Wallace: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Wallace: Roman' von Anselm Oelze
3.65
3.7 von 5 (3 Bewertungen)

Frühjahr 1858: Ein Brief verlässt eine kleine Insel in den Molukken. Sein Ziel ist Südengland, sein Inhalt: ein Aufsatz über den Ursprung der Arten. Kaum ein Jahr später sorgt die Schrift für Aufsehen und wird bekannt als Theorie der Evolution. Doch nicht der Verfasser des Briefes, der Artensammler Alfred Russel Wallace, erntet den Ruhm dafür, sondern sein Empfänger, der Naturforscher Charles Darwin. Von Wallace bleibt lediglich eine nach ihm benannte Trennlinie der Arten im Malaiischen Archipel. Einhundertfünfzig Jahre später stößt der Museumsnachtwächter Albrecht Bromberg auf das Schicksal des vergessenen Wallace. Er begibt sich auf seine Spuren und je länger er mit Wallace unterwegs ist, desto mehr zweifelt Bromberg an, ob alles so bleiben muss, wie es ist. Er fasst einen Plan, der endlich denjenigen ins Licht rücken soll, der bisher im Dunkeln war, und erkennt: Geschichte wird nicht gemacht, sondern geschrieben. Mit seinem Debüt ist Anselm Oelze ein philosophischer Abenteuerroman gelungen, ein literarisches Denkmal für die Außenseiter des Lebens und der Geschichte.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:264
Verlag: Schöffling
EAN:9783895611322

Rezensionen zu "Wallace: Roman"

  1. Korrektur der Geschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Jan 2020 

    Anselm Oelze hat mit „Wallace“ ein scheinbar aus der Zeit gefallenes unterhaltsames und amüsantes Buch über den Naturforscher Alfred Russel Wallace und den Museumsnachtwächter Bromberg auf dessen Spuren vorgelegt.

    Nach Alfred Russel Wallace ist eine Trennlinie der Arten im Malaiischen Archipel benannt. Er war ein Zeitgenosse von Charles Darwin und hat gleichzeitig mit dem weltbekannte Erfinder der Evolutionstheorie selbige ebenfalls entwickelt. Russel, britischer Zoologe, Botaniker, Artensammler und Reisender Naturforscher war mir bis zur Lektüre dieses Debütromans nicht bekannt.

    Genau darum geht es in diesem philosophischen Abenteuerroman, dass die Forschungen von Wallace, die Charles Darwin erst zur Veröffentlichung seiner eigenen Forschungen anregten, ins rechte Licht gerückt werden, dass durch den Museumsnachtwächter Bromberg die Geschichte korrigiert wird. Ist das statthaft? Aber immerhin hatte Wallace seinen Brief mit seinen Forschungsergebnissen an Charles Darwin anstatt an ein Wissenschaftsjournal geschickt, und vermutlich war der Öffentlichkeitsdruck hinsichtlich des Erfolges nicht geringer als heute. Darwin jedenfalls erwähnt Sallace im Vorwort zu seinem bekanntestem Werk „Über die Entstehung der Arten“, aber Wallace blieb trotzdem die Nummer zwei in der Geschichte.

    Albrecht Bromberg, der Nachtwächter, überkorrekt, schrullig und höchst intelligent, will die Geschichtsschreibung korrigieren wegen eben dieser Entdeckung, 150 Jahre nach Versendung des Briefes von Wallace an Darwin. Bromberg begibt sich zusammen mit dem Leser in die Vergangenheit auf die Spuren von Wallace und fasst so den Plan, die Geschichte umzuschreiben.

    Zwei Außenseiter im Leben, Wallace und Bromberg, begleitet man in episodenhaft erzählten Kapiteln, man erlebt Passagen aus den Forschungsreisen an den Amazonas, den Rio Negro und in den Indonesischen Archipel von 1848 bis 1862. Den besagten Aufsatz zur Evolutionstheorie schickte Wallace 1858 an Darwin, der Begleitbrief ist verschollen. Genau das ist der Kern des Rätsels, dem Bromberg nachgeht.
    Amüsiert bewegt man sich beim Lesen durch das Geschehen in den zwei Zeitebenen, die sich auch sprachlich unterscheiden. Schachtelsätze, die Spaß machen und
    wohl der damaligen Verschlungenheit beim Formulieren Genüge tun, in der Vergangenheit. Abenteuerlich und voll von Sonderbarem sind Wallace Reisen geschildert, ich habe diese Passagen genossen, auch wenn Wallace namenlos als „der junge Bärtige“ seltsam fremd blieb.
    Den skurrile Bromberg finde ich als Figur insgesamt sehr gelungen. Ebenso seine verrückten Freunde als Mitglieder des seltsamen Elias-Birnstiel-Gesellschaft, die sich mit Anordnungsschemata, Intelligenzforschung oder Primzahlen befassen.

