Welch schöne Tiere wir sind: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Welch schöne Tiere wir sind: Roman' von Lawrence Osborne
4
4 von 5 (6 Bewertungen)

Die Luft scheint stillzustehen an diesem heißen Sommertag auf der griechischen Insel Hydra. Dort verbringt Naomi die Ferien in der Residenz ihres Vaters, einem englischen Kunstsammler. Gemeinsam mit der jüngeren Sam entdeckt sie bei einem Küstenspaziergang etwas Ungeheuerliches: Ein bärtiger, ungepflegter Mann liegt auf den Steinen, ein Geflüchteter aus Syrien, Faoud. Für Naomi die perfekte Gelegenheit, es ihrem Vater heimzuzahlen – für seinen obszönen Reichtum, seine hohlen Allüren, seine unerträgliche neue Frau. Doch als sie Faoud dazu anstiftet, bei ihrem Vater einzubrechen, hat das fatale Folgen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag: Piper
EAN:9783492059268

Rezensionen zu "Welch schöne Tiere wir sind: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Jul 2019 

    Niemand weiß, was sie letzten Sommer getan haben

    Naomi (Mitte 20) verbringt den Sommer bei ihrem Vater, einem reichen Kunstsammler, und ihrer Stiefmutter auf der griechischen Insel Hydra. Sie lernt eines Morgens bei einem ihrer Schwimmausflüge die 21jährige Amerikanerin Sam kennen. Die jungen Frauen freunden sich an und unternehmen zusammen Ausflüge. Bei einem dieser Ausflüge entdecken sie in einer einsamen Bucht einen jungen, zerlumpten Mann - offensichtlich ein Flüchtling, der vom Meer angespült worden ist. Statt ihn den Behörden zu melden oder staatlicher Hilfe zu überlassen, nehmen sie die Dinge selbst in die Hand. Naomi schmiedet einen folgenreichen Plan. Der junge Mann namens Faoud soll in die Villa ihres Vaters einbrechen. Dadurch erlangt Faoud genug Geld, um sich eine gutes Leben in Europa aufzubauen. Gleichzeitig kann Naomi ihrem Vater und ihrer Stiefmutter damit ein Schnippchen schlagen, weil deren langweiliger, dekadenter Alltag durcheinandergebracht wird. Allerdings der Plan geht schief. Am Morgen danach sind Vater und Stiefmutter tot. Faoud ist auf der Flucht und Naomi beseitigt alle Spuren.

    Der Roman beeindruckt durch seine dichte Atmosphäre und die bildhafte Beschreibung des heißen Sommers auf Hydra. Die Sonne flirrt, es riecht nach Sonnencreme und ich habe fast den Sonnenbrand gespürt. Erzählerisch ist der Roman daher ein Meisterwerk. Nur inhaltlich hat er mich nicht gänzlich überzeugt. Osborne thematisiert das Leben der Reichen und Schönen, ihre Dekadenz, Verantwortungslosigkeit und Leere. Naomi und Sam stammen aus reichen Familien. Sie habe den ganzen Sommer nichts zu tun. Die Begegnung mit Faoud ist eine willkommene Abwechslung, die ihre Langeweile unterbricht. Ob der von Naomi ersonnene Plan von dem Einbruch einer bloßen Laune entsprang oder der tödliche Ausgang geplant war, bleibt offen. Wie und warum der Vater und die Stiefmutter sterben mussten, wird nicht geklärt. Darauf kommt es am Ende nicht an. Die Konsequenzen der Episode tragen nämlich andere. Wohl dem, der kein Gewissen hat.

