Was man von hier aus sehen kann: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Was man von hier aus sehen kann: Roman' von Mariana Leky
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, erzählt Mariana Leky in ihrem Roman. ›Was man von hier aus sehen kann‹ ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt. Aber es ist vor allem ein Buch über die Liebe unter schwierigen Vorzeichen, Liebe, die scheinbar immer die ungünstigsten Bedingungen wählt. Für Luise zum Beispiel, Selmas Enkelin, gilt es viele tausend Kilometer zu überbrücken. Denn der Mann, den sie liebt, ist zum Buddhismus konvertiert und lebt in einem Kloster in Japan …

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
EAN:9783832198398

Rezensionen zu "Was man von hier aus sehen kann: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2018 

    Skurrile Geschichte über das Leben, den Tod und die Liebe

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht Luise, aus deren Ich-Perspektive der Roman erzählt wird.
    Zu Beginn, im Jahr 1983 ist sie 10 Jahre alt und ihre Oma Selma hat in der Nacht von einem Okapi geträumt.

    "Das Okapi ist ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhangslos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhüften, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren. Ein Okapi ist absolut unglaubwürdig, in der Wirklichkeit nicht weniger als in den unheilvollen Träumen einer Westerwälderin." (S.14)

    Jeder im kleinen, verschlafenen Nest im Westerwald weiß, was das bedeutet - in den folgenden 24 Stunden wird jemand sterben. Das ist immer so, wenn Selma im Traum ein Okapi erscheint.

    Jeder, das ist
    - der 10-jährige Martin, Luises bester Freund, der schon seit seiner Kindheit Gewichtheben übt und Luise ständig in die Höhe stemmt,
    - der Optiker, der die verwitwete Selma, deren Mann nicht aus dem 2.Weltkrieg zurückgekehrt ist, schon sein Leben lang liebt, aber seine inneren Stimme, die ihm abraten, ihr das zu sagen, nicht übertönen kann,
    - die abergläubische Elsbeth, ebenfalls Witwe, eine schrullige Kräuterhexe, die für jedes Leiden ein ungewöhnliches Mittel kennt.

    "Elsbeth hatte etwas gegen Gicht, gegen ausbleibende Liebe und ausbleibenden Kindersegen, gegen unausgebliebene Hämorrhoiden und quer liegende ungeborene Kälber." (S.53)

    - die immer schlecht gelaunte Marlies, die im Haus ihrer Tante wohnt, in dem sich diese mit 92 Jahren aufgehangen hat,
    - Luises Vater, ein Arzt, der sich einer Psychoanalyse unterzieht und fortan immer auf Reisen ist und vor sich selbst wegzulaufen (?),
    - Luises Mutter, Annemarie, die sich seit Jahren mit der Frage herumschlägt, ob sie ihren Mann verlassen soll,
    - der Jäger Palm, der eine Wandlung vom Alkoholiker zum gläubigen Bibel-Zitierer durchläuft
    - und Alaska, ein Huskymischling, den der Vater kauft, um seinen eigenen Schmerz zu externalisieren,

    "der Hund ist quasi eine Metapher. Eine Metapher für den Schmerz." (S.45)

    - Selma selbst dürfen wir nicht vergessen, die aussieht wie Rudi Carrell, Mon Chérie liebt und Luise Halt im Leben ist, da ihre Eltern zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.

    Der Traum führt dazu, dass die Leute im Dorf versuchen

    "auf den letzten Drücker Wahrhaftigkeit ins Leben [zu] bringen. Und die verschwiegenen Wahrheiten, glaubten die Leute, sind die wahrhaftigsten überhaupt: Weil nicht an ihnen gerührt wird, ist ihre Wahrhaftigkeit gestockt, und weil sie in ihrer Verschwiegenheit zur Bewegungslosigkeit verdammt sind, werden diese Wahrheiten im Lauf der Jahre immer üppiger." (S.24)

    Auch der Optiker will seine Wahrheit endlich kund tun, indem er Selma einen Aktenkoffer voller angefangener Liebesbriefe vorbeibringen möchte - doch seine inneren Stimmen sind lauter und schließlich trifft der Tod ganz unerwartet eine Person, mit der man überhaupt nicht gerechnet hat.

