Wellness

Rezensionen zu "Wellness"

  1. "Das war der einzige Wirkstoff: Glaube."

    Mein Hör-Eindruck:

    Elizabeth und Jack, jung, dem lieblosen Elternhaus entflohen, die Zukunft vor Augen, jeder in einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung in einer Künstlersiedlung – was für eine wunderschön erzählte Liebesgeschichte! Er stammt aus einer kleinen Farm in der Prärie von Kansas, sie dagegen aus einer gewissenlos reich gewordenen Familie. Aber die Gegensätze sind unwichtig, die Liebe fegt sie hinweg. Das Herz des Lesers geht auf, man möchte nochmals 20 sein!

    Einige Jahre später sieht die Sache anders aus. Jack ist Kunstdozent und fabriziert die immer selben fotografischen Kunstwerke, und Elizabeth arbeitet als Neuphysiologin im Institut „Wellness“. Hier testet sie die Wirkung von unterschiedlichsten Placebos an Patienten, die nicht wissen, dass sie Teil einer Versuchsreihe sind. Sie erkennt: das Placebo erhält seine Wirkung durch die Erzählung, die damit verbunden wird.

    Und damit ist der Roman beim Thema: Was ist Wahrheit? Was ist Realität, und was ist Künstlichkeit? Ist Wahrheit das, was man glaubt?

    Dieses Thema dekliniert der Autor immer wieder in verschiedenen Variationen durch. So erzählt er z. B. sehr ausführlich von Jacks Vater, der sich dem damals neuen Internet annähert und bei facebook landet. Hill erklärt in einem längeren Einschub das Funktionieren und vor allem die Auswirkungen der Algorithmen, die die Informationen filtern und passgenau dafür sorgen, dass der Vater immer tiefer in abstrusen Verschwörungstheorien versinkt. Die Diskussionen zwischen Vater und Sohn haben etwas Beklemmendes, weil jeder seine Wahrheit beweisen kann und will der Verschwörungstheoretiker nicht erkennt, dass seine Wahrheit von Algorithmen zusammengestöpselt wurde und nur ein technisches Produkt ist.

    Dieses drängende Thema – die Relativität der Wahrheit bzw. der Placebo-Effekt der Wahrheit – handelt der Autor in ganz unterschiedlich getönten Episoden ab. Heitere, satirische und komische sind dabei, wie z. B. der Besuch in einer Art Swingerclub, aber auch sehr beklemmende, wenn Elizabeth Placebos herstellt und verkauft und ihre Patienten bewusst täuscht.

    Schließlich muss sich das Paar auch die Frage stellen, ob ihre eigene Beziehung auch nur ein Placebo ist und nur deswegen funktioniert hat, weil sie so fest daran glaubten.

    Alle Szenen des Romans werden verwürfelt erzählt, trotzdem verliert der Leser/Hörer niemals den Überblick über die Zusammenhänge. Episode für Episode enthüllen sich dem Leser immer deutlicher diese Zusammenhänge, und hier sind es ungemein eindringliche Szenen von Schuld und Schuldzuweisung, von Egomanie, Leid, seelischer Grausamkeit und Einsamkeit. Szenen, die man nicht vergessen kann.
    Nicht zuletzt dank der perfekten Vorlesekunst von Uve Teschner.

    Fazit: Ein gewaltiges Panorama, ein Zeit- und Gesellschaftsroman und ein aufwühlender Roman über menschliche Schicksale.

    Ganz große Lese-Empfehlung!

    Teilen
  1. Hier haben sogar die Teller Namen

    21 Tage habe ich gebraucht für diese 732 Seiten, macht knapp 35 Seiten pro Tag, mein üblicher Durchschnitt. Meistens fiel das Lesen leicht und es war spannend und erhellend. Aber oft kamen auch endlose Seiten mit nichts als Geschwafel. Ich bin davon überzeugt, dass nicht einmal der eingefleischteste Kunstliebhaber dies hätte lesen mögen.

