Wenn ich wiederkomme

Buchseite und Rezensionen zu 'Wenn ich wiederkomme' von Marco Balzano
4.3
4.3 von 5 (20 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Wenn ich wiederkomme"

Sie lassen die eigene Familie zurück, um sich um fremde Menschen zu kümmern – die Frauen aus Osteuropa. Daniela ist eine von ihnen. Sie arbeitet in Mailand, rund um die Uhr, ist zuverlässig und liebevoll als Pflegerin und als Kinderfrau. Doch je mehr sie fremden Familien hilft, desto heftiger vermisst sie die eigenen Kinder. Als ihrem heranwachsenden Sohn etwas zustößt, muss sie eine Entscheidung treffen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
Verlag: Diogenes
EAN:9783257071702

Rezensionen zu "Wenn ich wiederkomme"

  1. Ein viel zu unbekanntes Massenschicksal

    „Wäre die Erinnerung ein Stück Holz, ich würde sie ins Feuer werfen. Und dann zuschauen, wie sie zu Asche verbrennt.“ (S. 296)

    Ja, ich weiß: Marco Balzano hat mit Franz Kafka nichts zu tun. Und doch habe ich sofort beim Lesen des Eingangszitats an Franz gedacht; wäre ihm doch auch lieber gewesen, alle seine Erinnerungen sprich Texte (nach seinem Tod) in Flammen aufgehen zu sehen und zu Asche werden zu lassen. Wie gut, dass Max Brod sich nicht an diese (testamentarische) Verfügung gehalten hat. Ob die beiden sich im Literatenhimmel wohl immer noch deswegen streiten? *g*

    Okay, lassen wir das. Hier geht es schließlich um Marco Balzano´s neuen Roman „Wenn ich wiederkomme“ (erschienen im Diogenes Verlag und übersetzt von Peter Klöss). Darin geht es um Daniela, 2-fache Mutter, die von jetzt auf gleich ihre Familie im rumänischen Kleinstdorf verlässt, um in Mailand bis an die Grenze zur Erschöpfung als Pflegekraft zu arbeiten – ein Schicksal, das zwar bekannt, aber kaum Beachtung findet. Umso besser, dass sich ein Bestsellerautor wie Marco Balzano des Themas angenommen hat, zumal in dem kurzen Nachwort erläutert wird, wie er auf den Inhalt seines Romans gekommen ist.

    Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: zunächst kommt Sohn Manuel zur Sprache, der zum Zeitpunkt des Verschwindens seiner Mutter 12 Jahre alt ist und rückblickend seine Sicht der Dinge in seiner Wahrnehmung und ergo auch in einer sprachlich eher locker gehaltenen Weise erzählt. Von Anfang an wird klar, dass ihm etwas zugestoßen sein muss – was, verrate ich hier natürlich nicht, da die LeserInnen es eh am Ende des ersten Abschnitts erfahren *g*.

    Mutter Daniela, deren Bericht wir im zweiten Teil mit sprachlich deutlich gehobener Erzählweise hören bzw. lesen, pendelt zwischen Verzweiflung und Rechtfertigung für ihr Tun; sie hat es eigentlich nur gut gemeint und wird trotzdem von einigen Personen aus ihrem Umfeld dafür diffamiert. Ich kann sie auf der einen Seite verstehen, auf der anderen Seite hätte sie vermutlich mehr „Verständnis“ erfahren, wenn sie von vornherein kommuniziert hätte, was sie vorhat. Aber vermutlich wäre sie auch dann angegriffen worden – ein trauriger Teufelskreislauf…

    Der letzte Abschnitt gehört Angelica – Tochter bzw. Schwester und mehr in der Gegenwart „verankert“. Aber auch ihr merkt man die Verbitterung über die jahrelange ungewollte „Mutterrolle“ an. Und trotzdem ist sie eine der wenigen Personen, die in Ansätzen Verständnis für Daniela aufbringt – geht sie am Ende doch einen noch konsequenteren Weg.

    Wenn man (noch) nicht mit pflegebedürftigen Angehörigen „konfrontiert“ ist, fällt es schwer, das Schicksal der zigtausenden Arbeitsmigrantinnen, die alles bis zur Selbstaufgabe dafür tun, dass es ihren Familien in Osteuropa gut bzw. bessergeht als es die dortigen Verhältnisse erlauben, zu erfassen und einzuordnen. Aber auch das Schicksal der sogenannten „Eurowaisen“ (Kinder, die – sofern sie nicht eine Familie haben, die sich während der Abwesenheit der Mutter um sie kümmert – in speziellen Einrichtungen unterkommen) ist nahezu unbekannt. Man kann Herrn Balzano deswegen eigentlich nur dankbar sein, dass er sich eines gesellschaftlich kaum beachteten Themas angenommen hat.

    4* und eine Leseempfehlung für alle, die gerne Anspruch und „Leichtigkeit“ (im Sinne von: gut lesbar) kombinieren.

    ©kingofmusic

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  1. Familiendrama aus drei Perspektiven

    Pflegenotstand scheint nicht nur ein deutsches Problem zu sein, auch andere europäische Länder haben damit zu kämpfen. Der norditalienische Autor Marco Balzano hat sich dieser brisanten Thematik angenommen, indem er das Schicksal rumänischer Frauen beleuchtet, die als Arbeitsmigrantinnen nach Italien gehen, um dort mitunter illegal in der häuslichen privaten Altenpflege tätig zu sein.

    Genau das ist das Schicksal der Protagonistin Daniela. In ihrer Heimat, einem kleinen „Geisterdorf“ in Rumänien, fehlt ihr die Perspektive, ihr Mann hat seit Monaten keine Arbeit, trinkt gerne und kommt seinen Familienpflichten in keiner Weise nach. Eine Freundin hat ihr die Tätigkeit als Altenpflegerin in Mailand schmackhaft gemacht. Daniela möchte ihren Kindern etwas bieten können und ihnen den Aufstieg sichern, für den eine gute Schulbildung die Grundlage bildet. Gute Schulen kosten in Rumänien Geld. Daniela verlässt ihre Familie ohne Vorbereitung, ohne Erklärung, ohne Verabschiedung…

    Im ersten Teil kommt ihr damals 12-jähriger Sohn Manuel zu Wort. Der Junge ist anfangs völlig erschüttert über die Abreise seiner Mutter. Nur langsam gewöhnt er sich an die veränderten Umstände. Zunächst übernimmt seine 20-jährige Schwester Angelica die Mutterrolle. Der Vater versagt erneut, indem er eine Arbeit als Fernfahrer annimmt und fortan nicht mehr bei seinen Kindern lebt. Als Angelica zum Studium das Dorf verlässt und Manuel einen weiteren Verlust verkraften muss, verliert dieser immer mehr den Halt. Er vermisst seine Mutter, fühlt sich einsam, kommt aus der seelischen Balance. All das findet in einem tragischen Ereignis einen Höhepunkt, der den ersten Teil des Romans beendet und Daniela zurück nach Rumänien führt.

    Im nächsten Teil schildert Daniela ihre Sichtweise, die naturgemäß von der Manuels abweicht. Unbestreitbar wird deutlich, dass Daniela nur das Beste für ihre Kinder will, ihr aber die Konsequenzen ihres Handelns nicht klar sind. Auch sie fühlt sich fremd in Italien, ihr Aufenthalt dort ist kein Zuckerschlecken. Die Arbeit ist hart, der Lohn gering, oft ist sie der Willkür der von ihr betreuten Senioren oder deren Angehörigen ausgeliefert. Als Leser bekommt man einen sehr guten Einblick in diese Verhältnisse. Daniela leidet unter dem Verlust ihrer Kinder, fühlt sich als Versagerin. Natürlich hat sie auch schöne Momente in der Fremde, diese sind aber nur von kurzer Dauer oder werden überlagert. Entgegen der anfänglichen Hoffnungen verlängert sich ihr Engagement in Italien Jahr um Jahr. 

    Im dritten Teil berichtet Angelica, wie sie den Weggang der Mutter sowie die Entwicklung ihres Bruders erlebt hat. Diese letzte Perspektive rundet den Roman aus meiner Sicht wunderbar ab und liefert wichtige ergänzende Szenen.

    Das Thema ist hochaktuell. Frauen aus ärmeren Gegenden Europas verlassen ihre Familien, um betagte Senioren in wohlhabenderen Ländern zu pflegen und ihnen dadurch das Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Welche Auswirkungen hat das auf die Familien der Pflegenden, welchen Preis müssen sie zahlen? Der Roman zeigt Licht- und Schattenseiten dieser sozialen Entwicklungen auf, zeichnet ein glaubwürdiges Bild der Realität. Balzano beleuchtet insbesondere den Mikrokosmos Familie, indem er drei Stimmen getrennt voneinander auftreten lässt. Das schafft große Nähe und Intensität. Mir hat das gut gefallen. Das Buch macht neugierig, sich intensiver mit der Thematik der Arbeitsmigration zu beschäftigen, insbesondere dann, wenn man selbst die Verantwortung für pflegebedürftige Familienangehörige hat. Naturgemäß kennt man hierzulande nur die eine Seite der Medaille, macht sich wenig Gedanken darüber, wie die zumeist polnischen Hilfskräfte die Trennung von ihrer Familie empfinden. Der Autor lässt am Ende bewusst Fragen offen, die zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Bei all der geschilderten Dramatik kann es kein reines Happy End geben, Daniela kann die Uhr ja nicht zurückdrehen.

    Mit „Wenn ich wiederkomme“ ist Balzano erneut ein sehr lesenswerter Roman gelungen, der sich spannend in einem Zug lesen lässt. Den unterschiedlichen Perspektiven wurden auch sprachlich differenzierte, aber insgesamt gut verständliche Stimmen gegeben, was deren Authentizität erhöht. Die Protagonisten sind glaubwürdig und komplex angelegt, man bekommt tiefe Einblicke in ihr Seelenleben und ihre Konflikte. Im Mittelteil sind meines Erachtens jedoch einige Nebencharaktere recht stereotyp geraten, was der Dramaturgie zu Gute kommen mag, mich aber gestört hat.

