"Was wollen Sie von mir?": und 15 andere Geschichten

Buchseite und Rezensionen zu '"Was wollen Sie von mir?": und 15 andere Geschichten' von Doris Dörrie
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und 15 andere Geschichten, Lesung. MP3 Format. 171 Min.
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Alltagsnahe Erzählungen

Sechzehn Erzählungen: Mit diesen knappen, manchmal melancholischen, manchmal sehr komischen Geschichten gelingt Doris Dörrie ein kleines Panorama unserer verrückten Gesellschaft. Die insbesondere durch den Erfolg der Filmkomödie "Männer" bekannte Regisseurin hat sich auch in ihren Büchern als eine feine Beobachterin und originelle Darstellerin der Schwierigkeiten und Herrlichkeiten menschlicher Beziehungen erwiesen. Davon zeugen diese amüsanten, wirklichkeitsnahen und pointierten Liebesgeschichten.

Format:MP3 CD
Seiten:1
EAN:9783869743189

Rezensionen zu ""Was wollen Sie von mir?": und 15 andere Geschichten"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Jun 2019 

    Überzeugende Kurzgeschichten...

    Sechzehn Erzählungen: Mit diesen knappen, manchmal melancholischen, manchmal sehr komischen Geschichten gelingt Doris Dörrie ein kleines Panorama unserer verrückten Gesellschaft. Die insbesondere durch den Erfolg der Filmkomödie "Männer" bekannte Regisseurin hat sich auch in ihren Büchern als eine feine Beobachterin und originelle Darstellerin der Schwierigkeiten und Herrlichkeiten menschlicher Beziehungen erwiesen. Davon zeugen diese amüsanten, wirklichkeitsnahen und pointierten Liebesgeschichten.

    Doris Dörrie legt hier eine Sammlung von Kurzgeschichten vor, die mir fast alle sehr gut gefallen haben. Der gemeinsame Faktor dieser sechzehn Erzählungen ist das Zwischenmenschliche: Begegnungen und Beziehungen. Mit wenigen Strichen skizziert die Autorin die jeweilge Situation der handelnden Personen, wobei sie meist die Ich-Perspektive wählt. Oftmals erscheint der Schreibstil recht spröde, doch die dicht unter der Oberfläche liegenden Emotionen werden rasch sichtbar.

    Neben den zwischenmenschlichen Aspekten hat mir bei den Geschichten gut gefallen, dass Doris Dörrie immer wieder kleine Details einfließen lässt, die man eigentlich nur ganz nebenbei wahrnimmt, wie z.B. die kleinen Luftbläschen, die beim Kochen eines Eis im Topf hochperlen. Überhaupt empfand ich den Schreibstil zwar einerseits als eher nüchtern, andererseits aber auch als sehr bildhaft. Die Vielfältigkeit der Erzählungen hat mich überzeugen können.

    ***

    Hier nun zu den Geschichten selbst:

    1. Ein Mann
    Die Wahrscheinlichkeit, von einer Atombombe getroffen zu werden, sei größer als die, als Frau über 30 in New York einen Mann zu finden - diese in einer bekannten Zeitschrift veröffentlichte Studie sorgt unter den Frauen dieser Altersgruppe für Torschluss-Panik, auch bei der Ich-Erzählerin, obschon sie versucht, die Sorge herunterzuspielen. Sehr amüsant sind die Reaktionen der Erzählerin und ihrer Umgebung auf diese Meldung zu hören. Ebenso die Anläufe, vielleicht doch noch einen Mann zu finden...

    2. I love you - wie klingt denn das?
    Philipp hält sich als Journalist beruflich in New York auf. Er schreibt gerade einen Artikel über eine unbekannte Pop-Gruppe, die engagiert ist, aber nicht gerade durch Können besticht: 'Das Ende der Pop-Musik'. Aber Philipp ist fasziniert von der 25jährigen Musikerin, blond, mit Beinen bis zum Hals. Seine Frau ist weit weg in Deutschland, und Philipps Gedanken kreisen recht häufig um die junge Musikerin. Dabei stört ihn der puertoricanische Kellner, der ihn mit starkem spanischen Akzent anspricht. Er bittet Philipp um Hilfe, weil er einem weiblichen Hotelgast aus Deutschland näher kommen möchte - und zwar auf Deutsch. Die Einsamkeit von Hotelaufenthalten kommt hier eindrucksvoll zum Tragen - durchzogen allerdings von einem feinen Humor.