    Soll heißen: an den richtigen Stellen gekürzt, so etwa auf 600 Seiten – ja auch das Abbrennen in der Prärie war teils Geschwafel – und die hätten dann auch gereicht. Dies zu Gunsten der Lektüre, sie wäre entscheidend flüssiger gewesen.

    Wir haben hier also einen Eheroman, der zeitlich in die Digitalisierung hereinreicht. Es werden etwa zwanzig Jahre der Ehe von Elizabeth Augustine und Jack Baker verfolgt. Irgendwann kommt Toby dazu. Ihr erstaunlicher Junge, der leider zu Wutanfällen neigt. Die hat er vom Opa Augustine geerbt.

    Jack stammt aus der Kansas-Prärie. Sein Vater, Farmer Lawrence, ist meistens gebührenpflichtig damit beschäftigt das Gras der Prärie abzubrennen. Die hoch religiöse Mutter schaut unentwegt fern. Eine ältere Vorzeigeschwester, Evelyn, gibt es auch noch. Ganz jung entflieht Jack aus dieser geistigen Enge nach Chicago.

    Ein Glanzstück des Romans ist die Beerdigungsfeier von Lawrence, ab S. 602. Stilistisch gewagt, ich fand’s großartig – und oh – da fehlte doch jemand – oder etwa nicht?

    Lobend erwähnen möchte ich auch die gelegentliche Systemkritik, z. B. auf S. 67: „Die industriellen Mächte, die über uns herrschen, wollen nicht, dass wir wissen, wie ungesund das Atmen heutzutage ist …“
    Oder auf S. 234: „... das Gesundheitsministerium habe ein Patent auf das Ebolavirus und wolle die Seuche auf Amerika loslassen, um aus dem Impfstoff Profit zu schlagen; Ebola könne durch hoch dosiertes Vitamin C geheilt werden.“ Bzw., S. 438: „Und wenn Menschen Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit fällen, sollten sie sich darauf verlassen können, dass sie nicht angelogen werden.“

    Oder Erkenntnisse, die für mich gänzlich neu waren, S. 187: „… dass aus Kindern, die Angst vor neuen Speisen hatten, Erwachsene wurden, die Angst vor neuen Situationen, neuen Orten und sogar neuen Kontakten hatten …“

    Zwischen großartig und schwafelig auch die beschriebenen Facebook-Manipulationen. Und als Jack sich mit seinem Vater via FB streitet, wäre auch weniger mehr gewesen. Alles über – sage und schreibe – 52 Seiten!

    Elizabeth dagegen stammt aus einer reichen, sehr reichen, Familie, sozusagen aus einer Abzocker Dynastie. Wo jeder der männlichen Vorfahren finanziell über Leichen gegangen ist. Deshalb will sie mit diesem ganzen Materialismus nichts mehr zu tun haben und flieht nach Chicago.

    Jack lehrt als Dozent ungewöhnliche Fotokunst. Und E. hat eine maßgebliche Stelle bei Wellness, dem titelgebenden Institut, das sich hauptsächlich mit der Wirkung von Placebos beschäftigt.

    M. E. versucht der Roman, bzw. der Autor, an zu vielen Stellen Aufmerksamkeit zu erregen. Bei mir entstand so das Gefühl, dass aus jedem Dorf ein Hund näher betrachtet werden müsse, bis tief ins Fell hinein, damit noch jedem Floh ins Gehirn geleuchtet werden könnte. So verzettelt sich der Autor in Details, die allerdings teilweise hoch interessant sind. Auch wenn man sich am Ende fragt: Was habe ich da eigentlich gelesen? Und worum ging es überhaupt?

    Trotz allem konnte ich mit den Protagonisten nicht warm werden und hätte mit keinem von ihnen befreundet sein mögen. Zum Thema Freundschaft: Hier fiel mir noch auf, dass Freunde hier rar gesät sind, bei ihr gibt es Eintagsfliegen und bei ihm (und auch ihr) eigentlich nur den Bauleiter von The Shipworks: Ben Quince.