    Insgesamt hat mich der Roman nicht in dem Maße packen können wie sein Vorgänger „Ich bleibe hier“, der im letzten Jahr bei Diogenes erschienen ist. Dennoch empfehle ich auch „Wenn ich wiederkomme“ sehr gerne allen Lesern, die sich gerne mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. Von Marco Balzano kann man kaum enttäuscht sein; es ist erstaunlich, welch umfangreiche Themenpalette er fesselnd und gekonnt umsetzen kann.

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  1. 4
    25. Nov 2021 

    Arbeitsmigration exemplarisch dargestellt

    Das Thema Arbeitsmigration hat Marco Balzano schon in einem früheren Roman aufgegriffen. In seinem Buch „ Das Leben wartet nicht“ ging es um Kinder aus dem armen Süden Italiens, die Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen haben, um im reichen Norden Arbeit zu finden.
    In seinem neuesten Roman geht es nun um das Heer der Frauen aus Osteuropa , die als Pflegekräfte in den wohlhabenden europäischen Ländern arbeiten und dort deren Sozialsysteme vor dem Kollaps bewahren. Was das für die Frauen und deren Familien bedeutet, zeigt er uns hier exemplarisch.
    Daniela ist eine dieser Frauen. Sie lebt in einem kleinen Ort in Rumänien. Die Zeiten sind hart. Die Ceaucescu- Diktatur hat ein kaputtes Land hinterlassen. Ihr Mann hat seine Arbeit in der Fabrik verloren, ihr Arbeitgeber ist mittlerweile zahlungsunfähig. Da entschließt sich Daniela zur Flucht. Bei Nacht und Nebel reist sie nach Mailand , wo ihr eine Freundin einen Job als private Altenpflegerin besorgt hat. Zurück lässt sie ihren Mann und ihre beiden Kinder, den 12jährigen Manuel und die acht Jahre ältere Tochter Angelica. Der Schritt fällt ihr schwer, doch sie sieht keinen anderen Ausweg. Für ihre Kinder und deren Zukunft macht sie es; die sollen es einmal besser haben.
    Doch Manuel ist fassungslos. Er kann nicht verstehen, dass seine Mutter gegangen ist ohne ein Wort. Er verzeiht ihr das nicht und unterstellt ihr, dass sie sich in ein Italien ein schönes Leben machen will.
    Der Vater ist völlig überfordert mit der neuen Situation. Bald darauf verschwindet auch er, verdient nun sein Geld als LKW- Fahrer zwischen Polen und Russland. Angelica übernimmt die Mutterrolle für ihren jüngeren Bruder. Doch später zieht sie zum Studium in die Stadt.
    Manuel wechselt, dank des Geldes, das Daniela schickt, auf ein privates Gymnasium. Aber hier fühlt sich der Junge überhaupt nicht wohl. Ständig bekommt er zu spüren, dass er nicht dazugehört. Als bald darauf auch noch der Großvater stirbt, der einzige Vertraute des Heranwachsenden, verliert Manuel jeglichen Halt und er begeht eine folgenschwere Dummheit.
    Diesen ersten Teil der Geschichte erfährt der Leser aus der Sicht Manuels. Nun, im zweiten und umfangreichsten Abschnitt des Romans, wechselt die Perspektive. Hier ist es die Mutter, die zu Wort kommt. Sie sitzt am Bett ihres im Koma liegenden Sohnes und erzählt ihm von ihrem Leben in Italien. Am Anfang ist sie völlig überfordert mit der neuen Aufgabe. Rund um die Uhr alte Menschen betreuen und pflegen, ist ein harter Job. Noch dazu, wenn man dafür überhaupt nicht ausgebildet wurde. Sie erzählt von der Ausbeutung als illegale Arbeitskraft, von Rassismus und Einsamkeit. Vier Jahre wird Daniela in Italien bleiben, arbeitet als Altenpflegerin oder als Kindermädchen. Dabei verlässt sie nie die Sehnsucht nach daheim, nach ihren Kindern. Doch sie spürt, dass sie nach und nach die Verbindung zu ihnen verliert. Die Telefongespräche werden immer kürzer und nichtssagender. Bei ihren seltenen Besuchen bringt sie Sohn und Tochter neue Handys und schicke Markenklamotten mit, aber Einfluss hat sie keinen mehr auf sie.
    Im dritten Teil sehen wir Danielas Fortgehen noch aus der Perspektive der älteren Tochter. Sie kommt emotional mit dem Verlust der Mutter besser zurecht, da sie schon ein eigenständiges Leben führt und auch eine stärkere Bindung zum Vater hat. Was sie überfordert ist die Erzieherrolle bei ihrem Bruder. Doch für Angelica scheint sich Danielas Einsatz gelohnt zu haben. Sie hat ihr Studium erfolgreich abgeschlossen.
    Dass sich der Autor für drei Perspektiven entschieden hat, gibt ihm die Möglichkeit, die Problematik von allen Seiten zu beleuchten. Mit Daniela richtet er seinen Fokus auf das Schicksal dieser Frauen, die auch bei uns eine wichtige Funktion erfüllen. Unsere zunehmend alternde Gesellschaft stellt uns vor große Probleme. Wer kümmert sich um die Alten und Pflegebedürftigen? Die mittlere Generation kann selten dieser Aufgabe vollumfänglich nachkommen, Plätze in Seniorenheimen sind knapp. Auch möchten viele Ältere ihr gewohntes Umfeld nicht verlassen. Da bietet sich die Hilfe in Form polnischer ( bei uns ) oder rumänischer ( in Italien) Frauen an. Dass sich bei diesen Frauen oftmals ein Burnout diagnostizieren lässt, verweist auf die hohe Belastung psychischer und physischer Art . Als „ Italienkrankheit“ wird diese Diagnose bezeichnet, wie Marco Balzano in seinem Nachwort schreibt.
    Es ist nicht nur die Arbeitsbelastung, was die Frauen seelisch krank werden lässt, sondern auch die Sehnsucht nach den Kindern und Schuldgefühle ihnen gegenüber. Das beschreibt der Autor anschaulich an Daniela, die einerseits bei ihrem kranken Sohn um Verzeihung bittet, gleichzeitig aber ihm verständlich machen will, dass sie keine andere Wahl hatte.
    Doch was diese Situation bei den zurückgelassenen Kindern anrichtet, sieht der Leser an Manuel. Dabei hatte dieser noch Glück. Es gab eine Schwester und Großeltern, die sich kümmern konnten. Manche dieser zurückgelassenen Kinder kommen in Heime oder bleiben sich selbst überlassen.
    Abgerundet wird die Geschichte durch die Perspektive der älteren Tochter.
    Marco Balzano hat seine Figuren komplex angelegt. Man hat Verständnis für ihre Situation, aber nicht immer für ihr Verhalten. Geschildert wird dies in einer einfachen schlichten Sprache, passend zur jeweiligen Erzählstimme. Trotz des nüchternen Tons berührt einem das Gelesene.
    Ebenfalls angesprochen wird, was die Migration für die Region bedeutet. Ganze Ortschaften sterben aus; zurück bleiben oftmals nur die Kinder und die Alten. Perspektivlosigkeit wird mit Alkohol bekämpft. Auch schafft es eine Zwei- Klassengesellschaft. Dort, wo Vater oder Mutter im Ausland arbeiten, hat die Familie mehr Geld und kann sich schmücken mit Konsumartikeln.
    Marco Balzano hat für seinen neuen Roman wieder viel recherchiert, mit Betroffenen geredet. So packt er sehr viel Stoff in seine Geschichte, das geht nicht immer ohne Klischees .
    Doch er ist ein Autor, der mit jedem seiner Bücher ein Anliegen hat. Hier will er auf ein Schicksal aufmerksam machen, wie es das zu Tausenden gibt. Er löst damit Nachdenklichkeit und Betroffenheit aus.
    Ein wichtiges Buch, das sich zu lesen lohnt, auch wenn es nicht an die literarische Qualität seines letzten Romans heranreicht.

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  1. Die Geschichte einer Arbeitsmigrantin

    Daniela Matei (47) steht vor einer schweren Entscheidung. In ihrem kleinen rumänischen Dorf hat ihre Familie eine schlechte Zukunftsperspektive. Ihr Mann Filip ist arbeitslos. Gute Bildung für ihre Tochter Angelica und ihren Sohn Manuel ist jedoch teuer. Und das Haus verfällt aus Geldmangel zusehends. Heimlich schleicht sich Daniela daher eines Morgens aus dem Haus, um in Mailand eine Stelle als private Altenpflegerin anzunehmen.

    „Wenn ich wiederkomme“ ist ein Roman von Marco Bolzano.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus drei Teilen, die sich in unnummerierte Kapitel gliedern. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge in der Ich-Perspektive, aber aus der Sicht unterschiedlicher Personen. Dadurch entstehen einige Überlappungen, jedoch nicht zu viele inhaltliche Redundanzen.

    In sprachlicher Hinsicht ist der Roman sehr gelungen. Je nach Erzählperspektive ist die Wortwahl jugendlich oder erwachsener, mehr oder weniger umgangssprachlich. Insgesamt ist der dialoglastige Schreibstil allerdings recht einfach, was dem Bildungsniveau der Protagonisten und Protagonistinnen hervorragend entspricht und daher für mich kein Manko darstellt.

    Den meisten Raum in der Geschichte nimmt Daniela ein. Aber auch ihre Kinder Manuel und Angelica spielen wichtige Rollen. Keiner der Charaktere ist mir so richtig sympathisch - mit Ausnahme einer Nebenfigur. Sie blieben mir seltsam fremd. Gut gefällt mir aber, dass die Personen aufgrund ihrer Grautöne und Schwächen sehr lebensnah und mit psychologischer Tiefe ausgestaltet sind.