    So berechtigt die von Osborne formulierte Gesellschaftskritik ist, so hilflos wirkt sie leider auch. Osborne prangert die Missstände nur an. Einen Ausweg zeigt er nicht. Nicht einmal eine satirisches Wendung hilft über das desillusionierende Ende hinweg. Das mag künstlerisch beabsichtigt sein, gefiel mir aber nicht. Daher ein Stern Abzug.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Apr 2019 

    Eine unerträgliche Leichtigkeit des Seins

    "Hydra – ein Urlaubsparadies im Mittelmeer
    Entdecken Sie die Schönheit einer winzigkleinen griechischen Insel, der internationale Jet-Setter und Künstler wie Chagall und Picasso verzaubert hat. Nur einen Atemzug von Athen entfernt, fasziniert diese kleine, bergige, karge Insel seit vielen Jahren Reisende mit ihrer reichen Geschichte und ihren kulturellen Reizen.
    Hydra war schon immer ein beliebter Rückzugsort von Jetsettern und Rockstars: Aristoteles Onassis, Maria Callas, Rex Harrison, Peter Ustinov, Leonard Cohen, Eric Clapton, die Rolling Stones und viele Künstler und Schriftsteller, darunter Picasso, Chagall und Miller."
    (Quelle: https://www.discovergreece.com/de/greek-islands/hydra)

    Und auf dieses Kleinod des Müßiggangs entführt uns Lawrence Osborne in seinem Roman „Welch schöne Tiere wir sind“. Doch Urlaub kann gefährlich sein. Zuviel Hitze, zuviel Sonne, zuviel gutes Essen, zuviel Alkohol, zuviel Langeweile. Das sind die Gefahren, denen der Urlauber in Lawrence Osbornes Roman ausgesetzt ist.

    Bei den Urlaubern handelt es sich jedoch nicht um die Durchschnittsfamilie, die 2 Wochen Sommerurlaub auf Hydra verbringt. Nein. Hier geht es um reiche Familien, die einen ganzen Sommer hier verbringen. All-inclusive? Selbstverständlich nicht. Osbornes Urlauber bewohnen in der Regel eine Ferienvilla. Die besser Betuchten unter ihnen haben eine eigene, die weniger Betuchten wohnen zur Miete. Auf das Geld achten muss keiner von ihnen. Sie tragen ihren Reichtum vulgär zur Schau. Und sie benehmen sich, als ob die Insel ihnen gehören würde.

    Gleich zu Beginn des Romans lernen wir die Familie Codrington kennen. Die verwöhnte und gelangweilte Tochter Naomi, Mitte 20, die ihr verhasste Stiefmutter Phaine sowie Vater Jimmy, Millionär. Die Familie verbringt den Sommer in der eigenen Luxusvilla, wie schon seit vielen Jahren. Naomi kennt die Insel in- und auswendig. Sie spricht sogar griechisch. Ihr Hauptproblem ist die unerträgliche Leichtigkeit des Urlaubs-Daseins. Ein echtes Luxusproblem. Denn trotz allem vorhandenen Reichtum, hat sie noch keine Möglichkeit gefunden, sich aus der täglichen Lethargie, hervorgerufen durch Hitze, Sonne und In-den Tag-Hineinleben, zu befreien. Sie lernt Sam kennen, die mit ihren Eltern ebenfalls ein paar Wochen auf Hydra verbringt – zur Miete. Daher nicht wirklich standesgemäß für Naomi, aber was soll’s. Also langweilen sich die beiden jungen Frauen zusammen. Naomi gibt in dieser Zweckverbindung den Ton an.

    Eines Tages begegnet den beiden jungen Frauen eine dankbare Ablenkung in Form von Faroud, einem syrischen Flüchtling, der in Hydra illegal gestrandet ist. Naomi fühlt sich berufen, Faroud zu helfen. Nicht ganz uneigennützig. Die geplante Flucht von Faroud von der Insel herunter bedeutet nicht nur, dass Naomi sich dem Anschein einer sinnvollen und wohltätigenTätigkeit hingeben kann, sondern auch gravierende Folgen für ihre Zukunft und die ihrer Eltern.

    Genau wie in Patricia Highsmiths „Der talentierte Mr. Ripley“, seinerzeit verfilmt mit dem jungen Alain Delon, liegt ein Verbrechen in der Luft. Dieser Eindruck wird durch das geschilderte Inselszenarion noch verstärkt: Gluthitze – greller Sonnenschein, der sich auf der Wasseroberfläche des Meeres reflektiert – Stille, nur unterbrochen vom Zirpen der Grillen. Diese Stimmung begleitet den Leser spürbar während der kompletten Lektüre, so dass man den Drang hat zu Sonnenbrille und Sonnenmilch zu greifen.