    The Shipworks ist ein sehr umstrittenes Bauvorhaben, in das E. und J. investiert haben. Für eine zukünftige Eigentumswohnung. Das viele Geld dafür hat E. bei einem sehr zweifelhaften Projekt verdient.

    Fazit: Alles in allem hat mich das Buch nicht so überzeugt, auch wenn ich drangeblieben bin. Aber einige verblüffende Erkenntnisse hat es schon gebracht, deshalb 3 Sterne. Hätte das Lektorat es verstanden, den Roman auf etwa 600 Seiten einzudampfen, wären es bei mir sicher 4 Sterne geworden.

    Teilen
  1. Ein grandioser amerikanischer Gesellschaftsroman

    Kunststudent Jack und Psychologiestudentin Elizabeth treffen 1993 in Chicago aufeinander. Elizabeth stammt aus einer sehr alten und wohlhabenden Familie. Jack ist in den Great Plains von Kansas als Farmersohn aufgewachsen. Beide sind dem Korsett, der Lieblosigkeit und den Erwartungen ihrer Elternhäuser in die Anonymität der Großstadt entflohen. Man spürt von Beginn an, dass bedeutsame Ereignisse ihrer Vergangenheit im Dunkeln lauern, die ihre Tentakel ausstrecken und die Protagonisten bis in die Gegenwart hinein verfolgen. Sie können ihre Herkunft nicht verleugnen. Trotz aller Unterschiede verlieben sich Jack und Elizabeth ineinander. Sie zelebrieren ihre Liebe, scheinen füreinander bestimmt zu sein. Mit der Geburt von Sohn Toby bekommt die Beziehung allerdings erste Risse, die sich später im Kauf und der Ausgestaltung einer gemeinsamen Wohnung mit getrennten Schlafzimmern manifestieren. Als Leser begleiten wir Elizabeth und Jack über Höhen und Tiefen des Ehelebens über rund 20 Jahre.

    Die Analyse dieser langjährigen Paarbeziehung stellt Nathan Hill in den Fokus seines Romans. Er tut das als stiller Beobachter. Wir dürfen den Protagonisten auf ihren Wegen folgen, die auch immer wieder Szenen aus ihren Herkunftsfamilien zeigen. Dadurch bekommt man stetig wachsende Kenntnisse über die Figuren, so dass man ihre Verhaltensweisen besser verstehen kann. Der Autor spannt einen weiten Erzählbogen, dem man trotz seiner Zeitsprünge gerne folgt. Der Erzählfaden wird stets thematisch verknüpft und wieder aufgenommen. Er zeigt dabei nicht nur eine Paarbeziehung, sondern die gesamte moderne Gesellschaft im Wandel. Welchen Einfluss haben das worldwide Web, soziale Medien, Computerspiele oder Algorithmen auf unser Leben? Der Zeitgeist wird süffisant anhand vieler Beispiele vorgeführt, sei es in der Kunst, der Kindererziehung, im Beschwerdemanagement, im Streben nach ewiger Jugend oder dauerhafter Leidenschaft und vielem mehr. Dabei spielen technischer Fortschritt, Pseudowissenschaft, Gesundheitsarmbänder oder Verschwörungstheorien eine Rolle. Elizabeth sitzt durch ihre Arbeit beim „Wellness“- Institut an der Quelle, um so manches Kuriosum aufzudecken. Dort setzt man Placebos und Suggestivgeschichten ein, um individuelle Probleme zu lösen. Jack muss sich indessen an der Kunsthochschule mit Likes und Followern gegen die omnipräsenten Sparzwänge der Verwaltung behaupten, die seinen Job bedrohen. Dazu kommt, dass renitente Protestler gegen das Wohnungsbauprojekt, in dem sämtliche Ersparnisse des Ehepaars stecken, mobil machen. Es mangelt nicht an Handlung in diesem fulminanten Roman. Schein, Sein und Täuschung sind durchgängige Motive.

