Wie man die Zeit anhält: Roman

Rezensionen zu "Wie man die Zeit anhält: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Feb 2019 

    Rezension zu "Wie man die Zeit anhält"

    Ein Mensch, der nicht wie andere altert, sondern eine viel größere Lebensspanne hat, mehrere Jahrhunderte, der zusehen muss, wie seine Umwelt altert und stirbt. Es wird die Geschichte von Tom erzählt, sein Leben in den verschiedenen Jahrhunderten, sein Leiden in dieser Zeit, sein Versuch, mit dieser Veranlagung klarzukommen. Sein Verzweifeln darüber und sein Verstecken vor dem Leben und vor den Gefühlen. Seine Suche nach seiner Tochter, die die gleiche Veranlagung hat, und sein Aufeinandertreffen mit anderen Menschen mit dieser Veranlagung, und ein Sinnieren darüber. Ein sehr interessantes Thema. Hier aber irgendwie nicht so interessant umgesetzt. Ich fand dieses Buch schon spannend, aber nicht besonders, auch irgendwie manchmal etwas plätschernd und am Ende fast etwas dröge, vorhersehbar und langweilig. Es ist eine Geschichte, die nicht besonders lange im Hirn bleibt, aber trotzdem unterhält, die aber deutlich spannender und mitreißender hätte ausfallen können, und auch viel interessanter hätte aufgebaut sein können. Ich habe schon Besseres zum Thema länger leben gelesen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Sep 2018 

    Nicht ganz so gut getroffen, wie Haigs letzter Band

    Leider hat mir dieses surreale Buch nicht so gut gefallen, wie Haigs letzter Band "Ich und die Menschen". Es hat mir an Tiefgang gefehlt und auch die Thematik, aus der man hätte mehr machen können, konnte mich nicht weiter fesseln. Meine Anfangseuphorie über die Zeitreise von mehreren hunderten von Jahren konnte leider nicht aufrechterhalten werden.

    Die Handlung

    Die Handlung ist schnell erzählt.
    Auf den ersten Seiten lernt man den Protagonisten Tom Hazard kennen, der unter einer seltenen Veranlagung leidet. Der Name dieser Veranlagung wird als Anagerie bezeichnet und ist nicht allzu sehr bekannt. Tom ist 439 Jahre alt, im besten Alter, für seine Verhältnisse noch jung, auch wenn er sich selbst als alt bezeichnet, wenn er sich mit ganz normalen Menschen vergleicht, die hier als Eintagsfliegen charakterisiert werden. Nur etwa 1000 Menschen seien universal in dieser fiktiven Welt von jener Anlage betroffen. Geboren wurde Tom 1581. Hendrich, Toms Compagnon, bzw. Toms Chef unter ihnen, stellt diverse Regeln auf, die helfen sollen, sich in der Welt zurechtzufinden, ohne aufzufallen, denn sonst bestünde die Gefahr, verfolgt zu werden. Im 16. Jahrhundert wurden solche Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder ertränkt. In der Moderne sind es WissenschaftlerInnen, die aus diesen Menschen Versuchskaninchen machen, würden sie in der Gesellschaft auf sich aufmerksam machen.

    Menschen wie Tom gehören einer Albatros-Organisation an. Eine kleine Geheimgruppe, die sich weltweit gegenseitig hilft und schützt. Diese Menschen sind strengen Regeln unterworfen. Die erste Regel lautet: Du sollst nicht lieben. Wie will man sonst den PartnerInnen klarmachen, dass sie nicht altern? Dass selbst die eigenen Kinder eines Tages älter aussehen werden als man selbst?
    Eine weitere Regel lautet, alle acht Jahre die Identität und den Wohnort zu wechseln ...

    Menschen mit der Anagerie-Veranlagung verfügen über ein effektives Immunsystem. Bakterien und Viren können ihnen nichts anhaben. Ebenso von der Pest und der Cholera bleiben sie verschont. Auch der Alterungsprozess setzt sich nur sehr, sehr langsam fort.

