Widerfahrnis

Buchseite und Rezensionen zu 'Widerfahrnis' von Bodo Kirchhoff
4.1
4.1 von 5 (9 Bewertungen)

»Eines der schönsten Bücher des Herbstes: Bodo Kirchhoffs meisterhaft komponierte Novelle ›Widerfahrnis‹, ein poetologisches Kunststück.« (Andreas Platthaus, FAZ)

Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist …

Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. »Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung«, sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, »jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.«

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783627002282

Rezensionen zu "Widerfahrnis"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Okt 2017 

    Nur schöne Sprache macht noch keinen guten Roman

    Julius Reither, Ende 60, alleinstehend, hat seinen kleinen, eher erfolglosen Verlag und die dazugehörende Buchhandlung verkauft und sich in ein ruhiges schönes Tal nahe Österreich zurückgezogen. Eines Abends klopft es an seiner Tür - Leonie Palm steht davor, die ebenfalls in der Appartementanlage wohnt und um seine Mithilfe bei einem Literaturkreis bittet. Spontan aus dem Gespräch heraus entschließen sie sich mitten in der Nacht zu einem Ausflug, der sich zu einer Reise nach Sizilien entwickelt. Und zu einer Liebesgeschichte.
    Doch das sind leider so ziemlich die einzigen Entwicklungen, die es in diesem Buch gibt. Der Protagonist ist ein überaus selbstmitleidiger Mensch mit pessimistischer Weltsicht und überheblichen Zügen. Auch seine Empathiefähigkeit ist sehr begrenzt: Oh ja, er setzt sich für Flüchtlinge ein, wenn diese drangsaliert werden und steckt ihnen Lebensmittel und Münzen zu. Doch sollen sie ihm bloß nicht zu nahe kommen und sein Leben stören. Selbst am Ende hatte ich den Eindruck, seine Handlungen resultieren mehr aus Pflichtgefühl als aus innnerer Überzeugung.
    Natürlich kann auch eine unsympathische Hauptfigur das Thema eines guten Romanes sein, keine Frage. Doch die Sprache dieser 'Novelle' ist stellenweise so gekünstelt und gedrechselt, dass ich mich nur noch fragte: 'Was will der Autor mir damit sagen?' Inhaltlich vermutlich nichts, nur einen Beweis seiner grandiosen Ausdrucksfähigkeit vorlegen. Einige Beispiele: '... Liebesromanen, jeder Umschlag nur ein Leugnen, wie sehr das Begehren das Sein verbraucht ...'; ihm war auch das recht, alles, um von der Schneide des Augenblicks herunterzukommen ...'; Worte waren das wie herausgestemmt aus einem ganzen Packen ähnlicher Worte, einem Packen, der verklumpt, ...'. Es gibt auch wunderbare Sätze, die das Herausschreiben lohnen: 'Die Leute haben gespürt, dass ihre Gesichter zu leer waren für Hüte.'; '... das wahre Gebrechen, es sitzt in den Gedanken, nicht in den Knochen.'; Aber leider sind sie in der Unterzahl.
    Es gibt einen Satz, der nicht nur das Wesen des Protagonisten darstellt, sondern auch sinnbildlich für das Buch steht: 'Das Lieben, das Vergehen darin, alles Schmelzen, er hatte es immer vermieden und dafür Bücher gemacht, die davon erzählten, jedes durch seinen Stift so verschlankt, so ausgedünnt, bis nichts mehr darin weich war, faulig, süß, nur noch Sätze wie gemeißelt, ohne die Klebrigkeiten, die Widerhaken der Liebe, all ihr Unsägliches.' Dumm nur, dass genau diese Eigenschaften das Wunderbare der Liebe ausmachen. Und auch ein gutes Buch ;-)

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Dez 2016 

    Amavero - Ich werde geliebt haben...

    Von der Möglichkeit einer Liebe handelt diese preisgekrönte Novelle, von einer Reise in den Süden, in die Vergangenheit, in einen Abschied, von Verdrängung, von Schuld - von zwei Leben.

    Viel Stoff für ein kurzes Buch, vieles leise zwischen den Zeilen, viel Raum für Interpretationen, passend geschneidert auf das eigene Leben des Lesers - eines jeden Lesers?

    Zwei Menschen: ein Mann, eine Frau, abseits ihres früheren Lebens, gestrandet in einer luxuriösen Wohnanlage in einem kleinen Tal am Alpenrand. Reither, früherer Verleger eines kleinen, exklusiven Verlags, ein Arbeitsleben lang bemüht um das Schleifen der Wörter, die Exaktheit des Ausdrucks, das Wesen der Sprache - doch nun, da es mehr Schriftsteller als Leser zu geben scheint, ein resignierter Rückzug. Und Leonie Palm, einst Besitzerin eines Hutladens, doch in Zeiten, da es immer weniger Gesicher für ihre Hüte zu geben scheint, gab auch sie ihr Geschäft auf.

    "Nein, kein Paar. Nur Mann und Frau. (...) Ein Du taugt nur etwas, wenn es aus dem Sie hervorgeht."

    Eine Begegnung in der Nacht. Die Palm läutet bei Reither, nachdem sie ihn einige Stunden zuvor zufällig in der Bücherecke des Kaminfoyers stehen sah, ein Buch in der Hand. Ein Gespräch, einige gemeinsame Zigaretten, etwas Wein, ein Kaffee. Und dann die spontane Fahrt mit dem kleinen Cabrio der Palm, eine Probefahrt in der Nacht, raus aus dem Schnee, in den Sonnenaufgang. Doch beim geplanten Ziel nicht kehrtgemacht, sondern weitergefahren, in den Süden, in den frühen Sommer in Sizilien. Kaum ein Halt, das Autofahren als Katalysator - eine Reise zueinander, eine Reise auch in die Vergangenheit.

    "Rauchen wir vorher noch eine? Sie hielt die Hand auf, und er legte eine Zigarette hinein, sie steckte sie zwischen die Lippen, er gab ihr Feuer, sie hielt die Hand schützend um die Flamme, obwohl das Fenster nicht auf war, und er die Hand schützend um ihre, obwohl die Zigarette schon brannte - das alte, stille Vorgehen. Dann steckte er sich auch eine an und sah zu der Frau, die mit ihm in der Dunkelheit eine Autofahrt machen wollte. Na, denn, sagte er."

    Die Hauptmotive der Vegangenheit der beiden Hauptcharaktere lässt Kirchhoff ebenso rasch erscheinen wie er die wachsende Liebe von Reither und Palm vorantreibt. Getriebene, so scheint es, sind die beiden, rastlos in Raum und Zeit, kein längerer Halt, weiter, immer weiter. Hin auf ein Ziel, weg von unangenehmen Themen. Reither, der eine große Liebe verlor, weil er sich gegen ein werdendes Leben entschied - Palm, die ihre einzige Tochter an einen Suizid verlor und ihren unaussprechlichen Schmerz darüber in einem kleinen Buch zum Ausdruck brachte.

    "Wir sind schon auf der Strecke zum Brenner, und wenn wir hier weiterfahren, geht es über die Alpen, sagte er. Über alle Berge, Leonie, das wollten Sie doch."