    Und inmitten dieses fast schon unbarmherzigen Szenarios treffen wir auf Charaktere, die nichts besseres mit sich anzufangen haben, als ihre Bedürfnisse zu befriedigen: Fressen, saufen und darauf achten, nicht selbst gefressen zu werden. Natürlich im übertragenen Sinne. Der Roman hat nicht umsonst den Titel „Welch schöne Tiere wir sind“. Denn der Vergleich zur Tierwelt liegt nahe. Tiere handeln instinktgesteuert, so auch die menschlichen Tiere in diesem Buch. Überkommt sie die Gier, wird die Gier gestillt. Überkommt sie die Angst, wird geflüchtet.

    Lawrence Osborne hat sich auf die Reichen dieser Welt und deren Müssiggang eingeschossen. Auch in seinem früheren Roman "Denen man nicht vergibt" nimmt er sich dieses Themas an. Welches Problem hat der Mann, dass ihm dieses Thema so am Herzen liegt? Letztendlich verdient er ja selbst nicht schlecht mit seinen Büchern. Lebt etwa ein kleiner Sozi in seinem Herzen, den es zu befriedigen gilt?

    Dies ist für mich auch der einzige Wermuthstropfen in diesem Buch: das Thema nutzt sich mit der Zeit ab. Entschädigt wird man jedoch durch die einzigartige Stimmung, die in diesem Roman vermittelt wird. Auch Osbornes Sprachstil ist nicht ohne: zynisch, dabei sehr fantasievoll und bildhaft, wodurch die Stimmung in diesem Roman noch verstärkt wird.
    Da dieser Punkt eindeutig überwiegt, habe ich diesen Roman sehr gern gelesen und fühlte mich bestens unterhalten.
    Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Apr 2019 

    Reich und kaltblütig

    Naomi heißt die zentrale Figur in Lawrence Osbornes neustem Roman: "Welch schöne Tiere wir sind". Sie ist die 24-jährige Tocher superreicher Engländer. Wie jedes Jahr verbringt Naomi ihren Sommer zusammen mit den Eltern auf der griechischen Insel Hydra. Naomi wirkt wie ein schönes aber auch gefährliches Tier, das ohne Skrupel ihren Instinken folgt. Ihre Mutter starb als sie noch ein Teenager war, aber Trauer ist kein Gefühl, das bei ihr spürbar wäre. Vielmehr empfindet sie Hass besonders ihrer Stiefmutter gegenüber aber auch zu ihrem Vater hat sie ein von Abneigung geprägtes Verhältnis. Auch Langeweile, Überdruss und eine Spur Scham angesichts ihres großen, unverdienten Reichtums bestimmen ihre Gefühlswelt. Aber Naomi ist auch charismatisch und manipulativ. Die Inselbewohner, die sie schon seit ihrer Kindheit kennen, verbinden mit ihr sogar etwas mythisches und boshaftes.

    Naomi lernt am Strand die um einige Jahre jüngere reiche Amerikanerin Samantha kennen. Schnell gerät dieses ruhige und ebenfalls von ihrem Reichtum etwas gelangweilte Mädchen in den Bann von Naomi. Sam ist auf eine ungute Art von Naomi fasziniert:

    "Naomi lächelte in den Himmel. Ihre Haut erschien Sam wie eine englische Maske, die einem menschlichen Gesicht perfekt nachempfunden war und dessen polierte Oberfläche das Lächeln nicht durchbrach. Dennoch spürte sie die Spannungen, die sich darunter hin und her bewegten, als würden Gedanken und Stimmungen von einem leeren Raum zum anderen ziehen. Man hätte es leicht für Langeweile halten können, doch es war elektrisierender als Langeweile. Es war wie bei einem Kind auf der Suche nach einem Tausendfüßler, den es töten konnte."

