Weißer Tod: Roman (Die Cormoran-Strike-Reihe, Band 4)

Buchseite und Rezensionen zu 'Weißer Tod: Roman (Die Cormoran-Strike-Reihe, Band 4)' von Robert Galbraith
4.5
4.5 von 5 (6 Bewertungen)

Ein verstörter junger Mann bittet den privaten Ermittler Cormoran Strike um Hilfe bei der Aufklärung eines Verbrechens, das er – so glaubt er – als Kind mit angesehen hat. Strike ist beunruhigt: Billy hat offensichtlich psychische Probleme und kann sich nur an wenig im Detail erinnern, doch er wirkt aufrichtig. Bevor Strike ihn allerdings ausführlich befragen kann, ergreift der Mann panisch die Flucht. Um Billys Geschichte auf den Grund zu gehen, folgen Strike und Robin Ellacott – einst seine Assistentin, jetzt seine Geschäftspartnerin – einer verschlungenen Spur, die sie durch die zwielichtigen Ecken Londons zu einem geheimen exklusiven Zirkel innerhalb des Parlaments und einem prachtvollen, doch düsteren Herrenhaus auf dem Land führt. Zugleich verläuft auch Strikes eigenes Leben alles andere als gradlinig: Er hat es als Ermittler zu Berühmtheit gebracht und kann sich nicht länger unauffällig hinter den Kulissen bewegen. Noch dazu ist das Verhältnis zu seiner früheren Assistentin schwieriger denn je – zwar ist Robin für ihn geschäftlich mittlerweile unersetzlich, ihre private Beziehung ist jedoch viel komplizierter …

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:864
EAN:9783764506988

Rezensionen zu "Weißer Tod: Roman (Die Cormoran-Strike-Reihe, Band 4)"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Feb 2019 

    Interessanter Fall, ermüdende Beziehungen

    Der vierte Band der Reihe beginnt nicht mit einem Mordfall, sondern wartet stattdessen mit emotionalen Irrungen und Wirrungen auf. Der Fokus liegt nicht nur in den ersten Kapiteln deutlich auf dem Privatleben der Ermittler: Robin hätte ihren Verlobten Matthew wohl besser abgeschossen, statt ihn zu heiraten, derweil verstrickt Strike sich in eine Beziehung mit Lorelei, die ihm über das Körperliche hinaus wenig gibt. Beide gestehen sich selber nicht ein, dass zwischen ihnen noch ganz andere Gefühle im Spiel sind als nur kollegiale Freundschaft.

    Es gibt genug Drama für eine Vorabendserie auf RTL:

    Unglückliche Beziehungen. Partner, die sich gegenseitig nicht mehr ausstehen können. Menschen, die einfach mal miteinander reden sollten, statt sich immer wieder an den immer gleichen Konflikten aufzureiben. Matthew hier, Lorelei da, dann funkt auch noch Sarah dazwischen, mit der Matthew Robin einmal (zweimal, dreimal?) betrogen hat, selbst Strikes Ex Charlotte – oh Gott, ich dachte, wir wären sie los! – taucht noch mal aus der Versenkung auf…

    Irgendwann nervt das.

    Immer, wenn Matthew, Lorelei, Sarah oder Charlotte auftauchen, geht der Spannungsbogen erstmal in den Sinkflug und ich habe händeringend darauf gewartet, dass der Fall wieder an Fahrt aufnimmt.

    Für mich widerspricht das Verhalten von Robin und Strike auch ihrer bisherigen Charakterisierung, sie fallen meines Erachtens oft gänzlich aus der Rolle. Das Buch könnte in der Hinsicht eine drastische Straffung vertragen – weniger Drama, mehr Ermittlung.

    Nachdem ich mir das jetzt von der Seele geredet habe: ich mochte das Buch trotzdem.

    Ja, wirklich.

    Der Fall an sich ist nämlich durchaus sehr interessant – komplex, schlüssig konstruiert, mit gut geschriebenen unerwarteten Wendungen, spannend. Wenn das Buch in Fahrt kommt, dann ist es grandios.

