Was vom Tage übrig blieb: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Was vom Tage übrig blieb: Roman' von Kazuo Ishiguro
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er brüsk zurück. Viele Jahre lang lebt ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.

Format:Taschenbuch
Seiten:288
Verlag: Heyne Verlag
EAN:9783453421608

Rezensionen zu "Was vom Tage übrig blieb: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2019 

    Immer eine Rolle leben und zur Rolle werden

    Kazuo Ishiguro ist ein Schriftsteller, dessen Roman „Alles, was wir geben mussten“ es auf meine „All-times-tops“ geschafft hat und deshalb ist jede neue Lektüre von diesem Schriftsteller dann auch immer wieder ein besonderes Erlebnis für mich. Nicht alle seine Bücher, die ich danach gelesenen habe, haben mich dann auch sehr glücklich gemacht, aber jedes verdient es, von mir Zeit geschenkt zu bekommen. Und so habe ich nun endlich seinen bekanntesten Roman „Was vom Tage übrig blieb“ gelesen.
    Der Roman beschreibt ein paar Tage im Leben eines Butlers aus hohem Hause. Es sind Tage, die ihn aus seinem normalen Lebens herausgelöst zeigen, und in denen er Rückschau hält.
    Sein Leben lang war Mr. Stevens, dessen Vornamen wir charakteristischerweise nicht kennen, Butler und hat sich voll und ganz in den Dienst seines Dienstherrn gestellt. Das war über den größten und wichtigsten Teil seines Berufslebens Lord Darlington, würdiger Hausherr von Darlington Hall. Doch die Zeiten ändern sich: Lord Darlington ist Vergangenheit, seine etwas dilettantischen Versuche, außenpolitische Schachzüge zwischen Hitlerdeutschland und Großbritannien anzustoßen, sind gescheitert; sein Anwesen gehört nun einem neureichen Amerikaner, der sich zwar redlich bemüht, in die Fußstapfen englischer Gentlemen zu treten, aber dafür weder den Hintergrund noch die finanziellen Möglichkeiten hat. Der vom Butler geführte Haushalt in Darlington Hall muss sich umgestalten, mit geschrumpftem Personalbestand auskommen und trotzdem im Takt der alten Zeit weiterschlagen und -funktionieren. So die unmögliche Aufgabe, vor die Butler Stevens gestellt ist.
    Dabei ist er in seinem Element und kann diese fast unmögliche Aufgabe erstaunlich erfolgreich bewerkstelligen. Wesentlich schwerer fällt ihm da eine andere neue Herausforderung: ein lockerer, auch scherzhafte Züge tragender Umgang mit seinem Dienstherrn. Denn eines ist klar: wichtigstes Prinzip für ihn ist: Niemals aus der Rolle fallen. Ein Butler ist ein Butler, ist ein Butler!

    „Ein Butler von einigem Format muss seine Rolle voll und ganz ausfüllen, muss gewissermaßen in ihr leben; er darf sich nicht dabei sehen lassen, wie er sie jetzt ablegt und im nächsten Augenblick wieder überstreift, als wäre sie nichts als das Kostüm eines Komödianten.“

    Dieses „In der Rolle Bleiben“ ist für Stevens vor allem immer dann eine besondere Herausforderung, wenn es um die Kontakte zur Hausdame Mrs. Stenton gehen. Jahrelang haben beide unter Lord Darlington zusammengearbeitet und ihre Arbeit perfekt gemacht und ihre Rollen annähernd perfekt ausgefüllt. Und doch ist für den Leser unverkennbar, dass in dieser Beziehung zu Mrs. Stenton die Stelle in Stevens‘ Leben liegt, an der die Rollenwahrung ihn am stärksten an seine Grenzen führt. Unverkennbar ist die Anziehung, die beide aufeinander ausüben. Unverkennbar aber sind auch die Abwehrkräfte, die beide dem entgegensetzen, um, ja, in der Rolle zu bleiben. Mrs. Stenton verlässt Darlington Hall, um einen alten Kollegen zu heiraten und zieht in einen anderen Teil Englands. Jahre später finden die im Roman beschriebenen Tage im Leben des Butlers Stevens statt und zeigen ihn, wie er sich auf eine Autofahrt durch England begibt, um Mrs. Stenton nach vermeindlich gescheiterter Ehe wieder für die Arbeit in Darlington Hall oder zu noch mehr (?) zu gewinnen.
    Nie hatte Stevens so viel Zeit und Abstand, um über sich und sein Leben nachzudenken wie auf dieser Reise ohne die Pflichten der Haushaltsführung. Der Leser begleitet Stevens auf dieser Erinnerungsreise über sein Leben und seine Arbeit und fiebert mit ihm der Begegnung mit Mrs. Stenton entgegen, die den Endpunkt der Reise darstellen soll. Diese Begegnung wird dann so unspektakulär und ereignislos wie alle „Annäherungen“, die zwischen beiden im Laufe ihres Lebens stattgefunden haben.
    Am Ende gehen beide wieder auseinander und beschreiten weiter ihren getrennt verlaufenden Lebensweg. Nichts passiert zwischen den beiden und dennoch kann man diese Geschichte durchaus als „bittersüße Liebesgeschichte“ bezeichnen, wie es der Klappentext tut.
    Ein moderner Klassiker, in dem Ishiguro einmal mehr sein ganzes Können gezeigt hat. Gern gebe ich 5 Sterne, aber „Alles, was wir geben mussten“ kann der Roman nicht aus meinen „All times-tops“ verdrängen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Apr 2018 

