Was ich euch nicht erzählte: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Was ich euch nicht erzählte: Roman' von Celeste Ng
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5 von 5 (3 Bewertungen)

Von den Verheerungen, die wir einander zufügen


»Lydia ist tot.« Der erste Satz, ein Schlag, eine Katastrophe. Am Morgen des 3. Mai 1977 erscheint sie nicht zum Frühstück. Am folgenden Tag findet die Polizei Lydias Leiche. Mord oder Selbstmord?


Die Lieblingstochter von James und Marilyn Leewar ein ruhiges, strebsames und intelligentes Mädchen. Für den älteren Bruder Nathan steht fest, dass der gutaussehende Jack an Lydias Tod Schuld hat. Marilyn, die ehrgeizige Mutter, geht manisch auf Spurensuche. James, Sohn chinesischer Einwanderer, bricht vor Trauer um die Tochter das Herz. Allein die stille Hannah ahnt etwas von den Problemen der großen Schwester. Was bedeutet es, sein Leben in die Hand zu nehmen? Welche Kraft hat all das Ungesagte, das Menschen oft in einem privaten Abgrund gefangen hält? Nur der Leser erfährt am Ende, was sich in jener Nacht wirklich ereignet hat.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:288
EAN:

Rezensionen zu "Was ich euch nicht erzählte: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Aug 2016 

    Lebe dein eigenes Leben!

    Wie ist es eigentlich, wenn man nie dazu gehört, egal wie sehr man sich anstrengt? Genauso geht es Lydia Lee. Sie ist das mittlere von drei Kindern und amerikanisch-chinesischer Abstammung. Lydias Mutter Marilyn war Medizinstudentin, hat aber durch die Geburt der Kinder das Studium abgebrochen. Der Vater James, Sohn chinesischer Auswanderer, ist Professor an einer kleinen Universität. Alles könnte perfekt sein, könnte. Denn im Innern der Familie stimmt so gar nichts. Marilyn hadert mit ihrem Schicksal und der entgangenen Möglichkeit Ärztin zu werden. Einen Job zu finden ist auch nicht möglich. Denn sonst würde man doch denken, dass James als Professor seine Familie nicht ernähren kann. Auch der Versucht Marilyns das unterbrochene Studium doch fortzusetzen scheitern. Also konzentriert sich alles auf Lydia. Sie ist beider Eltern Lieblingskind. Die Mutter überträgt alle ihre entgangenen Möglichkeiten und Wünsche auf dieses Kind. Sie soll es mal besser haben. Sie hat das Potential. James liebt dieses Kind, weil es als einziges der Kinder trotz des asiatischen Aussehens blaue Augen.

    Und doch ist Lydia eines Tages tot. Sie verschwindet und wird erst Tage später ertrunken im See gefunden. Die Polizei stellt ihre Ermittlungen mit dem Ergebnis Selbstmord ein. Was ist in dieser Familie passiert? Es hätte doch alles so gut sein können.

    Celeste Ng gelingt es in ihrem Buch die Familiensituation durch Zeitsprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit in allen Einzelheiten darzustellen. Die Charaktere werden mit ihren Eigenheiten so treffend dargestellt. Ich konnte nachvollziehen, warum Marilyn unbedingt möchte, dass aus ihrer Tochter etwas Besseres wird, als es ihr selbst gelungen ist. Auch das Verhältnis zwischen Nath, dem großen Bruder und Lydia ist schon besonders. Er wird eigentlich kaum beachtet, wohingegen sie die komplette, oft schon übertriebene Aufmerksamkeit der Eltern hat. Und Lydia kann aus diesem Kreis scheinbar nicht ausbrechen, ist nicht in der Lage sich zu wehren. Nur ihr Bruder gibt ihr in dieser Situation Halt und Stärke. Obwohl er doch auch gern einmal im Mittelpunkt stehen würde. Und dann ist da noch Hannah, die jüngste Schwester. Sie ist eigentlich nur da und wird von niemandem beobachtet. Aber auch sie beobachtet sehr genau und leidet wie alle anderen unter dem unerklärlichen Tod der Schwester.

    Mich hat dieses Buch sehr betroffen gemacht. Am meisten haben mir die beiden Geschwister leid getan, die sehr unter der fehlenden Aufmerksamkeit gelitten haben. Lydia, die anfänglich nicht in der Lage ist, sich der Aufmerksamkeit zu erwehren - diese Situation vielleicht auch anfänglich geniest - aber später in der unaufhörlichen, beängstigenden Aufmerksamkeit gefangen ist. Die Situation wird durch die fortwährenden Liebesbekundungen der Eltern noch verstärkt. Sie möchte ihnen nicht wehtun, sie nicht enttäuschen. Am liebsten hätte ich sie geschüttelt, Lydia wach auf, lebe dein eigenes Leben, sage was dir nicht gefällt.

