Weit weg von Verona: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Weit weg von Verona: Roman' von Jane Gardam
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Weit weg von Verona: Roman"

Gebundenes Buch
Jessica sagt bedingungslos und in den unmöglichsten Momenten die Wahrheit. Ihr Widerwille gegen Anpassung bringt sie in dem kleinen englischen Badeort ständig in verquere Situationen. Sie hat genau eine Freundin - der Rest ihrer kleinen kriegsüberschatteten Welt begegnet ihr mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Aber das ist ihr egal, denn eigentlich braucht sie all ihre explosive Kraft, um Schriftstellerin zu werden. Oder ist sie das schon? "Weit weg von Verona" ist Jane Gardams erster Roman. Doch er enthält bereits all das, wofür sie bewundert wird - die atmosphärische Stärke, den Mut zum Geheimnis und ihren besonderen Witz. Mit Jessica Vye hat sie eine der hinreißendsten Figuren überhaupt geschaffen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446260405

Rezensionen zu "Weit weg von Verona: Roman"

  1. Liebenswerte Heldin

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Mai 2020 

    Jane Gardam hat mich mit ihrer Old Filth Trilogie restlos begeistert. Auch ihren Erzählband habe ich mit Freude gelesen und war deshalb gespannt auf ihren Debütroman, der nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt. „Weit weg von Verona“ ist im Original bereits 1971 erschienen.
    Die Ich-Erzählerin Jessica Vye ist ein außergewöhnliches und höchst eigensinniges Mädchen von 13 Jahren. Sie lebt mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder in einem Badeort in North Yorkshire. Der Vater arbeitet hier als Hilfsgeistlicher und schreibt nebenbei Artikel für diverse Zeitungen. Die etwas chaotische Mutter ist leicht überfordert von den verschiedenen Aufgaben in der Gemeinde und dem Haushalt.
    Der Alltag ist überschattet vom Zweiten Weltkrieg, das bedeutet die Gasmasken sind täglich mit zur Schule zu nehmen, die Lebensmittel sind rationiert, der Strand ist voller Minen und nachts drohen Luftangriffe der Deutschen.
    Gleich zu Beginn des Buches gibt es ein Schlüsselerlebnis für die damals 9jährige Jessica. Ein Dichter, der zu einer Lesung in die Schule kommt, bestätigt ihr schriftstellerische Qualitäten. Nun ist sie überzeugt, Schriftstellerin zu sein und kämpft um ihre Anerkennung.
    Sie erzählt nun von ihrem Alltag, Erlebnisse aus der Schule, mit Mitschülerinnen, sonderbare Begegnungen usw. Dabei kommt sie öfter in Schwierigkeiten, weil sie immer laut sagt, was sie denkt, Autoritäten hinterfragt, auch wenn das Ärger mit den Lehrerinnen,Konflikte mit Gleichaltrigen mit sich bringt. Die Einladung zu einem Fest bei einer leicht versnobten Familie bringt ihr die Begegnung mit einem sehr hübschen Jungen. Für diesen Christian, einem 14Jährigen mit revolutionären Ideen entflammt das Mädchen. Aber der Junge enttäuscht sie bald. Als die beiden gemeinsam eine Arbeitersiedlung besuchen, überleben sie knapp eine Bombardierung. Der strahlende Held fährt völlig konfus heim und lässt Jessica allein zurück.
    Bald wird der Lesesaal der Bibliothek ihr zweites Zuhause. Sie entdeckt die englischen Klassiker und verzweifelt beinahe an der Fülle der Literatur. „Es ist ein bisschen deprimierend, man hat das Gefühl, man kommt gar nicht voran, wenn man nach einem Monat erst bei den Brontes ist und dann sieht, wieviel Dickens da auf einem zukommt.“
    Der Roman ist sicher autobiografisch geprägt. Die Protagonistin lässt sich als Alter Ego der Autorin lesen. Auch in ihrem Debütroman zeigen sich schon Jane Gardams Qualitäten: eine scharfe Beobachtungsgabe, eine genaue Menschenzeichnung, witzige , oft doppeldeutige Dialoge.
    „Weit weg von Verona“ ist für Jugendliche und auch Erwachsene eine lohnenswerte Lektüre und die liebenswerte Heldin bleibt in Erinnerung.