    Es fängt mit dem verstörten jungen Billy an, der Strike aufsucht, weil er glaubt, als Kind einen Mord beobachtet zu haben, dann aber in Panik die Flucht ergreift. Bevor Strike sich versieht, wird er darüber hinaus von einem unerfreulichen Minister beauftragt, der erpresst wird, und bekommt es mit dessen kaputter Familie zu tun. Auch Billys Bruder Jimmy, der mehr ist als nur ein Olympia-Protestler, spielt eine wichtige Rolle.

    (Im Buch ist es noch 2012, und die olympischen Sommerspiele sorgen in London nicht nur für Begeisterung.)

    Und Robin, die inzwischen eine vollwertige Partnerin ist, muss Undercover ins House of Parliament gehen.

    Strike ist inzwischen so berühmt, dass er für unauffällige Ermittlungen nicht mehr der richtige Mann ist, und Robin ist keineswegs böse um die aufregenden Aufträge.

    Hier verbinden sich viele Handlungsstränge zu einem Gesamtbild, das Sinn ergibt und dennoch nicht vorhersehbar ist. Der tatsächliche Grund für die Erpressung des Ministers und die Aufklärung, was Billy als Kind gesehen hat und warum es geschehen ist, haben mich vollkommen überrascht – was bei einem Krimi auf jeden Fall ein Pluspunkt ist.

    Und Strike und Robin sind immer noch großartige Charaktere.

    Auch wenn ich sie manchmal anschreien wollte, sind sie dennoch glaubhaft und vielschichtig, und man kann trotz ihrer Fehler gut mit ihnen mitfühlen. Einige der Nebencharaktere sind ebenfalls sehr gut geschrieben – nur diejenigen, die anscheinend ausschließlich existieren, um Beziehungsdrama in die Geschichte zu bringen, konnten mich nicht überzeugen.

    Der Schreibstil ist für einen Krimi recht anspruchsvoll. Im englischen Original enthält der Text tatsächlich einige Wörter, die ich noch nicht kannte oder zumindest nicht oft lese. In der deutschen Übersetzung ist das Buch deutlich eingängiger zu lesen!

    Alles wird sehr detailliert und ausführlich beschrieben, wirkt in meinen Augen dabei aber nicht schleppend oder hölzern. Robert Galbraith alias JK Rowling ist gut darin, Atmosphäre aufzubauen – und ganz nebenher feine Sozialstudien der britischen Gesellschaft einzubauen.

    FAZIT

    Die Reihe rund um Cormoran Strike und Robin Ellacott geht in die vierte Runde. Ein psychisch kranker Mann glaubt, als Kind einen Mord beobachtet zu haben, ein Minister wird erpresst, die Olympischen Sommerspiele sorgen in London nicht nur für freudige Aufregung… Obwohl mir der Fall an sich sehr gut gefiel, ist “Weißer Tod” für mich der bisher schwächste Band der Reihe.

    Für meinen Geschmack hat die Geschichte spürbare Längen und es geht zu viel um die problematischen Beziehungen der Protagonisten – dennoch würde ich das Buch im Großen und Ganzen empfehlen, denn es hat ansonsten viel zu bieten.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Feb 2019 

    Verwirrspiel

    Robert Galbraith reitet mit seiner Krimi-Reihe um den Londoner Privatermittler Cormoran Strike auf der Erfolgswelle. Mittlerweile gibt es 4 Bände, wovon der letzte, "Weißer Tod", gerade veröffentlicht wurde. Verfilmt sind die Bücher ebenfalls bereits und haben in der TV-Serienwelt unter dem Titel "Strike" hohen Anklang gefunden. Robert Galbraith sollte sich mittlerweile an den Ritt auf der Erfolgswelle gewöhnt haben, ist dieser Name doch ein Pseudonym, hinter dem keine andere als J. K. Rowling steckt.
    Von den Harry Potter Büchern kenne ich alle, von ihren anderen Büchern - alias hin oder her - kenne ich keines. Insofern war ich gespannt, was es mit Cormoran Strike in "Weißer Tod" auf sich hat.

