Was Nina wusste: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Was Nina wusste: Roman' von David Grossman
3.65
3.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Was Nina wusste: Roman"

Es gibt Entscheidungen, die ein Leben zerreißen – Wer könnte eindringlicher und zarter davon erzählen als David Grossman Drei Frauen – Vera, ihre Tochter Nina und ihre Enkelin Gili – kämpfen mit einem alten Familiengeheimnis: An Veras 90. Geburtstag beschließt Gili, einen Film über ihre Großmutter zu drehen und mit ihr und Nina nach Kroatien, auf die frühere Gefängnisinsel Goli Otok zu reisen. Dort soll Vera ihre Lebensgeschichte endlich einmal vollständig erzählen. Was genau geschah damals, als sie von der jugoslawischen Geheimpolizei unter Tito verhaftet wurde? Warum war sie bereit, ihre sechseinhalbjährige Tochter wegzugeben und ins Lager zu gehen, anstatt sich durch ein Geständnis freizukaufen? "Was Nina wusste" beruht auf einer realen Geschichte. David Grossmans Meisterschaft macht daraus einen fesselnden Roman.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag:
EAN:9783446267527

Rezensionen zu "Was Nina wusste: Roman"

  1. Ein Ereignis vergiftet das Leben dreier Frauen/dreier Generation

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Sep 2020 

    Ein Ereignis vergiftet das Leben dreier Frauen/dreier Generationen

    Ein geniales Buch! Hat mir wirklich sehr gut gefallen! David Grossmans Sprache ist einfach wunderbar! Und seine Zeichnung dieser wirklich sehr interessanten Frauen ist genial. Drei Frauen einer Familie, drei Generationen einer Familie und ein zurückliegendes Ereignis und dessen Folgen auf alle drei Generationen. Psychologisch dicht und durchdacht. Berührend, empathisch und bedrückend. Es gibt kein Gut und kein Böse. Jede Person hat beides in sich. Recht real wie ich finde. Und erst eine Konfrontation mit der Vergangenheit kann das Geschehene aufdröseln, erst eine umfassende Konversation ist hilfreich. Eigentlich sind das Dinge, die wir alle kennen, nur mit der Umsetzung hapert es manchmal. Was für mich auch wunderbar war, diese Personen sind mir nah und irgendwie wachsen sie einem ans Herz, auch wenn manche wirklich furchtbare Wesenszüge haben. David Grossman ist ein wirklich interessanter Autor, dessen Werk ich genauer betrachten werde, denn dieses Buch berührt mich, knipst mich an, wie ich es auch ausdrücke. Dieses Buch ist auch ungemein spannend, ich flog nur so durch die Seiten. Und wer problembehaftete Familiengeschichten und eckig gezeichnete Charaktere mag, ist hier vollkommen richtig. Von mir gibt es für dieses Buch 5 vollkommen verdiente Sterne!

    Drei Frauen - Vera, ihre Tochter Nina und deren Tochter Gili - verbindet ein Trauma. Ein Trauma, das Vera und Nina in Jugoslawien widerfährt, das sie nach Israel mitnehmen, und das auch Auswirkungen auf Gili haben wird. Drei Frauen und ihr Leben!

    Ein weiterer Punkt, der mir sehr gefallen hat, ist der reale Hintergrund. Die Figuren von Vera und Nina hat es wirklich gegeben. David Grossman hat die Geschichte der realen Personen als Grundlage für diesen Roman nehmen dürfen, dennoch ist dieser Roman eine Fiktion, denn David Grossman hat diese Geschichte natürlich etwas verändert.

  1. Familiäre Verstrickungen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Sep 2020 

    „Rafael war fünfzehn, als seine Mutter starb und ihn von ihrem Leiden erlöste.“ (S.7) Bereits mit diesem ersten Satz erfasst man den Charakter dieses Romans, in dem es im Kern um familiäre Verstrickungen, um Liebe, Verrat, Reue, Schuld und Scham geht. Rafael lebt zusammen mit seinem Vater Tuvia in einem Kibbuz in Israel, als der Teenager sich unsterblich in die geheimnisvolle, nur wenige Jahre ältere, Nina verliebt, die erst kurz zuvor gemeinsam mit ihrer Mutter Vera im Kibbuz eingezogen ist. Das Schicksal will es, dass Tuvia und Vera nach Ende der Trauerzeit heiraten. Die neue Stiefmutter versucht dem Jungen ein liebevoller Mutterersatz zu sein. Nina entzieht sich der Familie jedoch, sie verlässt den Kibbuz und wird jahrelang nicht gefunden.
    Rafael leidet unter ihrer Abwesenheit, sie ist die Liebe seines Lebens. Irgendwann wird seine permanente Suche belohnt. Nina wird eine Weile sesshaft, die beiden führen eine schwierige Beziehung, sie bekommen eine Tochter, Gili. Nach etwa drei Jahren hält es die unstete Nina nicht mehr aus. Sie zieht erneut von ihren Dämonen getrieben in die Welt.