    Distanziert ist die Sprache, virtuos, wohlgefeilt jedes Wort, nichts dem Zufall überlassen. Spröde gezeichnet die Charaktere, wenig direkte Rede, dann integriert in den Fließtext ohne Anführungszeichen. Bilder, Beobachtungen, Gedanken prägen das Geschehen, kein überflüssiges Wort, vieles ungesagt. Und doch, bei aller Distanziertheit, bei aller Desillusioniertheit der Charaktere, sind sie da, die Emotionen, zwischen den Zeilen, in dem Raum, den der Leser mit seinen Erfahrungen füllen, wiedererkennen kann.

    "Erinnerungen sollten wie Abschnitte in einem Handbuch sein, nur dazu dienen, in bestimmten Situationen die richtigen Worte in richtiger Reihenfolge zu sagen, aber es sind Einflüsterungen, die einen betören oder mit Schmerz erfüllen oder beides."

    Eine Liebe im Alter, ein unerhofftes Verlangen zueinander, eine Nähe trotz allem. Doch 'amavero' - Ich werde geliebt haben - nimmt das Ende der Erzählung vorweg. Passend. Überraschend. Melancholisch.

    In jüngeren Jahren hätte mich das Buch vermutlich nicht angesprochen, doch da sich Kirchhoff eher an eine etwas reifere Leserschaft wendet, hat mich die Erzählung getroffen. Und arbeitet weiter. Zwischen den Zeilen...

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Nov 2016 

    Beeindruckendes Leseerlebnis

    Der Kleinverleger Julius Reither hat sich mit MItte Sechzig aus der Großstadt in ein kleines Alpental zurückgezogen, wo er alleine in einer Wohnanlage lebt. Mit Empfang. Es scheint sich also um etwas Gehobeneres zu handeln. Reither hat keine Familie, keine Verwandtschaft. Er scheint generell über keine ausgeprägten sozialen Kontakte zu verfügen. Schnell wird klar, dass Reither einer ist, der präzise denkt, seine Worte sehr genau setzt. Klar, das war sein ganzes Berufsleben lang als Verleger sein Geschäft. Aber zufrieden oder gar glücklich scheint dieser Reither nicht zu sein. Eher ist es ein Hinnehmen und Erdulden aufeinander folgender Tage in dieser gutsituierten Einsamkeit.

    In diese brüchige Ruhe platzt nun Leonie Palm. Sie hat ihren Hutladen aufgegeben, weil es "keine Gesichter mehr für ihre Hüte“ gibt. Der ältere Kleinverleger und die Hutladenbesitzerin wirken wie Relikte aus einer untergegangenen Zeit, zwei Leute, für die in einer immer konformeren Welt kein Platz mehr ist. Das verbindet die beiden auch. Aus einer romantischen Laune heraus fahren sie gemeinsam an einen See, um dort auf den Sonnenaufgang zu warten. Aber dabei bleibt es nicht. Sie fahren weiter. Italien ist nah. Und zurück in dieses wenig verheißungsvolle Leben zieht es sie nicht.

    Aber was soll in Italien warten? Das Glück? Endlich die Liebe? Das Glück ist ihnen in den vergangenen Jahrzehnten abhanden gekommen. Stattdessen holt beide auf der Fahrt in den Süden die Vergangenheit ein. Reither rekapituliert seine frühere Beziehung und das Kind, das er nicht wollte, Leonie quält sich mit dem Selbstmord ihrer Tochter. Sie kommen sich näher, zaghaft, manchmal ungeschickt, auf ihrer Fahrt in Richtung Sonne. Aber kann das funktionieren?

    Kirchhoff verwebt ein sehr aktuelles Thema mit dieser späten Romanze. Je weiter die beiden nach Süden kommen, desto häufiger begegnen sie Flüchtlingen. Ein Flüchtlingsmädchen nehmen sie mit. Das ist ebenso rührend wie hilflos. Aber diese Flüchtlingsthematik lenkt auch von der eigentlichen Geschichte ab und von der Frage, ob es die beiden von Schicksal und eigenen Versäumnissen Gebeutelten doch noch schaffen und ein spätes Glück finden.

    Kirchhoffs Sprache ist präzise, so als hätte jedes Wort eine Aufnahmeprüfung für diesen Text machen müssen. Beinahe verliert man über diesen geschliffenen Sätzen die Handlung aus den Augen. Man würde gerne mehr erfahren, mehr mit den beiden erleben, mehr mit Julius und Leonie mitfiebern können. Aber letztlich macht diese beeindruckende Fabulierkunst dieses Roadmovie Widerfahrnis zu einem beeindruckenden Leseerlebnis.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 19. Nov 2016 

    Viele Interpretationen

    Mir hat das Buch insgesamt recht gut gefallen. Ein paar Begebenheiten wirkten auf mich allerdings ein wenig realitätsfern.

    Die literarische Sprache ist grandios. Ein wenig spielerisch und fantasievoll habe ich sie erlebt. Und jede Menge geistreiche Gedanken, die recht häufig auch in Metaphern verpackt wurden. Ich werde aber nicht auf alles eingehen.
    Der Buchtitel Widerfahrnis hat mich sehr nachdenklich gestimmt … So richtig konnte ich nicht dahinterkommen, was er bedeuten könnte. Selbst die Figuren wissen nichts so recht damit anzufangen. Es muss etwas mit Widerstand zu tun haben. Schicksalsschläge, die sich ihnen gewaltvoll aufdrängen.

    Zitat:
    "Was mir durch den Kopf geht - Widerfahrnis.
    Und warum gerade das?
    Muss ich das wissen? Sie griff sich die Tasche und lief damit Richtung Bad; Reither zog sich an. Im Grunde hatte er´s geahnt, das Überrollende in dem Buch, schon als er von seiner zu ihrer Wohnung hinter ihr hergegangen war, über einen neuen Umschlag nachgedacht. Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung - da muss man nur hinhören, muss nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt - ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen." (2016, 159)

    Die Novelle behandelt eine außergewöhnliche Geschichte zweier älterer Menschen, die ad hoc sich auf eine weite Reise nach Italien begeben, bis runter nach Sizilien. Doch bevor diese Reise losgeht, müssen die beiden ProtagonistInnen erstmal miteinander Bekanntschaft machen. Da ist der 64-jährige Julius Reither und Leonie Palm, die ein paar Jahre jünger als Reither zu sein scheint. Beide verbindet Gemeinsamkeiten, die der Leserin und den beiden ProtagonistInnen nach und nach erschlossen werden. Reither betrieb einen Verlag, den er schließen musste, und er daraufhin aufs Land nach Weissachtal gezogen ist. Er ist der Meinung, dass es mittlerweile mehr SchreiberInnen als LeserInnen geben würde, (2016, 10) …

    Palm besaß ein Hutgeschäft, das sie wegen mangelnder Nachfrage auch schließen musste. Leonie beklagt, dass es für ihre Hüte keine passenden Gesichter mehr gab. Für mich ist der Hut eine Metapher ... Hier gibt es eine Parallele zwischen Palm und Reither:

    Zitat:
    "Leonie Palm (…) die mit ihrem Hutladen gescheitert ist an einem immer kopfloseren Publikum, er mit seinem Verlag, den es nicht mehr gab, so weggeschmolzen von der Abwärme des Banalen wie die letzten Gletscher mit all ihrer sperrigen Schönheit." (129)

    Eines Tages steht Palm läutend vor Reithers Haustüre, mit der Absicht, ihn in ihre Lesegruppe, in der nicht nur gelesen, sondern auch geschrieben wird, einzuladen. Palm selbst habe ein Buch geschrieben, und sie suche einen versierten Leser und Kritiker, den sie in Reither sieht, der ihr Manuskript bewerten solle. Es hat ein wenig Zeit benötigt, bis Reither die Frau zu sich in die Wohnung bittet, wo er sie eigentlich höflich wieder loswerden wollte. Ich dachte erst, er würde sie vor der Haustüre stehen lassen, da er jemand ist, der eigentlich keine Kontakte sucht. Außerdem wirkt er auf mich eigenbrötlerisch, recht strukturiert, bemessen, selbst in seiner Körperhaltung drückt sich dies aus:
    Alles an ihm ist zielgerichtet, der zu Boden gestreckte Arm, die im selben Winkel abwärtszeigende Zigarette, das von der Nase diktierte Profil unter noch dichtem Haar, der Blick auf das eigene Tun, mit dem Daumen etwas anzubringen an einem verrotteten Schild, das er als Umschlagmotiv gewählt hat und an das er noch letzte Hand anlegt, wie an jedes seiner Bücher in über dreißig Jahren, bis damit Schluss war. (6)

    Reither und Palm verbindet nicht nur das Geistige, nein, auch Banales verbindet sie. Sie sind beide richtige KettenraucherInnen. Diese Raucherei steht auch im Mittelpunkt dieser Erzählung.

    Es wird viel geraucht und viel gelesen. Der Bücheraustausch ist sehr rege, der mir sehr gefallen hat …

    Es stellt sich heraus, dass Leonie Palm über sich und ihre Tochter geschrieben hat, die sich das Leben genommen hat, indem sie sich nachts bei eisiger Kälte betrunken an einen Waldsee legte und erfroren ist. (Dieses Detail hatte ich erst vergessen, ist mir nun wieder eingefallen (…). Den Tod der Tochter versucht Leonie Palm literarisch zu verarbeiten, greift aber zu fiktiven Namen, doch Reither durchschaut sie recht schnell, ahnt, dass die Geschichte das Schicksal Palms und deren Tochter barg. Erneut eine Erfahrung, die Palm mit Reither verbindet, denn auch Reither hätte Vater eines Mädchens sein können, hätten er und seine damalige Freundin das Kind gewollt. Aber es passte nicht in deren Lebensplanung.

    Die trauernde Mutter Leonie, die sich körperlich so bewegte, als könnte der Körper jeden Moment zerfallen, als diese versuchte, gewisse Szenen ihrer Tochter im Wald nachzuspielen … (Dieses Bild fand ich sehr stark).

    In Reithers Wohnung liest Palm aus ihrem Manuskript …

    Nicht selten sprechen sie auch über ihr Alter, in dem das Leben gleiche Formen annehmen würde, und kaum noch Unerwartetes auf sie zukommen würde. Leonie dagegen äußert, dass sie tot wären, würde nichts mehr Unerwartetes auf sie eindringen. Mir kommt besonders Reither so vor, als wäre sein Leben schon abgeschlossen, bietet nichts Neues. Selbst für das Reisen scheint die Neugier versiegt zu sein, denn wohin soll man fahren, wenn man alles Schöne gesehen hat? (23)

    Ich frage mich, wie man in dem kurzen Menschenleben alles in der Welt schon gesehen haben kann?
    Leonie hatte ein „komplettes Leben“, Haus, Mann, Kind, Hutladen, bis sie alles nach und nach verloren hat …

    Leonie macht den Vorschlag, mitten in der Nacht an den See zu fahren, aber sie landen über Österreich in Italien. Unterwegs bekommen sie viele Flüchtlinge zu sehen ... Kirchhoff bearbeitet neben der Liebesgeschichte auch die Flüchtlingsproblematik Italiens …

    Unten in Sizilien lernen sie ein Flüchtlingskind kennen im roten zerfetzten Kleid. Es ist eigentlich kein Kind mehr, sondern eine Jugendliche, die schon Zigaretten konsumiert. Das Mädchen bettelt auf ihre geschickte und gekonnte Art um Geld. Sie bietet als Gegenleistung ihren wertlosen Halsschmuck als Ware an ... Reither und Palm nehmen sich ihrer mit all den Risiken an, begeben sich in eine überaus großzügige Geberrolle. Vor allem Palm empfindet dem Mädchen gegenüber Muttergefühle, Reither, der kritischere Part, passt sich ihr eher an ...

    Ich möchte nicht alles verraten. Zwischen Palm und Reither geht es weiterhin nüchtern zu, sodass man die Liebesbeziehung in dem Paar erst suchen muss. Sehr kopflastig alles, recht gefühlsarm ... Erst am Schluss kommt es auf der Gefühlsebene zu einer Wende. Der Schluss hat mir fast am besten gefallen, weil er viel authentischer als der ganze Rest der Erzählung ist.

    Mein Fazit?

    Das Ende hat mir deshalb gut gefallen, weil Reithers Seele als Mensch hier gut zur Geltung kommt. Dies hätte längst geschehen müssen.

    Allerdings waren mir viele Szenen nicht wirklich authentisch. Dass ein so kopfdominierter Mensch, wie Reither es ist, sich auf eine spontane Reise mit einer wildfremden Frau begibt, ist mir nicht glaubwürdig genug. Die gesamte Beziehungsdynamik ging mir viel zu schnell.
    Und den Umgang mit dem Flüchtlingsmädchen finde ich arg naiv. Vielleicht muss man diese altruistische Verhaltensweise psychoanalytisch betrachten, um sie aus meiner Sicht besser verstehen zu können.
    Gefallen hat mir die Vergangenheitsbewältigung der beiden Menschen ...

    Reither verarbeitet in dieser Lebensphase, in der er sich befindet, mit Leonie Palm das Älterwerden, denkt als 64-Jähriger an die Zeit zurück, in der er Vater hätte werden können, riet aber der damaligen Freundin zu einer Abtreibung, die Freundin stimmte der Abtreibung zu. Weil das Kind nicht in deren beider Lebensplanung passen würde. Reither hat gegenwärtig Angst, mit der Abtreibung eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Es wäre ein Mädchen geworden ...