    Auch die Nebenfiguren rund um die kleine Familie wurden mit Komplexität angelegt. Jack und Elizabeth haben das intensive Bedürfnis, dazuzugehören. So melden sie ihren Sohn an der Schule an, die zu ihrer zukünftigen wohlhabenden, konservativen Wohngegend gehört. Die daraus resultierenden Begegnungen zeichnen sich durch Exzentrizität mit Spaßfaktor aus. Hill versteht es, hinter die bürgerlich scheinheiligen Fassaden zu führen, die vielfach aus Oberflächlichkeiten und Traumwelten bestehen. Der Autor verfügt über einen ungeheuren Ideenreichtum, er zeigt uns die amerikanische Gesellschaft als wahres Kuriositätenkabinett. Dabei überzieht er bewusst launig, sein Ton ist facettenreich. Er beherrscht die Klaviatur der Stimmungen, wechselt vom Sachlichen ins Philosophische und zeigt viel Humor, ohne jemals platt zu werden. Seine anschaulichen Beschreibungen suchen ihresgleichen. Das gilt nicht nur für das Chicagoer Umfeld, sondern insbesondere auch für die eigentümliche Villa von Elizabeths Eltern sowie die nur auf den ersten Blick eintönige Prärielandschaft, die Jacks Zuhause war.

    Nathan Hill ist ein wunderbarer Erzähler und Kenner der menschlichen Psyche. Er beobachtet genau, beherrscht sein Metier und setzt auf starke Symbolik, wo sie passt. Die Dialoge haben Esprit, der Text glänzt mit zahlreichen klugen und nachdenklichen Passagen, die sich den großen Lebensfragen zuwenden. Dabei gerät das Ehepaar nie aus dem Blick. Zum Ende hin hat der Leser Kenntnis über die maßgeblichen Familiengeheimnisse, wodurch der Roman zunehmend an Ernsthaftigkeit und auch Tragik gewinnt.
    Ich bin begeistert von der Themenvielfalt dieses Romans, der trotz seiner 728 Seiten niemals langweilig wird. Nathan Hill hat nach seinem Roman „Geister“ (2016) auf beeindruckende Weise nachgelegt.

    Große Leseempfehlung!

    Teilen
  1. 5
    30. Dez 2023 

    Porträt einer Ehe und noch so viel mehr

    In diesem mehr als 700 seitenlangen Roman lernen sich Elizabeth und Jack als junge Studenten in Chicago Anfang der 1990er Jahre kennen. Der Leser begleitet das Paar sodann auf seinem Lebensweg bis in die 2010er Jahre.

    Die beiden heiraten, werden Eltern, fassen beruflich Fuß, wie das Leben eben so spielt. "Kommst Du", fragt Jack im ersten Kapitel des Romans Elizabeth nach dem Auftritt einer angesagten Szeneband in einer heruntergekommenen Künstlerbar in Chicago. Und sie folgt ihm. Der Leser wird Zeuge einer hoch romantischen Begegnung zweier Seelen, die sich gefunden haben.

    Oder ? Mitnichten, schon das zweite Kapitel, Jahre später, trägt den Titel "getrennte Schlafzimmer". Beim Leser stellt sich Ernüchterung ein. Gespannt verfolgt man den Werdegang wie auch die familiären Vorgeschichten der Protagonisten, die in eingestreuten Rückblenden entblättert werden. Jack, Sohn eines Farmers aus den Flint Hills in Kansas; Elizabeth, Tochter steinreicher Eltern, die ihr Vermögen über Generationen durch ausbeuterische Geschäfte und legale Täuschungsmanöver angehäuft und erhalten haben.

    Beide haben traumatische Kindheitserlebnisse, Jack durch eine kaltherzige Mutter; Elizabeth durch einen cholerischen Vater; beides herzzerreißend beschrieben und zu lesen. Jack und Elizabeth brechen den Kontakt zu den Eltern ab und gehen zum Studium nach Chicago.