    Der 2.Teil spielt 12 Jahre später, Luise arbeitet inzwischen in einer kleinen Buchhandlung und ist nicht bereit, die Welt in ihr Leben zu lassen, wie es ihr Vater immer fordert, der in der ganzen Welt unterwegs ist. Das ändert sich, als sie dem buddhistischen, attraktiven, jungen Mönch Frederik kennen lernt, der jedoch in Japan in einem Kloster lebt.

    Eine schwierige Situation:

    "Wenn ich jetzt nicht aufhöre, verstockt zu sein, dann wird das nichts, dachte ich, dann biegt das Leben falsch ab." (S.149)

    Wird Luises Leben die richtige Abzweigung nehmen?

    Bewertung
    Eine wahrhaft skurrile Geschichte mit eigenartigen, seltsamen Protagonisten, die einem beim Lesen in ihrer Schrulligkeit ans Herz wachsen. Man fühlt mit Luise, lacht über Selma und nimmt all die etwas ungewöhnlichen Ereignisse hin, wie Okapi-Träume, die den Tod bringen, oder Gegenstände, die beim Lügen zerbrechen. Es ist eine warmherzige Geschichte über den tragischen Tod eines Menschen und wie die, die ihn liebten, versuchen diesen zu verkraften, wenn es denn je ganz gelingen kann.
    Der Roman zeigt aber auch, dass die intensive Beziehung zu geliebten Menschen, dass die Freundschaft uns durch schwierige Zeiten trägt, dass wir einen Bezugspunkt im Leben brauchen. Eine Aufgabe, die Selma für Luise übernimmt - eigentlich erzählt die Geschichte vom Leben selbst mit Humor und Zartgefühl. Wer sich dabei auf skurrile Situationen einlassen kann, der wird viel Spaß und Freude an dieser Lektüre haben.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Aug 2017 

    Eine Geschichte vom Leben

    Das Buch hat mich amüsiert, nachdenklich gemacht und berührt - immer wieder zwischendurch.
    So skurril einem diese Geschichte auch auf den ersten Blick erscheint, erzählt sie doch von menschlichen Grundthemen wie Tod und Trauer, Verlust und Neubeginn, Liebe und der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem eigenen Weg. Tragisches und Komisches gehen Hand in Hand.
    Ein lesenswertes Buch voller Gefühle, mit Witz und Ironie sowie ungeschminkter Ernsthaftigkeit inkl. einem Hauch von Nachdenklichkeit.

    Das Buch hat mich amüsiert, nachdenklich gemacht und berührt - immer wieder zwischendurch.
    So skurril einem diese Geschichte auch auf den ersten Blick erscheint, erzählt sie doch von menschlichen Grundthemen wie Tod und Trauer, Verlust und Neubeginn, Liebe und der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem eigenen Weg. Tragisches und Komisches gehen Hand in Hand.
    Ein lesenswertes Buch voller Gefühle, mit Witz und Ironie sowie ungeschminkter Ernsthaftigkeit inkl. einem Hauch von Nachdenklichkeit.

    Das Buch hat mich amüsiert, nachdenklich gemacht und berührt - immer wieder zwischendurch.
    So skurril einem diese Geschichte auch auf den ersten Blick erscheint, erzählt sie doch von menschlichen Grundthemen wie Tod und Trauer, Verlust und Neubeginn, Liebe und der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem eigenen Weg. Tragisches und Komisches gehen Hand in Hand.
    Ein lesenswertes Buch voller Gefühle, mit Witz und Ironie sowie ungeschminkter Ernsthaftigkeit inkl. einem Hauch von Nachdenklichkeit.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Jul 2017 

