbindet eine recht negative Vergangenheit mit den anderen. Denn auch das ist etwas was sie alle teilen. Negative Erfahrungen. Jeanne ist hier die Neue, das Nesthäkchen, die bisher eigentlich ganz gut gelebt hat/ganz gut verdrängt hat. Doch die Diagnose lässt ihren Mann die Flucht ergreifen. Und damit stürzt Jeanne in ein weiteres Loch und wird aufgefangen, von diesen drei Frauen.

    Der Autor lässt im weiteren Verlauf allen Frauen ihr Loch/ihr Erdulden verschwinden, in dem er die Charaktere handeln lässt. Ich finde der Autor verbindet damit eine Botschaft. Er ist ebenso vor kurzem im realen Leben, gemeinsam mit seiner Frau von einer Krebsdiagnose aus dem Leben geworfen worden, in dieses Loch hineinkatapultiert worden. Er weiß, was so etwas bedeutet, was das mit den Betroffenen macht. Und gerade hier ist eine Stärke gefragt, die bei der Gesundung absolut helfen würde, die aber schwer hervorzuholen ist. Hier in dem Buch lässt er den Frauen diese Stärke zukommen, diese wirkt zwar nicht real, ist deutlich überzeichnet, aber warum auch nicht. Muss denn immer alles real sein? Ich gönne ihnen diese Stärke!

    Dazu zitiere ich folgende Stelle vom Klappentext:

    "Dies ist die Geschichte von vier Frauen. Sie wagten sich weit vor. In die tiefste Dunkelheit, in die größte Gefahr, in den äußersten Wahnsinn. Gemeinsam rissen sie Krebsstation nieder und errichteten auf ihren Trümmern eine fröhliche Zitadelle."

    Von manchen Lesern wurde diese Verbindung kritisiert, Krebs und fröhliche Zitadelle. Doch warum? Jemand, der Krebs hat/hatte braucht vielleicht die fröhliche Zitadelle! Jeder von uns ist anders und geht anders mit gravierenden Dingen um! Die Charaktere und die Menge ihrer negativer Erinnerungen wurde ebenso von manchen Lesern bemängelt. Als ein zu viel des Guten. Warum? Sagt das Schicksal im realen Leben nach einem gravierenden Ereignis stopp? Eigentlich nicht. Und manchmal laufen sich eben Menschen mit wirklich schrecklichen Lebensläufen über den Weg, bleiben aneinanderhängen, weil andere sie auch meistens nicht verstehen. Zumindest ist das etwas, was mir in den Jahren psychiatrischer Arbeit immer wieder begegnet ist. Und von daher erschien mir auch das nicht unreal.

    Insgesamt fand ich dieses Buch in seiner Geschichte ganz gut und in seiner Botschaft wunderbar. Der Autor kann schreiben und das merkt man und die Geschichte. Wie gesagt, warum nicht ?!?!

  1. Allzu holzschnittartige Figuren enttäuschen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Sep 2020 

    Sorj Chalandon begleitet in seinem neuen Roman eine Frau – Jeanne - auf einer neuen Richtung, die ihr Leben nach Auftreten einer Krebserkrankung nimmt.
    Jeanne ist Buchhändlerin in Paris und verheiratet mit einem Mann, der es nicht versteht, das Leid anderer mitzutragen und zu teilen. Das hat bereits vor Jeannes Erkrankung zum Erkalten der Gefühlswelt in dieser Ehe geführt, nachdem das Ehepaar ihren mit einer Behinderung aufwachsenden Sohn verloren hatten. Nun reagiert der Ehemann auf die Krebserkrankung Jeannes erneut sehr gefühlskalt und flieht, wann immer er kann, die Nähe seiner Frau. Jeanne ist deshalb mit ihrem Leid und der Verarbeitung ihrer Erkrankung zunächst ganz allein. Aber es scheint, dass sie zumindest eine Art Ersatz-Unterstützung in Brigitte finden kann, einer Frau, die sie bei den Krebstherapien triffst und mit der sie ihr Schicksal teilt und Zuspruch finden kann. Wie stark sich diese Unterstützung aber von der unterscheidet, die sie in ihrem bisherigen, normalen Leben erwartet hätte, das zeigt uns Chalandon sehr schnell. Jeanne taucht ein in die Welt einer Gruppe von drei Frauen, denen die Konventionen des gesellschaftlichen Miteinanders, wie Jeanne sie bisher kannte, wenig bedeuten. Sie leben ein unabhängiges, unkonventionelles Leben. Insofern Männer darin eine Rolle spielen, so sind sie vor allem der Vergangenheit zuzuordnen und ausnahmslos „Schweine“ der einen oder anderen Art, und sie sind vor allem auch Quellen des Leids der Frauen, die hier in dieser Gruppe aufeinandertreffen. Als eine der Frauen eine große Menge Geld benötigt, um den erpresserischen Forderungen ihres Ex-Mannes nachkommen zu können, um wieder Zugang zu ihrer geliebten Tochter zu erhalten, verschwören sich die 4 Frauen (inklusive Jeanne) zu einem verbrecherischen Coup. Aus vermeintlich hehren Motiven überfallen sie ein Juweliergeschäft und rauben teuren Schmuck, um ihn danach in Geld für die Auslösung der Tochter umzuwandeln. Doch alles ist am Ende nicht so wie gedacht. Die hehren Motive der Frauen zerbröckeln letztlich an der Realität.
    Mein Fazit:
    Dieser Roman konnte mich leider nicht überzeugen. Die Figuren sind allzu einfach gestrickt. Männer sind „Schweine“, während Frauen die empathischen Sozialwesen, die man allzu einfach zu Opfern machen kann, sind. Auf diese einfache Gesellschaftsstruktur baut Chalandon seine Story auf, die so allzu holzschnittartig und vorhersehbar wird. Sehr schade, denn sein vorheriger Roman „Am Tag davor“ schaffte gerade das Gegenteil: zu überraschen und durch Unerwartetes zu begeistern und zu unterhalten. Ich vergebe schwache 3 Sterne.