    Doch dieser Roman kreist um so viel mehr als nur um die Geschichte von Elizabeth und Jack. So spiegeln die beschriebenen Nebenfiguren die Befindlichkeiten und die Grundstimmung der Zeit, in der dieser Roman spielt, genial wider. Alle diese Figuren haben mir sehr gut gefallen: der stets die Risiken seiner Projekte im Blick habende langjährige Freund und Geschäftsmann Benjamin; die scheinbar so perfekt und achtsame Freundin Bradie und, besonders eindrucksvoll, das polyamouröse Paar Kate und Kyle. All das ist so süffig zu lesen und wird so pointiert und mit einer Prise Humor beschrieben, dass es ein großes Lesevergnügen ist.

    Auch an Symbolik mangelt es nicht: das Feuer, insbesondere die großen durch die Farmer gelegten Präriefeuer in den Flint Hills, die zur Erneuerung der als Viehfutter dienenden Gräser dienen, wie das Feuer stets auch Vernichtung und Neuanfang in sich birgt; die Fledermäuse, die sich zu Hunderten unausrottbar in dem Familienanwesen der reichen Eltern Elizabeths eingenistet haben, ihren giftigen, zerstörerischen Kot hinterlassend wie ein Zeichen für die vergifteten Familienbeziehungen; das Unternehmen mit Namen Wellness, Arbeitsplatz von Elizabeth, das zunächst wissenschaftliche Studien zur Wirkungsweise von Placebos betreibt und schließlich Placebos verkauft, vordergründig um Menschen zu helfen, letztendlich aber auf einer Täuschung beruht, denn die Kunden ahnen nicht, dass sie Placebos verabreicht bekommen.

    Auch das Internet, facebook, tictoc und die Wirkungsweise von Algorithmen mit dem Ziel, Meinungsbildungen zu steuern und damit den Marktwert der "hilfsbedürftigen Nutzer" zu ermitteln und so zu kommerzialisieren, wird thematisiert. So verfällt der über 70jährige Vater von Jack den abstrusen Verschwörungstheorien, die auf facebook kursieren.

    Worum geht es also in diesem Roman ? Es geht um die Welt, in der wir leben. Darum, wie Menschen versuchen, sich in ihr zurecht zu finden; darum, wie sie zusammenfinden trotz aller Widrigkeiten und familiärer Prägungen. Es geht um Hoffnung und Glauben, um die Suche nach Halt in unsicheren Zeiten und um die vergebliche Suche nach Gewissheit.

    Denn, wie der ehemalige Leiter der Wellness Praxis, Dr. Sanborne, feststellt: "Gewissheit war nur die Geschichte, die sich der Verstand erdenkt, um sich gegen der Schmerz des Lebens zu verteidigen. Was quasi per Definition bedeutete, dass Gewissheit ein Weg war, dem Leben auszuweichen. Man konnte sich für die Gewissheit entscheiden, oder man konnte sich entscheiden, lebendig zu sein ".

    Besonders gefallen hat mir der Titel des letzten Kapitels des Romans: "Die menschliche Seele streift draußen umher wie eine Maus". Schließlich endet der Roman mit einer derart schönen Beschreibung, wie ich sie selten in einem Roman gelesen habe, ganz wunderbar ! Leider kann ich das nicht wiedergeben ohne zu spoilern. Also gebe ich ich eine unbedingte Leseempfehlung ab und würde gerne noch mehr als die möglichen 5 Sterne vergeben.

    Nathan Hill ist ein famoser Geschichtenerzähler. Großes Bravo !

    Teilen
  1. Von Verführung, Manipulation und der Prärie

    Kurzmeinung: Nathan Hill erneut on top.