    Lebensgeschichte eines Butlers

    Kazuo Ishiguro hat letztes Jahr den Literaturnobelpreis erhalten, Grund genug, einen Roman von ihm zu lesen bzw. zu hören. "Was vom Tage übrig blieb" stammt aus dem Jahr 1989 und wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

    Worum geht es?
    Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Butlers Stevens rückblickend aus seiner Perspektive. Im Jahr 1956 setzt die Handlung ein.
    Lange stand Stevens im Dienst von Lord Darlington auf seinem Landsitz Darlington Hall. Inzwischen ist es an den amerikanischen Millionär Farraday verkauft, das Personal stark reduziert und viele Räume eingemottet. Aus der Sicht von Stevens schleichen sich unverzeihliche Fehler ein, so dass er beschließt Farradays Angebot, dessen fünfwöchigen Aufenthalt in den USA für einen Erholungsurlaub zu nutzen, anzunehmen.
    Farraday stellt Stevens dafür den alten herrschaftlichen Ford zur Verfügung. Stevens Ziel ist Miss Kenton, die ehemalige Hauswirtschafterin von Darlington Hall, die in ihrem letzten Brief an ihn angedeutet hat, um ihre Ehe stehe es nicht zum Besten, zu besuchen. Stevens möchte sie fragen, ob sie bereit sei, wieder in Darlington Hall zu arbeiten, um den Personalnotstand zu beseitigen.

    Auf seiner Reise reflektiert der alte Butler
    über seine Arbeit,
    darüber, was einen perfekten Butler ausmacht,
    was Würde in seinem Beruf bedeutet,
    wie er mit dem Wunsch seines neuen Dienstherren, mit ihm zu scherzen, umgehen soll.

    Er erinnert sich aber auch an bedeutende geschichtliche Ereignisse,
    wie eine geheime Konferenz im Jahr 1923, an dem ein Amerikaner, Franzose, Engländer und Deutsche teilgenommen haben, um über die Folgen des Versailler Vertrags zu diskutieren,
    oder die Fürsprache der Appeasement-Politik durch Lord Darlington.

    Er klammert auch weniger rühmliche Meinungsäußerungen und Einstellungen seines Dienstherren nicht aus, der zeitweise mit dem Faschismus sympathisiert hat, verhält sich jedoch - selbst in seinen Gedanken - loyal und findet entsprechende Ausreden, die zeigen, dass seine Wahrnehmung verzerrt ist.

    Den Großteil seiner Reflexionen betreffen Miss Kenton selbst. Es ist offenkundig, dass sie in ihn verliebt ist und auch er entsprechende Gefühle für sie hegt - auch wenn er das niemals äußern würde - nicht einmal in seinen Gedanken.

    Mit Spannung erwartet man das Treffen der beiden. Ob sich an ihrer Beziehung noch etwas ändern wird?

    Bewertung
    Das Augenscheinlichste an dem Roman ist die Art und Weise, wie Stevens erzählt, denn er verbirgt seine wahren Gefühle hinter einer Fassade aus Distanz und distinguierter Sprache. Kann man dem, was er erzählt, vertrauen? Oder ist es geprägt von seiner perfekten Rolle als Butler? Man muss schon sehr genau zwischen den Zeilen hören, um seine eigene Meinung, seine Trauer um den Tod des Vaters, seine Emotionen im Angesicht von Miss Kentons Heirat zu erahnen. Er tritt völlig hinter seiner Rolle zurück - der Mensch Stevens scheint nur ganz selten hindurch.
    Stets haben eigene Bedürfnisse und auch Meinungen hinter den Aufgaben, die ein Butler mit Zurückhaltung erfüllen muss, zurückzustehen.
    Am Ende des Romans deutet sich ein Wendepunkt an, das, "was vom Tage übrig blieb", zu genießen und vielleicht aus der perfekten Rolle herauszufallen.

    Das Hörbuch, wunderbar gelesen von Gert Heidenreich, ist wirklich ein Genuss. Die würdevolle, reserviert-distanzierte Sprache Stevens ist einerseits faszinierend, andererseits steht sie Stevens persönlichem Glück im Weg, da sie seine Gefühle verbirgt.