    Anlässlich des 90. Geburtstages ihrer Oma Vera beginnt die mittlerweile 36-jährige Gili, die Familienchronik zu recherchieren und zu hinterfragen. Wie ihr Vater arbeitet sie in der Filmbranche. Das macht es naheliegend, eine Filmdokumentation mit Interviews aller Familienmitglieder vorzubereiten.
    Auch Nina ist zum Geburtstag ihrer Mutter angereist. Es ist sofort augenfällig, dass die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern schwer gestört sind. Gili kann das frühe Verlassenwerden von ihrer Mutter nicht verzeihen, sie wird zwischen Anziehung und Ablehnung hin- und hergerissen. Auch Nina hat ein dysfunktionales Verhältnis zu ihrer Mutter Vera. Ursachen scheinen auch bei ihr traumatische Erlebnisse aus der Kindheit zu sein. Eine diagnostizierte schwere Krankheit macht Nina etwas zugänglicher. Sie bleibt und öffnet sich für das Filmprojekt.

    Die Ich-Erzählerin ist Gili. Sie führt den Leser zunächst in das komplizierte Familiengeflecht ein, indem sie verschiedene Episoden aus der Vergangenheit zusammenträgt. Ihre wichtigsten Bezugspersonen sind ihr Vater und Oma Vera, viele Informationen hat sie zwangsläufig von ihnen erhalten.

    Im Rahmen des Filmprojekts werden sich die Frauen zum ersten Mal seit Jahren mit den Brüchen ihrer Familiengeschichte konfrontieren und sich gemeinsam darüber auseinander setzen. Das führt zu Diskussionen und Konflikten, zu intensiven Gefühlen; verschwiegene Wahrheiten und Geheimnisse brechen aus ihnen heraus. Der Leser erfährt immer mehr, kann sich nach und nach ein komplettes Bild der Figuren und ihrer Traumata machen. Dabei muss man nicht alles verstehen oder gar gutheißen. Grossman versteht es, die Charaktere seiner Protagonisten differenziert und vielschichtig anzulegen. Es gibt nicht nur gut oder nur schlecht.

    Höhepunkt des Romans ist eine gemeinsame Reise, die zunächst nach Kroatien in Veras Heimatstadt Cakovec führt, wo sie einst Ninas Vater Milos kennen- und lieben lernte. Ihre Geschichte wird blumig, zu Übertreibungen neigend, erzählt. Manche Episode mutet auch skurril an, doch man nimmt sie dieser alten jüdischen Dame ab. Doch diese Ablenkungen währen nur kurz, denn Veras Geschichte findet ihren tragischen Ausgang auf der Gefängnisinsel Goli Otok. Nach dem Tod ihres Mannes wird sie der Spionage verdächtigt und für fast drei Jahre dort eingesperrt. Sie muss Zwangsarbeit leisten und ihre 6-jährigeTochter Nina zurücklassen - ein Verhängnis, das sie lebenslang begleitet.

    Die Erinnerungen Veras an das Lager Goli Otok werden durch eine andere Schriftart und Erzählperspektive abgehoben. Für mich waren diese Abschnitte die Highlights des Buches. Man hat schon oft über die Zustände in Lagern von Unrechtsstaaten gelesen, hier gelingt es besonders intensiv, bewegend und authentisch. (Man sollte wissen, dass es für die Figur der Vera eine reale Person gegeben hat: Eva Panic-Nahir war eine in Jugoslawien hoch angesehene Frau, die fast drei Jahre auf der Gefängnisinsel Goli Otok zubringen musste. Das ist der Ort, an den unter Tito die vermeintlichen Dissidenten des Regimes verbracht wurden. Die beschriebenen Erlebnisse dürften weitgehend der Wahrheit entsprechen. Grossman war mit der vor wenigen Jahren verstorbenen Eva Panic-Nahir befreundet und hatte die Erlaubnis, ihre Lebensgeschichte fiktional zu bearbeiten.)