    Auch optisch macht das Buch aus dem Verlag Schöffling &Co wie immer etwas her und wird dem Inhalt mit dickem cremefarben getöntem Papier, der schönen naturkundlichen Umschlaggestaltung und dem farblich passendem Lesebändchen mehr als gerecht, läßt kein bibliophiles Herz ein bisschen höher schlagen.

  1. Der Zweite ist immer der erste Verlierer...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Jan 2020 

    Frühjahr 1858: Ein Brief des Artensammlers Alfred Russel Wallace verlässt die Gewürzinsel Ternate gen England, darin ein Aufsatz über den Ursprung der Arten. Kaum ein Jahr später wird dieser für Aufsehen sorgen. Doch nicht sein Verfasser wird den Ruhm ernten, sondern sein Empfänger, Charles Darwin. Von Wallace bleibt lediglich eine nach ihm benannte Trennlinie der Arten im Malaiischen Archipel. 150 Jahre später stößt der Museumsnachtwächter Albrecht Bromberg auf die Geschichte des vergessenen Wallace. Er reist auf seinen Spuren durch ferne Länder und kämpft darum, dass Wallace die Würdigung erhält, die ihm zusteht.

    "Ein literarisches Denkmal für die Außenseiter des Lebens und der Geschichte" - so bezeichnet der Klappentext selbst das Debüt von Anselm Oelze. Und tatsächlich widmet sich der Roman in einem Handlungsstrang dem Leben und Schaffen von Alfred Russel Wallace, einem schüchternen Zeitgenossen, der offenbar über wenig Selbstbewusstsein verfügt hat. Er reiste in abgelegene Gegenden, um dort Tierarten zu sammeln, diese zu katalogisieren und als Anschauungsobjekte zurück nach England zu bringen.

    Durch Beobachtungen und Schlussfolgerungen entwickelte er schließlich eine schlüssige Theorie von der Entstehung der Arten. Doch aufgrund seiner ständigen Selbstzweifel wollte er diese Theorie zunächst von Charles Darwin überprüfen lassen, mit dem er schon länger in brieflichem Kontakt stand. Russel blieb auf der Gewürzinsel Ternate, und Darwin veröffentlichte einige Monate nach der Ankunft des Briefes die heute allen geläufige Theorie von der Entstehung der Arten - unter seinem eigenen Namen - Russel wurde lediglich in der Danksagung erwähnt.

    Anselm Oelze belässt es jedoch nicht bei dem historischen Handlungsstrang, sondern flicht eine weitere Erzählebene ein, die in der Gegenwart spielt. Albrecht Bromberg arbeitet als Museumsnachtwächter und stößt auf die Ungerechtigkeit, die Wallace widerfahren ist. Bromberg beschließt, dem Forscher post mortem zu seinem Ruhm zu verhelfen und spannt dafür Freunde und Bekannte ein. Er lässt nichts unversucht, um Charles Darwin auch in der Öffentlichkeit zu entlarven und für Gerechtigkeit zu sorgen...

    "Aber es stimmt doch einfach nicht! Darwin ist nicht vor Wallace im Ziel gewesen! Er ist einfach nur früher losgelaufen! Es ist mir schleierhaft, wie jemand, der früher losläuft, aber zeitgleich mit dem Konkurrenten ins Ziel gelangt, am Ende den Sieg davontragen kann! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Das muss man doch verhindern!"

    Ich mag Bücher, die sich eher unbekannten historischen Fakten widmen und dabei an vermeintlich feststehenden Grundfesten rütteln. Ein Roman für einen Verlierer der Historie - eine nette Idee. Die Figuren, die Oelze zeichnet, sind allesamt etwas skurril, so dass sowohl der Handlungsstrang der Vergangenheit als auch der in der Gegenwart spielende recht verschroben wirken. Der Autor webt dabei gekonnt leise Ironie und augenzwinkernden Humor ein, so dass sich der Leser bei aller Nachdenklichkeit, die sich während der Lektüre einstellen mag, auch gut unterhalten fühlt.