  1. Brennen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Feb 2019 

    Ein Kind wird erwachsen. Ein Kind lernt etwas über sich selbst und das Leben und die Menschen. Ein Kind lernt, das man für etwas brennen kann/für etwas brennen sollte. Ein Kind wächst in einer Zeit des Krieges und der Nöte auf. Ein Kind wird erwachsener ! Und noch dazu ist es ein Kind, das einen ganz eigenen Kopf/einen ganz eigenen Willen hat, und es ist ein Mädchen ! Ein selbstbewusstes Mädchen, das ihre Meinung sagt, einen Dickschädel hat, sie schreibt, sie brennt für das Schreiben, sie liest sehr gern und viel, hat eigene Meinungen und kann diese auch vertreten. Und dieses Kind war mir sympathisch, sehr sogar. Das Mädchen heißt Jessica Vye, lebt in Cleveland Sands, ist dreizehn Jahre alt und wächst in einer Zeit auf, wo Kinder Gasmasken beim Schule besuchen/beim Wohnung verlassen mitnehmen müssen, weil deutsche Luftangriffe auf England drohen. Das ist etwas was mir einen Schauer über den Rücken rennen lässt, wenn ich mir vorstelle das Kinder so aufwachsen. Dabei ist diese Zeit für unser Land noch nicht so lange Geschichte. Und in der Weltgeschichte sind immer wieder kriegerische Konflikte zu vermerken/zu bemerken. Und trotzdem sind das Kinder, die vor Leben nur so strotzen, die aber nicht greifen können was das Wort Krieg eigentlich bedeutet. Und genau diese so kindliche Sicht auf das Leben bringt die Autorin sehr geschickt zu Papier, und das auch mit einem kindlichen und neugierigen Klang. Und das Ganze in einer fesselnden/fordernden/berührenden/ansprechenden Form, mit einem hohen Sogfaktor und einer wunderschönen Sprache mit einer gehörigen Prise Humor und perfekt dem Alter der Erzählerin angepasst und einem wunderbaren gestalteten und getroffenem Personal. Lese ich da etwa autobiographische Züge heraus, könnte durchaus sein, dass die Autorin da etwas aus ihrem Leben einfließen lässt. Die Zeit, in der der Roman spielt, könnte passen und das Bibliophile wird sicher jedem Schriftsteller zu eigen sein. Und vielleicht passt ja auch noch mehr … . Lest und urteilt selbst.

  1. Toller Coming out of Age Roman

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Aug 2018 

    
Endlich wurde der Debütroman von Jane Gardam von 1971 ins Deutsche übersetzt.
Die Protagonistin , Jessica, ist 13 und möchte Schriftstellerin werden. Sie spricht wie Shakespeare oder versucht es zumindest und sagt immer die Wahrheit.
"Also: 1. ich bin nicht ganz normal.
2.Ich bin nicht sehr beliebt.
3. Ich weiß immer , was Leute denken.
Und ich könnte noch hinzufügen:
4. Ich kann entsetzlicheres schlecht die Klappe halten, wenn mir etwas durch den Kopf geht, denn
5. ICH SAGE UNWEIGERLICH IMMER UND ÜBERALL DIE WAHRHEIT."
(S.18)
Da sie in der Kriegszeit aufwächst gehören Gasmasken und Lebensmittelmarken zum Alltag dazu.
Für mich ist es unerklärlich warum Jane Gardam in Deutschland so lange unbekannt war. Ihr Schreibstil ist legendär, voller Leichtigkeit , so dass man das Gefühl hat man würde mit der Geschichte zusammen davon schweben. Darüberhinaus ist es voller Humor und schon fast poetisch. Die Ironie sticht nicht heraus, ist eher versteckt und im ganzen Roman vorhanden. Die Protagonistin empfindet alles sehr intensiv und das kann man selbst fast spüren.
Es ist ein sehr berührender Coming out of Age Roman, der das Erwachsenwerden beschreibt.


  1. Einfühlsam

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Aug 2018 

    Jessica Vye ist 13 Jahre alt. Sie ist nicht unbedingt das beliebteste Kind in der Schule, denn sie hat einen unbestechlichen Blick, eine scharfe Zunge und eine unbedingte Wahrheitsliebe. Sie fühlt sich nicht nur zur Schriftstellerin berufen, sie ist eine, auch wenn die Erwachsenen das nicht erkennen. Jessica lebt in der Kriegszeit, Lebensmittelmarken und die am Gürtel baumelnde Gasmaske gehören zu ihrem Alltag.
    Bereits mit ihrem ersten Roman hat Jane Gardam ein Meisterwerk geschaffen. Der wache und kühle Blick ihrer jungen Protagonistin scheint Gardams eigener Blick zu sein, so wie ich immer wieder dachte, Jessica ist das jugendliche Alter Ego der Autorin. Genau beobachtet und seziert sie die schwierige Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Jessica erlebt das intensiv und schmerzhaft. Dabei durchzieht eine feine, fast unmerkliche Ironie das Buch. Besonders dann, wenn sich Gardam den erwachsenen Protagonisten ihres Romans widmet. Jane Gardam hat es wieder geschafft, mich absolut in Bann zu ziehen. Wer bemängelt, dass ein kurzer Zeitabschnitt im Leben eines linkischen Teenagers kaum Stoff für einen Roman bietet, wird hier eines Besseren belehrt.
    Wie schon bei den früheren Neuentdeckungen der Autorin bin ich begeistert von der geschliffenen Sprache und dem Stil der Autorin. Ich freue mich auch, dass mit Isabell Bogdan eine wunderbare Übersetzerin gefunden wurde.
    Ebenso hat mich die Gestaltung des Buches überzeugt, der Schutzumschlag ist gelungen und das Aquarell eines abgewandten Mädchenkopfes passt zum Text.