    Besonders gereizt hat mich an der Lektüre die Situation der billigen Pflegekräfte aus dem Ausland. Die Geschichte lenkt den Blick auf ein wichtiges Thema. Meine Erwartung an den Roman hat sich dahingehend erfüllt, dass die Geschichte darstellt, wie sich die zeitweise Arbeitsmigration auf die betroffenen Frauen und ihre Familien auswirkt - sowohl in sozialer als auch in psychischer Hinsicht. Der Autor hat sich intensiv mit dieser Problematik auseinandergesetzt. Das geht unter anderem aus der Nachbemerkung hervor. Darin erklärt der Autor auch, dass er mit Absicht weitere Aspekte in die Geschichte aufgenommen hat. Mir hätte ein deutlicherer Fokus besser gefallen.

    Auf rund 300 Seiten kann der Roman mit mehreren Wendungen überraschen. Die Geschichte ist kurzweilig, aber konnte mich leider nicht so sehr berühren wie erhofft. Das Ende lässt einige Fragen offen und somit Spielraum für eigene Interpretationen.

    Das Cover ist hübsch, wirkt allerdings recht willkürlich. Der deutsche Titel ist erfreulicherweise wörtlich aus dem Italienischen („Quando tornerò“) übersetzt worden.

    Mein Fazit:
    „Wenn ich wiederkomme“ von Marco Bolzano ist trotz seiner Schwachpunkte ein lesenswerter Roman, der Aufmerksamkeit für eine wichtige Problematik erzeugt.

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  1. " ... diese sterbende Welt ..."

    "Wenn ich wiederkomme" beschäftigt sich mit Frauen, die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig sind, aber trotzdem so gut wie unsichtbar. Es geht um osteuropäische Pflegerinnen, die ihre Heimat - in der es keine adäquate Arbeit gibt - verlassen, um sich um in sozial weit besser gestellten Familien um pflegebedürftige Menschen zu kümmern. Bei uns in Deutschland sind es meist Frauen aus Polen; in Italien, der Heimat des Autors, sind es Rumäninnen. Eine von ihnen ist Daniela, eine gute ausgebildete Frau aus dem Dorf Rădeni unweit der Grenze zu Moldawien. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn namens Manuel, zwölf Jahre alt, und eine acht Jahre ältere Tochter namens Angelica. Nachdem ihr Mann arbeitslos geworden ist und sich seit einem Jahr nur halbherzig bzw. gar nicht um neue Arbeit kümmert, entschließt sie sich zu einem verzweifelten Schritt: Sie verlässt ihre Familie Knall auf Fall und reist nach Mailand, um dort eine Stelle als Pflegerin zu suchen.

    In drei Kapiteln erfahren wir die Auswirkungen auf die Familie. Das erste berichtet aus der Sicht von Manuel, des Sohnes, der sich verlassen fühlt und mit der Mutter und den ganzen Umständen hadert. Die beiden versuchen, per Smartphone Kontakt zu halten, aber das sind natürlich nur halbe Sachen. Dem Wunsch der Mutter, dass er sich in der Schule anstrengt und gute Noten erzielt (damit sich ihr Wegzug wenigstens gelohnt hat) begegnet er mit zunehmendem Trotz. Als der Vater endlich auswärts Arbeit annimmt und die Schwester zum Studium wegzieht, bleiben ihm nur noch die Großeltern. Im zweiten Kapitel wechselt die Perspektive zu Daniela. Wir erfahren, wie sie sich in Italien zurechtzufinden versucht, ihre verschiedenen Arbeitsstellen (darunter auch eine als Kindermädchen) als "Angelernte" ausfüllt, Ausbeutung und Verachtung ertragen muss. Im dritten Kapitel schließlich erzählt die ältere Tochter Angelica, die eigentlich an Manuel Mutterstelle vertreten soll, ohne das recht zu können oder auch nur zu wollen. Nach außen hin profitiert sie am meisten vom Einsatz ihrer Mutter - sie studiert erfolgreich, könnte ein selbständiges Leben führen. Doch geht Danielas Plan - "wenn ich wiederkomme, wird alles besser" - so auf? Und kommt sie überhaupt so richtig "wieder"?

    Der Roman ist in schlichter Sprache geschrieben, die den drei Erzählern angepasst ist; voll dramatischer und inniger Momente. " Was die Leute Fortschritt nennen", sagt etwa Manuels Opa, der sich nach dem Weggang der Mutter um ihn kümmert, "kommt mir wie ein Unfug vor, der die Menschen noch schlechter gemacht hat. Aber ich bin ein alter Mann. Wenn ich so alt wäre wie du, ich würde nicht hierbleiben und auf diese sterbende Welt bauen." Obwohl das Dorf Rădeni als ländliche Idylle geschildert wird, ist es keine heile Welt. Die Erwachsenen ziehen entweder weg oder verfallen der Mutlosigkeit und dem Alkohol. Ganze Scharen von Frauen verlassen ihre Familien, um in Italien invalide und demente Menschen zu betreuen; eine Arbeit, für die ihnen die Qualifikation fehlt und die sie oft schwer überfordert. Fern von ihren Kindern sinken diese Frauen so oft in Einsamkeit und Depression, dass Ärzte bereits von der "Italienkrankheit" sprechen.

    Balzano hat sich aus persönlicher Betroffenheit über ihre Situation, wie er in seinem Nachwort schreibt, bemüht, diesen Frauen und ihren Familien eine Stimme zu geben. Es ist ein wenig fraglich, ob er damit mehr erreicht als ein diffuses schlechtes Gewissen bei den westeuropäischen Lesern, denn wirkliche Lösungen sind ja für niemanden in Sicht. Was ihm fraglos gelingt, ist eine Vorstellung von den landwirtschaftlich geprägten, strukturarmen Dörfern im Osten, in denen oft nur die Großeltern bei den Kindern verbleiben, während die ganze Mittelgeneration von der Bildfläche verschwindet. Was leider völlig fehlt, ist eine Beleuchtung der Rolle des Familienvaters, der von allen Beteiligten scheinbar ohne Nachfrage aus der Pflicht entlassen wird; er verschwindet einfach. Insgesamt bleiben in dem trotz großer Bedrückung schön erzählten Roman viele Leerstellen - was andererseits durchaus auch seinen Reiz hat. Leicht eingeschränkte Leseempfehlung.

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  1. Italienkrankheit und Eurowaisen

    Wenn alte Menschen Hilfe benötigen, nicht ins Heim möchten und die Angehörigen sie nicht pflegen können oder wollen, kommen osteuropäische Pflegekräfte als tragende Säule der Altenpflege ins Spiel. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch gehen Fachleute von einigen Hunderttausend Pflegemigrantinnen aus, vor allem aus Polen, Rumänien, Bulgarien oder der Ukraine. Ihre persönlichen Schicksale und die ihrer zurückgelassenen Familien bleiben meist im Dunkeln.

    Der italienische Autor Marco Balzano greift solche verborgenen Themen gerne auf, zuletzt das Schicksal der Südtirolerinnen und Südtiroler in "Ich bleibe hier". Für seinen Roman "Wenn ich wiederkomme" hat er über Rumäninnen in italienischen Haushalten und ihre sogenannte „Italienkrankheit“ recherchiert, hat mit vielen von ihnen gesprochen, in Rumänien Einrichtungen für zurückgelassene Kinder und Jugendliche, die „Eurowaisen“, besucht und sich ein hohes Ziel gesetzt:

    "Es zu schreiben, war für mich ein Versuch der Wiedergutmachung." (Nachwort S. 311)

    Eine Familie von vielen
    Aus drei Perspektiven schildert Marco Balzano das Leben der Familie Matei aus einem ostrumänischen Dorf an der moldawischen Grenze. Im ersten Teil erfahren wir durch Manuel, wie die Mutter Daniela die Familie ohne Ankündigung verließ, als er zwölf Jahre alt war, seine Schwester Angelica zwanzig. Mit einer illegalen Beschäftigung als Altenpflegerin in Mailand möchte Daniela die finanziellen Notlage durch die Arbeitslosigkeit des antriebsschwachen Ehemanns lindern. Manuel verliert nacheinander die Mutter, den Vater, der Arbeit in Russland findet, die Schwester, als sie ein Architekturstudium beginnt, und den geliebten Großvater. Unausweichlich kommt es zur Tragödie, als die exklusive Privatschule sich als Qual entpuppt, die Einsamkeit immer unerträglicher und der sporadische Kontakt zur Mutter von zunehmender Entfremdung und Befangenheit überschattet wird:

    "Ein unbekanntes Schweigen drückte uns nieder, und ich wusste weder ein noch aus." (S. 33)

    Im zweiten Teil, dem umfangreichsten, erfahren wir Danielas Sicht: die Alternativlosigkeit ihres Weggehens, die Schuldgefühle, die unerfüllten Träume und ihr von Abhängigkeit und Rassismus geprägtes Leben in Italien:

    „Ihr habt echt ein Händchen im Umgang mit unseren Alten und Kinder…“
    „Wen meinen Sie mit >ihr<, Signora?“
    „Na, ihr aus dem Osten. Ihr könnt das besser als Philippinas, dafür können die besser putzen, stimmt’s?“ (S. 185)

    Erzählerin im dritten Teil ist Angelica. Ihre Promotion beweist Daniela, dass ihr Opfer nicht vergebens war. Zwar ist Angelica ihrer Mutter dankbar, andererseits prangert sie deren ausschließliche Fixierung auf das Geld an, möchte selbst einen anderen Weg gehen und fühlt sich um ihre Jugend gebracht:

    "Mein Vater mag alle möglichen Mängel dieser Welt haben, aber er ist der Einzige in der Familie, der mich nie ausgenutzt hat.“ (S. 270)

    Melancholisch und relevant
    Mein anfängliches Verständnis für Daniela und ihre Notlage und meine Bewunderung für ihren Ehrgeiz bezüglich der Ausbildung ihrer Kinder schwanden leider im Laufe des Romans. Wie sie Manuel und Angelica immer fremder wird, so erging es auch mir, und ich konnte zunehmend weniger Mitgefühl für ihre Sturheit aufbringen. Marco Balzano hat angesichts seines großen Materialvorrats viel in diese Figur gepackt, unter anderem auch eine unkommentierte Ceaușescu-Nostalgie, die mich angesichts von dessen unzweifelhaften Verbrechen gestört hat. Trotzdem ist der melancholische, einfach geschriebene Roman unbedingt zu empfehlen, denn er rückt Menschen ins Licht, mit denen wir – direkt oder indirekt – in Berührung kommen, von denen wir aber nichts wissen.