    Eine Zeitreise durch das Leben

    "Wenn wir etwas anschauen, kann es aus unserer Sicht verschwinden, aber wenn wir nicht versuchen, es zu sehen, kann dieses etwas nicht verschwinden" (Auszug aus dem Buch)
    Ein kleines Dorf im Westerwald, immer wenn Selma in der Nacht von einem Okapi träumt, dann gab es innerhalb von 24 Stunden jemanden, der Tod war. In dieser Nacht hatte Selma wieder von einem Okapi geträumt und alle die Selma kannte überdachten jetzt ihr Leben und blieben zu Hause, aus Angst es würde was geschehen. Nur Selma nicht, den sie dachte, dass es einfach Zufall war, das jemand nach diesem Traum starb. Der Optiker besah sich seine Liebesbriefe, die er nie Selma gegeben hatte und überlegte sich, ob er Selma nun endlich alles gestehen sollte. Doch als nach Ablauf der Zeit nichts geschah, waren alle froh darüber, den keiner konnte ja ahnen, dass der Tod sich diesmal länger Zeit nahm. Auch konnte keiner ahnen, dass es jemanden treffen würde, bei dem man es nicht erwartet hätte. Dann gibt es noch Luise die Enkelin von Selma um die sie sich kümmert, weil ihre Eltern keine Zeit für sie haben. Luises Mutter lebt mit Antonio dem Eisverkäufer zusammen und ihr Vater tingelt in der Welt herum, weil er im Dorf nicht vergammeln wollte. Luise kümmert sich um Alaska den Hund, der schon sehr alt ist, liebevoll seit ihr Vater auf Reisen ist. So begeben wir uns auf Luises Zeitreise, in dem Leben, Tod, Freundschaft, Träume, Trauer und die Liebe eine große Rolle spielen.

    Meine Meinung:
    Ich musste mich am Anfang mit der etwas eigenwilligen Sprache der Autorin anfreunden, doch dann war es ein Buch, das mich immer mehr angesprochen hat. Der Schreibstil ist sehr gut, aber auch eigenwillig und anders, mit so viel Esprit das es mich manchmal sprachlos machte und mit so viel Witz das ich oft schmunzelnd über dem Buch saß. Die Autorin besitzt meiner Ansicht nach viel an Lebenserfahrung, das man so ein Buch schreiben kann. Die Menschen und der Ort in diesem Buch könnten im Grunde überall sein, den es spiegelt, das Leben, das jeder führen könnten. Luise und Selma sind mir am Ende richtig ans Herz gewachsen, weil man über die beiden am meisten erfährt. Auch hier in dieser Geschichte schlägt das Schicksal wie im wahren Leben erbarmungslos zu und man leidet und hofft mit Luise und ihren Freunden. Es handelt sich bei diesem Buch nicht um ein Kriminalfall, sondern es geht wahrlich um das Leben, Tod, Träume, Trauer, Freundschaft, Liebe und was daraus entsteht oder wie es gelebt wird. Genauso seltsam wie das Okapi, sind diese Menschen die uns in dieser Geschichte begegnen. Der Roman bei dem wir mehr die Welt hineinlassen, bekommt von mir 5 von 5 Sterne.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Jul 2017 