    Als Jack und Elizabeth sich unter ungewöhnlichen Umständen in Chicago kennen und lieben lernen, werden sie das perfekte Paar. Nach ein paar Jahren heiraten sie, bekommen ein besonderes Kind, doch Routine schleicht sich ein. Während Jack damit zufrieden ist und es hingenommen hat, dass er nun einigermaßen etabliert ist, womit er nie gerechnet hätte und seine Liebe zu Elizabeth ungebrochen ist, ist das bei Elizabeth anders, sie wird unruhig. Braucht sie etwas Neues?

    Der Kommentar:
    Wie der Leser allmählich mitbekommt, aber nicht die Protagonisten, die einstweilen weiter im Dunkeln tappen, hat das schwerverliebte junge Paar in seiner intensiven Kennenlernphase, dem anderen jeweils entscheidende Eckdaten aus der Kindheit vorenthalten und/oder bis zur Unkenntlichkeit geschönt.
    Nathan Hill entwickelt die spezifischen Hintergründe seiner Protagonisten äußerst geschickt, behutsam und eloquent; hinter die Kulissen dieses Paars zu blicken ist nicht nur per se schon äußerst interessant, sondern von dort her leuchtet der Autor die Paarbeziehung ganz neu aus, so dass das Bild, das man als Leser anfänglich von Jack und Elizabeth hat, sich langsam dreht wie ein Karussell, es geht immer rund herum, es kommt Facette um Facette zusammen, bis sich das Bild gerundet hat und die Abgünde sichtbar geworden sind.
    Wir erfahren, dass Elizabeth aus der reichen Oberschicht stammt, mit einem Vater, mit dem nicht gut Kirschen essen gewesen ist, aufgewachsen ist und sie als Kind und Jugendliche an innerer Einsamkeit fast zugrunde geht. Jack dagegen ist ein Landei sehr bescheidener Provenienz. Er wird von der Mutter dominiert, die ihren gesamten Lebensfrust bei Jack ablädt, ihn emotional missbraucht und ihn klein hält. Nur seine große Schwester erkennt das Potential, das in Jack steckt und ermutigt ihn bei ihren seltenen Besuchen im Elternhaus. Ihretwegen ist er imstande, seine muffige Familie zu verlassen und so wird er, allerdings fast zufällig, ein gefragter Künstler der Chicagoer Szene.
    Nathan Hill beschreibt die einzigartige Schönheit der amerikanischen Prärie, erzählt die Geschichte ihrer Besiedlung und macht uns mit dem Phänomen gezielter Abfackelung der Weiden bekannt, denn Jacks Vater ist ein Spezialist für Brandrodung, ein gefährlicher Job. Hill zeigt uns auch anhand der Prärielandschaft, dass die innere Sicht die äußere Wahrnehmung bestimt. Wenn zwei Leute aus dem selben Fenster sehen, sehen sie nicht dasselbe! Während Jacks Schwester, die Malerin ist, in ihrer Malerei die Schönheit der Prärie einfängt, sieht der Vater, wenn er auf das Land blickt, nur brennbares oder nicht brennbares Material und die Mutter sieht nur langweilige Graswellen, eigentlich das Nichts, denn daraus besteht ihr Leben, ihrer Meinung nach. In seinen späteren Lebensjahren bekämpfen sich Sohn und Vater aus der Ferne via Facebook. Der Vater ist seltsamerweise ein Querdenker geworden. Jack kann es nicht fassen und will ihn eines Besseren belehren.

    Nathan Hill zeigt uns als Leser das tatsächliche Blatt, das die Protagonisten auf der Hand haben in ihrem Lebenspoker - denn wiederum wird Entscheidendes verschwiegen in den Facebookdisputen zwischen Vater und Sohn und zwar so lange, bis es zu spät ist. Keiner hat den anderen in sein Blatt schauen lassen, die perfekte Täuschung. Ist es in allen Beziehung so, dass das Entscheidende verschwiegen wird? Nathan Hill lässt uns darüber nachdenken. Überdies erklärt Nathan Hill anhand seiner Protagonisten auf unterhaltsame Weise, wie schnell man abgleitet, wenn man nicht weiß, wie ein Algorithmus funktioniert.