    Für mich war das, trotzdem es so traurig war, ein sehr wichtiges Buch. Von mir eine unbedingte Leseempfehlung und verdiente fünf Lesesterne.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jun 2016 

    Ein Mädchen - zerrissen zwischen den Erwartungen seiner Eltern

    Inhalt

    "Lydia ist tot." (S.9)

    Das ist der erste Satz des Romans über ein 16jähriges Mädchen, das in der Nähe ihres Elternhauses auf dem Grund eines Sees gefunden wird.
    Sukzessive erfahren die Leser/innen, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Angefangen bei ihren Eltern. Der Vater James, Sohn illegaler chinesischer Einwanderer leidet unter seiner Andersartigkeit. Er bleibt in der Eliteschule, die er besuchen darf, weil er begabt ist und seine Eltern dort arbeiten, ein Außenseiter und wird von den anderen Schülern gehänselt. Die Diskriminierung setzt sich auch in Harvard fort, daher erscheint es ihm wie ein Wunder, dass sich die blonde, blauäugige Marilyn für ihn interessiert, deren Traum es ist, Ärztin zu werden. Auch sie leidet unter der Diskriminierung ihrer männlichen Mitstudenten, aber sie erträgt die Anfeindungen, da sie unbedingt dem Leben ihrer Mutter entfliehen will. Diese ist von ihrem Mann verlassen worden und "fristet" ihr Dasein als Hauswirtschaftslehrerin. Ihre Bibel: "Betty Crocker´s Cookbook", ihr Credo, einen Mann zu finden, eine Familie zu gründen und für diese zu sorgen.
    James und Marilyn heiraten, Ende der 50er Jahre - gegen den Willen ihrer Mutter - und beschließen die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne die Verletzungen, die sie erlitten haben, aufzuarbeiten.
    Doch Marilyns Traum Ärztin zu werden platzt, als sie schwanger wird: Lydias älterer Bruder Nath kommt zur Welt, kurz darauf Lydia selbst. James kann nicht in Harvard bleiben, so zieht die Familie nach Middletown (Ohio), wo er als Dozent an einem mittelmäßigen College unterrichtet und sie sich um die Familie kümmert.
    Die Stabilität dieser Familie ist fragil, das Verhalten der Eltern belastet von deren Vergangenheit.
    Eine Szene ist besonders beklemmend. Nath wird im Schwimmbad von anderen Kindern gehänselt und sein Vater, obwohl er genau die gleichen Erfahrungen gemacht hat und den Jungen wirklich verstehen kann, schweigt und lässt ihn allein. Er stößt ihn sogar zurück, weil er selbst nicht mehr an diese traumatischen Erfahrungen zurückdenken will, und wünscht sich, sein Sohn wäre anders, wäre ein Teil der Gesellschaft, zu der er nie dazugehört hat. Nath verschließt sich daraufhin vor seinem Vater und das Schweigen beherrscht fortan ihre Beziehung.
    Währenddessen stirbt Marilyns Mutter, mit der sie keinen Kontakt mehr hatte, und beim Ausräumen des Hauses findet sie jenes Kochbuch wieder. Es ist das Einzige, was sie von ihrer Mutter mitnehmen möchte - das Einzige, was von ihr bleibt. Marilyn beschließt daraufhin ihre Familie zu verlassen und am College ihren Abschluss nachzuholen. Dies wird zur traumatischen Erfahrung für Lydia, die nicht versteht, warum ihre Mutter plötzlich, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, verschwunden ist. Nath wird in dieser Zeit ihr Lebensmittelpunkt und wird es bleiben, da er allein in der Lage ist, sie zu verstehen und zu trösten..
    Marilyn kehrt zurück, weil sie erneut schwanger ist, und fortan schwört sich Lydia alles zu tun, damit ihre Mutter bleibt. Diese wiederum setzt sich in den Kopf, dass ihre Tochter stellvertretend für sie Ärztin werden soll, während James möchte, dass sie so wie alle anderen Kinder wird. Eine Diskrepanz, an der Lydia zerbrechen muss.
    Ohne zu viel vorwegzunehmen, versöhnt das Ende dieses sehr beklemmenden und bedrückenden Romans und es ist die von allen unbeachtete kleine Hannah, das dritte Kind, dem es gelingt, das Schweigen zu durchbrechen.