    1623 lernt Tom Rose kennen, die er zur Frau nahm, mit der er ein Kind gezeugt hat, ein Mädchen, das den Namen Marion erhält. Marion erbt die Anlagen ihres Vaters und kommt damit nicht klar, da der Vater Frau und Kind verlassen musste, um die Familie durch sich nicht in Gefahr zu bringen. An den Hauswänden sind böse Beschimpfungen geschrieben und weisen auf mögliche Morddrohungen hin. Obwohl Tom seine kleine Familie verlässt, gerät Marion trotzdem auf die schiefe Bahn …

    Tom fühlte sich in der Einsamkeit sehr unglücklich und nicht selten denkt er daran, sein Leben selbst zu beenden. Aber die Liebe zu Marion hält ihn am Leben, obwohl er seine Tochter viele Jahre nicht mehr gesehen hat, und macht sich auf die Suche nach ihr …

    In der Gegenwart ist Tom Lehrer an einer Gesamtschule und unterrichtet Geschichte. Lebendige Geschichte, da Tom vieles selbst erlebt hat. Nur wissen das seine SchülerInnen aus der neunten Klasse nicht. Er kennt z. B. Shakespeare und andere bedeutende Persönlichkeiten.

    Tom sucht immer wieder nach dem Sinn seines Lebens und sehnt sich nach Normalität.

    Das Schreibkonzept

    Das Buch besteht auf den 380 Seiten aus vier Teilen und aus vielen Kurzkapiteln. Das Buch hält sich an keinen chronologischen Abläufen. Die Albatros-Organisation ist in dieser magischen Welt weit verbreitet. London, Los Angeles, New-York, Paris, Australien, Sri Lanka …
    Auf der ersten Seite findet man eine kurze Einleitung zu der Geschichte, bevor es mit dem ersten Teil losgeht. Man kommt gut in die Handlung rein, die Kapitel sind alle leicht lesbar. Zum Ende hin entwickelt sich dieser Roman kurzweilig zu einem Thriller.

    Cover und Buchtitel?

    Das Cover ist für mich sehr ansprechend und der Buchtitel hat mich bis zur letzten Seite beschäftigt. Ich hatte schon befürchtet, die Bedeutung überlesen zu haben, als ich dann schließlich ganz am Ende, auf der sogenannten letzten Seite, fündig geworden bin. Ob mich nun der Titel überzeugt hat, darüber muss ich noch weiter nachdenken.

    Identifikationsfigur

    Meine Identitätsfigur ist Tom, da auch ich im Laufe meines Lebens immerzu den Sinnfragen hinterhergerast bin. Damit angefangen hatte ich schon in meiner Kindheit. Mit zwölf Jahren legte ich mich in die Badewanne, die den Sarg ersetzen sollte und so spielte ich tot sein. Ich wollte wissen, wie sich der Tod anfühlt, denn was ist der Tod, was ist das Leben? Warum gibt es uns Menschen? Warum gibt es mich? Warum führen Menschen Kriege? Gibt es einen Gott? Müsste der Himmel nicht aus allen Nähten platzen, wenn immer mehr Menschen geboren werden, um wieder zu sterben, um anschließend in den Himmel zu gelangen? Was ist das Nichts? Ist das Nichts auch eine Religion? Bei dieser letzten Frage erinnere ich mich noch genau. Da war ich zehn Jahre alt. Ich hatte wirklich alle Theorien hinterfragt, religiöse und gesellschaftliche, mit der ich aus der erwachsenen Welt behaftet wurde. Wie einsam hatte ich mich mit diesen vielen Fragen damals schon gefühlt. Und wie schwer war es für mich, diesen Fragen ohne Antworten schuldig zu bleiben?

