White Tears: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'White Tears: Roman' von Hari Kunzru
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "White Tears: Roman"

Gebundenes Buch
Seth und Carter sind Musikproduzenten in New York. Tagtäglich streift Seth auf der Suche nach neuen Tönen durch die Stadt. Dabei nimmt er am Washington Square Park zufällig eine unbekannte Stimme auf, die für wenige Augenblicke einen Blues-Song intoniert. Im Studio säubert er die Tonspur der Aufnahme und sampelt sie mit anderen Tonfragmenten. Aus Spaß schreibt Carter das Stück dem fiktiven Interpreten Charlie Shaw zu und stellt es mit dem Hinweis, die Aufnahme stamme aus dem Jahr 1928, ins Netz. Unter Sammlern alter Bluesplatten wird der Song im Nu zu einer viralen Sensation. Doch dann werden Carter und Seth von einem Mann kontaktiert, der behauptet, Charlie Shaw habe tatsächlich gelebt, und kurze Zeit später wird Carter von Unbekannten auf offener Straße angegriffen und schwer verletzt. Während er im Koma liegt, macht sich Seth zusammen mit Carters Schwester Leonie auf den Weg in den tiefen Süden der USA, um dort dem Geheimnis des vermeintlich fiktiven Songs auf die Spur zu kommen. Es wird eine Reise in die Vergangenheit, wo der Tod allgegenwärtig ist ...

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag: Liebeskind
EAN:9783954380787

Diskussionen zu "White Tears: Roman"

Rezensionen zu "White Tears: Roman"

  1. Mit den Augen hören

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Aug 2017 

    Herbst Blues, Winter Blues, Baby Blues ... Blues Musik ... Melancholie, Stimmungstief. Der Begriff "Blues" und damit auch die Musikrichtung, die ihren Ursprung Anfang des 19. Jahrhunderts im Süden der USA fand, wird häufig mit Traurigkeit in Verbindung gebracht. Jetzt musste ich gerade lernen (Wikipedia sei Dank), dass diese Denkweise ein Klischee der Weißen ist. Denn tatsächlich gibt es viele Blues Stücke, die eher beschwingt und lustig sind. Kaum zu glauben! Denn der Text vieler Lieder behandelt Themen wie "Diskriminierung, Verrat, Verbrechen, Resignation, unerwiderter Liebe, Arbeitslosigkeit, Hunger, finanzieller Not, Heimweh, Einsamkeit und Untreue". Und diese Themen mit Beschwingtheit und Witz zu vermitteln, zeugt schon fast von Galgenhumor.
    Der britische Autor Hari Kunzru orientiert sich in seinem Roman "White Tears" an genau diesem Klischee, was ich ihm nicht krumm nehme. Wie könnte ich auch, da ich selbst mit hartnäckig an diesem Klischee festhalten. Denn Klischee hin oder her, zum Blues gehört auch für mich eine Riesenportion Melancholie. Und das ist genau die Stimmung, die sich in Hari Kunzrus Roman über einen ganz besonderen Blues Musiker, wiederfindet.

    Der Ich-Erzähler Seth sammelt den Lärm und die Geräusche des Alltags in seiner Stadt. Dazu streift er durch die Straßen New Yorks und nimmt auf, was ihm zu Ohren kommt. Später wird er die Aufnahmen in einem Tonstudio, das er zusammen mit seinem besten Freund Carter betreibt, zu Klangexperimenten vermischen.
    Seth und Carter sind ein ungleiches Gespann. Kaum zu glauben, dass sie beste Freunde sind. Aber die Leidenschaft für Musik scheint die beiden zu Seelenverwandten gemacht zu haben. Seth kommt aus einfachen Verhältnissen. Bevor er Carter kennenlernte, wusste er oft nicht, wie er finanziell über die Runden kommen soll. Ganz anders Carter. Er ist der jüngste Sohn einer reichen Familie. Seine Herkunft sichert den Unterhalt des Tonstudios und finanziert das Leben der beiden Freunde. Fast scheint es, als ob Carter seinen Reichtum und seine Herkunft als Belastung empfindet. Denn er versucht, sich mit aller Gewalt von dem Rest seiner Familie zu unterscheiden. Im Tonstudio ist Seth der kreative Kopf, Carter ist der Financier. Die ungleiche Freundschaft scheint zu funktionieren.
    Carter entdeckt seine Leidenschaft für schwarze Musik - dem Blues. Wahrscheinlich ist auch das ein Versuch, sich von dem Bild des reichen Söhnchens, der seiner Familie auf der Tasche liegt, zu distanzieren. Er gibt sich mit nicht weniger zufrieden als den ersten Vinyl-Scheiben, auf denen die Anfänge des Blues vertont wurden. Dabei entwickelt er eine Sammelleidenschaft, die fast schon zur Obsession wird.

    Währenddessen entdeckt Seth auf einer der Aufnahmen seiner Streifzüge durch New York, den Gesang eines Mannes, der sowohl ihn als auch Carter beeindruckt.