    Mit Elizabeth Familie versetzt uns der Autor dagegen in die Kolonialgeschichte zurück und kritisiert den Raubtierkapitalismus. Doch das Moralaposteln ist nicht Nathan Hills Ding, dem Moralismus begegnet Nathan Hill, indem er die Ausbeuterväter zitiert, die ihren Kindern vorhalten, dass sie von den Sünden der Vorvorväter alle profitieren. Und beruht nicht sozusagen alles im Westen auf Ausbeutung und ist nicht unser aller Luxus mit Blut und Tränen bezahlt? Der Heuchelei wird die Maske abgerissen.
    Mit Elizabeth beruflichem Werdegang, sie hat Psychologie und eine Reihe anderer geisteswissenschaftlicher Fächer studiert, versetzt uns Nathan Hill in die Welt der Pharmazie und der Placeboforschung, der sogenannten Wellness. Plötzlich erscheinen Elizabeth und Jacks Beziehung zueinander, aber auch diejenigen zu den Nachbarn und überhaupt allen, in einem völlig neuen Licht. Denn menschliche Beziehungen beruhen auf Verführung, Täuschung und Manipulation. Ist nicht die Liebe selbst eine Illusion?
    Dann wäre da noch der Immobilienmarkt und der sich überschätzende Immobilienhändler, dem Jack und Elizabeth ihre sämtlichen Ersparnisse anvertraut haben.

    „Wellness“ ist nicht ganz so brillant wie „Geister“, aber „Geister“ ist sowieso ein Ausnahmeroman, den man nur einmal schreibt im Leben. Trotzdem ist das Niveau Hills bei seinem zweiten Roman keineswegs gesunken. „Wellness“ ist Gesellschaftskritik auf höchster Ebene, in unnachahmlicher unterhaltsamer Weise präsentiert, nie platt, nie belehrend, ohne erhobenen Zeigefinger, dennoch höchst effektiv. Was wird Nathan Hill als nächstes schreiben? Was auch immer, ich will es nicht verpassen!

    Fazit: Speziell amerikanische und global-problematische Themen, wie zum Beispiel Kolonialgeschichte und die Immobilienblase, verbinden sich in Nathan Hills genial komponiertem Roman „Wellness“ aufs Beste und Unterhaltsamste. Jede Silbe davon habe ich genossen.

    Ich gebe eine Leseempfehlung.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
    Verlag: Piper, 2024

    Teilen
  1. 5
    26. Dez 2023 

    Scharfsinnig, humorvoll und mitfühlend

    Wann wird aus einem Lebensnarrativ Selbstbetrug? Warum wird die Entstehungsgeschichte einer Liebe plötzlich unglaubwürdig? Welchen gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen kann man trauen? Wie kann es einem gelingen, so etwas wie Sicherheit, inneren Frieden und Gelassenheit zu erreichen? Ist das ohne Selbstbetrug überhaupt möglich?

    Jack, Fotokünstler, und Elizabeth, Wissenschaftlerin, sind ein Studentenpaar, das sich in Pre-Internetzeiten im Chicago der 90er kennenlernt: Beide sind sie vor ihren lieblosen Familien geflohen, um sich in der großen Stadt völlig neu zu erfinden und in einer romantischen Beziehung gegen alle Konventionen zu leben. 20 Jahre später stellt sich heraus, dass sie das geworden sind, was sie damals scharf verurteilt hätten: Ein verheiratetes Paar mit getrennten Schlafzimmern, er Assistenzprofessor für Kunstgeschichte, sie Leiterin eines Instituts für Placeboforschung. Haben sie sich total verändert – oder sind sie nur das geworden, was sie unbewusst schon immer waren? Als sie beschließen, eine Wohnung in einer gentrifizierten Vorstadt zu kaufen, decken die Diskussionen über deren Wunscheigenschaften klaffende Risse in ihrer Ehe auf. Was nun?