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  1. Italienkrankheit und Eurowaisen

    "Wenn ich wiederkomme", so das Versprechen der rumänischen Mutter im gleichnamigen Roman von Marco Balzano, "dann wird alles besser".
    Daniela sieht keinen anderen Ausweg, als heimlich nachts abzuhauen. Sie verlässt Heimat und Familie, um in Italien Geld zu verdienen, damit ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen und das unfertige Häuschen zuende gebaut werden kann. Sie hat sich nicht verabschiedet, weil sie Angst vor ihrer eigenen Courage hat.

    Daniela arbeitet schwarz als Pflegerin in Privathaushalten. Zunächst ist es auch die Hoffnung, dass sie nur ein Jahr durchhalten muss, um alle finanziellen Sorgen zu tilgen, doch schon bald merkt sie, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Die Italienkrankheit, Depression, macht sich bei Daniela breit. Zerrissen zwischen schlechten Gewissen und dem Pflichtgefühl "es allein schaffen zu müssen", merkt sie nicht, wie ihre beiden Kinder in der Heimat unter der Trennung leiden.

    Ihr Sohn ist gerade einmal zwölf, als Daniela geht, aber in vier Jahren Abwesenheit der Mutter driftet er nach und nach ab, in seine eigene Welt, die aus materiellen Forderungen an die Mutter, Schulschwänzen und riskanten Manövern besteht. Die größere Schwester, die für ihn die Verantwortung tragen soll, ist damit überfordert und distanziert sich innerlich von ihren Aufgaben, die sie scheinbar noch erfüllt.

    Und dann geschieht das Unglück. Danielas Jüngster baut einen schweren Unfall und fällt ins Koma. Die ans Krankenbett herbeigeeilte Mutter hütet nun ununterbrochen den tiefen Schlaf des Sohnes und erzählt ihm von ihren Erlebnissen und diversen Jobs in Italien.

    Der Roman wird von der Troika, Sohn, Mutter und Tochter getragen, die in ihren Abschnitten ihre Sicht der Dinge darlegen und das ganze Ausmaß einer dysfunktionalen Familie (der Vater verließ kurz nach Daniela die Familie) offenbaren. Insbesondere bei den Schilderungen der Mutter konnte sich Balzano so manches Klischee nicht verkneifen und will doch den Fokus auf das Prekariat der Migrationsarbeiterinnen in Italien gelenkt wissen. Er will aufzeigen, anklagen und wiedergutmachen.

    Ich glaube jedoch, dass dieser Roman nicht der geeignete Weg dazu ist. Wer die Hilfeleistung einer ausländischen Kraft (bei uns in Deutschland sind es wohl hauptsächlich die Polen) in Anspruch nimmt, weiß sehr genau, welchen Bedingungen diese Menschen ausgesetzt sind. Sie haben sie selbst geschaffen. Ich setzte voraus, dass dies nicht mit böser Absicht geschieht, sind es doch die eigenen Angehörigen, die der Obhut bedürfen, aber der Spielraum für anderweitige Lösungen ist begrenzt. Es ist ein tiefliegenderes Problem unserer Gesellschaft, das mit dieser Art Betroffenheitsliteratur den Finger in die Wunde legt, aber leider keinen Fahrplan für eine menschlichere Zukunft beilegt.

    Sollte dieser Anspruch nicht an diesen Roman gestellt werden, so hätte das Schicksal der Eurowaisen (den verlassenen Kindern) doch ein wenig mehr Tiefgang gutgetan. So aber bleibt die Betrachtung oberflächlich, mit viel Gefühlsduselei, ohne männlichen Gegenpart, aber wenigstens mit, wenn auch zwiespältigem, Happy End.

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  1. "Manchmal geht es nicht anders" (80)

    Im letzten Jahr habe ich Marco Balzanos Roman "Ich bleibe hier" gelesen, der mir sehr gut gefallen hat.

    Umso höher die Erwartungen an den neuen Roman, der von der Rumänin Daniela Matei erzählt, die in ihrer ausweglosen Situation beschließt, ihre Familie im Stich zu lassen, um in Italien als Pflegerin zu arbeiten. Zunächst ein befremdlicher Gedanke, Kinder und Ehemann im Stich zu lassen, doch Daniela hat sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht.

    Im ersten Teil des Romans "Wo bist du" erzählt der inzwischen 16-jährige Sohn Danielas Manuel aus der Ich-Perspektive.

    "Du hättest eigentlich gar nicht geboren werden dürfen" (13), sagt seine Mutter zu ihm, denn Daniela hätte nach der Geburt ihrer ersten Tochter Angelica eigentlich keine Kinder mehr bekommen können. Umso mehr wird Manuel, der acht Jahre nach seiner Schwester auf die Welt kommt, zu ihrem Liebling.

    "Angelica ist gut organisiert und alles andere als kleinlich. Sie drückt sich nie vor der Arbeit, im Gegenteil. Sie ist eine, die sich aufopfert. (...) sie zieht den Karren, bis sie zusammenbricht." (13f.)

    Folglich ist es Angelica, die sich um Manuel kümmert, als Daniela ihre Familie ohne Abschied verlässt. Der Vater Filip Matei ist Arbeiter in einer Fabrik gewesen, die schon lange geschlossen ist. Auch Daniela hat ihre Arbeit verloren. "Seit einem Jahr schlugen wir uns mit den Schecks der Arbeitslosenversicherung durch." (18)

    In einem Brief, den Daniela hinterlässt, erklärt sie ihren Kindern: "Ich muss fort, damit ihr studieren könnt und anständig zu essen bekommt. Denn ich möchte, dass ihr die gleichen Chancen habt wie die andern." (19)

    Sie verspricht Geld zu schicken, was sie auch tut, und bittet Angelica, sich um ihren Vater und Bruder zu kümmern. Daniela glaubt nicht, dass Filip sich aus seiner Lethargie wird lösen können, um der Familie zu helfen. Obwohl Danielas Arbeit die finanzielle Situation der Familie verbessert, Angelica studieren und Manuel auf ein Privatgymnasium gehen kann, wäre es Manuel lieber, seine Mutter wäre bei ihm. Er ist wütend auf sie, weil sie aus der Ferne keinen echten Anteil an seinem Leben nehmen kann. Auch Filip verlässt die beiden Kinder, da er eine Anstellung als Lastwagenfahrer gefunden hat: "Minus zwei" (36), ist Manuels Kommentar. Einzig zu seinem Opa Mihai hat er ein inniges Verhältnis und liebt es, mit ihm im Garten zu arbeiten.

    Im 2.Teil des Romans "Weit weg" kommt Daniela zu Wort und erzählt von ihren verschiedenen Arbeitsstellen in Italien, als Pflegerin und Kindermädchen, und davon, warum sie ihre Familie zurückgelassen hat.

    Zu Filip sagt sie am Telefon: "Ich hab deine leeren Versprechungen satt, deine beschissenen Schwüre: Ich such mir eine Arbeit, ich streng mich an, ich hör auf zu trinken." (78)

    "Manchmal geht es nicht anders", hatte sie im Bus gesagt. Dieser Satz nahm mir die Schuld." (80)

    Das, was sie in Italien erwartet, ist harte Arbeit, eine Arbeit, für die sie eigentlich nicht ausgebildet ist. Sie muss bei den alten Menschen, die sie pflegt, wohnen, hat kaum Zeit für sich selbst. Oftmals ist sie am Rande ihrer Kräfte. Als sie nach Rumänien zurückkehrt, attestiert ihr ein Arzt die "Italienkrankheit".

    "Damit bezeichnen Psychiater eine spezielle Form von Depression, die jene befällt, die jahrelang fern von zu Hause und den Kindern leben, um anderswo Alte, Bedürftige und Kranke zu versorgen." (155)

    In diesem Teil wird deutlich, dass sich Balzano intensiv mit der Thematik befasst hat - er war auch in Rumänien, um sich selbst ein Bild von der Situation der Eurowaisen vor Ort zu machen. Seine Intention ist es, den rumänischen Pflegekräften und ihren Kindern eine Stimme zu geben, wie er im Nachwort betont. Es ist ihm wichtig alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, so dass folgerichtig im letzten Teil des Romans Angelica ihre Sicht der Ereignisse dargelegt.

    Das Konzept, die Ereignisse aus drei Perspektiven zu erzählen, geht auf, denn
    "Außerdem gibt es keine gemeinsamen Erinnerungen, jeder hat seine eigene und macht aus ihr, was er will." (230)
    Bolzano hat für den Roman mit zahlreichen Frauen und ihren Kindern gesprochen, dadurch wirken die drei Figuren in sich stimmig und authentisch. Abgesehen von den Kindern, die Daniela in Italien betreut, vermeidet er Klischees und zeichnet ein differenziertes Bild der handelnden Personen.
    Ein Roman, der mich nachdenklich gemacht hat und der dazu führt, dass ich die Frauen, die auch bei uns als Pflegerinnen eingesetzt werden, mit anderen Augen sehe. Klare Leseempfehlung!