    Meine Meinung

    Mir wurde das Buch zur Mitte hin, als mir schließlich die Figuren vertraut geworden sind, langweilig. Der Autor hat in bestimmten Handlungen versucht, ein wenig Action reinzubringen, ging ein wenig in die kriminalistische Haltung rein, die sich aber schnell wieder gelöst hat. Am Anfang war ich ganz von der Thematik angetan. Stellte mir sehr häufig die Frage, was ich selbst alles tun würde, hätte ich ein so langes Leben wie diese Menschen aus der Albatros-Gesellschaft. Ich glaube, ich würde sehr verschwenderisch mit der Zeit umgehen. Allerdings bin ich ein sehr langsamer Mensch, und langsame Menschen sollten mehr Lebenszeit zur Verfügung haben. Wie häufig habe ich die Welt auf den Kopf gestellt, um alle Perspektiven betrachten zu können.

    Auf jeden Fall hätte ich Zeit, alle Bücher zu lesen. Aber dennoch würde ich nicht mit Tom tauschen wollen. Zu erleben, wenn die Menschen und Tiere alle sterben, mit denen man groß geworden ist, oder mit denen man das Leben geteilt hat, würde mich sehr nachdenklich und traurig stimmen. Toms Hang zur Melancholie und Schwerfälligkeit sind für mich gut nachzuvollziehen. Am besten ist, die Jahre sinnvoll zu nutzen, die man zur Verfügung hat. Es ist gut, wie es ist, nicht unsterblich zu sein. Eine Lebenserwartung von mehr als 500 Jahren betrachte ich schon fast als unsterblich. Gut, dass es solche Menschen nicht gibt.

    Mein Fazit?

    Es war schön, sich in diese Ideen hineinversetzt zu haben. Ein nettes Märchen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Aug 2018 

    Der Sinn des Lebens

    "Die erste Regel lautet, du darfst nicht lieben", sagte er. "Es gibt noch andere Regeln, aber das ist die wichtigste. Du darfst dich niemals verlieben. Niemals lieben. Niemals von der Liebe träumen. - Solange Sie sich daran halten, kommen Sie durch." (7)

    Welch grauenhafte Vorstellung, zu leben ohne lieben zu dürfen. Doch Tom Hazard, Geschichtslehrer in London, soll sich an diese Regel halten, um am Leben zu bleiben. Obwohl er aussieht, als sei er 40 Jahre alt, ist er 439, geboren am 3.März 1581 in einem französischen Chateau. Er leidet unter Anagerie:

    "verschiedene Aspekte des natürlichen Alterungsprozesses - die molekulare Degeneration, die Zellvernetzung im Gewebe, Mutationen auf Zell- und Molekularebene" (12) laufen verlangsamt ab. Dazu kommt ein besonders intaktes Immunsystem, das vor den meisten Krankheiten schützt. Hört sich perfekt an.

    Doch Tom Hazard, der aus seiner Ich-Perspektive die Geschichte an ein "Du" gerichtet erzählt, empfindet sein Leben als Belastung. Denn die "Eintagsfliegen", die normal Alternden, werden misstrauisch, wenn die "Albatrosse", wie sich die Langlebigen selbst nennen, nicht altern. Fast dreihundert Jahre hat sich Tom alleine durchgeschlagen, immer wieder den Lebensmittelpunkt verändert, tiefe Depressionen durchlaufen - nur die Suche nach seiner Tochter, die auch nicht altert, hält ihn am Leben.

    "Oft verlor ich bei meiner Suche alle Hoffnung. Ich suchte nicht nur nach einem vermissten Menschen, sondern auch nach dem anderen, das mir abhandengekommen war - Sinn. Bedeutung. Mir kam der Gedanke, dass die Menschen deswegen nicht älter als hundert wurden, weil sie es einfach nicht länger aushielten. Seelisch, meine ich. Irgendwann ging einem schlicht die Puste aus. Da war nicht genug Ich, um weiterzumachen." (43)

    Eine feste Konstante in seinem Leben ist die Musik, im 16.Jahrhundert spielte er in London auf dem Markt Laute, in den 20er Jahren in Paris Klavier.