    "Believe I buy a graveyard of my own
    Believe I buy me a graveyard of my own
    Put my enemies all down in the ground"

    Sie hören den Text, aber sie können nicht herausfinden, welchen Ursprung dieses Lied hat. Es gibt keine offizielle Veröffentlichung zu diesem Song. Spaßeshalber erschaffen sie den fiktiven Blues Musiker Charlie Shaw, stellen den Song ins Netz und sind gespannt auf die Reaktionen zu diesem Stück.
    Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten, doch sie fallen anders aus als erwartet. Charlie Shaw, der fiktive Blues Musiker, hat wirklich existiert. Und mit diesem unglaublichen Wissen ändert sich das Leben von Seth und Carter auf dramatische Weise. Seth wird sich auf einen Trip quer durch Amerika begeben und wird versuchen, dem unheimlichen Geheimnis um Charlie Shaw auf die Spur zu kommen. Carter wird ihm nicht dabei helfen.

    Hari Kunzru hat mit seinem Roman eine unvergleichliche Geschichte geschaffen. Ich möchte mich in meiner Rezension zunächst auf die Dinge konzentrieren, die mich begeistert haben.

    Man hört mit den Augen
    Der Autor schafft es mit einem sehr atmosphärischen Sprachstil, dass ich "mit den Augen" gehört habe. Geräusche, Töne und natürlich die Musik sind ein wesentlicher Bestandteil seines Buches und geisterten mir bei der Lektüre permanent durch den Kopf, was eine interessante Leseerfahrung war.

    "Meine Sinne sind hellwach. Ich höre überall Obertöne, sie verbinden das Zischen der Toilettenspülung im Zimmer nebenan mit dem unregelmäßigen Schnarren der Klimaanlage und dem Vorbeirauschen eines Trucks auf dem Highway, der die Fliegengitter zum Flattern bringt." (S. 188)

    Die Geschichte des Blues
    Hari Kunzru führt uns in die Anfänge der Blues Musik. Viele Größen dieses Genres werden genannt, genauso wie Songs aus der damaligen Zeit. Der Autor muss einen enormen Rechercheaufwand betrieben haben, wenn er nicht auch selbst ein großer Fan der Musikrichtung ist.

    Sammelleidenschaft Vinyl
    In Zeiten von MP3 und Streamingdiensten erscheint die Sammelleidenschaft für Vinyl-Schallplatten, die die Protagonisten in diesem Roman an den Tag legen, fast schon nostalgisch. Die Sammlerszene ist in "White Tears" ein eigenes Völkchen und legt einen enormen Aufwand (nicht nur finanzieller Art) an den Tag, auf der Jagd nach dem "Schatz". Dabei stellen Label, Auflagen, Pressung, Label-Press-Nummer etc. ein wichtiges Selektrionskriterium dar und bestimmen den Wert einer Schallplatte. Es werden Unsummen für die "einzigartige Scheibe" gezahlt, die sich die meisten Sammler eigentlich nicht leisten können.

    Stimmung
    Melancholie - von der ersten bis zur letzten Seite! Fast könnte man meinen, dass man sich selber in einem Bluesstück befindet.

    Handlungsverlauf
    Am Anfang steht die Freundschaft zwischen Seth und Carter im Focus. Die Handlung plätschert vor sich hin. Doch auf einmal entwickelt sich ein Szenario, das Ähnlichkeit mit einem Mistery-Roman hat und zum Ende zu einem Thriller wird. Der fulminante Abschluss der Geschichte eröffnet dabei völlig neue Szenarien, die für mich nicht vorherzusehen waren.

    "Ich habe das Gefühl, nicht mehr Herr über mein Leben zu sein. Nichts von dem, was ich tue, kann mich in meinem Innersten berühren. Meine Erinnerungen sind ein Geflecht aus verschwörerischen Verbindungen. Alles ist schon passiert. Ich bin nur ein Mann, der auf einem Stuhl sitzt und eine Aufnahme hört, die vor langer Zeit entstanden ist. Die Nadel bewegt sich in einer vorgegebenen Bahn. Früher oder später wird sie auf die Auslaufrille treffen." (S. 202)

    Trotz aller Begeisterung gibt es auch einen Aspekt, der mir einiges abverlangt hat. Die Geschichte findet ab der Hälfte des Romans auf 2 Handlungsebenen statt. In dem Moment, wo der fiktive Charlie Shaw zu einer existierenden Person wird, wechselt die Erzählperspektive zwischen Seth und Charlie, der Anfang des 19 Jahrhunderts gelebt haben soll. Anfangs sind die Übergänge zwischen den beiden Perspektive klar zu erkennen, doch mit der Zeit verwischen die Grenzen, so dass sich Handlungen und Gedanken von Seth und Charlie kaum noch auseinander halten lassen. Das ist verwirrend und hat bei mir häufig ein kleines Lesechaos verursacht, das ich zunächst aufdröseln musste, bevor es in der Lektüre weiterging.

    Fazit:
    Ein besonderer Roman mit einem ungewöhnlichen Plot, der den Leser "mit den Augen" hören lässt.

    © Renie