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  1. 4
    12. Nov 2021 

    Zerfall

    Marco Balzano hat sich hier an ein schwieriges Thema gewagt. Die weibliche Migration aus wirtschaftlich schwächeren Staaten in die westliche Welt. Gerade soziale Berufe/soziale Berufszweige haben viele unbesetzte Stellen. Unterbezahlte Stellen, die der landeseigenen Bevölkerung nicht zum Lebenssicherung reichen, aber für Frauen und Mädchen aus wirtschaftlich schwächeren Staaten durchaus interessant und reizvoll erscheinen. Zumindest erst einmal. Hier in diesem Buch sind es die Rumänen in Italien, aber diese stehen nur exemplarisch für diese moderne Sklaverei, denn es strömen aus den verschiedensten Ländern Frauen in die westliche Welt.

    Daniela verlässt wegen der chronischen Geldnot ihre rumänische Familie, bestehend aus ihrem Mann Filip und ihrer Tochter Angelica und ihrem Sohn Manuel und geht nach Italien, um dort Italiener zu pflegen und zu behüten. Doch dieses Ausreisen, dieses Wegfallen hat psychische und soziale Folgen für alle Familienangehörigen, denn alle verändern sich, finden andere Wege, müssen sie finden, driften auseinander. Ein Unfall führt wieder zusammen. Doch passiert dies wirklich? Missverständnisse weiten sich aus, werden unüberbrückbar. Marco Balzano schildert diese Folgen empathisch und treffend und auch berührend in seinem Buch "Wenn ich wiederkomme" in drei Teilen, drei Mitglieder der Familie kommen in diesen Teilen/in diesen Zeilen zu Wort, unterschiedlich in Klang und Sicht und leider manchmal auch etwas überzeichnet. Dabei erschafft er Figuren, die keine Schwarz-Weiß-Zeichnung aufweisen, sie sind nicht Gut oder Böse, sie sind beides. Man versteht sie, man versteht sie nicht, man hat sie gern und man verachtet sie. Ein richtig gelungener Blick, aber auch ein manchmal etwas verwirrender Blick! Ein Blick, der nicht immer gefällt, der aber recht real rüberkommt, authentisch ist.

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    12. Nov 2021 

    Folgen der modernen Sklaverei

    Auf der ganzen Welt verlassen Frauen ihre Familien um Geld zu verdienen, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben sollen. Doch um welchen Preis? Von einer dieser Frauen und ihrer Familie handelt Marco Bolzanos neues Buch, und es macht deutlich, welche Bürde auf solchen Familien lastet.

    Daniela aus einem kleinen Dorf in Rumänien verschwindet ohne jemandem Bescheid zu sagen buchstäblich bei Nacht und Nebel nach Italien, um sich dort wie viele ihrer Landsfrauen eine Arbeit als Pflegerin zu suchen, damit sie ihren Kindern ein Studium finanzieren kann. Nur einen Brief hinterlässt sie für den zwölfjährigen Manuel und die 20jährige Angelica und so versuchen sie sowie ihr Vater und die Großeltern, ihr Leben so gut wie möglich weiterzuleben.

    Erzählt wird aus den Perspektiven Danielas sowie der Kinder, und so unterschiedlich diese auch sein mögen, ist schnell klar, dass alle sehr unter der Situation zu leiden haben. Als der mittlerweile 16jährige Manuel einen schrecklichen Unfall erleidet, ist Daniela sofort an seiner Seite, voller Schuldgefühle und schlechtem Gewissen, das durch die Distanz zu ihrer nunmehr 24jährigen Tochter noch verstärkt wird.

    Marco Bolzano macht mit den unterschiedlichen Sichtweisen deutlich, welche Probleme durch die Entscheidung Danielas entstanden sind und was diese Arbeit in der Ferne für Alle bedeutet. Manuel, mit 12 Jahren noch ein Kind, fehlt die ihn unterstützende und liebende Mutter am meisten; als sein Großvater stirbt, der einzig verbliebene Vertraute, bricht ihm sein letzter Halt weg. Daniela hingegen, die in der Fremde in einer Art modernem Sklaventum lebt und daran fast zugrunde geht, erwartet dafür zumindest in gewisser Weise eine Form der Dankbarkeit, die ihr jedoch verwehrt wird. Zu stark ist das Gefühl der Kinder, verraten worden zu sein; zu groß der Abstand geworden in den Zeiten zwischen ihren jährlichen Besuchen; zu erdrückend das Schweigen über die Dinge, die gesagt werden müssten. Und Angelica findet sich mit 20 Jahren ungefragt in der Rolle einer Erziehungsberechtigten wieder, in der sie sich nicht sieht, die sie aber dennoch versucht auszufüllen; einer Rolle, der sich der Vater verweigert und stattdessen davor flüchtet.

    Es ist ein belastendes weil realistisches Szenario, das hier dargestellt wird; insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass dieser Exodus von Frauen, die ihre Familien hinter sich lassen, um ihnen eine bessere Zukunft zu bieten, noch immer alltäglich ist und vermutlich so bald kein Ende finden wird. Nicht nur in Italien – überall auf der Welt, auch bei uns.

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  1. Weibliche Gastarbeiter im Schatten der Gesellschaft...

    Nachdem ich "Ich bleibe hier" und "Das Leben wartet nicht" mit großer Begeisterung gelesen habe, war klar dass ich auch sein neustes Werk lesen wollen würde.

    In der Geschichte geht es um die Rumänin Daniela, die ihre Heimat verlässt, um ihren Kindern ein besseres Leben zu bieten. Sie geht einfach heimlich. Was hat das für Konsequenzen für die zurückgelassenen Kinder und auf die Partnerschaft? Und wie wird es ihr in der Ferne ergehen?

    Der Roman ist in drei Abschnitte gegliedert und man erlebt aus der Sicht von Daniela und ihren beiden Kindern wie sie das Weggehen empfinden. Im Fokus stand für mein Gefühl stets Daniela als die Flüchtige.

    Am meisten hat mich das Schicksal von Daniela berührt, wie roh die Arbeitgeber mit ihr umgehen, in welchen Klischees sie denken und was von ihr alles abgefordert wird. Beim Lesen hatte ich beinahe selbst seelische und körperliche Schmerzen, weil mir das Geschilderte so nahe ging. Vor allem glaubte ich zwischendrin, dass sie als Kindermädchen ihr Glück und ihre Zufriedenheit gefunden hat und dann kommt ihr das Leben dazwischen.

    Wie gewohnt ist der Erzählstil Balzanos eher unaufgeregt und nüchtern. Der Leser wird mehr durch die Geschehnisse als durch schöne Worte berührt. Mir gefällt diese Art, da die aktuellen Zeiten im echten Leben aufregend genug sind.

    Gut gefallen hat mir außerdem, dass man für jeden Protagonisten Partei ergreift. Zu Beginn konnte ich Tochter Angelica so gar nicht einschätzen und mochte sie nicht so wirklich, aber als sie zu Wort kommt, entwickelt man Verständnis und die bereits gebildete, eigene Meinung wendet sich nochmal.

    Fazit: Ein Thema, welches unbedingt offener und häufiger angesprochen gehört, denn der Gastarbeiter von heute ist eben nicht mehr nur der starke Mann vom Lande. Solide Unterhaltung, die bei mir noch lange nachwirken wird. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

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  1. Was hält eine Familie aus?

    Daniela lebt in der rumänischen Provinz mit ihren Kindern Manuel und Angelica ein bescheidenes Leben. Als sie ihren Job verliert und auch ihr nahezu unsichtbarer Ehemann finanziell nichts beiträgt, entscheidet sie sich, nach Italien zu gehen, um dort als Altenpflegerin zu arbeiten - ohne ihre Familie darüber vorher zu informieren. Wie geht es den verlassenen Kindern nach Danielas Weggang? Was bedeutet das neue Leben für die Mutter selbst? Darüber schreibt Marco Balzano in seinem berührenden Familienroman "Wenn ich wiederkomme".

    Die Besonderheit dieses Romans ist nicht die Dreistimmigkeit, die Balzano gewählt hat, um Manuel, Daniela und Angelica Gehör zu verschaffen. Die Wahl unterschiedlicher Perspektiven ist heutzutage ja fast schon gängige Praxis, auch wenn es Balzano ungewöhnlich gut gelingt, diese Stimmen auch tatsächlich unterschiedlich klingen zu lassen. Seine Kunst ist eindeutig die Figurenkonstruktion und der Umgang mit diesen.

    Daniela, Manuel und Angelica sind Figuren, die es den Leser:innen nicht leicht machen. Verbohrt, fast schon verbissen, beharren sie auf ihren Perspektiven, gestehen sich selten Fehler ein, obwohl sie zahlreiche begehen und verurteilen die jeweils anderen für ihr Verhalten. Und dennoch gelingt es Marco Balzano fast spielend leicht, dass man mit den Dreien fühlt, sich in sie hineinversetzen kann und ihnen nahezu alles verzeiht. Dafür sorgt nicht nur der einnehmende Schreibstil, sondern auch das Verständnis selbst, das Balzano seinen Charakteren empathisch entgegenbringt.

    Das Buch liest sich schnell, verzichtet nahezu vollständig auf literarische Spielereien, setzt auf viele Dialoge und weiß dennoch zu überzeugen. Am besten hat mir dabei der Mittelteil aus Danielas Perspektive gefallen. Hier nähert man sich der Figur schrittweise an, nach und nach erkennt auch sie selbst ihre Fehler. Balzano wechselt dazu manchmal in die ungewohnte "Du"-Perspektive, mit der sich Daniela direkt an ihren Sohn richtet und erzeugt eine noch höhere Identifikation bei den Leser:innen, die sich dadurch auch selbst angesprochen fühlen.

    Ein weiteres Plus des Romans ist das Anliegen Balzanos, den osteuropäischen Frauen eine Stimme zu geben, die ihre Heimat und die eigene Familie verlassen, um sich um Fremde zu kümmern. Auch dies gelingt ihm sehr gut, denn "Wenn ich wiederkomme" berührt nicht nur, sondern regt auch zum Nachdenken und zum Diskutieren an.