    Bei einem gemeinsamen Ausflug zu einer entlegenen Bucht sehen die beiden jungen Frauen einen Mann, der sich offensichtlich als Flüchtling illegat auf Hydra aufhält. Auch dieser Mann wird von der manipulativen Naomi vereinnahmt. Sie versteckt ihn und überredet ihn, in die Villa ihres Vaters einzubrechen. So kann sie sich an ihren verhassten Eltern rächen und gleichzeitig das Gefühl haben, eine gute Tat zu begehen. Aber Naomi löst mit diesem Plan eine Abfolge schlimmer Ereignisse aus. Der fingierte Einbruch gerät entsetzlich außer Kontrolle.
    Ab dieser Stelle wirkt der Roman wie ein Krimi, zumal ein Privatdetektiv von Naomis Vater auftaucht um die mysteriösen Vorfälle aufzuklären. Bei alle diesen schrecklichen Folgen bleibt Naomi merkwürdig gefühlskalt, so dass sie einem beim Lesen beinahe unheimlich wird.
    Lawrence Osborne erzählt die Geschichte in einer geraden Zeitlinie, aus der Perspektive von Naomi aber auch aus dem Blickwinkel anderer Romanfiguren. Sein Schreibstil ist flüssig und bildhaft. Es gelingt ihm eine düstere Atmophäre zu erzeugen und das obwohl der Roman im prallen Sonnenlicht eines griechischen Sommers spielt.

    Insgesamt ein psychologischer Thriller, der die fatale Kombination von Reichtum und narzistischer Selbstbezogenheit zum Thema hat. Lesenswert.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Mär 2019 

    Eiseskälte

    Ich habe mich schon sehr auf dieses Buch von Lawrence Osborne gefreut. Und jetzt, nach der Lektüre sitze ich hier etwas verstört herum, und frage mich gerade, wie man so sein kann. Also so sein kann wie die Hauptfigur, so unsagbar gefühlskalt und manipulierend. Von der Warte hat mich das Buch schon mal sehr berührt/getroffen. Auch wenn ich sagen kann und muss, dass die Tiefe der Charaktere noch ausbaufähig ist. Einiges empfand ich zu bruchstückhaft und deutlich zu wage, die Handlung manchmal etwas zu sehr offengelassen und die Leserin wurde damit etwas verwirrt zurückgelassen. Aber ein Lesesog war für mich definitiv vorhanden und das Buch hat mich gepackt. Einige Formulierungen sind wunderschön, wie der Autor die Örtlichkeiten beschreibt ist absolut plastisch, man wähnt sich beim Lesen vor Ort. Der Sprachklang gefällt mir sehr, man merkt der Autor versteht sein Werk, auch dieses von mir bemängelte Bruchstückhafte hat seinen Sinn, es wird damit eine ungeheure Dynamik erzielt, die schon etwas süchtig macht.

    Nun zur Handlung: Die Geschichte fängt recht harmlos an. Die Codringtons, reiche Engländer und die Haldanes, reiche Amerikaner treffen sich auf der griechischen Insel Hydra. Die 24-jährige Naomi Codrington und die 20-jährige Samantha Haldane nähern sich aneinander an, eine oberflächliche Urlaubsbekanntschaft entsteht könnte man meinen. Sie reden miteinander, klagen sich gegenseitig ihr Leid, sind gelangweilt von ihrem privilegiertem reichem Leben und gefrustet von ihren Familien. Dabei schaut die jüngere Samantha etwas zu der älteren und charismatischen Naomi auf. Die beiden jungen Frauen unternehmen auch einiges auf der Insel gemeinsam und finden dabei einen jungen Mann, einen Flüchtling, Faoud. Beide beschließen ihm zu helfen, wobei Samantha zurückhaltender wirkt, schnell wird aber klar, dass nicht der Wille zu Helfen der Hauptgrund der Beiden war. Ein gewisses Konkurrenzdenken der jungen Frauen zeigt sich. Das Tempo des Romans erhöht sich deutlich und es wird klar, dass Naomi gewisse Vorstellungen hat. Und der bisher gesellschaftskritische Roman verwandelt sich zusehends in eine lesenswerte Kriminalgeschichte. Interessant gemacht!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 30. Mär 2019 

    Eine Gesellschaftsstudie

    Der Roman spielt auf der griechischen Insel Hydra, im Mittelpunkt stehen die beiden jungen Frauen Naomi und Sam.

