Was mit dem weißen Wilden geschah: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Was mit dem weißen Wilden geschah: Roman' von François Garde
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Was mit dem weißen Wilden geschah: Roman"

Format:Taschenbuch
Seiten:320
EAN:9783423146142

Rezensionen zu "Was mit dem weißen Wilden geschah: Roman"

  1. Der weiße Wilde und die Zivilisation

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Mär 2021 

    Francois Garde hat 2012 für seinen Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah“ den französischen Prix Goncourt du premier roman“ erhalten. Er beschreibt darin eine fiktive, aber an ein realistisches Geschehen aus der Kolonialgeschichte Frankreichs angelehnte Geschichte. Im Jahr 1843 wird der Matrose Narcisse bei einer Anlandung seines Schiffes an der Nordküste Australiens versehentlich zurückgelassen und wird ab diesem Zeitpunkt 18 Jahre in dieser Gegend, angeschlossen an eine Gruppe von „Wilden“, verbringen, bevor er durch Zufall wieder entdeckt und zum Forschungsobjekt bei seiner Wiedereinführung in die „Welt der Zivilisation“ wird. Zum Zeitpunkt seiner Wiederentdeckung scheinen sämtliche Spuren seiner Vergangenheit in seiner Erinnerung gelöscht, und über seine Zeit in Nordaustralien wird er seinen „Erforschern“ auch keine Auskunft geben. Er ist wie ein Mensch ohne Vergangenheit, in dem doch so Vieles an besonderer Vergangenheit ruht.
    Der Roman schildert die Geschichte in jedem Kapitel aus zwei Perspektiven:
    Zunächst erfahren wir aus der Sicht von Narcisse jeweils die Vorkommnisse seiner ersten Zeit in der Wildnis, seine Begegnung und relative Annäherung an die „Wilden“ und sein Ringen um Verstehen, Überleben und Hoffnung. Im jeweils zweiten Teil der Kapitel wird in Briefform die Sichtweise seines Mentors und Erforschers Octave wiedergegeben: dieser junge, unerfahrene Forschungsreisende -letztlich einzig durch reichen Hintergrund und gewisse Beziehungen zum Forscher geworden – wird beauftragt, Narcisse in die vermeintliche Heimat zurückzubringen, ihn auf seine Rückkehr einigermaßen vorzubereiten und seine Beobachtungen für die Gesellschaft für Geografie festzuhalten und nutzbar zu machen. Seine Briefberichtete sind gerichtet an den Präsidenten dieser Gesellschaft und zeugen von den Schwierigkeiten, die sich ihm auftun. Denn Narcisse ist nicht bereit, ihm ein Fenster in seine Vergangenheit zu öffnen. „Reden ist wie Sterben“ ist seine Leitlinie und so bleibt Octaves Mission und sein Forschungsinteresse und das der Gesellschaft weitestgehend im Dunkeln und von Zweifeln überlagert:

    Was, wenn ich mich von Anfang an geirrt hatte? Was, wenn die richtige Entscheidung darin bestanden hätte, ein Boot anzumieten und Narcisse an dem Strand abzusetzen, an dem diese Geschichte begonnen hatte, …

    , während Narcisse – wieder in Frankreich angekommen – in seiner Familie ein Fremdkörper bleibt und deshalb eine Stelle als Leuchtturmwärtergehilfe auf der Ile de Ré annimmt, in der er einigermaßen angekommen erscheint, auch wenn er immer ein schweigsamer Außenseiter bleibt und sich niemandem wirklich eröffnet über die Fülle an Erlebnissen, die in ihm schlummern.
    Mein Fazit:
    Der Roman schildert das Geschehen auf eine sehr elegante und distanzierte Art, die dem Leser dennoch die Ausnahmesituation von Forscher und Erforschtem sehr nahe bringen kann. Der Anspruch der Zivilisation und der Mythos des unbekannten Wilden wird darin sehr gut in die Zeit des 19. Jahrhunderts eingeordnet. Am Ende des Romans bleiben letztlich alle Fragen offen.

    Dieses Rätsel bleibt so hermetisch wie am allerersten Tag. …. Hätte ich dort wie hier andere Worte finden müssen? Und was hatten meine Worte angesichts des beharrlichen Schweigens von Narcisse für ein Gewicht?

    Selbst der Verbleib von Narcisse, der sich nach einem Streit nicht mehr zum Leuchtturm begeben hat, bleibt am Ende im Unklaren. Das mag einigen Lesern sicher unbefriedigend erscheinen, aber für dieses Thema und die Herangehensweise an das Thema ist das eine für mich sehr überzeugende Haltung und Gestaltung in diesem preisgekrönten Roman, dem ich gerne auch 5 Sterne gebe.