  1. Krebs mit Bling-Bling

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 04. Sep 2020 

    Sorj Chalandon kann schreiben – das steht außer Frage. Aber schöne Worte allein, machen noch keinen guten Roman. Dabei ist die Grundidee durchaus vielversprechend.

    Am Anfang steht Jeanne. Sie hat es im Leben nicht leicht gehabt. Ihr Sohn wird mit einer unheilbaren Krankheit geboren und stirbt noch als Kind. Den Verlust haben Jeanne und ihr Mann Matt nie richtig verwunden. Jeanne trägt seit dem Tod ihres Kindes nur noch schwarz und Matt konzentriert sich auf seine Arbeit. In dieser ohnehin schon tristen Situation entdeckt Jeanne einen Knoten in ihrer Brust. Die Ärzte diagnostizieren Brustkrebs. Jeanne muss die Diagnose allein verarbeiten. Matt ist ihr überhaupt keine Hilfe. Im Gegenteil: Er flüchtet nicht in seine Arbeit; er reagiert gefühlskalt und kommentiert die körperlichen Begleiterscheinungen der Chemotherapie bei Jeanne mit widerlichen Worten.

    Beim Warten auf ihre regelmäßigen Infusionen lernt Jeanne Brigitte kennen. Brigitte hat ebenfalls Krebs und bietet Jeanne Hilfe und ihre Freundschaft an. Mit Brigitte kommen auch deren Lebenspartnerin Assia und eine weitere Freundin, Melody, in Jeannes Leben.

    Bis hierhin hätte aus dem Buch ein wirklich guter Roman werden können. Jedoch greift der Autor nun tief in die Klischee- und Trick-Kiste. Kapitel für Kapitel werden die Lebensgeschichten von Brigitte, Assia und Melody ausgerollt. Was zunächst nur danach aussah, als wolle der Autor hier ein paar Seiten des ohnehin nicht langen Romans machen, entpuppte sich aber zudem als Aneinanderreihung höchst unwahrscheinlicher, schlimmer Schicksalsschläge. Kinder werden abgetrieben, verloren und weggenommen. Es folgen Kriminalität, Entführung und Drogen. Zugegeben: All so etwas gibt es. Aber diese Häufung wirkte auf mich unrealistisch und untergräbt das Gewicht jedes Einzelschicksals.

    Der Coup des Romans - die vier Frauen überfallen einen Pariser Juwelier - ist zudem völlig de-platziert. Das Motiv für den Überall ist platt und enttäuschend. Das wird durch die "überraschende" Enthüllung am Ende leider nicht gerettet. Der Autor hat sich sehr um eine moralische Recht¬fertigung für den Überfall bemüht. Das gelingt aber nicht. Denn der Autor hat allein das bedauernswerte Schicksal der vier Protagonistinnen im Blick und übersieht, dass die räuberische Erpressung weitere Opfer schafft. Der locker-flockige Umgang mit dem Eigentum und der Willensfreiheit anderer hinterlässt bei mir einen schalen Nachgeschmack.

    Zudem passt die klamaukhafte Schilderung der Vorbereitung und Durchführung des Überfalls nicht zur Krebsgeschichte. Der spaßige Überfall nimmt der einfühlsamen und authentischen Krebs- und Freundschaftsgeschichte leider viel von ihrer Wirkung und ihrem Gewicht.

