Vollendet

Rezensionen zu "Vollendet"

  1. Weiterleben - ein Einzelteilen?`

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Mär 2016 

    Handlung:

    In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft kommt es zu einem Glaubenskrieg zwischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern. Nach neun Jahren wird der blutige Konflikt mit einem Kompromiss beigelegt: der Charta des Lebens.

    Hinter diesem positiv klingenden Namen verbirgt sich eine Gesetzesänderung, die alles Leben für unantastbar erklärt - jedenfalls bis zum 13. Lebensjahr. Abtreibungen sind ohne Ausnahme illegal, aus welchen Gründen auch immer, dafür können Eltern unerwünschte oder problematische Kinder zwischen deren 13. und 18. Lebensjahr ohne Angabe von Gründen "umwandeln" lassen - sozusagen rückwirkend abtreiben, indem das Kind schmerzfrei getötet und zerlegt wird.

    Das wird offiziell nicht als Tod betrachtet, da durch modernste Transplantationstechnologien 99,44% des Körpers wiederverwendet werden können, und das laut Gesetz auch müssen. Nicht nur Kranke greifen gerne auf so gewonnene "Ersatzteile" zurück, auch aus kosmetischen Gründen kaufen wohlhabende Menschen zum Beispiel Augen einer bestimmten Farbe, schlankere Finger oder eine edlere Nase.

    Jeder Teil eines "Wandlers" lebt also weiter - aber heißt das wirklich, das er als Mensch noch lebt?

    Meine Meinung:

    Organspende, Abtreibung, Definition und Wert des Lebens - brisante Themen, die Neal Shusterman in seiner verstörenden Dystopie nicht nur hochspannend verarbeitet, sondern dabei auch zum Nachdenken anregt. Ich habe mich immer wieder gefragt: wenn ich in so einer Gesellschaft leben würde, würde ich die Umwandlung dann wirklich als normal betrachten? Würde ich, ohne mit der Wimper zu zucken, zusehen, wenn Nachbarskinder abgeholt werden, um in ein "Ernte-Camp" gebracht zu werden - oder noch schlimmer, vielleicht sogar ein eigenes Kind abgeben, wenn es zu anstrengend wird?

    Ich muss zugeben, ich habe mich anfangs schwer mit dem Gedanken getan, dass so eine Zukunft jemals Wirklichkeit werden könnte. Immer wieder dachte ich mir: nein, wenn es um Kinder geht, würden sich Menschen doch nicht einfach mit der Charta des Lebens abspeisen lassen! Aber andererseits... Wer weiß? Wenn es wirklich möglich wäre, jeden Teil eines menschlichen Körpers weiterzuverwenden, vielleicht könnte man die Allgemeinheit mit geschickter PR dann tatsächlich davon überzeugen, dass es kein Mord ist, da das Kind ja weiterlebt... Nur anders. Das kann man noch schön damit verpacken, dass das Kind mit seinen Spenderorganen sogar Menschenleben rettet.

    Auf jeden Fall fand ich die Grundidee nicht nur unglaublich originell, sondern auch sehr gut umgesetzt.

    Die Geschichte folgt drei Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Gründen umgewandelt werden sollen. Connor, weil er sich zu oft prügelt, schlechte Noten schreibt und sich gegen seine Eltern auflehnt. Risa, weil sie in einem überfüllten Waisenhaus lebt und ein paar der über 13-Jährigen schlichtweg umgewandelt werden müssen, um Platz für jüngere Kinder zu schaffen. Lev, weil er das zehnte Kind einer religiösen Familie ist, für die es ganz normal ist, Gott von allem, was sie haben, den zehnten Teil zurückzugeben...

    Gerade dadurch, dass sie völlig verschieden sind, macht der Autor überdeutlich: dieses System ist falsch und unmoralisch, aus welchem Grund auch immer. Nichts kann so etwas rechtfertigen. Alle drei treffen manchmal falsche Entscheidungen, haben ihre Fehler und Charakterschwächen... Dennoch habe ich immer mit ihnen mitgefiebert, mitgefühlt, mitgelitten, und es bestand für mich nie der geringste Zweifel, dass sie das Recht haben, zu leben. Ich fand sie sehr überzeugend und glaubhaft geschrieben.

    Die Geschichte beginnt spannend, und die Spannung flaut kaum einmal ab - es geht hier immerhin nicht nur um drei Jugendliche, die gejagt werden, sondern um Hunderte von Jugendlichen, die in Ernte-Camps sitzen und auf den Tod warten, wenn sich nicht ändert. Besonders packend, verstörend und eindringlich waren für mich die Passagen, die dem Leser einen Einblick in ein Ernte-Camp gewähren und ihm zeigen, wie "Wandler" ihre letzten Tage verbringen. Obwohl die Kinder dort nicht hungern müssen oder misshandelt werden, baut der Autor ein paar Dinge ein, die deutlich an Konzentrationslager erinnern. (So wie zum Beispiel musikalisch begabte Juden sich durch Auftritte Lebenszeit erkaufen konnten, können hier auch musikalisch begabte Kinder ihren Tod hinauszögern.) Schließlich erlebt der Leser sogar eine "Wandlung" direkt mit, und danach musste ich das Buch erstmal zuklappen, durchatmen und ein bisschen Abstand gewinnen. Schlicht und einfach grauenhaft. Und das, obwohl in dieser Szene nie von Blut die Rede ist, sondern von lächelnden Augen und ruhigen Stimmen...

    Die Geschichte wird in eher einfachen Worten in der Gegenwartsform erzählt, und damit musste ich mich erst anfreunden! Nach ein paar Kapiteln war ich dann aber "drin", und danach fand ich es auch passend, denn so ist der Leser immer nah dran am Geschehen.

    Fazit:

    Kurz und knapp: Nach einem Glaubenskrieg zwischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern wird die Abtreibung verboten (egal aus welchem Grund), dafür können Eltern ihr Kind nach dem 13. Lebensjahr "umwandeln" lassen - was nichts anderes heißt als: in seine Einzelteile zerlegen und diese spenden, so dass 99,44% eines Kindes in anderen Menschen weiterleben.

    Die Geschichte hat mich schnell gepackt und dann gar nicht mehr losgelassen. Für mich sind die besten Dystopien die, die nicht nur spannend sind, sondern auch zum Nachdenken anregen, und das hat Neal Shusterman mit "Vollendet" auf jeden Fall geschafft! Die Charaktere fand ich allesamt sehr gut gelungen, komplex und glaubhaft. Der Schreibstil ist zwar sehr einfach und direkt, bringt aber gerade dadurch die Dringlichkeit der Geschehnisse gut rüber.