    3. Los Angeles
    Dave - so heißt die große Liebe von Marie, die ihm spontan nach LA hinterhergereist ist. 'Call me if you happen to be in Los Angeles', das hatte er ihr gesagt, nach ihren sieben Liebesnächten in Deutschland. Doch als sie ihn nach ihrer Landung am Flughafen anruft, hat Dave keine Zeit, vertröstet sie - in vier Tagen solle sie noch einmal anrufen. Notgedrungen mietet sich Marie in einem Hotel ein - doch ist dies ein Hotel, in dem ansonsten nur alte Leute leben, und das schon lange. Eine melancholische Erzählung mit absurden und skurrilen Situationen - schräg.

    4. Hollywood
    Die 37jährige Ich-Erzählerin ist zum ersten Mal in Hollywood. Frisch getrennt von ihrem untreuen Ehemann, ist sie nun mit Bobo, einem Filmproduzenten, auf einer Party, zu der auch Richard Gere erwartet wird. Überspitzt nimmt Doris Dörrie hier den Filmzirkus aufs Korn und zeigt, dass das eigentliche Theater oft hinter den Kulissen stattfindet...

    5. Ohne Gepäck
    Ein junger Mann ist im Zug von München nach Hannover unterwegs, nachdem er zwei Jahre in Amerika war. Eigentlich hat er keine Lust, überhaupt wieder in Deutschland zu sein, ist aber froh, im Zug ein Abteil für sich zu haben. So kann er immerhin schlafen. Doch schon in Augsburg steigt eine junge Frau zu, ohne Gepäck. Der Ich-Erzähler reagiert genervt, gibt vor, nur Amerikanisch zu können, um in kein Gespräch verwickelt zu werden. Doch es kommt anders als er vermutet hat. Eine melancholische Erzählung um Reisende in der Nacht...

    6. Das Sofa
    Linda hat sich wieder einmal getrennt, ist inzwischen aber wieder eine Beziehung eingegangen. Im Möbelladen kommt es zu Diskussionen und Erkenntnissen. 'Wenn er wütend wurde, fing er an zu lächeln.' Von unkomplizierten Trennungen, ermüdenden Beziehungen, Unterschieden in Geschmäckern und Lebensentwürfen...

    7. Was machst du, wenn ich aus dem Haus gehe?
    Ein bis zwei Mal im Monat bittet ihr Mann sie, ihn abends im Haus für einige Stunden alleine zu lassen. Er behauptet, er brauche die Zeit für sich, er würde dabei nur vor Fernseher sitzen und essen. Ob das stimmt? Die Zweifel nagen an der Ich-Erzählerin...

    8. Was wollen Sie von mir?
    Eine Frau arbeitet als Telefonistin für eine Firma, hat keinen Kontakt zu Kollegen, auch privat ist sie einsam. Wegen ihrer Nackenprobleme geht sie auf ärztlichen Rat hin täglich nach der Arbeit spazieren. Dabei ist ihr schon länger ein großer Mann mit dichten schwarzen Haaren aufgefallen. Doch nun scheint er sie zu verfolgen. Was will er von ihr? Auch in dieser Geschichte bietet Doris Dörrie Überraschendes...

    9. Mit Messer und Gabel
    Die Ich-Erzählerin präsentiert sich als jemand, die sich auf bestimmte Verhaltensweisen oder Eigenschaften anderer total einschießen und diese dann auch nicht mehr ausblenden kann. So läuft ihr schon von Kindesbeinen an eine Gänsehaut den Rücken herunter, wenn ihre Mutter in einen Apfel beißt. Aber auch Beziehungen sind stets an ihrer Überempfindlichkeit gescheitert. Nur mit Berthold war das anders - nach einem halben Jahr war sie sicher, dass er makellos war, und so haben sie geheiratet. Alles lief gut bis zu dem Moment, als er befördert wurde... Eine von den skurrilen Geschichten, sehr unterhaltsam.