    Die Serie ist in London angesiedelt, was mir als Fan dieser Metropole schon mal sehr gut gefällt. Robert Galbraith lässt Cormoran Strike quer durch London agieren, mal mit dem Auto, mal mit der U-Bahn, notgedrungen auch zu Fuß. Denn diese Art der Fortbewegung ist für den Ermittler nicht einfach, hat er doch während seines Militärdienstes in Afghanistan einen Teil seines Beines verloren. Er ist also gehändicapt, hat mit Schmerzen zu kämpfen, was ihn jedoch nicht davon abhält, seiner Arbeit mit großem Ehrgeiz nach zu gehen. Fast schon verbissen arbeitet er sich in die Fälle seiner Auftraggeber ein. Aufgrund spektakulärer Aufklärungserfolge ist er mittlerweile eine Berühmtheit in London. Unterstützung erhält er u. a. von seiner Mitarbeiterin Robin Ellacott. Die beiden verbindet mehr als ein Arbeitsverhältnis. Sie sind befreundet. Und es könnte sogar noch mehr daraus werden, wenn Robin nicht anderweitig gebunden wäre. Ganz davon abgesehen, dass Cormoran und Robin eine gemeinsame Beziehung aus Gründen der Professionalität ausschließen würden. Wer's glaubt ;-)
    In "Weißer Tod" wird Strike von Kulturminister Chiswell beauftragt, Nachforschungen über Geraint Winn, den Ehemann einer Ministerkollegin, anzustellen. Chiswell wird erpresst. Ein Geheimnis soll publik gemacht werden. Um welches Geheimnis es sich dabei handelt, soll für die Ermittlungsarbeit irrelevant sein. Chiswell geht es nur darum, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, sprich: "Welche Leichen hat Winn im Keller?".
    Robin, eine Meisterin der Verkleidung, soll dabei als Mitarbeiterin von Chiswell in das Unterhaus eingeschleust werden, um Winn auf die Pelle zu rücken.
    Doch dies ist nicht der einzige Fall, der Strike beschäftigt. Kurz vor dem Minister-Auftrag nimmt Billy, der geistig behinderte jüngere Bruder des berühmt berüchtigten linksgerichteten Aktivisten Jimmy Knight, Kontakt zu ihm auf, weil er sich an einen vermeintlichen Mord an einem kleinen Mädchen erinnert. Diesen Mord hat er als kleiner Junge miterlebt. Ob das Verbrechen Billies Fantasie entspringt oder tatsächlich verübt worden ist, bleibt fraglich. Strike hat Zweifel. Insbesondere als sich herausstellt, dass es eine Verbindung zwischen dem Minister-Fall und Billy gibt.
    Es wird noch weitere Verbindungen geben. Es wird auch nicht bei diesen Verbindungen bleiben. Irgendwann wird jemand sterben. Die Handlung wird immer verwirrender, da Robert Galbraith etliche Spuren legt, die den Leser häufig hinters Licht führen. Das macht Spaß, jedoch nur bis zu einem gewissen Grad. Denn irgendwann kam bei mir der Punkt, an dem ich den Faden verloren habe. Dankenswerterweise hat Galbraith einen sehr geschmeidigen Sprachstil, der einen nicht besonders fordert, aber durch seine Lebhaftigkeit angenehm zu lesen ist und diesen Roman sehr kurzweilig macht. So nimmt man die Verwirrungen in der Handlung zunächst hin und freut sich über den Moment, an dem man den roten Faden wieder aufnehmen kann.

    "'Wir übersehen irgendetwas, Robin. Und zwar das verbindende Element.'
    'Vielleicht gibt es so ein Element gar nicht', sagte Robin. ' So ist das Leben, oder nicht? Wir haben es mit mehreren Personen zu tun, von denen jede ihre eigenen Probleme und Ziele hat. Einige hatten gute Gründe Chiswell zu verabscheuen oder einen Groll gegen ihn zu hegen, aber das heißt noch lange nicht, dass alles perfekt zusammenpassen muss. Vieles ist wahrscheinlich völlig irrelevant.'"

    Robert Galbraith konzentriert sich in seiner Romanreihe um Cormoran Strike nicht nur auf die Detektivarbeit, sondern lässt auch dem Gefühls- und Liebesleben seiner Protagonisten viel Raum. Zunächst steht natürlich das Vor und Zurück in einer möglichen Beziehung zwischen Strike und Robin im Mittelpunkt. Aber bis es soweit ist (und in "Weißer Tod" ist es noch lange nicht so weit), haben auch jeder für sich ein Privatleben. Robin verbringt dies mit ihrem frisch angeheirateten Matthew, den sie seit ihrer Jugend kennt. Keine Ahnung, warum die beiden geheiratet haben. Denn sie passen partout nicht zusammen. Er erweist sich als Ekel, der sich einen Deut um Robins Seelenleben schert. Aber Liebe, die bei Robin anfangs vorhanden war, macht ja bekanntlich blind. Doch hinterher ist frau immer schlauer. Und das wird auch Robin feststellen.