    Naomi ist Britin, Sam Amerikanerin und beide vereint ihr Reichtum, ihre Dekadenz und die Gewissheit, dass sie immer weich fallen werden. Jimmie Codrington, Naomis Vater, ist Kunstsammler und Millionär, seine erste Frau ist früh gestorben.

    "Solange es Naomi gab, war Helen nicht tot. Ein Teil der Mutter lebte in der Tochter fort. Doch ein kaputtes Zuhause zerstört alle Gewissheiten, mehr, als er geahnt hatte, mehr, als je irgendjemand ahnt. Naomi, dachte er, die beim Krebstod ihrer Mutter ein Teenager gewesen war, hatte sich nie davon erholt." (27)

    Jimmi hat eine Griechin, Phaine, geheiratet - beide verkörpern eine unsympathische Arroganz, so dass man als Leser*in von Beginn an eine Antipathie ihnen gegenüber aufbaut, was auch an der Perspektive Naomis liegen mag, die man zunächst einnimmt. Die personale Erzählperspektive wechselt jedoch kontinuierlich, so dass alle Figuren aus unterschiedlichen Sichtweisen wahrgenommen werden.

    Die Codringtons haben seit den 80er Jahren ein Haus auf der Insel, so dass Naomi dort jeden Sommer verbracht hat und Hydra in- und auswendig kennt. Sie hasst ihre Stiefmutter Phaine und fühlt sich nur allein wohl. Auf einem ihrer morgendlichen Schwimmausflüge lernt sie die weibliche Hälfte der Haldanes kennen, die ihren ersten Sommer auf der Insel verbringen. Sam ist fasziniert von der kühlen, abweisenden 24-jährigen Naomi und schließt sich ihr an.

    "Sie schwamm nahezu geräuschlos, und während ihre Hände unter der Wasseroberfläche nach vorn glitten, erschien es Naomi, als hätten sie sich, ohne es zu merken, vom ersten Augenblick an freundschaftlich aneinander gerieben." (18)

    Beide wirken merkwürdig unnahbar, nicht greifbar - das ändert sich kaum im Verlauf des Romans, so dass ich keine "Verbindung" zu den Figuren herstellen konnte.

    "Ihre Haut erschien Sam wie eine englische Maske, die einem menschlichen Gesicht perfekt nachempfunden war und deren polierte Oberfläche das Lächeln nicht durchbrach. Dennoch spürte sie die Spannungen, die sich darunter hin und her Bewegten, als würden Gedanken und Stimmungen von einem leeren Raum zum anderen ziehen." (42)

    Naomi, die in einer Anwaltskanzlei in London gearbeitet hat, hat aufgrund eines Fehlers ihre Stellung verloren und scheint auf der Suche zu sein, während Sam noch studiert. Ihre dekadente Langeweile wird jäh unterbrochen, als sie während eines Ausflugs einen syrischen Flüchtling entdecken und Naomi beschließt ihm zu helfen - aus "Wiedergutmachung für das ganze Geld, über das ich verfüge, ohne dafür gearbeitet zu haben." (64)

    Ist das ihr Motiv? Man mag es nicht glauben und es stellt sich heraus, dass sie den aus gutem Haus stammenden Faoud für ihre Zwecke instrumentalisieren möchte. Er soll das Haus ihres Vaters ausrauben, eine Art Rache?
    Das Hausmädchen Carissa, das seine Arbeitgeber hasst, da sie es nicht anständig bezahlen, soll als Komplizin fungieren - eine Rolle, die es bereitwillig annimmt, da es sich schlecht behandelt fühlt.