    Nicht ganz umschifft er dabei sämtliche Klischeeklippen: der demenzkranke Mann, der mal voller Wut auf Daniela reagiert, mit dem sie aber auch durchaus warme und zärtliche Momente verbringt; die vernachlässigten Anwaltskinder, die Daniela allein durch ihre geschenkte Aufmerksamkeit auf den richtigen Weg bringt; der gutaussehende Arzt, mit dem sie eine Affäre eingeht - hier passiert wenig Überraschendes, und man könnte ein wenig genervt sein, wenn man nicht schon lange diese warmen Gefühle für die Figuren hegte.

    Gerade durch den letzten Perspektivwechsel hin zu Angelica nimmt Balzano dem Roman zudem ein wenig Intensität. Tatsächlich fühlte ich mich Daniela und Manuel mittlerweile nämlich so nahe, dass ich lieber erfahren hätte, wie es mit ihnen weitergeht, als eine dritte Perspektive kennenzulernen, die zudem nicht viel Neues zur Romanhandlung beitragen konnte. Kleinere Kritikpunkte eines aber ansonsten überzeugenden Romans.

    "Ich war nicht fähig, die Sehnsucht hinter deiner Wut zu begreifen. Weißt du was? Bevor ich wegfuhr, wusste ich gar nicht, was das ist: Sehnsucht", erklärt Daniela ihrem Sohn in der wohl bewegendsten Stelle des gesamten Romans. Es ist ein Gewinn, dass Marco Balzano die Sehnsüchte dieser Menschen aufzeigt: schonungslos, bewegend und mit viel Herz.

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  1. Arbeitsmigration - ein nachdenklicher Familienroman

    „Du verstehst deine Mutter nicht, weil sie dir erlaubt hat, eine andere Frau zu werden.“ (Zitat Seite 276)

    Inhalt
    Manuel wächst in Rădeni auf, einem rumänischen Dorf nahe der Grenze zu Moldawien. Er ist zwölf Jahre alt, als er eines Morgens erwacht und seine Mutter ist weg. Heimlich hat Daniela die Familie verlassen und ist jetzt auf dem Weg nach Italien, wo sie in Mailand eine Stelle als private Pflegerin angenommen hat. Zurück bleiben Manuel, seine acht Jahre ältere Schwester Angelica und sein arbeitsloser Vater. Angelica muss sich, gemeinsam mit den Großeltern, um die Familie kümmern. Daniela will mit dem Geld, das sie verdient, ihren beiden Kindern eine gute Ausbildung und damit eine bessere Zukunft finanzieren. Besonders Manuel leidet unter dieser Situation, die immer kürzer werdenden Besuche der Mutter, die doch wieder wegfährt. Dann stirbt Opa Mihai, sein einziger Halt. Es gibt Tage, da läuft es für Manuel besser, dieser eine Tag war vom Aufwachen an keiner dieser guten Tage.

    Thema und Genre
    Dieser Roman handelt von den Migrantinnen, die ihre Familien verlassen, um im Ausland als billige Arbeitskräfte tätig zu sein, meistens als Haushaltshilfen und im privaten Pflegebereich. Es geht um diese Mütter, doch vor allem geht es um das Leben der zurückgelassenen Kinder und Jugendlichen, in ihren Heimatländern „Eurowaisen“ genannt.

    Charaktere
    Daniela will ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten und ist enttäuscht, dass vor allem Manuel ihr Opfer nicht zu schätzen weiß, er fühlt sich von ihr im Stich gelassen, verraten. Manuel würde viel lieber die Landwirtschaftsschule besuchen, als das Gymnasium, das seine Mutter mit ihrer Arbeit in Italien finanziert. Angelica studiert, muss durch den Weggang der Mutter aber die Verantwortung für den Haushalt und den jüngeren Bruder übernehmen, was sie zornig macht und überfordert.

    Handlung und Schreibstil
    Die Geschichte wird in drei Abschnitten von jeweils einer der Hauptpersonen als Ich-Erzähler, teilweise rückblickend, geschildert. „Außerdem gibt es keine gemeinsamen Erinnerungen, jeder hat seine eigene und macht aus ihr, was er will.“ (Zitat Seite 230) Im ersten Teil beschreibt Manuel diese Jahre, beginnend mit dem Morgen, an dem seine Mutter ohne ein Wort abgereist ist. „Im Leben geht es nur darum, einander nah zu sein, wie bei den Kaninchen im Stall, wenn’s draußen friert.“ (Zitat Seite 30) Das denkt der junge Manuel, wünscht sich die Mutter zurück und ist ihr absolut nicht dankbar. Im zweiten Teil erzählt Daniela, die Mutter, von ihrer Arbeit als Pflegerin und Kindermädchen, von den Menschen, die sie in Mailand betreut hat, von ihrem Alltag und den Lebensumständen während dieser Zeit. Sie ist überzeugt, das Richtige getan zu haben, als sie, zu Hause arbeitslos geworden, ins Ausland arbeiten ging. Dieser zweite Teil verbindet die vergangenen Jahre mit der Gegenwart. Im dritten Teil erzählt die Tochter Angelica die Geschichte in der Gegenwart weiter, es ist zugleich auch ihre Geschichte. In diesem letzten Abschnitt geht es auch um die Frage, ob diese Familie noch einmal zusammenfinden kann. Die Sprache ist leise, klar und einfühlsam.

    Fazit
    Die Geschichte einer Familie, die plötzlich Tausende von Kilometern voneinander entfernt ist, weil die Mutter das abgelegene rumänische Dorf verlässt, überzeugt, keine andere Wahl zu haben. Dieser Roman beleuchtet vor allem die andere Seite, was macht diese Situation mit der Familie, mit den heranwachsenden Kindern, die in der Heimat zurückbleiben. Die Intention des Autors ist es, auf die Situation aufmerksam zu machen. Diese Geschichte verurteilt nicht, aber sie wirft viele Fragen auf, die zum Nachdenken anregen.

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  1. Gewaltige Worte, eindringliche Worte.

    Autor
    Marco Balzano

    Inhalt
    „»Du hättest eigentlich gar nicht geboren werden dürfen.«
    Das sagt mir Moma seit sechzehn Jahren.“

    Gewaltige Worte, eindringliche Worte. Und doch liebt seine Mutter ihn. Manuel lebt gemeinsam mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Angelica in einer Kleinstadt am Rande Rumäniens, ihr Einkommen ist gering.
    Doch das Leben der Familie ändert sich von einem Tag auf den anderen. Morgens verschwindet Manuels Mutter Daniela ohne Abschied. Sie ist nach Mailand gegangen, um zu arbeiten, weil sie ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten möchte. Erst später meldet sie sich. Im Sommer besucht sie die Familie. Sie bringt Geschenke mit, doch diese können nicht verhindern, dass die Familie zerbrochen ist. Der Vater ist Trinker und arbeitslos. Manuels Schwester ist acht Jahre älter und meint, die Erziehung ihres Bruders übernehmen zu müssen. Als der Großvater stirbt, verliert er den Halt und stellt damit auch Daniela vor einer großen Entscheidung.
    Marco Balzano zeigt Probleme von auf Gastarbeiterfamilien auf.

    Sprache und Stil
    Balzanos erzählt eine einfühlsame, ruhige Geschichte. Er schreibt schnörkellos und findet treffende Worte für die Gefühle und Situationen der Charaktere.
    Drei Erzählperspektiven aus Sicht einer jeweils anderen Person in der Ich-Form unterteilen den Roman.
    Im ersten Teil erzählt der Sohn Manuel seine Geschichte, der plötzlich seine ältere Schwester als Erziehungsperson akzeptieren soll. Er muss damit zurechtkommen, dass seine Mutter plötzlich fort ist und er nur noch telefonisch mit ihr Kontakt halten kann.
    Im zweiten Teil spricht die Mutter. Sie ist zurückgekommen nach Rumänien, weil ihr Sohn im Koma liegt. Seine Mutter sitzt an seinem Krankenbett und erzählt ihm ihre Geschichte und schildert die Gründe, warum sie fortgegangen ist. Sie spricht von ihren Ängsten und das ständige schlechte Gewissen, da ihre Kinder ohne sie aufwachsen müssen.
    Der dritte Teil zeigt die Perspektive der Tochter Angelica, Manuels ältere Schwester. Sie hat die Verantwortung für ihren Bruder zu übernehmen, sich nicht gewünscht. Doch durch die Arbeit ihrer Mutter konnte sie studieren und eine andere Zukunft aufbauen.

    Unaufgeregt erzählt Marco Balzano diese Geschichte von einer rumänischen Arbeiterin, die Land und Familie verlässt. Durch den Wechsel der Perspektiven werden nicht nur Gedanken und Gefühle der Protagonisten sichtbar, sondern auch die Vielschichtigkeit des Themas.

    Fazit
    Auch in diesem Roman „Wenn ich wiederkomme“ hat Marco Balzano seine Stimme Themen und Menschen geliehen, die neben der großen Weltgeschichte nicht gesehen und nicht wahrgenommen werden.
    Das zentrale Thema des Romans ist das armutsbedingte Leben, das dazu zwingt, die Familie und die Heimat zu verlassen, um anderswo bessere Chancen zu finden.
    Marco Balzano Roman spricht ein wichtiges Problem unserer europäischen Gesellschaft an: die Suche nach Arbeit.
    Geprägt in einer Zeit der immer älter werdenden Gesellschaft, die Pflege und Betreuung benötigt, versuchen vor allem Frauen ihr Glück in der Fremde als Pflegerinnen.
    Gleichzeitig wird die Einsamkeit in der Fremde und auch die psychische Belastung, die ihre Arbeit mit sich bringt, deutlich spürbar.

    Danielas Traum vom angeblich besseren Leben in Italien bekommt den Namen: „Italienkrankheit“

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    09. Okt 2021 

    Der Preis für ein besseres Leben

    Heimlich verlässt Daniela ihre Familie um in Italien als Altenpflegerin zu arbeiten. Der Job soll ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen; eine gute schulische Ausbildung und ein Leben ohne finanzielle Probleme. Doch der 14-jährige Sohn Manuel und seine acht Jahre ältere Schwester Angelica können die Entscheidung ihrer Mutter nicht akzeptieren. Das Gefühl verlassen zu werden verstärkt sich, als kurze Zeit später auch der Vater weggeht, um in einem fremden Land nach Arbeit zu suchen.