    Der Schreibstil ist geschliffen und versetzt beispielsweise mit heute kaum noch gebräuchlichen Verben gekonnt in vergangene Zeiten; die zahllosen Adjektive vor allem zu Beginn des Romans sind zwar gewöhnungsbedürftig, dienen aber der Bildhaftigkeit des Erzählten.

    Eine ruhige Erzählung mit Charakteren, die eher auf Distanz bleiben. Ein lesenswerter Roman, der ein wenig an den Festen der Geschichte rüttelt und interessante Fragen aufwirft...

    © Parden

  1. Ein Verlierer der Geschichte

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Feb 2019 

    „Wallace“ betitelt der Autor Anselm Oelze seinen Roman, der englische Naturforscher Herbert Russell Wallace ist damit gemeint. Das ist aber auch das einzige Mal, dass Oelze seinen Protagonisten beim Namen nennt. Er wird der „Junge Bärtige“ genannt, im Lauf der Jahre verliert sich das Attribut jung und es bleibt nur der „Bärtige“ über.

    Aber ich beginne von vorn: Bromberg ist ein Museumsnachtwächter, eine Aufgabe so gut wie jede andere, die Bromberg seine Routine lässt. Er scheint überhaupt ein in Gewohnheiten und zeitlichen Ritualen feststeckender Mensch zu sein, dessen Alter anfangs deutlich höher scheint, als sich im Lauf der Geschichte erweist. Eines Nachts stolpert er über eine alte Fotografie, die den blassen, bärtigen jungen Herbert Russell Wallace zeigt und erklärt, dass er zusammen mit Darwin als Entdecker der natürlichen Selektion der Arten gilt, aber leider nie die Anerkennung bekam, der ihm zusteht. Das elektrisiert Bromberg und er sinnt darüber nach, wie er Wallace posthum zum verdienten Ruhm verhelfen kann.

    Abwechselnd begleiten wir den Bärtigen auch auf zwei seiner Reisen, haben Teil an seiner Sammelleidenschaft, seinen Strapazen und Abenteuern. Die erste Reise war anfangs erfolgreich, aber dann verliert er durch ein Schiffsunglück seine gesamten Präparate und damit ist der finanzielle Erfolg dahin. Einige Jahre später lässt er sich zu einer zweiten Reise inspirieren und beginnt seine Gedanken über die Selektion der Arten zu formulieren. Doch ein Landsmann ist schneller. Darwin, der von Freunden auf den jungen Mann aufmerksam gemacht wurde, lässt nur sein schon lange in Schublade liegendes Manuskript veröffentlichen und heimst damit den alleinigen Ruhm der Nachwelt ein.

    Es gibt in der Geschichte viele Beispiele von fast gleichzeitigen Entdeckungen und Erkenntnissen, die einen Verlierer zurücklassen. Wallace ist einer davon und ich hätte gern mehr über diesen Sammler und Amateurforscher gelesen. Doch ausgerechnete diese Kapitel konnten mich nicht so recht begeistern. Sicher lag es auch am inflationären Gebrauch der Bezeichnung „Junger Bärtiger“, die eine unnötige Distanz herstellten. Die Sprache empfand ich überladen, gewollt blumig um vielleicht „altmodisch gelehrt“ zu scheinen. Ich hatte den Eindruck, Oelze versucht durch eine Vielzahl von Adjektiven, die manchmal arg konstruiert schienen, der Geschichte eine bedeutsame Atmosphäre zu verleihen. Dazu gehören auch immer wieder eingestreute Exkurse in alle möglichen Randgebiete, zum Beispiel Spiritismus, dem sich Wallace im späteren Leben auch zuneigte.

    Lebendiger erschienen mir Bromberg und sein erwachter Lebensgeist, der aber letztlich in einer Aktion verpuffte, die eher einen Schelmenstreich darstellt.

    Eines macht dieses Buch aber besonders: das ist die Ausstattung, die der Schöffling Verlag dem Roman mitgibt. Ein wunderschönes Cover, edles Papier und ein Lesebändchen. Es ist ein sinnliches Vergnügen das Buch in Händen zu halten.

    Als Fazit bleibt aber eine gewisse Enttäuschung, ich hatte mir von diesem Roman mehr erhofft.