    10. Girl, you've got to love your man
    Lilly geht mit ihrem 12 Jahre jüngeren Freund in ein 60er-Jahre-Café. Mit der Bestellung gibt es schon Probleme, doch die Zeitreise in die 60er Jahre mit der entsprechenden Musik aus der Jukebox führt dazu, dass die Ich-Erzählerin ordentlich ins Grübeln gerät...

    11. Financial Times
    Die Ich-Erzählerin arbeitet als 'Karla' für einen exklusiven Escort Service, den sich nur reiche Männer leisten können. Sie kann sich aussuchen, ob sie die Männer nur zum Essen begleiten oder noch länger bleiben möchte, da ist die Agentur fair. Daniel, 20 Uhr, Hotel Kurfürst - das ist ihr nächster Auftrag. Daniel ist anders als ihre sonstigen Kunden. Er entführt sie aus dem 3-Sterne-Restaurant, weil er lieber Spinat mit Spiegeleiern und Bratkartoffeln essen würde. Der Mittvierziger überrascht Karla auch in anderer Hinsicht...

    12. Bist du eine Hexe?
    Die 22jährige Ich-Erzählerin führt eine Beziehung mit dem 32jährigen Herbert, der getrennt lebt von seiner Frau und am Wochenende die beiden gemeinsamen Kinder zu sich holt. Diese Wochenenden sind für die junge Frau nur schwer zu ertragen, weil sie keinen Kontakt zu den Kindern bekommt. 'Meine Mami sagt, du bist eine Hexe', sagt die kleine Babette zu ihr. Statt ihr schlafen die Kinder im gemeinsamen Bett, Herbert schaut sie kaum an. Sie wartet auf den Montag...

    13. Warum rufen Sie mich an?
    Karlas Beziehung zu Albert läuft schlecht, er übernachtet häufig bei seiner Geliebten. Karla erhält plötzlich mysteriöse Anrufe von einem unbekannten Mann, August. Selbst mitten in der Nacht hören die Anrufe nicht auf, und Karla lässt sich schließlich auf ein Treffen ein. Doch worauf lässt sie sich noch ein? Die Geschichte hinterließ bei mir ein leicht unheimliches Gefühl...

    14. Lügen
    Rosemarie ist Fotografin und hält vor Studenten einen Kurs über Porträt-Fotografie. Sie demonstriert glaubhaft an einer Studentin, wie sich ein Porträt mit Hilfe von Licht verändern und manipulieren lässt - Lügen mit Licht. 'Fotografie hat nichts mit Wahrheit zu tun, die Kamera lügt.' Doch bei dem einen männlichen Studenten funktioniert es nicht - riesig, entstellt, ungeschickt in seinen Bewegungen, kann das Licht als Mittel zur Lüge hier nichts bewirken. Rosemarie verzweifelt...

    15. Die Meerjungfrau
    Die 32jährige Ella, Dozentin der Pathologie, wird verlassen, Anton geht. 'Vielleicht können wir Freunde bleiben' - na klar. Die Meerjungfrau, die Ella in einem indonesischen Laden als Schutzengel gekauft hatte, scheint versagt zu haben. Doch Ella hat als Pathologin eine ganz eigene Methode, dafür zu sorgen, dass ihr die Trennung nicht so viel ausmacht, wie zu erwarten wäre...

    16. Es tut mir leid
    Calvin aus Brooklyn ist mit der Ich-Erzählerin zu Besuch bei deren Mutter in Deutschland. Die Mittfünfzigerin ist seit ihrer Scheidung verhärmt, versucht nun ihre Tochter und Calvin zu vereinnahmen. Bei gemeinsamen Unternehmungen hat die Ich-Erzählerin das nicht nachlassende Gefühl, stets am Abgrund zu balancieren...

    ***

    Doris Dörrie liest das ungekürzte Hörbuch (2 Stunden und 51 Minuten) selbst. Zu Beginn musste ich mich erst ein wenig an die auch etwas spröde Lesung gewöhnen, aber spätestens ab Mitte der ersten Geschichte empfand ich diese Art als ausgesprochen passend zu den Erzählungen selbst.

    Eine überzeugende Kurzgeschichtensammlung über menschliche Begegnungen und Beziehungen - spröde, skurril, melancholisch, amüsant...

    © Parden