    Strikes Beziehungen zu Frauen ist da einfacher gestrickt. Er hat Bindungsängste, was ihn jedoch nicht davon abhält, oberflächliche Beziehungen einzugehen. Sobald jedoch eine seiner Frauen den Eindruck erweckt, sich mehr von der Beziehung zu versprechen, als Sex, zieht er die Reißleine. Das war bei ihm nicht immer so. Denn auch einem Cormoran Strike kann das Herz gebrochen werden, was in seiner Vergangenheit auch passiert ist.

    Fazit
    Es gab Momente in diesem Buch, da hätte ich mir weniger Verwirrung gewünscht. Die unterschiedlichen Ansätze und Hinweise auf Spuren sind zwar hochinteressant und nie vorhersehbar. Dennoch waren mir diese zuviel. Da hätte man ein paar Seiten von den etwa 850 einsparen können und der Krimi wäre trotzdem noch ein guter geblieben.
    Denn das ist er zweifelsohne. Wenig reißerisch, aber fantasievoll in der Entwicklung und die zwischenzeitliche Verlagerung der Handlung auf das Miteinander von Strike und Cormoran machen ihn zu einem sehr unterhaltsamen und spannenden Krimi.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jan 2019 

    Strike!

    Ich habe lange auf die Fortsetzung dieser Reihe gewartet und wurde nicht enttäuscht. Nach Der Ruf des Kuckucks, Der Seidenspinner und Die Ernte des Bösen ist dies der vierte Fall des Privatdetektivs Cormoran Strike und seiner Partnerin Robin Ellacott, den J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith herausgebracht hat.
    Aufhänger der Detektivstory ist das unvermittelte Auftauchen eines offenbar verwirrten, jungen Mannes namens Billy. Billy sucht Strikes Hilfe, weil er meint, als Kind gesehen zu haben, wie ein kleines Mädchen erwürgt und begraben worden ist. Er ist sich aber selbst nicht sicher, ob es sich um eine reale Erinnerung oder bloße Einbildung handelt. Billy erhofft sich von Strike Hilfe, ist jedoch genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht ist. Fast gleichzeitig wird Strike von Chiswell, einem Politiker engagiert. Chiswell wird erpresst, er weiß auch von wem, nur über das Warum möchte er die Decke des Schweigens ausbreiten. Er deutet nur so viel an, dass er sich habe etwas zu schulden kommen lassen, dass damals legal war, es aber heute nicht mehr ist und wovon er auf keinem Fall in der Presse lesen wolle. Damit wird wilden Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Als Leser kann man sich dem voll und ganz hingeben. Am Ende werden alle losen Fäden wunderbar verwebt und die Puzzleteile fügen sich zu einer komplexen und in sich logischen Geschichte zusammen.
    Abgesehen vom kriminalistischen Spannungsbogen lebt auch dieser Teil der Strike-Reihe von seinen Protagonisten Cormoran und Robin. Robin fing als Assistentin bei Strike an und hat sich zu seiner Partnerin hochgearbeitet. Die beiden verstehen sich gut, doch es gibt auch Unausgesprochenes zwischen ihnen. Sie kommen eigentlich aus verschiedenen Welten und habe beide jeweils ihr privates Päcklein zu tragen.
    Die Autorin verwendet fast ebenso viel Geduld und Einfallsreichtum in die Entwicklung der Krimistory wie in das Zeichnen der Charaktere von Strike und Robin, aber auch vieler anderer Beteiligter. Die Ausflüge von Cormoran und Robin in die Welt der Politiker und der sog. Upper Class sind teils humoristisch; der dort zu beobachtende Snobismus aber auch erschreckend. Deshalb gefällt mir diese Reihe. Die Teile sind mehr als nur der nächste, wenn auch gut durchdachte Thriller. Reizvoll finde ich zudem das Setting. Die Story handelt ganz überwiegend in London und die von der Autorin erwähnten Straßen, Plätze und Pubs/Restaurants gibt es wirklich, sodass man einen virtuellen Stadtbesuch gratis bekommt.
    Für alle Liebhaber ausgetüftelter Thriller, bei denen es auch mal etwas mehr sein darf, ist diese Reihe ein Highlight. Von mir gibt es dafür fünf Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jan 2019 

    Mit jeder Seite nimmt das Lesevergnügen zu!