    Insgesamt ist der Roman zwar bildhaft und mitreißend geschrieben. Hier wird, wer das sucht, gut unterhalten. Allerdings war Krebs mit Bling-Bling nicht das, was ich erwartet hatte. Daher nur drei Sterne.

  1. Die Kamelie

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 02. Sep 2020 

    Jeanne Hervineau ist erst 39 Jahre alt, als sie die schockierende Diagnose erhält: Brustkrebs. Mit ihrem Mann Matt musste die Pariser Buchhändlerin bereits einen schweren Schicksalsschlag verkraften, den Tod ihres gemeinsamen Sohnes. Nun stellt sie das Leben abermals vor eine schwierige Probe. Doch ihr Gatte sieht sich nicht dazu in der Lage, ihr in dieser Situation beizustehen, und verlässt seine Frau. Zufällig trifft Jeanne auf zwei weitere Krebspatientinnen: Küchenchefin Brigitte Meneur und die junge Frau Mélody Frampin. Zusammen mit der gesunden Assia Belouane, die bei Brigitte lebt, hecken die Frauen einen ebenso gefährlichen wie wahnwitzigen Plan aus…

    „Wilde Freude“ ist ein Roman von Sorj Chalandon.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus 24 Kapiteln mit einer angenehmen Länge. Sie sind wiederum in mehrere Abschnitte untergliedert. Das erste Kapitel ist dabei eine Art Vorausschau. Danach wird weitestgehend in chronologischer Reihenfolge erzählt, unterbrochen von mehreren Rückblenden und aus der Sicht von Jeanne. Der Aufbau funktioniert sehr gut.

    In sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman am meisten überzeugt. Metaphern und andere starke Bilder wie die der Kamelie für den Krebs kennzeichnen den Schreibstil, der trotzdem nicht künstlich oder zu verschnörkelt wirkt. Zudem gibt es viele Dialoge – teils in direkter, teils in indirekte Rede – die das Geschehen lebendig und anschaulich machen.

    Im Vordergrund stehen die vier Frauen und ihre Lebensgeschichten, wobei besonderes Augenmerk auf Jeanne liegt. Ihre Gedanken und Gefühle lassen sich hervorragend nachvollziehen, ihr Charakter macht eine Entwicklung durch: Von einer rücksichtvollen und angepassten Frau wird sie zu einer Person, die sich nicht mehr ständig entschuldigt. Allerdings wirken die Schicksale der Frauen insgesamt recht überzogen, was die Glaubwürdigkeit der Figuren ein wenig schmälert. Darüber hinaus werden immer wieder Nebencharaktere eingeführt, wodurch der rote Faden der Geschichte etwas verloren geht.

    Besonders eindringlich und intensiv wird der Roman, wenn es um die Krankheit Krebs und ihre Begleitumstände geht. Diese Passagen konnten mich immer wieder tief berühren und haben meine Erwartungen an die Lektüre voll erfüllt. An diesen Stellen wird deutlich, dass sich der Autor mit dem Thema auskennt. Nach dem ersten Viertel wird die Krankheitsgeschichte inhaltlich jedoch überlagert und der Roman verwandelt sich in eine Art Gaunerkomödie, bei der auch die Leiden der anderen zwei schwerkranken Frauen in den Hintergrund treten. Die Aktion des Quartetts macht die Lektüre zwar kurzweilig, zieht die Probleme und Leiden der Protagonistinnen jedoch auch etwas ins Lächerliche durch übertriebene und unrealistische Schilderungen. Mit einer Wendung erhält die Handlung im letzten Viertel abermals Schwung. Das Ende lässt mich jedoch enttäuscht und ratlos zurück, weil die letzten Kapitel nicht schlüssig erscheinen und zu viele Fragen offenbleiben. So wird beispielsweise nicht mehr darauf eingegangen, welche Konsequenzen Jeanne für sich persönlich aus den Ereignissen zieht.

    Das kalligrafisch anmutende Cover ist optisch ansprechend, allerdings auch recht nichtssagend. Der deutsche Titel, der recht wörtlich aus dem Französischen („Une joie féroce“) übernommen wurde, passt meiner Ansicht nach nicht besonders gut zum Inhalt.

    Mein Fazit:
    Zu viele Absurditäten, zu realitätsfern: Mit seinem Roman „Wilde Freude“ konnte mich Sorj Chalandon zwar unterhalten, aber meine Erwartungen nicht in Gänze erfüllen.

  1. Lost in the sea of cliche

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 28. Aug 2020 

    Hach, was habe ich mich auf das neue Buch „Wilde Freude“ von Sorj Chalandon gefreut. Hatte er doch mit „Am Tag davor“ einen literarischen Megahit gelandet. Nun, wer hoch steigt kann schnell (tief) fallen. Davon zeugt und das zeigt leider sein neuester Roman.