    Sein Leben bessert sich scheinbar, als er von der Albatros-Gesellschaft rekrutiert wird, die Menschen wie ihn schützt. Hendrich, der Kopf dieser Gesellschaft, ist selbst 700 Jahre alt und ermöglicht ihm alle acht Jahre ein neues Leben - unter der Prämisse einen Auftrag zu erledigen und - sich niemals zu verlieben.

    "Ich habe nur einmal im Leben wirklich geliebt. Ich schätze, das macht mich irgendwie zum Romantiker." (32)

    Das war er im Jahre 1599, seine große Liebe Rose, eine Obstverkäuferin, hat Tom in London kennen gelernt. Aus Frankreich musste er mit seiner Mutter fliehen, da sie als Hugenotten verfolgt wurden. Erst in der Pubertät hörte Tom auf zu altern - mit Folgen für seine Mutter.

    In der Gegenwart lebt er wieder in London, als Geschichtslehrer - der perfekte Beruf - hat er doch selbst Größen der Geschichte erlebt, wie Shakespeare, Charly Chaplin, Scott Fitzgerald, Captain Cook, den er auf seinen Forschungsreisen begleitet hat.

    Zum Lehrerkollegium gehört die Französischlehrerin Camille, die ihn wiedererkennt, woher weiß sie jedoch nicht. Damit bringt sie sich selbst in Gefahr, denn die Albatros-Gesellschaft hütet ihr Geheimnis - um jeden Preis - aus Angst ein Spielball der Wissenschaften zu werden.

    Für Tom eine prekäre Situation - in zweifacher Hinsicht, denn Camille gefällt ihm und er mag sie. Was soll er tun?

    Bewertung
    Die Idee, die dem Roman zugrunde liegt, mag nicht neu sein, hat mich beim Lesen aber sofort in ihren Bann gezogen. Würde man so langsam alt werden, wie viel Zeit hätte man, um all die Bücher zu lesen, die man immer schon mal lesen wollte, wie @Momo so schön formuliert hat.
    Aber ohne feste Bindungen und Liebe zu leben - ohne Freunde, immer wieder neu zu beginnen - das schmälert den Reiz ein Zeitzeuge zu sein und jahrhundertelang zu leben. So wirft der Roman, neben der spannenden und unterhaltsamen Lebens- und auch Liebesgeschichte, die er erzählt, durchaus existentielle Fragen auf, ohne sich in philosophischen Diskursen zu ergehen. Es bleibt ein Unterhaltungsroman, dessen Ende vorhersehbar ist und der die Leser*innen mit einem guten Gefühl entlässt und uns beiden gut gefallen hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Aug 2018 

    Melancholische Reise durch die Zeit - aber anders als gedacht

    Die Geschichte startet im London der Jetztzeit. Tom Hazard, der Protagonist, ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt .... so scheint es zumindest. Denn in Wirklichkeit kam er 1581 zur Welt und ist somit aktuell bereits über 400 Jahre alt!

    Wie ist das möglich? Handelt es sich bei "Wie man die Zeit anhält" um einen klassischen Zeitreiseroman, bei dem jemand bewusst oder zufällig durch Zeit und Raum reisen kann? Nein, ganz und gar nicht.

    Matt Haig hat seine Hauptfigur mit einem Gendefekt ausgestattet, den er Anagerie nennt. (In direkter Anlehnung an die real existierende Krankheit Progerie, bei der man deutlich schneller altert und bereits in mittleren Jahren vergreist ist.) Dieser Defekt sorgt nun dafür, dass die Betroffenen sehr viel langsamer altern, als dies normalerweise der Fall ist. Sie sind keinesfalls unsterblich, oder in sonst einer Art und Weise anders als normale Menschen. Außer, dass sie eben so lange leben - rund 950 Jahre, um genau zu sein - und ein stabileres Immunsystem besitzen.