    Außerdem spüre ich diese Angst, Chancen in seinem Leben vertan zu haben. Die Chance, ein Kind zu haben, die Chance, Vater zu sein. Das ist nun aus und vorbei, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und Leonie Palm ist auch geprägt. Wie oben schon gesagt, hatte sie eine Tochter, die nicht weiter bei der Mutter leben wollte, verlässt sie und suizidiert sich. Ich sehe dazu Projektionen gegenüber dem Flüchtlingskind mit dem roten Kleid. Sowohl Reither als auch Palm sprechen von ihren Mädchen. Das eine Mädchen wurde abgetrieben, das andere schied aus der Welt durch Freitod, und so tragen beide ein gemeinsames Schicksal, ihre Mädchen verloren zu haben. Durch das Flüchtlingsmädchen werden sie erneut und sehr massiv an diese Verluste erinnert ... Auf mich wirkt es wie ein Wiedergutmachungsversuch an dem Flüchtlingsmädchen, um sich mit dem Schicksal der eigenen verlorenen Mädchen auszusöhnen … Oder aber gelten diese Szenen als eine sozial/politische Auseinandersetzung? Vielleicht sogar beides ...

    Schön fand ich den Gedanken Reithers, als es um die Herkunft eines Afrikaners ging, und er sich fragte, aus welchem Land dieser kommen würde:
    Der Afrikaner, oder woher sollte er sonst kommen - aus der Wiege der Menschheit ...

    Gerade im Hinblick des Rassismus, der zurzeit durch die vielen Flüchtlingsströme in ganz Europa grassiert, Deutschland nicht ausgenommen, passt dieses Zitat wie angegossen.

    Nachtrag:

    Einem Preisträger zu widersprechen fällt mir schwer ...

    Ehrlich gesagt, ich habe mich schon gefragt, was denn jetzt zu diesem Buchpreis geführt hat? Ist das die Flüchtlingsthematik gewesen, die doch recht einseitig in schwarz und weiß-Facetten behandelt wurde? Oder die Beziehung zwischen Reither und Palm? Oder das ganze Buch an sich?

    Stehen Reither und Palm als die Stellvertreter der Deutschen, die als die besseren Menschen dargestellt werden, weil sie alles geben, um das Kind zu retten, während die ItalienerInnen hierbei recht schlecht abscheiden, als ein Gastronom in Sizilien, der die Polizei ruft, um das bettelnde Kind abführen zu lassen. Ist das hier nicht auf beiden Seiten ein bisschen zu stereotypisch, indem die/der Deutsche immer wieder in die Geber- und in die Retterrolle abtriften, während der herzlose Italiener sogar Kinder einbuchten lässt. Für mich schon.

    Auch wenn in der Novelle nicht explizit steht, dass die ItalienerInnen die schlechteren und die Deutschen die besseren Menschen sind, verleitet die Erzählung durch die verschiedenen Handlungen dazu, solche Gedanken zu entwickeln. Im Forum sprach ich von professionellen, organisierten Kinder-Bettlerbanden aus den Süd-Ost-Europäischen Ländern aber von dem Gedanken bin ich wieder abgekommen, denn später wurde deutlich, welcher Herkunft das Mädchen ist. Und selbst die Theorie, dass der Gastronom deshalb die Polizei gerufen hat, weil er sich vor den Bettlerbanden schützen müsse, ist auch nur eine Interpretation, steht nirgends, lässt sich auch nicht an gewissen Textstellen ableiten, weshalb ich von dieser Theorie wieder abgekommen bin.

    Um dies an verschiedenen Handlungen festzumachen, ist es Reither, der dem Mädchen seine letzten Münzen vergibt, weil er, was Bares betrifft, nur noch über einen zwanzig Euro Schein verfügt, so ist es Palm, die ihn dazu bringt, das Letzte, was er hat, herzugeben.
    Später laden sie das Mädchen zur Übernachtung in ihr Hotelzimmer ein, da ist Palm völlig selbstlos, während Reither Befürchtungen hegt, in der Nacht von dem Mädchen ausgeraubt zu werden, aber Palm gibt nicht nach. Am nächsten Morgen gehen sie zu dritt shoppen, und das Mädchen wird komplett neu eingekleidet. Zwischen Palm und Reither entstehen Gefühle einer Kleinfamilie ... Als schließlich Palm Reither dazu bringt, das Mädchen mit ins Auto zu nehmen, mit der Absicht, ihr in Deutschland ein sicheres Leben zu ermöglich. Auch hier ist es wieder Reither, der kritisch ist und macht auf die möglichen Gefahren aufmerksam, die mit der Rechtslage der Flüchtlinge zu tun haben könnten. Doch Palm ist bereit, dieses Risiko einzugehen, während Reither sich ihr fügt, bis schließlich die Situation aus den Fugen gerät ...

    Also, noch selbstloser kann man gar nicht mehr sein. Deswegen kommt hier der gute, deutsche Mensch sehr stark zur Geltung. Allerdings tendiere ich doch mehr zu der psychoanalytischen Sichtweise, dass das Mädchen, das Kind, als Substitut für das eigene, verlorene Mädchen steht, s. oben ...

    Außerdem, besteht in der deutschen Gesellschaft die weit verbreitete Theorie, dass Deutschland das Sozialamt der ganzen Welt sei. Und die Theorie, dass in Deutschland lebende AusländerInnen deutsches Geld (deutschen Euro) erhalten würden, und reisen die Deutschen dagegen ins südliche Ausland, dann lassen sie dort ihre deutschen Euros, weshalb ich vielleicht durch diese in der Gesellschaft weit verbreiteten naiven Theorien überaus sensibel reagiere. Der Deutsche, der immer gibt, der Ausländer, der nur die Hand aufhält und immer nur nimmt ...

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Nov 2016 

    Über Schuld und den Versuch der Erinnerung zu entfliehen

    „Widerfahrnis“ ist mein erstes Buch von Bodo Kirchhoff und ich weiß gar nicht so recht, warum? Aber ich weiß nach der Lektüre, daß es nicht mein letztes sein wird.

    Gewählt habe ich Kirchhoffs neuestes Werk nicht, weil er damit den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, sondern weil mir die Leseprobe im zugehörigen Heft sehr gut gefiel. Zudem steht der Titel in zwei Diskussionsrunden auf dem Programm. Die eine findet virtuell bei Whatchareadin statt, die andere demnächst in unserem Literaturkreis.

    Auch im vorliegenden Buch taucht eine solche Runde auf. Leonie Palm, eine der beiden Hauptfiguren, ist deren „treibende Kraft“. So bezeichnet sie jedenfalls Julius Reither, an dessen Tür Leonie eines Abends klopft. Der 70jährige hat vor kurzem seinen Verlag geschlossen und sich in ein nobles Apartment in den Bergen zurückgezogen. Hier lebt er in der Natur und in den Erinnerungen, die er redigiert wie einst als Lektor neue Texte. Ein schmerzhafter Prozess. Reither „dreht den Dorn in die Flasche“ und öffnet dadurch nicht nur den Wein, sondern markiert die einsetzende Erinnerung als Bohren in der Vergangenheit. Resignation und Selbstzweifel leiten die Korrektur, der Reither auch seine gesprochenen Sätze unterwirft. Dass ein Sprachmensch sein eigenes Sprechen kritisch überwacht, erscheint plausibel und wirkt stellenweise durchaus amüsant.

    Gleich auf der ersten Seite vollführt Kirchhoff den Dreh in die Metaebene. Reither wirft dem Erzähler vor, seinen Namen viel zu früh einzuführen. Wenn kurz darauf sich auch die Palm auf dieses Spiel einlässt, ahnt der Leser, wie gut die Beiden zusammenpassen.