    Es geht zunächst um Jeanne, die eine niederschmetternde Diagnose bekommt: Brustkrebs.

    „Morgens war ich noch eine lustige Neununddreißigjährige. Nachmittags eine schwerkranke Frau. Sechs Stunden für den Umschwung von der Unbeschwertheit zum Unerträglichen.“ (S. 16)

    In der Folge wird sie von ihrem Mann Matt verlassen, der seine Frau nicht leiden sehen kann und der nur sich, seine Kollegen und seine Arbeit kennt. Was für ein … (hier setzt bitte jede*r ein eigenes Wort ein).

    Während der Bestrahlung trifft sie auf Brigitte, die ebenfalls an Krebs erkrankt ist. Die beiden freunden sich an – und jetzt wird es gruselig, weil unnütz, unrealistisch, völlig überzogen und klischeetriefend. Böse und noch mehr böse Männer, arme kranke, vom Schicksal und von Männern schwer gebeutelte Frauen, die trinken und kiffen á la „Hey, ich muss sowieso sterben. Also lasst uns vorher noch ein bisschen Spaß haben!“ – und einen Überfall auf einen Juwelier mitten in Paris verüben – mit Spielzeugpistolen! Heißa tiralala – wo bin ich denn hier gelandet??? Der angebliche „Gag“? gegen Ende des Romans hat mich nur gelangweilt.

    Seine besten und prägendsten Passagen hat der Roman immer genau dann, wenn Sorj Chalandon einfühlsam und doch nicht auf die Tränendrüse drückend von der Diagnose Krebs (er selbst und seine Frau haben wohl auch die Diagnose Krebs bekommen), der (inneren) Gefühle, der Behandlung, den Schmerzen etc. erzählt.

    Leider werden genau diese Szenen von der Vorbereitung auf den Raubüberfall, den Raubüberfall selbst, der in meinen Augen überzogenen, überzeichneten und dadurch erst recht unrealistisch wirkenden Zeit danach und – schlimmer noch – den von Klischees triefenden Figuren überschattet. Anscheinend ist Herr Chalandon vorher im Klischeesee baden gegangen und hat zu viel Wasser geschluckt. Sorry, anders kann ich mir diese geballte Ladung nicht vorstellen, wie sie zustande gekommen sein soll.

    Nein, Herr Chalandon – mit dem Roman haben Sie mich leider überhaupt nicht abgeholt.

    2* für die genannten einfühlsamen Passagen – mehr ist leider nicht drin.

    ©kingofmusic

  1. Zwischen Krankenhaus und Räuberposse

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Aug 2020 

    Im vergangenen Jahr habe ich Sorj Chalandon als Autor kennengelernt. Ich war von seinem Roman „Am Tag davor“ BEGEISTERT, er gehörte zu meinen Jahreshighlights 2019. Insofern habe ich bei dieser Neuerscheinung blind zugegriffen. Das zur Vorgeschichte: Ich wollte das Buch mögen.

    Die ersten 50 Seiten beginnen vielversprechend: Die 39-jährige Ich-Erzählerin Jeanne bekommt die Schreckensdiagnose Brustkrebs.
    „Bis heute hatte Krebs für mich nie etwas anderes bedeutet als eine nationale Herausforderung, rosa Schleifchen in Illustrierten, ein Drama in einem Roman oder das tragische Ende einer Serienheldin. Es gab immer den Krebs und mich. Ihn weit entfernt wie einen räudigen Hund, irgendwo auf der anderen Seite, und mich. Mich, die nicht raucht und nicht trinkt. (…)“ (S. 18)

    Sie wird operiert, braucht das volle Programm: Chemotherapie und anschließend Bestrahlungen. Ihr Mann Matthew ist ihr weder eine tatkräftige noch eine moralische Unterstützung. Er lässt sie allein und zündelt mit verletzenden Unverschämtheiten. Zunächst hat man noch Verständnis, weil er bereits Krebserkrankungen im nächsten Familienkreis erleben musste. Zudem hat das Paar vor einigen Jahren das gemeinsame Kind verloren und diesen Verlust augenscheinlich nie professionell aufgearbeitet. Das führte zu fortschreitender Entfremdung. Man verzeiht Matt also zunächst seine Aussetzer. Im Verlauf des Buches werden sie allerdings immer gravierender– bis hin zur Unglaubwürdigkeit der gesamten Figur.