    Die Story wird aus Toms Perspektive erzählt. Im Grunde ist er sogar der eigentliche Erzähler und richtet sich in direkter Rede an den Leser selbst. Die Haupthandlung spielt also im London des 21. Jahrhunderts. Tom nimmt den Leser aber in jedem Kapitel via Zeitsprung mit in eine andere Epoche seines langen Lebens, und erzählt auf diese Weise seine Lebensgeschichte im Rückblick.

    Je tiefer man nun beim Lesen in Toms Leben eintaucht und je mehr Einzelheiten man erfährt, desto bewusster wird einem, welch unwahrscheinliche Belastung seine Krankheit für ihn darstellt. Man muss sich nur mal vorstellen, wie einsam er im Grunde ist. Denn nirgendwo kann er länger als ein paar Jahre bleiben, weil ansonsten ja sofort auffällt, dass er rein optisch scheinbar nicht altert. Und das konnte nicht nur im Mittelalter lebensgefährlich werden, sondern auch in den anschließenden Jahrhunderten.
    So ist er also quasi zu einem Leben gezwungen, in dem er keinen engeren Kontakt zu seinen Mitmenschen aufbauen kann. Das macht ihn sehr, sehr einsam.

    Dennoch verliebt er sich in jungen Jahren und bekommt sogar ein Kind mit dieser Frau. Ich will nicht zu viel verraten, aber man kann sich ja denken, dass er zumindest seine Frau überlebt. Die Tochter, zu der er den Kontakt verloren hat, hat seinen Gendefekt geerbt und fortan versucht er sie nun - durch all die Jahrhunderte hinweg - aufzuspüren und zu finden.
    Diese Suche ist so ziemlich das Einzige, was ihn am Leben erhält. Denn die Trauer um seine gestorbene Frau begleitet ihn ebenfalls durch sämtliche Jahrhunderte und lässt ihn ziemlich depressiv werden.

    Regelrecht bizarr wird es, wenn Tom im Laufe seines Lebens auch auf berühmte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte stößt und zum Beispiel mit dem Schriftsteller Scott Fitzgerald in den wilden 1920er Jahren in Paris in ein Gespräch an der Bar verwickelt wird und dieser ihm mitteilt, dass er auf der Suche nach der ewigen Jugend ist. Das er am liebsten die Zeit anhalten würde um niemals zu altern.
    Was für den einen Fluch ist, erscheint einem anderen regelrecht als Segen .... verrückt, oder?

    Den Sinn des eigenen Lebens zu finden fällt uns ja allen mehr oder weniger schwer. Ungemein schwerer wird es, wenn man zu solch einem langen Leben verdammt ist, wie Tom. Das Leben an sich ist nun mal verwirrend, für uns alle.

    Wie gesagt, ich möchte nicht zu viel verraten. Nur noch soviel: Obwohl sich Tom felsenfest vorgenommen hat sich NICHT ein zweites Mal zu verlieben, passiert es. Im 21. Jahrhundert fühlt er sich sehr zu einer Arbeitskollegin hingezogen und kommt einfach nicht gegen dieses Gefühl an.
    Doch zu welchen Komplikationen und Verstrickungen es in folge dessen kommen wird, verrate ich natürlich nicht. Das lohnt es auf jeden Fall, selber nachzulesen ;-)

    Matt Haig ist mit "Wie man die Zeit anhält" ein sehr schöner und auch irgendwie besonderer Roman gelungen. Und trotz der vielen Zeitsprünge schafft er es, den Leser nicht zu verwirren. Einzig getrübt wird das Lesevergnügen dadurch, dass meiner Meinung nach dem Autoren das Ende der Geschichte nicht ganz so gut gelungen ist. Im Vergleich zum wirklich wundervollen Rest des Buches erscheinen die letzten rund 20% merkwürdig flach und lassen die gewohnte Tiefe vermissen. Fast so, als ob es zu einem raschen und eiligen Ende hat kommen müssen.
    Genau dieser Umstand führt auch zum Punktabzug in meinem Gesamturteil, denn ansonsten hätte dieses Buch volle Punktzahl verdient.