    Dies wird den Hauptfiguren bald nach der Begegnung bewusst, wobei die Frau dem Mann immer einen Schritt voraus scheint. Während Julius Reither sich davon betören lässt, wie Leonie Palm Sommerkleid und Sandalen dem Schweizer Frühling entgegen setzt, will sie wissen, wie er ihr Buch findet. Ein Memoir, in dem sie den Selbstmord ihrer Tochter verarbeitet. Noch bleibt es beim Pseudonym, aber Reither ahnt, wer sich dahinter verbirgt.

    Kirchhoff lässt die Liebesgeschichte schnell voran schreiten. Schon auf Seite 35 lesen wir „einen Herzschlag lang sah er sie an, das hieß, sie sahen sich an“. Ebenso rasch gelingt es ihm die Hauptmotive anzudeuten: Reithers an einer Abtreibung gescheiterte große Liebe, Palms Leiden am Suizid der Tochter und das Flüchtlingsdrama. Letzteres verkörpern zunächst die beiden Empfangsdamen der Wallberg-Apartments, die wirtschaftsflüchtige Bulgarin und Aster aus Eritrea. Mit feiner Ironie macht der Autor gerade diese beiden Geflüchteten zu Gehilfen bei der Flucht der frisch Verliebten.

    Reither und die Palm, oder in diesem intimen Moment lieber Julius und Leonie, sind schon mittendrin und bereit miteinander weg zu fahren. „Über alle Berge, Leonie, das wollten sie doch.“ Die Fahrt führt nach Italien, ins Sehnsuchtsland. Leonie war noch nie dort. Sie weiß nicht, ob sie sich sehnt. Anders als Reithers Mutter, die dies erst kurz vor dem Tod verspürt, unerfüllbar.

    Es gibt auch Menschen, für die ist Italien kein nach Zitronenblüten duftender Traum, sondern nur eine Etappe auf ihrer Flucht vor dem Tod. Diesen Flüchtenden begegnen die Fliehenden auf ihrer Reise. Besser, sie fahren an ihnen vorbei, lassen sie links liegen. Den Pulk an der Brennerbahn, die Großfamilie auf dem Parkplatz und später den Jungen im Olivenhain.

    Dazwischen liegt eine lange Autofahrt mit wenigen Pausen und vielen Zigaretten, deren Rauchsignale das Sprechen ersetzen. Genug Raum um an die Menschen zu denken, „die es in unserem Leben nicht mehr gibt oder gab“. Miteinander zu reden misslingt, wenn Reither Leonie zu ihrer Geschichte befragt. Eine Annäherung gelingt dennoch über Gesten und Signale, die geliehene Jacke, eine gemeinsame Zahnpasta, eine Hand im Rücken. Reither fühlt, wie sein Kopf verdreht wird und kündigt doch mit einem amavero – ich werde geliebt haben- bereits das Ende dieses Gefühls an. Für ihn ist die Unternehmung mit dieser noch fremden Frau „eine Fahrt, in die Richtung, in die er nie mehr hatte fahren wollen“. Doch die Erinnerung kann nicht zerstört werden. Selbst ein zufällig geschossenes Foto erweist sich als präzise Replik eines längst vergangenen Augenblicks.

    Als sie lange genug gefahren sind, um einander näher zu kommen, landen sie in Catania, nehmen dort ein Zimmer und begegnen einem Kind. Zunächst eine Erscheinung, die genährt von Erinnerungen immer präsenter wird und sich schließlich zwischen sie stellt. Ist es Leonies Barmherzigkeit oder Reithers Hartherzigkeit, an der diese Liebe scheitert? Diese Frage nach Schuld stellt die Novelle vielfach.

    Ist Reither schuld an der Abtreibung?

    Trägt die Palm Schuld am Selbstmord ihrer Tochter?

    Hat Reither durch sein Winken das Mädchen ermuntert?

    Verschuldet Reither den Tumult im Auto? Die Palm, weil sie keine Konsequenzen fürchtet? Oder das Mädchen, weil es sich so verhält, wie es sich verhält?

    Kommen Reither und die Palm nicht zusammen, weil sie wegläuft? Weil er sie nicht sucht? Oder kann er es wegen seiner Verletzung nicht, die das Mädchen verschuldet hat? Hat Reither Schuld, daß das Mädchen sich derart wehrt?

    Haben Reither und Palm, stellvertretend für alle Menschen, Schuld am Schicksal der Flüchtlinge, verkörpert durch das Mädchen?

    Offene Fragen, die für mich einen guten Roman ausmachen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Nov 2016 

    Gedankenspiele

    Das erste Mal, dass ich einen Gewinner des Deutschen Buchpreises las! Bodo Kirchhoff hat mit seiner Novelle Widerfahrnis in diesem Jahr abgeräumt. Obwohl ich den Wettbewerb um den Deutschen Buchpreis immer mit Interesse verfolge, hat mich noch keiner der bisherigen Gewinnertitel zum Lesen gereizt. In diesem Jahr war das anders. Schon auf der Shortlist stach Kirchhoffs Novelle für mich hervor. Das Thema war für mich hochinteressant. "Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein." (Quelle: FVA)
    Das hörte sich fast schon philosophisch an. Nun war ich auf die Umsetzung gespannt.

    Klappentext:
    Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist ...

    Liest man einen Buchpreis-Gewinner anders? Ich denke schon, zumindest habe ich ein anderes Leseverhalten an mir beobachtet. Ich war kritischer als sonst, habe nahezu jeden Satz akribisch unter die Lupe genommen. Denn schließlich wollte ich wissen, was Widerfahrnis zu dem macht, was es geworden ist - dem Gewinnertitel des Deutschen Buchpreises 2016.

    Widerfahrnis ist mit nichts vergleichbar, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Das Herausragende an dieser Novelle ist definitiv Kirchhoffs Sprache. Ich brauchte ein paar Seiten, bis ich mich an seinen Stil gewöhnt hatte. Kirchhoff wählt seine Worte mit Bedacht und Präzision, nichts ist leichtfertig formuliert. Er denkt häufig über die Sinnhaftigkeit seiner Worte nach und hinterfragt seine eigene Wortwahl. Ich konnte gar nicht anders, als mich auf diese Gedankenspiele einzulassen und ebenfalls zu hinterfragen und zu deuten. Dadurch eröffnete sich eine Unmenge an Interpretationsspielraum, so dass ich nicht nur bei der Lektüre gut beschäftigt war, sondern mich auch dabei ertappt habe, auch ohne Buch Kirchhoffs Gedankengänge verstehen zu wollen. Allein dadurch habe ich diese Novelle mit Begeisterung gelesen. Denn ich liebe Bücher, die einen gedanklich herausfordern.