    Die Stärke des Romans ist seine bild- und facettenreiche Sprache. Die Dilemmata der weiblichen Charaktere werden sehr gut ausgearbeitet. Rafael bleibt im Hintergrund für meinen Geschmack etwas blass. Der Roman entwickelt immer mehr Dramatik. Das muss man mögen. Grossman lässt die Handlung sehr gezielt auf einen Höhepunkt zusteuern, der von Naturgewalten, unglücklichen Zufällen und Gefahren begleitet wird. Das war mir persönlich etwas viel. Die Geschichte an sich hat ein so großes Potential, sie beginnt so intensiv, dass man sie auch etwas leiser mit weniger Wucht hätte erzählen können. Außerdem empfand ich manche Länge, kreiste der Roman doch immer wieder um das Seelenleben seiner drei Protagonistinnen, ohne im Kern zu neuen Erkenntnissen zu führen. Zudem passte aus meiner Sicht die Auflösung am Ende nicht zu den zuvor höchst kompliziert angelegten, lange schwelenden Konflikten.

    Ich empfehle diesen Roman allen Freunden komplizierter Familiengeschichten. „Was Nina wusste“ ist kein Roman, der fröhlich stimmt. Er setzt sich mit einem Stück europäischer Zeitgeschichte auseinander, ohne sehr politisch zu werden. Alles dreht sich um drei Frauenfiguren einer Familie, die unter großen Verlusten leiden und gemeinsam versuchen, ihre Traumata zu überwinden.

  1. Unausgewogen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Sep 2020 

    Wunderbares Thema: Eine Familientragödie, die noch in der dritten Generation Auswirkungen hat. Die 90jährige Vera hat im damaligen Jugoslawien eine Entscheidung getroffen, die ihre Tochter schwer verstört hat. Die wiederum hadert mit der eigenen Mutterrolle. Enkelin Gili möchte es jetzt wissen, befragt die Oma und dreht einen Film darüber. Was ist passiert und was wusste Nina, ihre Mutter?

    David Grossman schreibt wunderbar, plastisch, eindringlich, poetisch, und entschlüsselt gekonnt dieses vertrackte Beziehungsgeflecht. Hier erzählt jeder mal ein bisschen, was einen spannenden Flickenteppich ergibt, der sich zur Familiengeschichte mausert, die mit den politischen Unruhen in Jugoslawien zu Titos Zeit ihren Anfang nimmt.

    Das sind die Pluspunkte dieses Buches: Erzählerische Raffinesse, spannendes Thema, einfühlsame psychologische Analyse der Figuren, alle Zutaten, die ein grandioses Buch braucht. Nur belässt es der Autor nicht dabei. Er will auch noch große Kunst und ewige Liebe, der ein Denkmal gesetzt werden muss. Gili und ihr Vater Rafael sind Filmprofis und so filmen sie nahezu besessen, jeden Moment, jedes Wort, jede Regung, verlieren dabei aber aus den Augen, dass es hier nicht um die Oskarnominierung geht. Und um dem Projekt zusätzliches Gewicht zu verleihen, zaubert er noch eine Alzheimererkrankung aus dem Hut. Unnötig.

    Grossman setzt auf große Gefühle, vergisst dabei aber den historischen Background zu beleuchten. Vera und ihr Mann waren im Untergrund gegen das Tito-Regime aktiv, erfährt man hier im Nebensatz und hätte gerne mehr erfahren. Die eigentliche Tragödie, verursacht durch die Repressalien eines diktatorischen Regimes tritt zurück hinter einem aufgebauschten Gefühlsdilemma, Liebe gegen Verantwortung, Mutterliebe gegen Familienehre. Schade.

    Man spürt das emotionale Engagement des Autors, der, wie er im Nachwort erzählt, Eva Panić-Nahir persönlich gesprochen hat. Auf ihrer Geschichte beruht dieses Buch, eine tragische Geschichte, die wirklich erzählenswert ist und es nicht nötig hat, mit Effekten ausgeschmückt zu werden.
    Der tolle Erzählstil gleicht vieles aus, es ist durchaus lohnend, dieses Buch zu lesen. Es ist nur eher ein Rührstück geworden, was das Zeug zu großem Kino gehabt hätte.