    Im Krankenhaus wird Jeanne sehr einfühlsam von der ihr zunächst unbekannten Brigitte umsorgt, die dasselbe Schicksal teilt. Die beiden Frauen freunden sich an, so lernt Jeanne auch Brigittes Mitbewohnerinnen Assia und Melody kennen. Jede dieser Frauen hat schwere Schicksalsschläge und Verluste erlitten. Aus dieser Situation heraus stützen sie sich gegenseitig und sind füreinander da. Bis hierher konnte ich dem Autor weitgehend folgen. Er verfügt über ein todsicheres Sprachgefühl, kann Emotionen schaffen, Bilder, Atmosphäre, Nähe – großartig!

    Jeanne hat das Leben vorsichtig gemacht. Sie möchte nicht anecken, passt sich an ihren egoistischen Gatten an, schämt sich ihrer Krankheit, möchte ihm alles Recht machen. Insofern freut man sich, dass sie in die Gemeinschaft der Frauen aufgenommen wird, die ihr gut tun und ihr Selbstbewusstsein stärken.
    Die „Schwestern mit Krebs“ nehmen Jeanne in Brigittes Wohnung auf. Sie feiern das Leben, die „therapeutische Wirkung“ von Cannabis und Alkohol. Nach und nach werden die Härten ihrer Leben aufgedeckt – ein Schicksal ist schwerer als das andere… Genau deshalb rührten sie mich nicht mehr an. Es wird zu dick aufgetragen, den Frauen von der Männerwelt zu schlimm mitgespielt. Die Geständnisse übertrumpfen sich gegenseitig.
    „Uns allen fehlte ein Kind. Diese Erkenntnis machte mich sprachlos. Deshalb hatte Brigitte sich für Assia entschieden, deshalb hatten die beiden Melody adoptiert, deshalb hatten sie mich in ihren magischen Zirkel aufgenommen.“ (S. 137)

    Das verlorene Kind wird zum Hoffnung spendenden Symbol. Wenn sie ein Kind retten können, können sie sich dann vielleicht auch alle selbst retten? Aus diesem Gedanken heraus entsteht der Plan zu einem gewagten Coup: der Überfall eines Pariser Juweliers! Solch ein Vorhaben muss sorgfältig geplant werden. Die Frauen steigern sich mit einer wilden Freude in dessen Umsetzung, die gar zu sehr ins Irreale, Skurrile, Slapstickhafte abdriftet. Der Autor bemüht Übertreibungen, überzeichnet seine Charaktere, baut zahlreiche Klischees, pathetische Szenen und martialische Sätze ein:
    "Wir Mädels hatten einen der intensivsten Momente unseres Lebens hinter uns. Wir waren knapp am Tod vorbeigeschrammt, und niemand hatte es bemerkt". (S. 237)

    Der Plan für den Überfall wird fulminant ausgearbeitet und detailliert umgesetzt, es soll ja schließlich ein großer Raub werden nach erfolgreichem Vorbild. Hotel Ritz, Prinzessin, Limousinen, ergebene Diener – hier ist alles erlaubt. Das Buch pendelt dermaßen stark zwischen Krankenhaus und Posse, dass man auch nach dem Fertiglesen nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Diese Ambivalenz war für mich schwer erträglich, auch wenn es gegen Ende noch Überraschungen gibt.

    Vielleicht gibt es Leser, die über das Buch lachen können. Ich kann es nicht, an keiner Stelle. Der Verlag wirbt mit „Thelma und Louise in Paris“… Ich hätte mich vorher wohl doch besser mit dem Inhalt des Buches beschäftigen sollen. Auf jeden Fall war es nach dem ersten Viertel eine große Enttäuschung.

    Ich empfehle das Buch Menschen, die unverkrampft mit der Krankheit Krebs umgehen können, Spaß an wilden Räubergeschichten und starken Frauenfiguren haben und nicht alles in Bezug auf Realitätsnähe hinterfragen. Vorsichtig sein sollten alle Leser, die hier eher ein literarisches Highlight erwarten. Als Film kann ich mir die Geschichte bestens vorstellen. Dann allerdings sollte sich die Kameraeinstellung verstärkt den vermeintlich lustigen Szenen zuwenden und die Schwere aus dem Plot nehmen. Als Unterhaltung könnte es funktionieren.
    2,5/5 Sterne