    Der Kern des Romans ist die Leere, die viele Menschen in der Mitte des Lebens empfinden und die so typisch ist für das 21. Jahrhundert: Wir sind nicht mehr die, die wir mal waren, aber die, die wir werden wollten, sind wir auch nicht. Und diese Lücke versuchen wir durch Selbstoptimierung, neudeutsch Life Hacks, zu schließen: Der Titel des Romans - Wellness - bezieht sich auf diese Manie. Die Informationsflut des Internetzeitalters hilft dabei ironischerweise gerade nicht. Von Rezepten für Detox-Smoothies bis zu Armbändern, die über jeden Aspekt unseres Körpers Daten sammeln und mehr oder weniger absurde Fitnessprogramme verordnen, hat es jede Menge Dinge parat, die Erfüllung versprechen. All das unterstützt durch die Community-Blasen, in denen wir Bestätigung für die abwegigsten Theorien finden können. Zu Beginn des letzten Romandrittels serviert Hill uns ein beeindruckendes Kapitel, das uns am Beispiel von Jacks Vater und sieben bekannten Algorithmen erklärt, wie Facebook und Co. uns manipulieren. Aber auch die „guten“ Informationen tun nicht immer Gutes: Elizabeth, die ihrem 8-jährigen Sohn helfen will, seine sozialen Defizite zu überwinden, erliegt dem Daten-Overkill und glaubt, seine Defizite verursacht zu haben. Nathan Hill fängt den Wahnsinn unserer Internet-vergifteten, Marketing-getriebenen, von Leere bedrohten Gegenwart perfekt ein.

    Das gelingt ihm durch seine glasklare Analyse sozialer Dynamiken, sei es die studentischen Rebellentums, des akademischen Betriebs oder einer langjährigen Ehe. Eins der vielen Glanzlichter des Romans ist eine bissig-komische Szene, die die postfaktischen Überzeugungen der neuen Nachbarschafts-Community entlarvt. Von Immobilienhai bis Momfluencerin, Hill richtet seinen Röntgenblick auf die bei näherem Hinsehen oft absurden Glaubenssätze der Menschen. „Glauben Sie, was Sie wollen, meine Liebe, aber glauben Sie vorsichtig,“ rät Elizabeths emeritierter Professor ihr. „Glauben Sie mitfühlend. Glauben Sie voller Neugier.“ Die Romangegenwart ist 2015 verortet, kurz von der Trump-Präsidentschaft. Nathan Hill seziert ganz nebenbei die Befindlichkeiten und Haltungen, die diese möglich gemacht haben.

    Folgerichtig wird alles, was am Anfang des Romans als Gewissheit gegolten hat, in seinem Verlauf in Zweifel gezogen. Wir folgen Jack und Elizabeth in ihre Vergangenheit und stellen mit ihnen zusammen fest: Nichts hält stand, die Narrative der Kindheit nicht und nicht die Genesis von Jacks und Elizabeths Liebe. Wie der Autor es fertigbringt, einen derartig komplexen Stoff, mit so vielen gleichermaßen relevanten Themen zu beherrschen, ohne überladen zu wirken und ohne dass auch nur ein Faden dem Gewebe entgleitet, das ist ganz große Kunst. Auf den 736 Seiten des Romans kommt niemals Langeweile auf. Trotz (oder wegen?) offensichtlich heroischer Rechercheleistung des Autors wirken Konstruktion und Story vollkommen organisch, denn Nathan Hills Figuren sind komplex und glaubwürdig, die Storyline logisch und seine Prosa ebenso elegant wie zurückhaltend. Das verhalten optimistische, offene Ende passt dazu.

    Fazit: Ein scharfer Blick auf unsere Gegenwart, gemildert durch Mitgefühl und Humor. Ein großer Wurf, den ich aus vollem Herzen empfehlen kann.

    Teilen