    "In dieser Nacht dröhnte das Schnarchen, als wären sie riesige, fette Tropenfrösche. (...) Manchmal schockierte sie Naomis mangelnder Respekt vor ihrem Vater. Doch zugleich solidarisierte sie sich mit dem schikanierten Mädchen gegen dessen herrische und arrogante Stiefmutter." (85)

    "Beide waren sie üble Geizhälse, es sei denn, es ging um gesellschaftlich Gleichgestellte, bei denen ihre Großzügigkeit natürlich prompt aufblühte. Sie bekam nur die Heuchelei und Knauserigkeit hinter den Kulissen zu sehen, eine Knauserigkeit, deren Ausführende sie ebenso sehr war, wie sie ihr zum Opfer fiel." (136)

    Doch der sorgfältig ausgedachte Plan geht fürchterlich schief...

    Bewertung

    "Welch schöne Tiere wir sind, dachte Sam, schön wie Panther." (60)

    Osborne seziert die dekadente Gesellschaft der Insel und zeigt auf, wie die "machtbesessene" Naomi Faoud für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ihre Kaltblütigkeit, die nur wenige Risse aufweist, macht sie für mich zu einer unsympathischen Figur. Prinzipiell stört es mich nicht, wenn ein Roman keine Identifikationsfiguren bietet, wie es in "Welch schöne Tiere wir sind" der Fall ist.
    Was mich jedoch stört, ist, dass die Figuren oberflächlich bleiben - allen voran Faoud, über dessen Hintergründe und Motive man kaum etwas erfährt - oder es ist so gut unter dieser Oberfläche versteckt, dass es sich mir nicht erschließt. Auch Naomis Motive lassen sich meines Erachtens psychologisch nur teilweise nachvollziehen - ebenso wie Sams Verhalten nach dem Raub, der aus dem Ruder gelaufen ist. Für mich sind diese Figuren nicht greifbar, das mag anderen Leser*innen anders ergehen, aber für mich blieb am Ende eine Leere zurück - ich habe den Roman zugeklappt mit dem Gefühl - und jetzt? Sind wir alle Tiere, die nach ihren Instinkten handeln und nur von Tag zu Tag leben - mit dem Unterschied, dass die Protagonisten "schön", reich, wohlhabend und satt sind?

    Wenn Osborne die fehlende Moral dieser Gesellschaftsschicht darstellen will, hat er sein Ziel erreicht - die schönen Tiere gewinnen (?) Aber welche Rolle spielt Faoud in diesem Szenario, er wird instrumentalisiert und zum Tier? Die vielen Fragen, die sich mir am Ende des Romans stellen, zeigen die Ratlosigkeit, die er hinterlässt - zumindest hat die Diskussion in der Leserunde einige davon beantwortet ;)

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Mär 2019 

    Reicher Überdruss

    Lawrence Osborne führt die Leser seines neuen Romans „Welch schöne Tiere wir sind“ in die gleißend heiße Welt eines griechischen Sommers auf der exklusiven Ferieninsel Hydra. Hier verbringt seit vielen Jahren Naomi ihre trägen Sommer in der „Residenz“ ihres Vaters und ihrer Stiefmutter. Sie schlendert durch die Landschaft und die Zeit und stellt sich auf mit Langeweile und Überdruss angefüllte Monate vor. Während der Leser die Stimmung der griechischen Sommertage und -abende im Roman genießen kann, bleibt Naomi in dieser Stimmung der übersättigten Sinnleere gefangen. Sie spürt
    „jeden Morgen die gleiche lustlose und diffuse Erwartung“, war „auf die gleiche Weise unzufrieden mit dem Tempo der Welt, wie sie sie kannte. Manchmal dachte sie, sie hätte diese ewige Enttäuschung von Kindesbeinen verinnerlicht, ohne dass sie den Grund dafür hätte benennen können.“
    Sie lebt wohl nicht erst in diesem Sommer das Leben der Reichen, ohne es zu mögen, aber auch ohne irgendwie nach einer Alternative und nach Veränderung Ausschau zu halten.