    Empfehlen kann ich Matt Haigs Roman all jenen Lesern, die gerne phantasievolle und bittersüße, melancholische Geschichten lesen, die mit einem gewissen Tiefgang unterlegt sind.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Jul 2018 

    Ein spannendes Leben unter den Eintagsfliegen

    Tom Hazard, wie sich Estienne Thomas Ambroise Christophe Hazard derzeit nennt, wurde am 3. März 1581 geboren. Damit ist er heute 439 Jahre alt, sieht aber aus wie 41. Eine ungewöhnliche Veranlagung sorgt dafür, dass der gebürtige Franzose seit seiner Teenagerzeit nur sehr, sehr langsam altert. Im Gegensatz zu ihm sind die übrigen Menschen nur Eintagsfliegen. Auch seine frühere große Liebe Rose ist schon vor Jahrhunderten an der Pest gestorben. Die gemeinsame Tochter Marion hat die Veranlagung geerbt, ist jedoch verschwunden. Obwohl Tom schon einige Abenteuer hinter sich hat, auf berühmte Persönlichkeiten wie Captain Cook getroffen ist und regelmäßig seine Identität geändert hat, konnte er sie bisher nicht wiederfinden und blieb einsam. Wird es ihm in seinem aktuellen Umfeld gelingen? Derzeit hält er sich wieder in London auf, wo er als Geschichtslehrer arbeitet. Und dabei macht er die Bekanntschaft von Camille, einer Französischlehrerin, die in seinem Leben alles verändert…

    „Wie man die Zeit anhält“ ist ein unterhaltsamer, außergewöhnlicher Roman von Matt Haig.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus fünf Teilen, die wiederum mehrere Kapitel beinhalten. Die Handlung wechselt zwischen dem Geschehen in der Gegenwart und den Erlebnissen in den unterschiedlichen Jahrhunderten und Epochen. Die Übergänge sind recht fließend und trotz der schnellen Wechsel einfach nachzuverfolgen. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Tom. Der Aufbau des Romans hat mir sehr gut gefallen.

    Der Schreibstil ist nicht nur angenehm und flüssig, sondern auch lebhaft. Die Beschreibungen sind nicht übermäßig detailliert, aber anschaulich. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir sehr leicht.

    Mit Tom steht eine interessante Persönlichkeit im Vordergrund, die ich nach einigen Kapiteln sympathisch fand. Seine Gedanken und Gefühle werden gut deutlich und sind nachvollziehbar. Andere Charaktere bleiben dagegen etwas blass.

    Ein Pluspunkt des Romans ist die Verknüpfung von Historie und Gegenwart mit Fantasieelementen. Die kreative Grundidee der Geschichte wird überzeugend umgesetzt. Die Erklärungen sind schlüssig, der Ablauf logisch. Die Handlung bietet einige Überraschungen. Dabei ist der Roman ebenso spannend wie tiefgründig. Er regt zum Nachdenken an. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, Toms Einsamkeit, seine Trauer angesichts der Menschen, die er verloren hat, und einige andere Themen bieten interessante Denkimpulse. Zudem konnte mich die Geschichte emotional berühren, denn wie ein roter Faden zieht sich die Liebe durch den Roman.

    Das deutsche Cover ist ansprechend gestaltet und thematisch passend. Schön finde ich auch, dass sich der deutsche Titel so nah am Original („How To Stop Time“) orientiert.

    Mein Fazit:
    „Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig ist ein kurzweiliger, fantasievoller Roman, der für schöne Lesestunden sorgt. Eine lesenswerte Geschichte, die ich absolut empfehlen kann.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Apr 2018 

    Hätte mehr Tiefe vetragen können

    Inhalt:

    Tom Hazard sieht aus wie vierzig, doch er ist alt, uralt. Er ist im Jahre 1581 geboren.
    Er besitzt die Gabe -oder den Fluch- nur sehr, sehr langsam zu altern. Wenn das andere Menschen mitbekommen, kann es gefährlich für ihn werden und für die, die er liebt. Besonders in den Zeiten der Hexenverfolgung.

