Wer die Nachtigall stört ...

Buchseite und Rezensionen zu 'Wer die Nachtigall stört ...' von Harper Lee
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Ein packender Roman über Unrecht und Gerechtigkeit, über Rassismus und Fremdheit und ein flammendes Plädoyer für die Gleichheit aller Menschen. 1960 in den USA publiziert, wurde «Wer die Nachtigall stört…» schnell ein Welterfolg und eroberte die Herzen von Generationen von Lesern im Sturm. Er liegt nun in einer vollständig von Nikolaus Stingl überarbeiteten und mit einem Nachwort von Felicitas von Lovenberg versehenen Übersetzung vor.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:464
Verlag: Rowohlt
EAN:9783498038083

Rezensionen zu "Wer die Nachtigall stört ..."

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Okt 2016 

    Zu Recht ein Klassiker...

    Vorne weg
    Der Roman ist eigentlich der zweite, den Harper Lee geschrieben hat, ihr Erstlingswerk: Geh hin, stelle einen Wächter wurde erst posthum veröffentlicht. Er spielt chronologisch gesehen nach "Wer die Nachtigall stört..." und zeigt die Erwachsene Scout. Während im vorliegenden Roman der Fokus auf der Diskriminierung der Schwarzen liegt, überlagert der Vater-Tochter-Konflikt im Erstlingswerk dieses wichtige Thema. Kein Wunder also, dass Harper Lee nur ihren zweiten Roman, in dem auch der Vater, Atticus Finch idealisiert ist, veröffentlichen wollte. Für den Roman erhielt sie 1961 den Pulitzer Preis und verarbeitete ihre eigene Familiengeschichte. Danach ist es ihr nicht gelungen an ihren Erfolg anzuknüpfen, sie hat keinen weiteren Roman beendet.

    Inhalt
    Im Mittelpunkt der Geschichte steht die zu Beginn des Romans sechsjährige Jean Louise Finch, von allen Scout genannt. Ihre Mutter ist gestorben, als sie gerade zwei war, seitdem sorgen ihr Vater, der Rechtsanwalt Atticus Finch, die schwarze Haushälterin Calpurnia sowie ihr vier Jahre ältere Bruder Jem für sie. Im Sommer, bevor sie zur Schule geht, taucht in der Nachbarschaft der gleichaltrige Charles Baker Harris, Dill genannt auf. Gemeinsam versuchen sie den geheimnisvollen Arthur Radley aus dem Haus zu locken. Seit Jahren hat ihn niemand gesehen. Da er in seiner Jugend straffällig geworden ist, hat sein Vater ihn zuhause eingesperrt, nach dessen Tod übernimmt Arthurs älterer Bruder die Rolle des Aufpassers. Wie besessen sind die Kinder von dem "Gespenst" Boo Radley, wie er genannt wird, doch es gelingt ihnen nicht, ihn zu Gesicht zu bekommen.
    Ihr Vater versucht ihre Versuche zu unterbinden, es sei so, als ob man eine Nachtigall störe...
    Boo wird am Ende der Geschichte seine Rolle spielen - so viel sei hier verraten.

    Scout fühlt sich in der Schule nicht wohl und gerät mit einigen Mitschülern aneinander. Es scheint jedoch immer wieder durch, dass ihr Vater auf einer humane, auf der Gleichheit aller Menschen basierenden Erziehung besteht. Dazu muss man sagen, dass Mitte der 30er Jahre im Süden der USA, im Staat Alabama, trotz der Befreiung der Sklaven strikte Rassentrennung herrscht. Als Atticus in Scouts zweitem Schuljahr den Fall des Schwarzen Tom Robinson übernimmt, müssen seine Kinder Verleumdungen und Schmähungen über sich ergehen lassen.
    Tom Robinson soll die Tochter Bob Ewells vergewaltigt haben, obwohl er selbst darauf besteht, von ihr verführt worden zu sein. Ein Affront gegen die weiße Gesellschaft, obwohl die Ewells zu den Randexistenzen und der sozialen Unterschicht der kleinen Stadt Maycomb gehören.
    Atticus vertritt Tom vor Gericht und ein Teil des Romans spielt im Gerichtssaal, wobei die Kinder, Scout, Jem und Dill von der Galerie aus, gemeinsam mit den Schwarzen der Verhandlung heimlich beiwohnen.
    In seiner Verteidigungsrede deckt Atticus schonungslos die Wahrheit auf, dass die Geschworenen von der Annahme ausgehen, alle Neger seien böse und würden lügen und sich dadurch in ihrem Urteil beeinflussen ließen - er spiegelt ihnen ihre Vorurteile und macht sich damit Feinde unter den Weißen, während die Schwarzen ihm Hochachtung entgegenbringen.
    Die Behandlung, die Tom Robinson dabei vom Staatsanwalt erfährt, können seine Kinder kaum ertragen. So äußert Jem:

    "Aber wenn es nur eine Art von Menschen gibt, warum können sie dann nicht miteinander auskommen? Wenn wir alle gleich sind, warum haben sie dann nichts anderes im Kopf, als sich gegenseitig zu verabscheuen? Scout, so allmählich wird mir was klar. So allmählich wird mir klar, weshalb Boo Radley die ganze Zeit im Haus bleibt...Er tut´s, weil er drinbleiben will." (S.362)

    Selbst Scout fällt auf, wie scheinheilig die Lehrerin argumentiert, als sie Hitler als Diktator darstellt, der die Juden verfolge und damit Unrecht tue, während sie das Verhalten der Schwarzen nach der Verhandlung als anmaßend empfindet und darauf besteht, die Weißen gehörten der überlegeneren Rasse an.

    "Jem, wie ist es möglich, dass jemand Hitler hasst und gleichzeitig so gemein über die eigenen Landsleute spricht." (S.393)

    Am Ende geraten die Kinder selbst in die Rachegedanken Bob Ewells, womit er offenbart, wer der eigentlich Täter ist.

    Bewertung
    Während mich der ursprünglich erste Roman nicht wirklich überzeugt hat, zeichnet diese Geschichte ein detailgetreues Bild einer kleinen Stadt im Süden der USA in den 30er Jahren. Die Figuren sind anschaulich skizziert, die Erzählperspektive bleibt kindlich, aber ansprechend.
    Gleichzeitig wird durch diese Erzählweise das Ausmaß der Diskriminierung offensichtlich. Die Vorurteile, die auch Scout zunächst beherrschen, werden schonungslos aufgedeckt und ans Licht gezerrt - vor allem in der Gerichtsverhandlung. Die Einstellung der Weißen wird anhand vieler Personen verdeutlicht, nicht zuletzt durch die Schmähungen, die Scout entgegenschlagen.

    Etwas schade ist, dass Atticus Finch zu idealisiert gezeichnet ist, im Gegensatz zum Erstlingswerk, in dem er teilweise noch rassistische Äußerungen macht! Die Zweitfassung transportiert dagegen umso eindeutiger die Position der Autorin gegen die Rassendiskriminierung.

    Der Roman gilt zu Recht als Klassiker, der heute immer noch aktuell ist - leider!