    „denn es war unter Reichen Gesetz, dass die Muße im Sommer wie ein breiter und anmutiger Strom dahinfließen sollte. Es galt, eine gute Zeit zu haben und sich auf der leuchtenden Oberfläche treiben zu lassen. Niemand durfte kneifen oder irgendeine Schwäche zeigen.“

    Ein wenig Auflockerung dieses elitären Lebenseinerlei bringt Naomi die Bekanntschaft mit Sam, die in diesem Sommer ebenfalls Teil der elitären Sommerresidenzler auf Hydra wird. Mit ihr verbringt sie träge Stunden in Cafes und am Strand. Bei einem der Strandausflüge dann beobachten die beiden jungen Frauen einen einzelnen Flüchtling, der von einem Boot auf der wilden Küstenseite Hydras abgesetzt wurde. Ein Syrer namens Faoud. Naomi und in ihrem Schlepptau auch Sam entdecken dann diesen Flüchtling als Möglichkeit, dem trägen Leben der gehorsamen Reichenkinder einen Kick zu geben. Sie verhalten sich unkonventionell und verlassen die vorgegebenen Pfade ihres Sommerlebens dadurch, dass sie Faoud einen Unterschlupf und Verpflegung verschaffen. Dabei fühlen sie sich wie Abenteurer und in revolutionärer Haltung gegenüber ihrem „vorbestimmten“ Dasein. Naomi sieht in Faoud zudem immer mehr eine Möglichkeit der eigenen Abgrenzung gegenüber allem, was bisher ihr Leben ausgemacht hat.

    „vielleicht geht es mir um eine Wiedergutmachung für das ganze Geld, über das ich verfüge, ohne dafür gearbeitet zu haben.“

    Sie überredet Faoud dazu, bei ihren Eltern einzubrechen und diese auszurauben. Und leitet damit unabwendbar sein Verderben in der für ihn neuen Welt ein, einzig und allein, um damit eine eigene Befriedigung und das Ausfüllen einer Leere zu erreichen.
    Der Raub geht hinreichend schief und führt zum gewaltsamen Tod des Vaters und der Stiefmutter. Auch das Verschwindenlassen der Leichen und die Flucht Faouds nach Italien kann das Schicksal nicht abwenden. Faoud kommt, verfolgt von der Polizei, zu Tode.
    Nur Naomies Leben wird durch dieses „Abenteuer“ nur kurzzeitig bewegt und aus der Bahn geworfen. Sie kehrt nach nur kurzer Zeit wieder auf die Insel zurück und schafft sich ein Nest im Haus ihres Vaters. Sie ist befreit von den Zwängen, die ihr ihre Eltern auferlegt haben, richtet sich aber erneut ein in den Zwängen der reichen Elite auf der Insel, unter denen sie wohl ihr Leben lang weiter verbringen wird.
    Die Frage, die sich stellt bei dieser Geschichte ist die Frage des Zufalls: War dieser Akt des Ausbrechens ein reiner Zufall oder war er irgendwie in Naomies leben vorherbestimmt. Diese Frage stellt sich auch Sam in der Nachbetrachtung der Ereignisse:

    „Naomie, so dachte sie, hatte sich jahrelang mit dem Gedanken an diese Befreiung getragen, und als sie gekommen war – wenngleich auch versehentlich und unerwartet -, hatte sie die dargebrachte Tür geöffnet und war hindurchgegangen, ohne zu zögern.“

    Fazit:

    Die Kälte und überdrüssige Langeweile, die der Roman von Anfang bis Ende ausstrahlt, lässt die Figuren in ihm – und insbesondere Naomie – für den Leser sehr unsympathisch wirken. Es ist ohne Frage kein Wohlfühlroman. Aber diese Stimmung des Überdrusses hat Osborne unwiderstehlich sprachlich auf den Punkt gebracht und durch eine ganze, vielfältige Handlung, die von Dinnerparties bis Verfolgungsfahrten alles umfasst, konsequent durchgehalten. Das ist literarisch herausragend und muss von mir mit 5 Sternen bewertet werden
    Und doch: Ich frage mich auch am Ende noch: Warum nur sollten mich diese leeren Charaktere, diese Oberflächlichkeit und dieser Überdruss interessieren?