    "Jedes Wort sitzt, jeder Satz steht, und alle Sätze erschließen ein Stück Welt mit einer Sprache von so unplausibler Effektivität wie die der Mathematik für das Geschehen im Universum." (S. 108)

    Der Fokus in Kirchhoffs Novelle liegt für mich eindeutig auf der Sprache. Die sprachliche Virtuosität Kirchhoffs hat mich schlichtweg umgehauen. Ich habe dieses Buch im Rahmen einer Leserunde bei Whatchareadin gelesen. Je tiefer man in die Geschichte eindrang, umso mehr stellte man fest, dass Widerfahrnis unterschiedlich wahrgenommen wird. Wo viel Interprationsspielraum ist, kommen auch viele Interpretationsansätze zusammen. Ich gehörte zu denjenigen, die die Geschichte nicht ganz überzeugen konnte. Für mich baut Kirchhoff eine Distanz zu seinen Protagonisten auf, die mir die beiden Charaktere Reither und Palm von Anfang bis zum Ende fremd erscheinen lassen. Insbesondere die Handlungen von Reither sind für mich teilweise nicht verständlich. Aber durch die Distanz zu den Charakteren eröffnete sich wieder viel Raum zur Interpretation, wie die Kommentare der Teilnehmer in der Leserunde bewiesen haben. Ich habe selten eine so lebhafte und anspruchsvolle Leserunde erlebt wie diese. Das war großartig!

    "Wie oft hatte er lesen müssen, dass am Schluss einer Geschichte zwei getrennte Hauptpersonen noch einmal aufeinandertreffen, aus Zufällen, die dann gar keine sind, als steckte eine tiefere Notwendigkeit dahinter, tiefer als die eines Endes, wie es gewöhnliche Leser schätzen." (S. 220)

    Klappentext und Buchbeschreibung deuten darauf hin: Es geht um zwei Menschen, Julius Reither und Leonie Palm, die nicht auf die große Liebe vorbereitet sind, was man ihnen deutlich anmerkt. Zwischen beiden besteht über weite Strecken der Handlung eine Distanz, die sich nicht so ohne weiteres überbrücken lässt und zumindest von Reuther anfangs gewollt ist. Es fällt ihm schwer, Palm bei ihrem Vornamen zu nennen. Denn sich beim Vornamen zu nennen und sich zu duzen, bedeutet Nähe und Vertrautheit. Das ist nichts für zwei Menschen, die in ihrer Vergangenheit die Höhen und Tiefen von Beziehungen durchgemacht haben und auf mehr oder weniger schwere Schicksalsschläge zurückblicken. Die beiden haben im Alter gelernt haben, sich allein zu genügen. Und doch gibt es sie ... die Momente der Vertrautheit zwischen den beiden ... die zufälligen Berührungen, die dann doch kein Zufall sind; das Anzünden der Zigarette für den anderen; das Tragen der Jacke des anderen. Aber reicht dies aus, um sich am Ende auf die Liebe einzulassen? Kirchhoff beantwortet diese Frage erst zum Schluss.

    "Ein Paar? Nein, kein Paar. Nur Mann und Frau. Sie haben sich gesiezt. Ein Du taugt nur etwas, wenn es aus dem Sie hervorgeht." (S. 22)

    Fazit:
    Widerfahrnis zeichnet sich durch einen herausragenden Sprachstil und eine Handlung aus, die viel Raum für Interpretationen zulässt. Es ist kein einfaches Buch, aber ein Buch, das den Leser zu Gedankenspielen herausfordert. Das macht für mich ein gutes Buch aus. Schließlich will ich als Leser beschäftigt werden und mich auch lange über die Lektüre hinaus an dieses Buch erinnern können. Bodo Kirchhoffs Novelle wird mit Sicherheit dazugehören.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Nov 2016 

    Ohne Worte

    Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff

    Da Bodo Kirchhoff mit dieser Novelle den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, war ich sehr neugierig auf dieses Buch. Im Vorfeld sah ich viele Lobeshymnen, aber auch sehr viele negative Kritiken. Also wollte ich mir mein eigenes Bild machen,allein schon des Titels wegen, den ich nicht greifen konnte.

    Julius Reither, ehemaliger Verleger, trennte sich von Verlag und allem aus seinem alten Leben, wohnt nun in einer überschaubaren Wohnanlage. Er geht auf die 70 zu, und hadert mit seinem Leben. Eine frühere Beziehung verlief schwierig und zehrt immer noch an ihm. Er wirkt verdrossen, sehr unnahbar. Sein Lebensinhalt besteht zur Zeit aus Büchern, seinen Zigaretten und hier da einem Gläschen des apullischen Weins, mit dem er so viel vergangenes verbindet. Als dann eine für ihn fremde Frau an seine Tür klopft, passiert das unfassbare. Die zwei beschließen mit dem Auto der Frau, Leonie Palm, eine Spritztour zu machen, mitten in der Nacht, ohne sich ansatzweise zu kennen. Diese Tour bringt die beiden dazu sich gegenseitig von ihrem Leben zu erzählen, und aus dem Trip wird eine Fahrt entlang der italienischen Küste.

    Bodo Kirchhoff fasst diese Geschichte zusammen, ohne wörtliche Rede zu nutzen. Dieses hat dann einen erzählenden Charakter, der zwar Gewöhnungsbedürftig ist aber nach kurzer Zeit hat man es verinnerlicht. Er erzählt aus Reithers Sicht, was manchmal etwas brüsk erscheint, es passt aber dennoch, da es für mich die Art, dieses Mannes, zu denken, näher brachte.
    Seine Gefährtin, oft einfach nur als " die Palm" bezeichnet, ist Reither nach kurzer Zeit schon sehr verbunden. Dies drückt er nicht direkt aus, mir als Leser wurde dies eher durch seine Handlungen klar, die an ein vertrautes Paar denken lassen. Es wirkt manchmal so, als wenn die beiden ihren unterdrückten Sehnsüchten freien Lauf lassen. Dabei spielt es nun an diesem Punkt keine Rolle, ob das was sie tun richtig oder falsch ist, sie tun es, weil es sich momentan richtig anfühlt.
    Und genau das ist es auch, was mich an dieser Novelle so fasziniert, vieles wird unterschwellig suggeriert. Der Leser muss zwischen den Zeilen lesen, dann trifft er auf Antworten zu den elementarsten Fragen.

    Sowohl Reither, als auch Leonie Palm, haben in ihrem Leben ständig das Gefühl gehabt, dass es anders hätte laufen müssen. Mit einigen Dingen findet man sich ab, einige Erlebnisse treten nur in den Hintergrund. Und über eben diese Geschehnisse entsteht die Basis, die zwischen den beiden entsteht. Auch wenn meist nur Fakten ausgetauscht werden, und echtes Gefühl wenig zum Thema gemacht wird, verbindet es die beiden. Vieles wird wahrgenommen, unterschwellig, durch Umschreibungen, durch Handlungen die die Protagonisten ausführen.

    Ein Thema, welches auch Erwähnung findet, ist das Flüchtlingsthema. Wollte der Autor etwas aktuelles in die Novelle einbringen? Denn für mich war es eher ein Aspekt neben dem Hauptgeschehen, dass auch ohne ausgekommen wäre. Das, oder ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Das überschattet für mich alles ein wenig.