  1. Wenig Freude

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Aug 2020 

    Der Roman beginnt mit einer „ richtigen Dummheit“: Vier Frauen, verkleidet mit Sonnenbrille, Perücke und Schleier, bewaffnet mit einer Spielzeugpistole, auf dem Weg zu ihrem größten Coup.
    Rückblende: Sieben Monate zuvor
    Der Leser begleitet die Ich- Erzählerin Jeanne zu einer Routineuntersuchung. Dann der Schock: Brustkrebs. „ Morgens war ich noch eine lustige Neununddreißigjährige. Nachmittags eine schwerkranke Frau.“
    Jeanne fühlt sich im Kriegsmodus, im Krieg gegen den Feind im eigenen Körper. Feinfühlig beschreibt der Autor die wechselnde Gefühlslage dieser Frau: vom Schock über die Verzweiflung, die Angst und die Hoffnung. Jeanne hätte nun den Zuspruch ihres Ehemannes gebraucht, seine Umarmung, seinen Trost, die Gewissheit, dass er bei allem, was auf sie zukommt, an ihrer Seite ist. Doch seit dem Tod ihres kranken siebenjährigen Jungen lebt das Paar nur noch nebeneinander her.
    „Als unser Kind die Augen schloss, hörten unsere auf zu glänzen. Und Matt hielt mir nie wieder die Hand....Unsere Körper hatten einander nichts mehr zu sagen. Unser Sohn war nicht mehr, und wir waren kein Paar mehr. Ich brauchte Matt noch, also blieb er bei mir. Aber es ging dem Ende zu. Auf uns war kein Verlass mehr.“
    Matt fühlt sich nicht imstande, mit der neuerlichen Belastung fertig zu werden. Er trennt sich von seiner Frau.
    Jeanne hat währenddessen bei einer ihrer Chemo-Sitzungen Brigitte kennengelernt. Sie verbindet die gemeinsame Krankheit, den Krebs, und die beiden freunden sich an. Durch Brigitte macht sie noch die Bekanntschaft mit Assia, deren Lebensgefährtin und der jungen, ebenfalls krebskranken Mélody. Die Frauen ziehen zusammen und werden zu einer Schicksalsgemeinschaft.
    Und hier wird aus einer emphatisch beschriebenen Krankheitsgeschichte eine Story voller Klischees und fragwürdiger Ereignisse. In die Biographien der Frauen hat Chalandon jede Menge Schicksalsschläge gepackt, die in ihrer Häufung unglaubwürdig wirken. Alle sind von ihren Männern ausgenutzt und betrogen worden und alle eint, dass sie auf irgendeine Art ihr Kind verloren haben.
    Um nun einer von ihnen finanziell aus einer Notlage zu helfen, fassen die vier Frauen den aberwitzigen Plan, einen Juwelier zu überfallen.
    Sorj Chalandon kann sehr gut schreiben, das hat er in seinen früheren Büchern bewiesen und auch hier trägt seine Sprache über manches hinweg. Doch leider passen für mich die beiden Teile des Romans überhaupt nicht zusammen. Hier die einfühlsam beschriebenen Passagen der Krebserkrankung ( Da merkt man, dass Chalandon das aus eigener Erfahrung kennt. Er und seine Frau erhielten kurz nacheinander die Diagnose Krebs.), dort die wenig realistische Räubergeschichte. Vielleicht wollte der Autor zeigen, wie eine Frau gestärkt aus einem Schicksalsschlag hervorgeht, wie aus der ängstlichen, zurückhaltenden Jeanne, die sich bei allem und jedem ständig entschuldigt („ Jeanne Sorry“ wird sie deshalb von Brigitte genannt ), eine starke, autonome Frau wird, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Doch leider verpufft das alles hinter der unwahrscheinlichen Story, hinter Klischees und Stereotypen. Alle Männer, bis auf eine Ausnahme, sind unzuverlässige, brutale Typen, alle Frauen unschuldige Opfer.
    Ich bin mit großen Erwartungen an diesen Roman herangegangen, fühlte mich anfangs bestätigt und wurde dann aber bald enttäuscht. Schade!

  1. Satire als Waffe gegen Leid ?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Aug 2020 

    Kurzmeinung: Kommt darauf an, was man erwartet: Es ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Von beidem was und beides nicht gut. Nur gut geschrieben.

    Zeitgenössische französische Romane. Diesmal aus männlicher Sicht. Was kommt da heraus? In „Wilde Freude“ wehrt sich der Autor gegen das Betroffenheitsbild, das unwillkürlich entsteht, wann man bemerkt, dass die Protagonisten Krebs haben. Das Übel unserer Zeit. Das Angstmachende unserer Zeit. Doch der Autor will die Empathie des Lesers gar nicht. Er bricht mit seinem Anfang und führt seinen Roman in den Slapstick.

    Das ist verwirrend, denn zunächst ist es genau das, was präsentiert wird: ein Betroffenheitsbild. Ein Rührstück. Absolut einfühlsam zeigt der Autor auf, wie es sich anfühlt, als seine Protagonistin und Icherzählerin Jeanne mit der Diagose Brustkrebs konfrontiert wird und plötzlich die Sonne nicht mehr scheint.