    Auch Daniela ist in Italien unglücklich. Sie vermisst ihre Familie und leidet unter der spürbaren Ablehnung ihrer Kinder. Als sie vom schweren Unfall ihres Sohnes erfährt, fährt sie sofort nach Rumänien zurück.

    Im Krankenhaus weicht sie nicht vom Bett ihres schwer verletzten Sohnes ab und erzählt Manuel, der nicht ansprechbar ist, ihre Geschichte. Es ist eine bewegende Geschichte, die Danielas Beweggründe und ihre Pläne klar und überschaubar macht. Trotzdem kann mich Daniela als Mutter nicht überzeugen. Zwar kann ich ihre Gefühle und Ängste besser verstehen, aber mir fehlt das Verständnis für ihr Verhalten.

    Der Grund dafür ist mit aller Wahrscheinlichkeit der Anfang dieser Geschichte, der aus Sicht von Manuel im ersten Teil des Romans erzählt wird. Der Titel dieses Abschnitts „Wo bist du“ unterstreicht klar und deutlich, wie schmerzhaft Mutters heimliches Weglaufen für den 14-jährigen Manuel ist. Es ist der Teil des Romans, der mich am meisten berührt hat.

    Im dritten Teil des Buches kommt Angelica zu Wort. Auch bei ihr haben die Entscheidungen der Eltern tiefe Spuren hinterlassen und neue Weichen für ihre Zukunft gestellt.

    In dem Roman „Wenn ich wiederkomme“ spricht Marco Balzano einige wichtige Probleme unserer europäischen Gesellschaft an. Es ist vor allem die Migration auf der Suche nach Arbeit. Und es ist auch die immer älter werdende Gesellschaft, die Pflege und Betreuung benötigt. Diese undankbaren Aufgaben übernehmen vor allem Frauen aus den Ländern, in denen der Lebensstandard niedriger ist als in dem ersehnten „Traumland“. Im Roman von Marco Balzano ist Italien dieses Traumland. Danielas Traum vom angeblich besseren Leben in Italien bekommt den Namen „Italienkrankheit“.

    Nüchtern und kompromisslos erzählt Balzano von den schlimmen Nebenwirkungen dieser „Krankheit“, über ihre Auswirkung auf die Betroffenen und auf ihre Familien. Er skizziert schonungslose Bilder der harten Realität, bewegt zum Nachdenken und Wiedergutmachung.

    Ein bemerkenswerter Roman!

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  1. Wer kümmert sich?

    Eine Familie in Rumänien, beide Eltern haben keine Arbeit, die Kinder Manuel und Angelica wenige Perspektiven. Da beschließt die Mutter Daniela, heimlich, zu gehen. Nach Italien, um dort als Altenpflegerin zu arbeiten. Bald verabschiedet sich auch der Vater. Manuel, der zu dieser Zeit ein pubertierender Jugendlicher ist, findet keinen Halt. Bis ein Unfall seine Mutter wieder zurück zur Familie führt.

    Marco Balzano spricht hier für viele Frauen, für viele Familien, die ein ähnliches Schicksal teilen wie Daniela und ihre Kinder. „Wenn ich wiederkomme“ hat ein wichtiges und notwendiges Thema zum Inhalt. Die Arbeitsmigration osteuropäischer Frauen hinterlässt eine Leere in den Familien. Sie selbst arbeiten und leben weiterhin in prekären Verhältnissen, oft schwarz, über- und unterqualifiziert gleichermaßen, von der Hand in den Mund, dem Wohlwollen der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen ausgeliefert. In Italien hat sich offenbar sogar das Wort „Italienkrankheit“ etabliert, welches die physischen und psychischen Belastungen der Pflegerinnen zusammenfasst. Mehr dazu kann man auch im Nachwort des Autors zum Buch lesen.

    „…keiner kümmert sich um die, die sich kümmern…“

    In diesem Roman erfahren wir von Manuel, Daniela und Angelica, wie sie mit diesem Leben zurechtkommen müssen. Daniela muss wohl so sein, nach außen hin abweisend, um ihre Schuldgefühle zu verbergen. Damit macht sie es aber der Leserin auch nicht leicht, mit ihr mitzufühlen. Mit ihrem Fortgehen sichert Daniela zwar finanziell die Zukunft ihrer Kinder ab, die emotionale Leere lässt sich dadurch nicht füllen. Entfremdet kehrt sie wieder, es ist ein schwieriger Annäherungsprozess, die Distanz und Sprachlosigkeit vorherrschend. Die Entfernung ist für die Leserin allzu deutlich, das mag mit ein Grund sein, warum ich zwar die Personen und ihr Handeln nachvollziehen kann, ich aber nicht berührt wurde.

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  1. Lesenswert

    Daniela ist eine von vielen Müttern, die ihr Heimatland Rumänien verlässt, um anderswo Arbeit zu finden und ihen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Es verschlägt sie nach Mailand, wo sie wie so viele andere Menschen aus Osteuropa als billige Arbeitskraft in der Pflege für Kinder und Alte eine Anstellung sucht. Für sie ist dieser Schritt nicht einfach - sie muss ihre Familie zurücklassen und alles, was sie kennt. Doch auch Danielas Kinder, besonders ihr Sohn Manuel, leiden unter der Trennung.

    Im ersten Teil des Romans stehen die Gedanken und Gefühle Manuels im Mittelpunkt. Er muss damit zurechtkommen, dass seine Mutter plötzlich fort ist und er nur noch telefonisch mit ihr Kontakt haben kann. Das Geld, das sie verdient, schickt sie ihrer Familie nach Hause - aber kann das wirklich ein Ersatz für ihre Liebe und eine intakte Familie sein? Im zweiten Teil wird dann die Perspektive der Mutter geschildert; ihre Gründe fortzugehen, ihre Ängste und das ständige schlechte Gewissen, weil ihre Kinder ohne sie aufwachsen müssen. Im letzten Abschnitt kommt dann Manuels ältere Schwester Angelica zu Wort, die jahrelang die Verantwortung für ihren Bruder getragen hat und diesen Druck, die Familie zusammenhalten zu müssen, nun nicht mehr weiter hinnehmen und aus ihrem alten Leben ausbrechen will.

    Zentrales Thema des Romans ist die armutsbedingte Migration. Danielas Situation ist alles andere als ein Einzelfall, sie steht exemplarisch für unzählige Andere, die ihre Heimat und die Familie zurücklassen, um anderswo bessere Chancen zu finden. Der Ansatz, mit der Prespektive Manuels zu beginnen, hat mir dabei sehr gut gefallen - denn seine Wut, seine Verzweiflung über den Verlust der Mutter sind so gut beschrieben, dass ich deren eigene Verzweiflung danach umso eingängiger nachempfinden konnte. Die Alternativlosigkeit, weil sie in einer Gegend aufgewachsen ist, in der große Armut für die Mehrheit zum Alltag gehört. Ihre Einsamkeit, als sie ohne ihre Kinder und ihren Mann in einem fremden Land von vorne anfangen muss, die körperliche und psychische Belastung, die ihre Arbeit dort oft mit sich bringt. Das alles wurde deutlich spürbar.

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  1. Fluch und Segen zugleich

    Klappentext:

    „Sie lassen die eigene Familie zurück, um sich um fremde Menschen zu kümmern – die Frauen aus Osteuropa. Daniela ist eine von ihnen. Sie arbeitet in Mailand, rund um die Uhr, ist zuverlässig und liebevoll als Pflegerin und als Kinderfrau. Doch je mehr sie fremden Familien hilft, desto heftiger vermisst sie die eigenen Kinder. Als ihrem heranwachsenden Sohn etwas zustößt, muss sie eine Entscheidung treffen.“

    Ich muss gestehen, ich bin Marco Balzano’s Worten immer schon verfallen und so auch hier. In seiner aktuellen Geschichte greift er ein Thema auf, das so einige Menschen gern als Tabu- oder Grauzone bezeichnen würden, ich hingegen nenne sie „Menschen die helfen müssen, weil sie finanziell nicht anders können“. Die Geschichte hier rund um Daniela, die ihre Familie wegen der Arbeit verlässt, in ein anderes, fremdes Land mit fremden Kulturen geht um Geld zu verdienen, als Pflegerin, Kinderfrau arbeitet. Für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit das wir „Osteuropäer“ als Pflegekräfte anheuern, aber steckt doch hinter jedem dieser Menschen auch eine Geschichte und eine Seele die auch Leid erfährt, obwohl sie sich selbst tagtäglich um Leid kümmert, es versucht, dieses Leid ein wenig lebenswerter zu machen…..Marco Balzano hat hier mit seiner klaren und heftigen Sprache den Kern der Thematik getroffen. Er schreibt unverfroren ehrlich, gefühlvoll und äußerst emotional über Protagonistin Daniela, dass man komplett mit ihr mitfühlt und ja, auch leidet. Man kann als Leser die eine Seite der Medaille verstehen aber auch die andere, die, die gern vergessen und verdrängt wird….Dürfen wir uns einen Menschen für Geld „kaufen“, nur um das er uns bedingungslos hilft und dabei seine eigene Welt hinten anstellt oder gar verdrängen soll? Sie merken schon, diese Geschichte hier wirft nicht nur viele ethische Fragen auf, sondern hat auch sehr sehr viel Gesprächspotential und vor allem, spricht die Geschichte ein großes gesellschaftskritisches Thema an. Balzanos Wortspiel ist dabei nie wertend sondern mahnend und genau da liegt der feine Unterschied. Der aufmerksame Leser wird hier sogar noch mehr entdecken und bekommt, wie immer eigentlich bei Balzano, ein echtes Schmuckstück und Lesehighlight in der Literaturwelt! 5 von 5 Sterne!