    Ein verstörter junger Mann bittet den privaten Ermittler Cormoran Strike um Hilfe bei der Aufklärung eines Verbrechens, das er – so glaubt er – als Kind mit angesehen hat. Strike ist beunruhigt: Billy hat offensichtlich psychische Probleme und kann sich nur an wenig im Detail erinnern, doch er wirkt aufrichtig. Bevor Strike ihn allerdings ausführlich befragen kann, ergreift der Mann panisch die Flucht. Um Billys Geschichte auf den Grund zu gehen, folgen Strike und Robin Ellacott – einst seine Assistentin, jetzt seine Geschäftspartnerin – einer verschlungenen Spur, die sie durch die zwielichtigen Ecken Londons, in die oberen Kreise des Parlaments und zu einem prachtvollen, doch düsteren Herrenhaus auf dem Land führt. Zugleich verläuft auch Strikes eigenes Leben alles andere als gradlinig: Er hat es als Ermittler zu Berühmtheit gebracht und kann sich nicht länger unauffällig hinter den Kulissen bewegen. Noch dazu ist das Verhältnis zu seiner früheren Assistentin schwieriger denn je – zwar ist Robin für ihn geschäftlich mittlerweile unersetzlich, ihre private Beziehung ist jedoch viel komplizierter…

    Der vorangestellte Klappentext verdeutlicht gut, um welche Problematik sich der vierte Fall von Cormoran Strike und seine Partnerin Robin Ellacott dreht - mehr zum Inhalt möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht verraten. Die Länge der Beschreibung durch den Verlag deutet auch schon auf die Komplexität dieses Kriminalromans hin - einfach auf den Punkt bringen lässt sich hier jedenfalls nichts.

    Nach einem Prolog, der drängende Fragen aus Band drei beantwortet, folgen 69 Kapitel und ein Epilog - genug also, um die 864 Seiten zu füllen. Jedem Abschnitt ist dabei ein Zitat aus Henrik Ibsens 'Rosmersholm' vorangestellt, was ich erwähnenswert finde - denn aus einem einzelnen Werk ausreichend passende Zitate für diese große Anzahl an Kapiteln zu finden, ist für sich genommen schon eine Kunst.

    Das Buch lässt sich trotz der hohen Seitenzahl flüssig lesen und schließt nahtlos an die Geschehnisse aus dem dritten Band an. Robert Galbraith alias Joanne K. Rowling schreibt gewohnt bildhaft und lässt so Szenen, Orte und Charaktere gelungen vor den Augen des Lesers entstehen. Dabei lässt sich immer wieder feststellen, welch genaue Beobachterin die Autorin ist - gerade die am Rande erwähnten kleinen Details lassen das Gelesene so authentisch und lebensecht erscheinen.

    Lebendige Dialoge wechseln mit sorgfältigen Beschreibungen ab, wodurch sich das Leseerlebnis abwechslungsreich und unterhaltsam gestaltet. Besonders gefallen haben mir dabei auch die wiederholten und unerwarteten Einwürfe humorvoller Szenen, die die ansonsonsten oft eher düstere Stimmung angenehm durchbrachen.

    Den Haupt-Charakteren widmet JKR diesmal wieder viel Zeit. Diesmal steht eher die Entwicklung von Robin Ellacott im Vordergrund, die nach den Erlebnissen im vergangenen Fall mit Panikattacken zu kämpfen hat, die sie jedoch zu verheimlichen sucht, damit Strike gar nicht erst auf die Idee kommt, sie schonen oder gar entlassen zu wollen. Zudem steht ihre Ehe mit Matthew unter keinem besonders guten Stern - diese Krise setzt Robin noch zusätzlich zu. Über einen Mangel an Arbeit braucht sie sich dagegen nicht zu beklagen. In ihrem Undercover-Einsatz im Ministerium könnte sie rund um die Uhr arbeiten.