    Dann lernt sie die Clique kennen. Die vier betroffenen Frauen, die sich bei der Chemotherapie kennenlernen und sozusagen sofort zusammenziehen, eine moderne Selbsthilfegruppe, führen später einen bewaffneten Raubüberfall durch. Nun, warum nicht. Verzweiflung kann einen Menschen zu allem bringen. Die Vorbereitungen auf den Überfall bei einem Juwelier und die Durchführung des Plans, samt arabischer Prinzessin und allem Drum und Dran, sind amüsant zu lesen, entbehren aber jeder Wahrscheinlichkeit. Aber auch der Komik. So dass man sich fragt, was will der Autor ausdrücken?

    In „Wilde Freude“ würfelt der Autor zu viele Elemente zusammen und trägt bei den Schicksalen der vier Frauen zu dick auf. Jede von ihnen hat einen männlichen Partner, der sie bei der härtesten Prüfung ihres Lebens nicht nur schmählich im Stich lässt, sondern auch sonst ein armseliges Würstchen ist. Die Frauen sind diesen Männer, die weder Kinder mögen noch zum Unterhalt beitragen, emotional völlig ausgeliefert. Ha? Die moderne Frau lässt sich nicht mehr alles bieten.

    Von Betroffenheit zu Slapstick und wieder zurück. Es ist zu viel, um schön zu sein. Obwohl der Autor sprachlich sehr gut aufgestellt ist, muss man diesen Roman verwerfen. Er hätte sich für eine Seite entscheiden müssen, dann wäre mehr drin gewesen, Slapstick oder Betroffenheitsschiene. Der Plan, den Roman, die Krankheit ad absurdum zu führen, ins Surreale hinein, hätte gelingen können. Dann muss man aber konsequent dabei bleiben, und nicht auf den letzten Metern in die Betroffenheitsschiene zurückbiegen, was unfreiwillig komisch wirkt, aber nicht komisch ist.

    Fazit: Satire als Waffe gegen Leid? Kann funktionieren, tut es hier aber nicht. Mit viel good will gibt es von mir noch drei Sterne. Mit Bauchgrimmen. Eigentlich unverdient.

    Kategorie:
    Anspuchsvoller Roman: 2 Punkte
    Unterhaltung: 3 Punkte.

    Verlag dtv, 2020

  1. Jeanne Sorry

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Aug 2020 

    Als bei der Buchhändlerin Jeanne Krebs diagnostiziert wird, beschließt ihr Mann Matt sie zu verlassen, weil er ihr Leiden nicht ertragen kann. Bei der Chemotherapie lernt Jeanne Brigitte kennen und zieht zu ihr und deren Lebensgefährtin Assia und Freundin Mélody in eine Wohngemeinschaft. Jeanne, Brigitte und Mélody verbindet nicht nur die gemeinsame Krebsdiagnose. Alle Frauen, auch Assia, wurden auf die einer oder andere Weise vom Schicksal gefordert, haben Kinder, Männer, Familie verloren. Es entwickelt sich eine starke Solidarität zwischen den vieren. Als eine von ihnen dringend sehr viel Geld benötig, planen sie einen waghalsigen Coup, den Raubüberfall auf einen Luxusjuwelier.

    Der französische Schriftsteller Sorj Chalandon ist mir letztes Jahr mit seinem eindrucksvollen Roman „Am Tag davor“ äußerst positiv aufgefallen. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen auf sein neues Buch „Wilde Freude“. Leider konnte der Autor diese Erwartungen nicht erfüllen.

    Das Buch beginnt mit „einer großen Dummheit“. Von Anfang ist klar, dass die Handlung auf den besonderen Höhepunkt, den Überfall auf einen Juwelier im Herzen von Paris hinausläuft. Doch zunächst erzählt Sorj Chalandon von Jeanne, der Buchhändlerin. Jeanne erkrankt an Krebs, ihre Ehe steht schon lange auf der Kippe, seit ihr gemeinsamer Sohn Jules mit sieben Jahren gestorben ist.

    „Wir wussten, wie vergänglich alles war. Dass es ein Davor gab, aber kein Danach mehr. Wir waren allein auf der Welt.“

    Nun hat Matt „kein Herz“ für ihr Leiden und lässt Jeanne im Stich. Jeanne schließt zögerlich Freundschaft mit Brigitte, Assia und Mélody. Sie ist eine graue Maus, nicht nur in ihrem Aussehen in ihrem Kleidungsstil. Sie ist ängstlich, fühlt sich peinlich, lächerlich, verletzlich. Entschuldigt sich bei jedem zweiten Satz, was ihr den Namen „Jeanne Sorry“ bei ihren neuen Freundinnen einträgt. Sie ist so ganz anders als die forsche Brigitte, die zynische Assia, die unverschämte Mélody.

