Weiß

Rezensionen zu "Weiß"

  1. Vergänglichkeit in assoziativem Stil...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 29. Nov 2020 

    Während eines Aufenthalts in einer europäischen Stadt, die im weißen Winterschlaf liegt, überfällt die Erzählerin plötzlich die Erinnerung an ihre Schwester, die als Neugeborenes in den Armen der Mutter starb. Sie ringt mit dieser Tragödie, die das Leben ihrer Familie bestimmt hat, ein Ereignis, das in Bildern von Weiß wieder und wieder aufscheint: das Weiß der Muttermilch, der Windel, der reiskuchenweißen Haut des kleinen Mädchens.
    Nur eine Autorin wie Han Kang vermag es, aus einer so zutiefst persönlichen Erinnerung eine große literarische Erzählung zu erschaffen: »Weiß« ist ein Buch über Trauer und die Widerstandskraft des menschlichen Daseins - Han Kangs persönlichstes Buch und zugleich ihr literarisches Meisterstück.

    "Ich glaube, dass dies die besten Worte für einen Abschied sind. Bitte stirb nicht. Lebe."

    Die Romane von Han Kang habe ich mit Begeisterung, z.T. aber auch mit Verstörung gelesen. "Die Vegetarierin", "Menschenwerk" sowie "Deine kalten Hände" ließen mich beim Lesen nicht unberührt, warfen existentielle Fragestellungen auf und scheuten auch vor bizarren Bildern nicht zurück. "Weiß" allerdings ist kein Roman im eigentlichen Sinne. Es ist ein sehr persönliches Werk und widmet sich in assoziativer Weise der Frage der Trauer, der Vergänglichkeit

    Zugrunde liegt dem kurzen Erzählband der Tod der Schwester der Autorin, die diese jedoch nie kennengelernt hat, da sie vor ihr geboren wurde. Andeutungen und Berichte der Mutter vom Erleben der zu frühen Geburt und des langsamen Todes der kleinen Neugeborenen veranlassten Han Kang schließlich, sich diesem Thema, der stets vorhandenen Trauer in der Familie, zu widmen.

    Han Kang wäre vermutlich nicht die Autorin, als die sie sich auszeichnet, wenn sie einen gewöhnlichen Weg dafür gewählt hätte. Sie präsentiert durchaus einzelne skizzenhafte Erinnerungen, von der Mutter überliefert, doch dieser Band beschäftigt sich allgemein mit Aspekten der Vergänglichkeit und der Trauer, Ausdruck findend in einer Aneinanderreihung kurzer und kürzester Kapitel, denen oft die Farbe 'Weiß' gemein ist - traditionell die Farbe der Trauer in Korea.

    "Ich wollte dir nur reine Dinge zeigen, weiße Dinge, die von Reinheit zeugen, keine Brutalität, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, kein Schmutz oder Schmerz."

    Begriffe wie 'Wolken', 'Zuckerwürfel', 'Schnee', 'Haar', 'Frost', 'Licht', 'Mond', 'Salz', 'Eis', 'Schmetterling', 'Totenhemd', 'Papier', 'Rauch', 'Schneidezähne' u.v.m. reihen sich hier wie auf einer Perlenkette aneinander und lassen der Autorin jeden assoziativen Spielraum, den es braucht, um die verschiedensten Aspekte von Vergänglichkeit zu beleuchten.

    Ein eigenwilliger Weg, der den Leser mitnimmt auf eine melancholische Gedankenreise, belohnt durch poetische und intensive sprachliche Bilder. Dennoch fehlte mir bei dieser Aneinanderreihung von Assoziationen oft der erkennbare Zusammenhang, so dass ich trotz spürbarer Melancholie stets sehr auf Distanz blieb. Einige der Geschichten erreichten mich gar nicht.

    Wieder ein besonderes Werk der koreanischen Autorin, das mich jedoch etwas weniger begeistern konnte als ihre Romane. Deshalb auch nur 3,5 Sterne, die ich im Verhältnis zu ihren anderen Werken diesmal auf 3 Sterne abrunde. Nichtsdestoweniger gehört es zu den beonderen Büchern in diesem Jahr, die ich in jedem Fall im Gedächtnis behalten werde...

    © Parden