    Bewertung
    Der Roman fragt nicht danach, was geschehen ist, sondern "warum" es geschehen ist. Er nähert sich behutsam an das, was hinter der vermeintlichen Familienidylle liegt, was nicht in der Familie ausgesprochen wird, in der Schweigen und Verdrängen herrscht. Und er hält der damaligen (?) Gesellschaft einen Spiegel vor, die die chinesischen Einwanderer diskriminiert und den Frauen den Zutritt zu den Wissenschaften verwehrt hat.
    James vermeintliche Andersartigkeit führt zur seiner Ausgrenzung, von der auch seine Kinder betroffen sind. Der gescheiterte Lebenstraum der Mutter zur Überforderung der Tochter, die den Traum ihrer Mutter überhaupt nicht leben will und deren einziger Verbündeter ihr Bruder ist.
    Lydia ist der Mittelpunkt der Familie: Ihr Vater wünscht sich, dass sie seine Erwartungen erfüllt, so zu sein wie alle Mädchen, ihre Mutter möchte, dass sie etwas Besonderes wird - daran muss sie zerbrechen. Ebenso an ihrer Angst, ihre Mutter könnte wieder so plötzlich verschwinden.
    Neben Lydia sind es auch die beiden anderen Kinder in der Familie, die stumm leiden: Nath, dessen Leidenschaft für die Raumfahrt von niemandem beachtet wird, der die Erwartungen des Vaters nicht erfüllen kann. Und Hannah, die zum falschen Zeitpunkt geboren wird und von der intensiven Beziehung ihrer Geschwister ausgeschlossen ist.
    Der Roman beleuchtet, was Menschen erleiden, die nicht selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft sind und von ihr ausgegrenzt werden. Er zeigt aber auch auf, dass Schweigen und Verdrängung keine Lösung sein können und dass Kinder gesehen werden wollen. Dass sie nicht dazu da sind, die Träume und Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen.

    Ein erstaunliches Debüt, das sehr nachdenklich macht und auch aufgrund seiner feinfühligen Sprache auf ganzer Linie überzeugen kann!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jun 2016 

    Was geschah mit Lydia Lee ?

    USA 1977 eine Kleinstadt in Ohio, die 16 jährige Lydia Lee wird eines Morgens vermisst, das Bett ist unangerührt und keiner weiß wo sie sein könnte. Jack ein Junge aus der Nachbarschaft hat sie sehr wahrscheinlich das letzte Mal gesehen, schweigt jedoch. Lydia stammt aus einer chinesisch-amerikanischen Familie, hat noch einen Bruder Nathan und ihre Schwester Hannah. Ihr Vater James ist Wissenschaftler und Mutter Marilyn hat ihr Medizinstudium der Familie wegen geopfert. Lydia ist das Lieblingskind beider Eltern, für sie möchte Marilyn die beste Zukunft, deshalb achtet sie darauf das Lydia fleißig lernt damit sich ihr Traum Ärztin erfüllen kann. Alles sieht nach heiler Welt aus, doch in jedem einzelnen wächst immer mehr die Unzufriedenheit, die an den Tag will. Als man wenige Tagen später die Leiche Lydia´s am angrenzenden See findet ist die Tragödie groß. Erst geht man von einem Verbrechen aus, nach dem man jedoch keine Beweise findet, vermutet die Polizei ein Suizid. Aber Marilyn will das nicht glauben, schien doch Lydia ein glückliches Mädchen zu sein und so zerbricht die Familie immer mehr. Was ist wirklich in dieser Nacht geschehen? Und wie konnte es soweit kommen das diese Tragödie passierte?

    Meine Meinung:

    Celeste Ng ist mit ihrem Debütroman ein wirklich gutes, gleichzeitig aber auch tragisches Werk gelungen. Ihr geht es in erster Linie nicht darum zu fragen wie ist sie gestorben, sondern es geht um das warum. Warum ist dieses Unglück passiert, wie konnte es soweit kommen ohne das jemand etwas bemerkt hat? Dieser vielfach prämierte Bestseller beschäftigt sich mit den Konflikten von Mischehen in den USA. Den in den 50 er Jahren war eher außergewöhnlich, eine solche Mischehe einzugehen. Aber auch bei den Kindern gehörten Konflikte an der Schule zur Tagesordnung und meist wussten die Eltern nichts davon. So bekommt der Leser in diesem Buch eine Einsicht, über das was jeder aus dieser Familie denkt und erlebt hat. Es fügt sich von Kapitel zu Kapitel ein Puzzle zusammen, was einen erschüttert, beängstigt, aber auch nachdenken lässt. Das Buch hat mich emotional sehr ergriffen und ist auch nicht unbedingt etwas für schwache Nerven. Dieses Werk ist kein Krimi, kein Thriller sondern im Grunde ein Roman, bzw. ein Familiendrama. Am Ende des Buches wird der Familie bzw. den Eltern einige ihrer Fehler bewusst. Leider hat sich auch in unserer heutigen Zeit, was die Themen und Konflikte anbelangt nicht allzu viel getan. Noch immer gibt es Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der Welt, vor dem gerade die Mischehen und -familien am meisten betroffen sind. Auf jeden Fall ist dies ein lesenswertes Buch, das für mich in die Bestsellerliste gehört und 5 von 5 Sterne verdient hat.