    Kirchhoff ist in meinen Augen ein Autor, der sich eher an älteres Publikum richtet. Kann da nur von mir persönlich sprechen, aber ich hätte in jungen Jahren den Wert dieser Lektüre nicht erkannt. Vielleicht fehlt dem ein oder anderen auch, dass Gefühle nicht klar formuliert werden, mir machte es Spaß nach versteckten Wahrnehmungen zu suchen. Ob ein Buch gefällt oder nicht liegt ja immer im Sinne des Betrachters, und mir hat dieses Buch gefallen, allein schon wegen seiner Andersartigkeit.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Nov 2016 

    "- ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen."

    ...keine übliche Rezension - Lese-Eindrücke

    Es erscheint anmaßend als Buch-Bloggerin festzustellen, dass der Deutsche Buchpreis für diese Novelle gerechtfertigt ist, ich wage es trotzdem, denn dieses Buch hat mich wirklich begeistert. Dazu hat maßgeblich die Leserunde im Forum whatchareadin - das uns den Roman freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat - beigetragen, in der wir uns sehr intensiv über die Novelle ausgetauscht haben.

    Der Inhalt ist schnell erzählt: Der ehemalige Verleger und Buchhändler Reither, der im südlichen Bayern in einer Wohnanlage lebt, macht sich mit Leonie Palm, der ehemaligen Besitzerin eines Hutladens, gemeinsam auf den Weg nach Süden - bis nach Sizilien. Es ist eine scheinbar spontane Reise, die sie mitten in der Nacht in einem 3er BMW Cabrio starten, nach einem kurzen Gespräch in Reithers Wohnung über einen Roman, nach dem dieser in der Leihbibliothek gegriffen hat.
    Doch Leonie Palm trägt Ende April Sommerkleidung und Sandalen, als sie an seiner Wohnungstür klingelt und Julius Reither ist schnell bereit, mit ihr des Nachts zum Achensee zu fahren.

    Es wird viel geraucht in dieser Novelle - das gemeinsame Ziehen an der Zigarette einerseits als verbindendes Element, andererseits um nicht reden zu müssen - die Stille zu überbrücken.
    Für beide ist dieser Weg nach Süden eine Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit.
    Reithers wichtigste Beziehung ist während eines Italien-Urlaubs zerbrochen, weil sie beide entschieden haben, einem zukünftigen gemeinsamen Kind kein Leben zu schenken.
    Leonie Palms Ehe ist ebenfalls zerbrochen, ihre Tochter am Leben gescheitert. Darüber hat sie geschrieben, eben jenen Roman ohne Titel, den Reither genommen hat.
    Und nie war sie in Italien und will es unbedingt sehen.

    Zwei einsame Menschen, die kaum reden und von denen wir nicht viel mehr erfahren. Die Novelle ist ausschließlich aus der personalen Perspektive Reithers verfasst, nur an seinen Gedanken, Reflexionen und Erinnerungen haben wir als Leser/innen Anteil.

    (...) Erinnerungen sind keine Abschnitte in Handbüchern, es sind auch nicht nur Einflüsterungen. Viel eher sind es Splitter, auf die man barfuß im Dunkeln tritt, weil man vergessen hat, dass etwas zu Bruch gegangen ist, sich an den Wein erinnert, nicht an das Glas, das zu Boden fiel." (S.84)

    Auf ihrem Weg in den Süden werden sie mit diesen Splittern konfrontiert und nähern sich einander an. Dann tritt die Flüchtlingskrise in den Vordergrund. Erst sind es einzelne Anzeichen, dann ein kleines Mädchen, das in ihre Zweisamkeit tritt - und diese auflöst.

    Kirchhoff hat in einem Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse darüber Folgendes erzählt:

    Er selbst sei in Sizilien von einem Mädchen angesprochen worden und habe ihr Geld gegeben, sich dabei aber sehr unwohl gefühlt. Um die Situation zu verarbeiten, habe er beschlossen, darüber zu schreiben - das Privileg eines Schriftstellers - sich auf diesem Wege zu äußern.

    Dem Protagonisten erlebt im wahrsten Sinne des Wortes ein Widerfahrnis - ein Ereignis, dem ein Mensch ausgesetzt ist, das ihn unvorbereitet trifft, ohne dass er etwas dafür kann und das ihn im Falle Reithers auch maßgeblich verändert.
    Der Titel selbst wird in der Novelle "erklärt", als Reither Leonie fragt, wie sie ihren Roman nennen würde.

    "Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung - da muss man nur hinhören, muss nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt - ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen." (S.159)

    Im Forum ist sehr intensiv über die Figur Reithers diskutiert worden, er wirkt mit seiner alten Lederjacke und dem permanenten Rauchen wie ein Typ aus einem alten Agentenfilm - etwas anachronistisch. Spröde, unzugänglich, jemand, der seine Gefühle nicht zeigen will und kann, der sich über die Jahre eingeigelt hat - und der inzwischen Lebensentscheidungen bereut - wie die Abtreibung.
    Leonie Palms Verhalten bleibt lange im Dunkeln, warum verreist sie mit diesem Typ. Vergangenheitsbewältigung, die Chance Italien zu sehen, eine neue Liebe?
    Das Ende löst einen Teil dieser Fragen sehr überraschend und gelungen auf.

    Die Begeisterung löst neben der Geschichte, die erzählt wird, die Sprache Kirchhoffs aus. Jedes Wort ist wohl überlegt, Sätze wie geschliffene Diamanten - diese Aussage hätte Reither als Verleger sicher gestrichen, denn mehrmals sinniert er darüber, ob er bestimmte Wendung hätte gelten lassen.

    Reflexionen über die Sprache tauchen häufig auf:

    "Mensch, Reither, die steht dir! Worte waren das wie herausgestemmt aus einem ganzen Packen ähnlicher Worte, einem Packen, der verklumpt, wenn man nicht auf ihn zurückgreift, wie unbenutzte Gelenke, und auch die paar Worte waren schon Arbeit, (...) " (S.76f.)

    Das verleiht der Novelle eine Meta-Ebene, die sich auch auf das Erzählen selbst bezieht:

    "Und mit der Zigarette im Mund holte Reither - genau an der Stelle hätte er den Namen eingeführt - eine Flasche von dem apulischen Roten (...)" (S.5)

    "eben den Schlaf - die Stunden, die er überspringen müsste, wäre er der Erzähler seiner Geschichte." (S.73)

    "Was hätte er von der folgenden Stunde, oder wie lange so eine Kassette läuft, erzählt?" (S.103)

    Kirchhoffs Sprache ist etwas Besonderes, jedes Wort wirkt wohl gesetzt, überlegt und kein anderes hätte dort stehen dürfen. Mira hat es wunderbar ausgedrückt, seine Sprache sättigt - bei mir hat die Lektüre dazu geführt, dass ich einen Tag Pause machen musste, bevor ich mit dem nächsten Buch beginnen konnte.