  1. Wer ist hier zivilisiert?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Nov 2019 

    Ich habe vor einiger Zeit dieses Buch hier gelesen. Und ich war restlos begeistert. Hier wurde ein wirklich sehr interessantes Thema beleuchtet, welches einen realen historischen Hintergrund beschreibt. Narcisse Pelletier lebte von seinem 14. Lebensjahr im Jahre 1858 bis ins Jahr 1875 bei einer Aborigines Gruppe, den Kawadji oder Uutaalnganu auf Night Island im heutigen Queensland in Australien. Und das Ganze geschah anfänglich nicht ganz so freiwillig. der junge Seemann wurde nämlich bei einem Landgang in Australien zurückgelassen. Die Gründe darüber variieren in den verschiedenen Quellen. Im Jahr 1875 wurde er zwangsweise wieder in die "Zivilisation" zurückgebracht, was für Pelletier Jahre eher eine Freude gewesen wäre, wurde für ihn zum jetzigen Zeitpunkt eine echte Prüfung. Er wurde in Australien in den Stamm der Aborigines aufgenommen, hatte Wissen über die Zeremonien der Eingeborenen, war also einer von ihnen, musste sich jetzt gezwungenermaßen wieder umorientieren. Wir alle wissen, wie Neues uns stören kann. Wie muss es da erst Pelletier gegangen sein? Dies sind die realen Fakten, im Buch werden die Jahreszahlen etwas verändert, hier dauert Pelletiers Zeit bei den Kawadji von 1843 bis 1860 und einige Namen von realen Personen wurden verändert. Geschrieben ist dieses Buch in zwei Handlungssträngen und zwei Sichtweisen, einmal berichtet ein französischer Beamter und einmal berichtet Pelletier. Und durch die beiden Sichtweisen erschließt sich nach und nach Pelletiers Geschichte. Aber der Kern des Buches ist ebenso eine soziale Frage, welches ist die bessere Zivilisation???, die der australischen Eingeborenen oder die westliche??? Welches ist die sozialere Zivilisation??? Interessante Fragestellungen, ich weiß. Und genau um diese Fragestellungen geht es, nun ist das 19. Jahrhundert eine andere Zeit, es gelten andere Regeln, andere Maßstäbe. Aber genau darum sind diese Fragen auch so interessant, obwohl man sich als heutiger Leser natürlich auch so seine Gedanken dazu machen kann. Nun ist diese vollkommene Assimilation eines westlichen Menschen in eine andere Welt auch durch das Alter der betreffenden Person begünstigt worden und ebenso auch durch das Alleinstehen in einer fremden Welt. Und wen dieser Fall wundern sollte, Narcisse Pelletier ist durchaus kein Einzelfall, es gab viele Personen, die in indigene Völker aufgenommen wurden und zu vollwertigen Stammesmitgliedern wurden und der westlichen Zivilisation nicht mehr viel abgewinnen konnten. (z.B. Cynthia Ann Parker) In der völkerkundlichen Literatur treten diese Personen immer wieder auf, genauso gab es aber auch Menschen, die unfreiwillig in fremden Kulturen lebten. Aber um zu dem Buch zurückzukehren, die Fragen der Sozialisation Pelletiers sind äußerst interessant und regen zum Nachdenken an. Mir hat dieses Buch sehr gefallen und für mich ist es durch diese geschickt formulierten Fragen zur Sozialisation Pelletiers durchaus begründbar, dass Garde 2012 den Prix Goncourt du premier Roman für "Ce qu'il advint du sauvage blanc" erhielt. Gardes Jahre als Verwaltungsbeamter auf Neukaledonien werden ihm garantiert hilfreich bei diesem Roman gewesen sein, Neukaledonien hat noch immer einen recht hohen Anteil an Mitgliedern der alten Stammesbevölkerung und deren Stellung bei den europäischen Bewohnern in der Vergangenheit und auch später in der heutigen Zeit werden garantiert zum Nachdenken angeregt haben. Unbedingt Lesen!!!

  1. Abenteuer, Fremdheit, Identität

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Mär 2014 

    Geschichte eines französischen Matrosen, der Mitte des 19. Jahrhunderts an einem Strand in Australien zurückgelassen wurde. 15 Jahre später wird er entdeckt, zunächst in die Zivilisation verfrachtet und wenige Zeit später von einem Forschungsreisenden nach Frankreich gebracht.
    Der Matrose, der augenscheinlich von der indigenen Bevölkerung aufgenommen wurde, spricht weder seine Ursprungssprache noch kann er sich an das europäische Leben erinnern.

    Der Roman basiert auf einem authentischen Vorfall.

    Interessante Konstruktion. In alternierenden Kapiteln erfährt der Leser vom damaligen Schicksal des Matrosen und von den Bemühungen des Forschers.

    Mehr kann ich noch nicht dazu sagen, da ich das Buch erst begonnen habe.