    Wunderschöne schräge Geschichte mit kauzig liebenswerten Figuren

    Dieses Buch ist wie eine Wundertüte, voller geheimnisvoller Dinge und Überraschungen, mit denen niemand rechnet. Denn eigentlich erzählt es die Geschichten der Menschen eines kleinen Dorfes im Westerwald, das von außen betrachtet wohl eher öde und langweilig wirkt. Doch die Menschen und deren Leben sind alles andere als öde und langweilig. Da ist Selma, die Großmutter der Erzählerin Luise, die Rudi Carrell ungeheuer ähnlich sieht und gelegentlich von einem Okapi auf einer Wiese träumt, woraufhin innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand stirbt. Der Optiker, der eine ganze Wohngemeinschaft von Stimmen in sich beherbergt und unsterblich in Selma verliebt ist, ihr es aber nie gesteht. Dafür schreibt er ihr Liebesbriefe, die aber immer nach spätestens dem zweiten Satz enden und die er nie abschickt. Elsbeth, die abergläubische Schwägerin von Selma, die gegen Alles ein Heilmittel weiß und hat: Gicht, ausbleibende Liebe und ausbleibenden Kindersegen, unausgebliebene Hämorrhoiden und quer liegende Kälber. Und natürlich Luise, die Ich-Erzählerin, die bereits ihr ganzes Leben zwischen und mit diesen und noch mehr Menschen verbringt und in diesem Buch davon berichtet.
    Nun könnte man meinen, was gibt es da schon groß zu berichten, aus einem kleinen Dorf im Westerwald, was vermutlich auch Luises Vater so sieht (sein Lieblingssatz: "Ihr müsst dringend mal ein bisschen mehr Welt hereinlassen."), denn er verschwindet eines Tages um zu reisen. Doch hier gibt es Alles, was es auch in der großen weiten Welt gibt: es wird gelebt, geliebt und gestorben, Glück und Drama, Freude und Leid. Und Mariana Leky lässt Luise so wunderbar liebevoll, heiter und bildhaft von dieser kleinen Welt in der großen erzählen, dass ich am liebsten sofort aufgebrochen wäre, um all diese Menschen kennenzulernen. Wunderschöne Sätze folgen einer nach dem andern und ich schwelgte so richtig in dieser herrlichen Sprache: "Er sah ihn (den Hund) nur selten, das vereinfachte die Liebe, denn Abwesende können sich nicht danebenbenehmen."; "Es schien, als habe er (der Hund) mehrere Leben, die er alle hintereinander weglebte, ohne zwischendurch zu sterben."; "Marlies' Tante hatte sich umgebracht, im Alter von 92 Jahren hatte sie sich in der Küche erhängt, wofür Marlies kein Verständnis hatte, denn mit 92, fand sie, lohne das Aufhängen ja kaum noch."
    Ein Buch über das Leben, die Liebe und den Tod - wunderschön!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jun 2017 

    Wunderschöne Szenen

    Selten habe ich etwas so Schönes gelesen wie dieses zunächst recht unauffällig daherkommende Buch. Selten habe ich eine so schöne Stelle in einem Buch gelesen wie die tröstenden Worte der kleinen Luise und dem Optiker, der ihr nach dem Unfalltod ihres Freundes Martin sagt, er und Luises Großmutter Selma seien einzig für Luise erfunden.
    Luises Geschichte, angesiedelt in einem Dorf im Westerwald in dem jeder jeden kennt, und das seit jeher, in dem der Einzelhändler eben der Einzelhändler und der Optiker der Optiker ist – wundervoll: trotz dass der Optiker eine zentrale Rolle in Luises Leben spielt, erfahren wir seinen Namen erst ganz zu Ende der Erzählung – erzählt von Freundschaft und Familie, Verlust und Einsamkeit, unausgesprochenen Wahrheiten und der Ordnung, die sich fast wie von selbst herstellt, wenn Eltern beispielsweise aus Selbstfindungsgründen in ihrer Rolle als Erziehende ausfallen. Dennoch ist Luises Welt keine heile Welt. Martin bezieht regelmäßig Prügel von seinem alkoholkranken Vater, ihre Mutter hat eine Affäre mit dem Eisdielenbesitzer, die Kinder machen die ein oder andere prägende skurrile Erfahrung mit der miesepetrigen Marlies und der esoterischen Elsbeth. Fels in der Brandung ist Oma Selma, früh verwitwet aber mit beiden Beinen fest im Leben stehend, mit all ihren Stärken und Fehlern. Und einer ihrer großen Fehler ist, dass wenn sie von einem Okapi träumt, dem exotischsten Tier das man sich im Westerwald nur vorstellen kann, jemand aus dem Dorf sterben wird. Dies sorgt für einigen Aufruhr, bis es schließlich den kleinen Martin trifft. Luise kann sich danach nur noch schwer auf Menschen einlassen, doch als sie den buddhistischen Mönch Frederik trifft, muss sie ihm entbehrliche zehn Jahre lang beibringen, sich auf sie einzulassen.
    Eine Erzählung voller eindringlicher, wundervoller und manchmal auch wundersamer Gegebenheiten, die die Welt gleich viel logischer aber auch im Gleichgewicht von Freude und Leid erscheinen lassen. Kein Wunder, dass das unheilbringende Okapi auf einem westerwälder Apfelbaum auf dem Cover nicht fehlen darf.