    Eine Novelle, die nachhallt und die ich allen Leser/innen der Gegenwartsliteratur ans Herz legen möchte.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Okt 2016 

    Das Leben als spätes Widerfahrnis

    Da treffen sich zwei Menschen, die widerwillig im Alter angekommen scheinen: er, Reither, der seinen Verlag aufgeben musste, weil es immer mehr Schreibende und immer weniger Lesende gibt, und sie, Leonie Palm, die ihr Leben lang Hüte verkauft hat, bis auch das am Mangel an Hutgesichtern scheiterte. Sie haben diesen Wendepunkt im Leben erreicht, wo aus all den vagen Wunschträumen für eine endlos erscheinende Zukunft auf einmal verpasste Chancen werden. Vergangene Enttäuschungen und Verluste, die man längst vergessen glaubt, schmerzen wie alte Narben.

    Gemeinsam fliehen diese beiden Menschen, die keinen Halt mehr finden in ihrem Leben, Richtung Sonne und ihrer Verheißung von Glück. In Sizilien begegnen sie einem Kind, das nicht spricht und gerade dadurch zur Projektionsfläche für etwas wird, das beide Protagonisten vermissen - er, weil er es nie hatte, sie, weil sie es verlor.

    Aber zunächst beginnt ihre Reise im späten Winter einer deutschen Großstadt, und auch das Buch erschien mir erst seltsam unterkühlt. Es wird aus Reithers Sicht erzählt, der nicht umhin kann, seine Erlebnisse aus einer gewissen Distanz zu sehen. So wie er als Lektor früher aus den Büchern alles Weiche und Sentimentale strich, lässt er es auch in seiner persönlichen Geschichte nur ungern zu. Gefiltertes Leben: Erleben und Erzählen gehen immer Hand in Hand - spröde, kalkuliert, und dennoch oder gerade deswegen mit glasklaren Momenten sprachlicher Schönheit.

    Umso erstaunlicher ist, wie plötzlich und ungebremst die Ereignisse auf einmal über ihn hereinbrechen. Leben, Lieben, Hoffen und Scheitern im Zeitraffer. Wider Willen lässt Reither seine Emotionen immer mehr zu, bis aus einem Gedankenspiel mit interessanten Motiven am Schluss doch noch ein Buch wird, das ins Herz trifft.

    In seiner Dankesrede sprach Bodo Kirchhoff unter anderem von der "Gratwanderung zwischen einem Erzählen, das wehtut und einem Erzählen, das guttut". Genau das ist es, was "Widerfahrnis" für mich ausmacht: Hoffnung, die dem Leser erst die Schwermut bewusst macht, und doch unausweichlich wieder in dieser mündet. Hilfsbereitschaft, die sich als egoistischer Selbstbetrug herausstellt. Aber umgekehrt auch Schmerz und Verlust, die einen Weg zu etwas Neuem bahnen.

    Kirchhoff bricht elementare Themen wie Schuld, Verlust oder Liebe herunter auf das Grundlegendste und setzt sie wieder zusammen zu einer Geschichte der leisen Töne, die dennoch eine starke Sogwirkung entfaltet und es dem Leser dadurch schwer macht, das Buch wegzulegen. Auch wenn diese Themen archaisch sind, vielfach in der Literatur aufgegriffen, ist "Widerfahrnis" doch alles andere als abgedroschen.

    Der Autor verzichtet gänzlich auf Pathos oder Kitsch. Sein Schreibstil hat etwas Klares, Schwereloses, und zeichnet sich dennoch durch messerscharfe Prägnanz aus. Das Wort, das mir spontan einfällt, ist "meisterhaft", und dennoch hat das Geschriebene etwas Zurückhaltendes.

    Die Geschichte ist fast schon ein Kammerspiel, denn Reither und Leonie verbringen den größten Teil des Buches in ihrem Auto. Dabei kommt man ihm als Leser schnell näher, während man sie zunächst nur dadurch kennenlernt, wie sie auf Reither reagiert - ein Schattenspiel, sozusagen. Aber gerade das ist spannend zu verfolgen, und am Ende versteckt sich im Ungesagten ihr Motiv für die Reise.

    Die Liebesgeschichte hat etwas bittersüß Anrührendes, gerade weil sie zu gleichen Teilen unmöglich und unaufhaltsam erscheint.

    Fazit:
    Die Geschichte eines "Widerfahrnis": zwei ins Alter gekommene Menschen versuchen sich an einer späten Erfüllung ihrer Träume, begeben sich auf einen spontanen Roadtrip nach Sizilien und durchleben in wenigen Stunden Hoffnung, Liebe, Schmerz, Scheitern, Verlust... Bodo Kirchhoff erzählt das schnörkellos und dennoch poetisch, und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Bedeutungsebenen entdeckt man. Obwohl es ohne Zweifel ein anspruchsvolles Buch ist, ist es dennoch auch ein Buch, das sich leicht und unterhaltsam lesen lässt, und in meinen Augen ist es auch ein Buch, das den Deutschen Buchpreis 2016 redlich verdient hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Okt 2016 

    Moment der Unsterblichkeit

    Reither hat sich in seinem Leben eingerichtet. Seinen Verlag und seine Buchhandlung konnte er so verkaufen, dass er sich die Wohnung in einer Anlage mit Empfang leisten kann. Aus der Büchertauschecke hat er ein selbstverlegtes Bändchen mitgenommen. Gerade will er es sich mit Käse, Wein und dem Buch bequem machen, da bemerkt er, dass jemand vor seiner Tür steht. Erst nach einer Weile klingelt es und so lernt Reither seine Nachbarin Leonie Palm kennen, die nur Palm genannt werden will, weil der Vornahme etwas anbiedern sympathieheischendes hat. Plaudernd verbringen die beiden den Abend im April. Und kurzentschlossen machen sie sich gemeinsam auf den Weg mit Palms Wagen, um den Sonnenaufgang zu erleben.

    Die Fahrt dauert etwas länger als man zunächst vermutet, denn bis zum Sonnenaufgang sind es noch ein paar Stunden. Das ungleiche Paar, das sich doch irgendwie gefunden hat, landet über Österreich in Italien. Man stelle sich dort das Frühjahr vor, das Aufquellen des Lebens, das Gleißen der Sonne. So eine Fahrt in die Sonne scheint das Buch zu sein, wären da nicht ein paar Wermutstropfen, die in die glückliche Zufriedenheit fallen. Kleine Andeutungen, die man beim Lesen kaum bemerkt. Allerdings nimmt es nicht wunder, denn von Menschen, die das Rentenalter beinahe erreicht habe, darf man vermuten, dass es Erlebnisse gab, die sie mitgenommen haben. So hat Reither seine Familie verloren, bevor es sie überhaupt gab, und Palm verlor die ihre, welche sie tatsächlich gehabt hat.

    Die Fahrt in den Sonnenaufgang bekommt nach und nach etwas Schwermütiges. Das langsame Einsickern der Erkenntnis, dass sich hier zwei nur für eine gewisse Zeit gefunden haben. Die beginnende Hoffnung auf ein vollständigeres Leben ist bald dahin. Tragisch, dass Reithers Bemühen nicht in eine gemeinsame Zeit führt. Mit Wehmut erlebt man den glühenden Sonnenaufgang, der nicht in sonnige Tage mündet, sondern eher in eine Melancholie weckende Erinnerung. Eine Widerfahrnis, der man sich aussetzen sollte, eine, die das Herz berührt.

    4,5 Sterne