    „Sorry! Sorry! Hast du nicht langsam die Schnauze voll davon, dich immer dafür zu entschuldigen, dass du existierst?“

    Was als einfühlsame, emotionale und ehrliche Geschichte beginnt, wie die Empfindungen einer Frau geschildert werden, die gerade eine lebensverändernde Diagnose erhält, wie diese Frau mit den Veränderungen umgeht, mit dem Krebs, der eine Teil ihres Körpers, aber auch ihres Ichs geworden ist, ändert sich der Text im Laufe der Zeit. Die Schicksalsschläge der Protagonistinnen sind klischeehaft, alle erleiden Unrecht durch bösartige Männer. Die Vorbereitungen und die Durchführung des Überfalls waren lebensfern, überzogen, clownesk. Der Autor selbst weiß um die Schwächen des Plans, lässt Jeanne alle vernünftigen Argumente aufzählen, die in der Wirklichkeit das Vorhaben zum Scheitern verurteilen würden. Es scheint fast so, als ob der Krebs den Frauen Superkräfte verleihen würde, die sie diese „mission impossible“ durchstehen lässt.

    „So wilde Freude nimmt ein wildes Ende.“ (William Shakespeare, Romeo und Julia)

    Als „Gaunerkomödie“ hätte dieses Buch vielleicht Erfolg und würde wahrscheinlich auch funktionieren, wenn sich vier Frauen zusammentun, die ein ähnliches Schicksal haben, die sich z. B im Gefängnis oder Frauenhaus kennengelernt haben. Dass die Frauen aber der Krebs verbindet, macht die Sache scheel. Hier kommt dann Mitleid dazu, soll den Frauen alles durchgehen lassen. Das schmeckt mir nicht. Da kann auch eine Wendung zum Schluss nichts mehr retten. Sorry, Sorj.

  1. Emotional, aber auch schonungslos deprimierend

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Aug 2020 

    Die Pariser Buchhändlerin Jeanne erhält die Diagnose Brustkrebs. Während ihr Ehemann ihr nicht mehr in die Augen sehen kann, weil er ihre Erkrankung nicht erträgt, schlägt sich Jeanne von einer Untersuchung zur Nächsten. Im Krankenhaus lernt sie Brigitte kennen und bald darauf Mélody und Assia. Alle vier Frauen verbindet eine harte Vergangenheit und sie setzen sich das Ziel, sich gegenseitig zu unterstützen. Nach einiger Zeit weihen die Frauen Jeanne in ihren Plan ein: Einen Überfall auf den größten Juwelier der Stadt.

    Sorj Chalandon nimmt den Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. In seinem Buch „Wilde Freude“ beschreibt er schonungslos die Diagnose und Behandlung der Brustkrebserkrankung von Jeanne. Meine Mutter ist an Brustkrebs verstorben, weshalb mich die ausschweifende Beschreibung sehr mitgenommen hat. Viele Gedanken und Ängste von Jeanne hat auch damals meine Mutter mit mir geteilt. Man merkt, dass sich Sorj Chalandon mit dem Thema befasst oder selber Erfahrungen gesammelt hat. Wer ein Problem damit hat, oder selber Krebsfälle im engeren Umfeld, sollte sich gut überlegen, ob er dieses Buch lesen möchte. Wie gesagt: es ist wunderschön und realistisch beschrieben, aber auch schonungslos ehrlich.

    Neben der Erkrankung an sich hat Jeanne auch noch einen Ehemann, der sie so gar nicht unterstützt. Für mich war das schon fast ein bisschen viel Unglück für eine Person. Zudem habe ich nicht nachvollziehen können, warum Jeanne bei diesem Mann geblieben ist (insbesondere, weil er schon so war, als sie gesund war). Im Grunde ist sie seit Jahren mit einem Egomanen verheiratet, der sich nicht um sie kümmert – egal ob krank oder gesund.

    Die drei anderen Frauen haben auch interessante Hintergrundgeschichten, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist. Ich fand die Hintergründe ganz interessant zu lesen, so richtig gepackt haben sie mich allerdings nicht. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass sehr viel Zeit dafür aufgewendet wurde, die Geschichten der Frauen zu erzählen, diese Geschichten haben aber wenig zum Handlungsfortschritt beigetragen. Im Grund zielt das Buch auf einen einzigen Coup ab: den Raubüberfall. Auch wenn ich dann und wann den Eindruck hatte, dass der Autor dem Leser etwas Entscheidendes mit auf den Weg geben will, habe ich für mich wenig mitgenommen.

    Sprachlich ist das Buch wundervoll geschrieben. Ich mag die direkte Art zu schreiben und konnte mich schnell in die Protagonisten hineinversetzen. Insbesondere schafft es der Autor Emotionen (oder auch die leere im Innern der Protagonisten) gut zu transportieren.

    Alles in allem hat mich das Buch ganz gut unterhalten, mehr aber auch nicht.