    Daher lautet die oberste Regel: "Du darfst dich niemals verlieben. Niemals!"
    So muss er alle 8 Jahre seine Identität wechseln. Unterstützt wird er dabei von einer Gesellschaft mit Menschen, die so sind wie er.
    Doch wie kommt man damit klar, keine Bindungen eingehen zu dürfen?
    Und wie geht man mit dem Schmerz um, dass man geliebte Menschen seit Jahrhunderten hinter sich lassen musste?

    Tom kommt damit nur schwer klar. Geplagt wird er von schrecklichen Kopfschmerzen, Erinnerungsschmerzen, Flashbacks.

    Abwechselnd erzählt er aus der Gegenwart und der Vergangenheit.
    In der Gegenwart erfährt er zum ersten Mal seit Jahrhunderten den Wunsch, einer bestimmten Frau näher zu kommen.
    Er schildert, was damals geschah, als deutlich wurde, dass er nicht altert.
    Er erzählt von seiner großen und einzigen Liebe, vom Lauf der Zeit.

    Meine Meinung:

    Es hat mich leider nicht komplett überzeugt.
    Die Grundidee ist super, doch Tom ging mir stellenweiße ganz schön auf die Nerven. Ganz besonders in der Gegenwart, wo er nur am Jammern war. Ständig hatte er Kopfschmerzen, begab sich aber auch immer wieder in Situationen, die ihn getriggert haben. Also an alte Zeiten erinnert haben und dadurch eine Flut von Emotionen auslösten.
    Er war mit den Regeln der "Albas", der Gesellschaft von Gleichgesinnten, unzufrieden, tat aber weiterhin, was der Chef ihm sagte.

    Die Kapitel, die in der Vergangenheit spielten, haben mir sehr gut gefallen, auch wenn ich vorher die Hoffnung hatte, es würde geschichtlich etwas tiefer gehen. Eigenheiten der verschiedenen Jahrhunderte werden nur im Rahmen dessen angesprochen, wie es ihn persönlich oder seine frühere Familie betraf.
    Das was er im Mittelalter erleben musste, ging mir nahe.

    Die Liebesgeschichte zu seiner ersten Liebe hat mir sehr gefallen. Diese Frau mochte ich unheimlich gerne.

    Immer wieder streut Matt Haig philosophische Gedanken ein, die mir zwar durch die Reihe hinweg gut gefallen haben, mir aber manchmal doch zu platt waren. Ja, das ist vielleicht ein Widerspruch, aber diesen Widerspruch empfand ich auch. Vielleicht war es der Punkt, dass die tiefgehenden Gedanken nicht so recht zu Tom gepasst haben, dem in seiner Darstellung als Charakter doch Tiefe fehlte.

    "Auch eine Welle kann dich umbringen. Oder du reitest sie. Manchmal ist es gefährlicher, sich wegzuducken. Du kannst nicht dein ganzes Leben lang Angst haben, Tom. Du musst dich trauen, aufs Brett zu steigen und auf die Füße zu kommen. Wenn du im Tunnel bist, musst du die Angst ignorieren. Du musst im Moment sein. Du musst einfach surfen. Wenn du Angst kriegst, fällst du vom Brett und zertrümmerst dir den Schädel."

    Das erinnert mich an Sergio Bambaren, den ich nicht sonderlich leiden kann, weil mir das alles etwas zu platt ist.

    Fazit:

    Ein Buch, mit einer wundervollen Idee, die aber alles in allem mehr Tiefe hätte vertragen können. Tiefe erreicht man halt nicht, in dem man nur ein paar philosophische Gedanken einstreut.

    Die Bewertung fällt mir unheimlich schwer.
    3,5 Sterne finde ich zu schlecht, 4 Sterne zu gut. Aber im Zweifel entscheide ich mich immer für den Autor, daher werde ich auf den Plattformen, wo ich Sterne vergeben muss, 4 Sternen wählen.