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  1. Ein dreistimmiger Familienroman

    Der für die Rezension gewählte Titel ist ein Zitat aus dem Kapitel Nachbemerkung, das am Ende des Buches steht. Gehört meiner Meinung nach zum wichtigsten Teil des Buches, als Vorwort hätte ich es noch besser gefunden. Als Vorbereitung auf das Buch.
    Schon hier mache ich deutlich, dass das Buch drei Erzählstränge hat. Die beiden Kinder der Rumänin Daniela, die als Pflegekraft nach Italien geht und auch sie selbst, kommen jeweils mit einem eigenen Kapitel zu Wort. Hierbei geht es nicht nur um die Beweggründe der Mutter wegzugehen, auch um die Folgen für die in Rumänien Zurückbleibenden. Der Vater kommt per se schon mal nicht zu Wort, kurz gesagt er "taugt nichts".
    Das Thema Pflegekräfte die in Deutschland fern der Heimat ihr Leben führen müssen betraf mich bisher wenig. Eigene Erfahrung noch keine, wenn Bekannte erzählten stand immer im Mittelpunkt der Gespräche was für eine Perle manche seien, wie schwierig andere. Die Perlen bekamen immer Extras wie ausrangierte Kleidung für ihre Kinder und wenn man ihnen ermöglichte mit anderen Pflegekräften einmal im Monat einen Kaffee zu trinken, dann galt man schon als sozialer Arbeitgeber.
    Die Kluft zwischen arm und reich ist und bleibt gross und ungerecht. Viele versuchen sie zu überwinden, aber oft kommt das wovor man flieht in anderer Form wie ein Bumerang zurück. Bumerang, so heisst auch passenderweise eine Kapitelüberschrift in diesem Buch.
    Der Roman sensibilisiert hoffentlich einige Leser für das Thema ausländische Pflegekräfte, geändert werden müsste aber so viel mehr.

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  1. 5
    27. Sep 2021 

    Italienkrankheit...

    Sie lassen die eigene Familie zurück, um sich um fremde Menschen zu kümmern – die Frauen aus Osteuropa. Daniela ist eine von ihnen. Sie arbeitet in Mailand, rund um die Uhr, ist zuverlässig und liebevoll als Pflegerin und als Kinderfrau. Doch je mehr sie fremden Familien hilft, desto heftiger vermisst sie die eigenen Kinder. Als ihrem heranwachsenden Sohn etwas zustößt, muss sie eine Entscheidung treffen. (Klappentext)

    Erster Satz: „Du hättest eigentlich gar nicht geboren werden dürfen.“

    Wer schon einmal in der Situation war eine Entscheidung treffen zu müssen, wie ein pflegebedürftiger Angehöriger am besten versorgt werden kann, der wird sich auch mit der Thematik „Pflegerin aus dem Osten“ auseinandergesetzt haben. Kaum jemand jedoch wird in diesem Zusammenhang darüber nachdenken, wie es diesen Pflegerinnen bei ihrer Arbeit ergeht. Und was die Entscheidung, für diese im Verhältnis gut bezahlte Arbeit ihr Land und ihre eigene Familie zu verlassen, für die Frau und ihre Angehörigen eigentlich bedeutet. Marco Balzano hat sich mit diesem in vielen westlichen wie östlichen Ländern aktuellen Thema auseinandergesetzt, und sein neuester Roman liefert dazu ein bedrückendes und mahnendes Bild.

    „Wenn ich wiederkomme“ ist ein dreistimmiger Familienroman, der in drei Teile gegliedert ist und aus wechselnden Ich-Perspektiven erzählt wird.

    Als Erster kommt der anfangs 12jährige Manuel zu Wort, den das heimliche Verschwinden seiner Mutter ins ferne Mailand sehr trifft. Sein Vater Filip ist keine wirkliche Unterstützung, er war immer schon labil und unzuverlässig, und so wundert es kaum, dass er sich weder um seine Kinder noch um den Haushalt kümmert, sondern bald ebenfalls die Familie verlässt. Manuel schwankt zwischen großer Einsamkeit, Sehnsucht und Wut auf seine Mutter, die bald einsetzende Pubertät macht es nicht leichter. Weder seine acht Jahre ältere Schwester noch die Oma, die die Kinder versorgt, bieten dem Jungen den notwendigen Halt. Und als der Großvater stirbt, dem Manuel sich als Einzigem noch nahe fühlte, droht die Einsamkeit ihn zu überwältigen.

    „Als meinem Vater klar wurde, dass seine Frau sich davongemacht hatte, begann er, die Tür mit Tritten zu traktieren und mit den Fäusten gegen die Wand zu schlagen, während ich hinaus unter die Pergola ging und so laut ihren Namen schrie, dass es nach einer Weile sogar Papa zu viel wurde…“

    Im zweiten Teil des Romans erfährt der Leser aus Sicht der Mutter Daniela die Gründe für ihr heimliches Verschwinden aus dem kleinen Dorf in Rumänien sowie einen Einblick in ihr Leben mit ihren wechselnden Stellen in Mailand, immerhin bereits vier Jahre lang. Daniela spart jeden Cent, um ihre daheim gebliebene Familie finanziell zu unterstützen. Außer Zigaretten gönnt sie sich nichts, und neben schwerer körperlicher Arbeit laugt das ständige Kreisen um die alternden Menschen am Ende ihres Lebens mit ihren diversen körperlichen und geistigen Gebrechen die junge Frau zunehmend aus. Durch regelmäßige Telefonate versucht Daniela, den Kontakt zu ihren Kindern zu halten, doch nur zu bald wird deutlich, dass das auf diese Entfernung kaum geht und dass man sich nicht mehr viel zu sagen hat.

    „Ich muss nur einen Weg finden, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, damit es ihm an nichts fehlt, aber die Wahrheit interessiert mich nicht (…) Die ganze Vergangenheit interessiert mich nicht. Wäre die Erinnerung ein Stück Holz, ich würde sie ins Feuer werfen. Und dann zuschauen, wie sie zu Asche verbrennt.“

    Der dritte Teil widmet sich schließlich Danielas Tochter Angelica, von der die Mutter erwartet hat, dass diese nicht nur einen guten Schulabschluss macht und anschließend studiert, sondern dass sie sich als acht Jahre ältere Schwester auch um Manuel und den Haushalt kümmert. Eine zwangsläufige Überforderung, die mit Schuldgefühlen und Abwehr einhergeht, und trotz der Dankbarkeit Angelicas für die Möglichkeit eines Studiums und damit eines anderen Lebens als das der Mutter, bleiben auch Zorn, Unverständnis und Ablehnung.

    „Ich hätte so gern weniger Angst vor der Liebe, die mich mit ihr verbindet, vor dem Schicksal, das ihrem ähneln könnte. Ich hätte gern weniger Angst davor, dass ihr ausgemergeltes Gesicht mit der Zeit zu meinem wird.“

    „Heimat und Entwurzelung“ – diesen Begriffen bleibt Marco Balzano auch in diesem Roman treu. Eindringlich schildert er anhand seiner fiktiven Figuren die psychischen wie sozialen Folgen dieser so besonderen Arbeits- und Lebenssituation. Ein Weiterleben mit und trotz der Entscheidungen anderer, die man selbst nicht gefällt hätte und die es schwer machen, seinen eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Distanziert aber dennoch gefühlvoll gewährt der Autor dem Leser Einblick in das Erleben der verschiedenen Familienmitglieder, der Schreibstil ist einfach aber eingängig und dabei oftmals wie kurz angebunden, was zur Verletzlichkeit der erzählenden Personen passt, die durch die spröde Art sich zu geben sich selbst zu schützen versuchen. Ein melancholischer Ton durchzieht die Seiten, spürbar die Einsamkeit und Trostlosigkeit – mich hat die Erzählung oftmals ergriffen.

    Familien, die auseinanderbrechen, Frauen, die sich entwurzelt fühlen, Kinder, die auf der Strecke bleiben. Dieses Ausmaß an „Kollateralschäden“ hätte ich so nicht vermutet. Und doch geht es noch schlimmer, wie der Autor in seinem aufschlussreichen Nachwort erläutert. Nicht wenige Kinder rumänischer Frauen, die sich gezwungen sehen, im Ausland für das Auskommen ihrer Familien zu sorgen, können nicht von Angehörigen zu Hause betreut und verpflegt werden, sondern landen als „Eurowaisen“ in staatlichen Heimen, denen es finanziell aber ebenfalls nicht gut geht. Dazu kommt noch oftmals eine Burnout-Problematik hinzu, die die Frauen fast zwangsläufig befällt, weil sie sich um fremde Menschen mit schweren Gebrechen in einem fremden Land mit einer fremden Sprache kümmern müssen und kaum noch ein eigenes Leben führen können, während die Mitglieder der eigenen Familie ihnen immer fremder werden und sie ihre Rolle als Mutter nicht länger erfüllen können. „Italienkrankheit“ nennen Balzano (und die Psychologen) das - seine Recherchen zu dem Roman hat der Autor im Wesentlichen auf rumänische Pflegerinnen in Italien fokussiert.

    „Wer eine Geschichte erzählen will, muss ihr zuhören können: Die Worte dieser Frauen, Kinder und Jugendlichen sind der Keim, aus dem dieses Buch geboren wurde. Es zu schreiben, war für mich ein Versuch der Wiedergutmachung.“

    „Wiedergutmachung“ scheint allerdings ein hehres Ziel… In jedem Fall aber hat Marco Balzano mit seinem bedrückenden Roman diese sich einander so ähnelnden Schicksale der Familien sichtbar gemacht, deren Mütter sich aus finanzieller Not heraus entschließen, ganz unabhängig von ihrem bisherigen Leben und ihren eigentlichen Qualifikationen, als Pflegerin in Italien zu arbeiten. Ein Schicksal, das hier beispielhaft und eindringlich dargestellt wird und das den Leser nachdenklich zurücklässt.

    Unbedingt lesenswert!

    © Parden

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