    Cormoran Strike kommt vor lauter Arbeit kaum noch zu einem Privatleben, was seine Freundin Lorelei anfangs noch geduldig hinnimmt. Seine Ex-Verlobte Charlotte taucht im Verlauf der Ermittlungen unerwartet wieder auf, und Strike muss höllisch aufpassen, dass da alte Wunden nicht wieder aufreißen. Gleichzeitig bemüht er sich sehr um einen möglichst neutralen Umgang mit seiner Geschäftspartnerin Robin, denn die Gefühle, die er für sie entwickelt hat, scheinen ihm einfach nur fehl am Platz. Die Unbeschwertheit vergangener Tage lässt sich so kaum noch heraufbeschwören. Doch der Fall beansprucht Cormoran derart, dass er sich darüber meist gar keine Gedanken machen kann.

    Auch Nebencharaktere werden von JKR ausreichend skizziert, und obwohl diese meist etwas klischeehaft geraten, passen die ihnen zugedachte Rollen genau. Dabei lässt die Autorin ordentlich Seitenhiebe regnen auf die Upperclass, die Politiker sowie auf hochstilisierte Veranstaltungen wie die Olympiade 2012 in London und lässt dabei auch moralische sowie rechtliche Grauzonen nicht aus. Das lässt zeitweise durchaus ein Unbehagen beim Lesen entstehen, doch gestattet JKR dem Leser, eine eindeutige Position zu den Vorfällen zu beziehen.

    Die Handlung selbst konzentriert sich nicht ausschließlich auf den Kriminalfall, sondern widmet sich ebenso der Entwicklung der Charaktere sowie den o.g. Themen. Die Autorin lässt sich viel Zeit beim Erzählen, was vor allem zu Beginn durchaus auch Längen entstehen lässt, insgesamt aber einen ungeheuren Sog entwickelt.

    Etwa zur Mitte hin ziehen Spannung und Tempo allmählich an, wobei der Fall derart komplex angelegt ist, dass bei mir bis kurz vor Schluss eine absolute Ratlosigkeit vorherrschte, wie zum Teufel das bloß alles zusammenhängen kann und wer denn nun tatsächlich hinter all den Geschehnissen steckt. Nun, ein Showdown fehlt hier ebensowenig wie eine absolut befriedigende Lösung - und letztlich lässt mich der Krimi sehr zufrieden zurück, mit einer gewissen Sehnsucht nach einer baldigen Fortsetzung.

    Alles in allem also ein weiterer überzeugender und düsterer Krimi aus der Reihe um Cormoran Strike. Aufgrund der Entwicklung der Charaktere sollte man die Bände in der vorgesehenen Reihenfolge lesen - ansonsten gibt es hier von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung an alle Liebhaber epischer Krimis.

    © Parden

    *******************

    Bislang gelesen aus der Reihe um Cormoran Strike:

    Der Ruf des Kuckucks
    Der Seidenspinner
    Die Ernte des Bösen
    Weißer Tod

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jan 2019 

    Anders als erwartet, aber trotzdem spannend

    Cormoran Strike ist privater Ermittler in London. Gerade war er in den Schlagzeilen, da durch seine Ermittlungen der Shakewill Ripper gefasst werden konnte. Da stürzt ein junger Mann - verstört, verlottert und mit üblem Geruch - in sein Büro und bittet ihn um Hilfe. Er wurde als Kind Zeuge eines Verbrechens und möchte, da ihm dieses keine Ruhe lässt, dass Strike dieses endlich aufklärt und Licht ins Dunkel bringt. Strike versucht ein Gespräch mit Billy zu führen, doch dieser ist bereits kurze Zeit wieder verschwunden. Auch wenn es kein offizieller Auftrag ist, lässt ihn Billys Geschichte nicht in Ruhe.

    Als er den Auftrag des Kulturministers Jasper Chiswell erhält im Fall seiner Erpressung zu ermitteln, taucht in dem Zusammenhang auch der Name von Jimmy Knight - dem Bruder von Billy auf. Haben diese beiden Fälle möglicherweise etwas gemeinsam? Warum wird Chiswell erpresst? Warum ist Billy plötzlich unauffindbar? Strike ermittelt in dem Fall gemeinsam mit Robin seiner Partnerin. Gemeinsam folgen sie den vielen Spuren und hoffen sowohl den Fall zu klären, als auch Billys Aufenthaltsort heraus zu bekommen. Dann finden beide einen Toten.

    Interessant finde ich in diesem Buch die Darstellungen zur Londoner Oberschicht und im Gegensatz dazu auch zu den Menschen in den ärmlichen Vierteln Londons. Mit vielen kleinen Details schafft es der Autor die Verbindungen der Menschen zu skizzieren und damit ein relativ genaues Bild darzustellen. Es wird sehr viel Augenmerk auf jede einzelne Person gelegt und man muss schon sehr genau mitlesen um immer im Bilde zu sein.

    Auch die Beziehung zwischen Strike und Robin nehmen in diesem Werk einen breiten Raum ein. Beide können sich offensichtlich nicht eingestehen, wie wichtig sie sich sind. So beginnt das Buch mit der Hochzeit von Robin und Matthew und endet letztlich mit ihrer Trennung. Ob sich Strike und Robin im nächsten Buch näherkommen, ich bin gespannt!

    Auch wenn sich der eigentliche Kriminalfall erst sehr spät entwickelt hat, fand ich dieses Buch doch ausgesprochen unterhaltsam und spannend. Von mir gibt es eine verdiente Leseempfehlung und fünf Lesesterne.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Jan 2019 

    Cormoran Strike ermittelt

    Zum vierten Mal lässt Robert Galbraith ( J.K. Rowlings) ihren Privatdetektiv Cormoran Strike ermitteln. Neben seinen üblichen Aufträgen weckt der Besuch eines jungen Mannes sein besonderes Interesse, Billy ist offensichtlich schwer psychisch gestört und ist sich sicher, dass er als Jugendlicher einen Mord an einem Kind mitangesehen hat. Bevor Cormoran mehr Details erfahren kann, flüchtet der junge Mann in Panik.
    Nach einigen spektakulären Erfolgen hat Strikes Detektei eine gewisse Berühmtheit erlangt und so erreicht ihn auch der Auftrag des konservativen Ministers Chiswell. Der wird erpresst und Strike und seine Assistentin Robin nehmen den Auftrag an, besonders da der Name des Ministers auch in Billys Dunstkreis fällt.
    Die Ermittlungen führen Cormoran in verschiedene Kreise, in die exklusive englische Oberschicht ebenso wie ins Umfeld des britischen Parlaments und in die Welt der Hardcore-Sozialisten. Dabei verblüfft mich die genaue Beschreibung der jeweiligen Milieus. Absolut stimmig ist die Darstellung der abgeranzten WG Zimmer in Londons armen Vierteln, wie auch das schäbige Büro Strikes und seiner ebenso schäbigen Zwei-Zimmer-Absteige im Stockwerk darüber. Genauso stimmig auch die Welt der Oberschicht in ihren schön restaurierten kleinen Häusern mit hübschen Vorgärten in den angesagten Stadtteilen.
    Auch bei der Charakterzeichnung einzelner Personen hatte ich gleich sehr realistische Bilder vor Augen. So erinnerte mich die Beschreibung von Chiswell sofort an die Fernsehbilder von Boris Johnson. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist.
    In dem bisher umfangreichsten Band dieser Reihe (857 Seiten) setzt die eigentlich Krimihandlung sehr spät ein. Tatsächlich lässt sich die Autorin viel Zeit für ihre Figuren und ihre gesellschaftlichen Verflechtungen. Aber sie schreibt so faszinierend und fesselnd, dass mir die langsam einsetzende Spannung nie als Manko erschien. Im Gegenteil, mir gefielen die Beziehungsspannungen zwischen Robin und Cormoran. Der Roman beginnt mit Robins Hochzeit und der daraus resultierenden Zurückhaltung Cormorans. aber sehr schnell erkennt Robin ihren Fehler. Aber beide sind einfach zu stolz und zu kompliziert gestrickt um auf einander zuzugehen. Auch das macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.
    Das Ende ist absolut schlüssig, aber so überraschend, dass ich auch nie einen Hauch von Verdacht oder Ahnung hatte und das passiert mir als passionierter Krimileserin selten. Erst in der Rückschau wurde mir die Bedeutung der kleinen, immer wieder eingestreuten Hinweise und Bemerkungen klar. Genau wie die Ibsen-Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt werden und deren Bezug sich am Ende enthüllt.
    Ich freue mich auf den nächsten Band und auf die weitere Entwicklung zwischen Robin und Cormoran.