Vintage

Rezensionen zu "Vintage"

  1. Gitarrensolo

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Sep 2020 

    Sein Chef fliegt nicht gerne, deshalb wird sein Aushilfsmitarbeiter Thomas Dupré nach Inverness geschickt, um eine seltene Gitarre auszuliefern. Der Abnehmer Lord Whinsley erweist sich als wahrer Kenner und als er Thomas erlaubt Gitarren aus seiner Sammlung auszuprobieren, schwebt dieser über den Wolken. Doch der Lord hat noch einen Auftrag für Dupré, er soll die seltenste Gitarre der Welt finden, eine Gibson Moderne, von der der Lord behauptet, sie sei ihm gestohlen worden. Ein geringfügiges Problem gibt es dabei, soweit bekannt, soll es von dem Instrument allenfalls Prototypen geben.

    Thomas, der eigentlich ein eher unbekannter Musiker, aber auch Journalist ist, ist von der Geschichte des Lords angefixt und natürlich lockt eine lukrative Belohnung. Er begibt sich also auf eine Spurensuche sowohl nach der Geschichte der Gitarre als auch nach einem möglicherweise tatsächlich noch existierenden Instrument. Er beginnt damit in seiner Heimatstadt Paris bei seinem Chef, der sogar ein paar kleine Hinweise für ihn hat. Bald weist jedoch vieles in die USA, die Heimat der Gibson Gitarrenbauer. Dupré reist zunächst nach Tennessee, um einem Post nachzugehen, den er in einem Internetforum gefunden hat.

    Über die Gibson Moderne aus dem Jahr 1957 lassen sich im weltweiten Netz einige wenige Informationen finden. Aus diesen hat der Autor einen ausgesprochen spannenden Musik-Thriller geformt. Zwar erscheinen einige wenige Szenen etwas over the top, aber insgesamt liest sich diese Spurensuche wie eine packende investigative Reportage mit persönlichem Touch. Dupré entwickelt sich dabei von einem relativ unbedarften Aushilfsverkäufer zu einem cleveren Detektiv, der sein Ziel nie aus den Augen verliert und sich auch nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Gerne hätte man einige seiner Beschreibungen der Musikstücke nachgehört, aber da hat der Autor wohl seine Phantasie spielen lassen. So muss man sich selbst die Vorläufer des Metall komponieren, was die Lektüre beinahe noch packender macht.

  1. Ein musikalischer Roman über Besessenheit und Leidenschaft

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Nov 2017 

    Im Mittelpunkt des ungewöhnlichen Romanes "Vintage" von Grégoire Hervier stehen ein Franzose, ein Zombie sowie die Jagd nach einer Gitarre - nicht irgendeiner Gitarre, sondern einer Gibson Moderne.
    Was es mit der Gibson Moderne auf sich hat, ist dem Großteil der Menschheit wahrscheinlich unbekannt. Ich musste auch erst diesen Roman lesen, um eine Vorstellung über den Mythos zu erhalten, der mit dieser Gitarre verbunden ist.

    Die Moderne des amerikanischen Gitarrenherstellers Gibson gehört zu einer Gitarren-Reihe in (damals) futuristischem Design, entworfen im Jahre 1957. Insgesamt waren drei unterschiedliche Modelle geplant. Zwei davon sind in Produktion gegangen, bei der Dritten - der Modernen - ist man sich nicht sicher, ob außer dem Prototypen noch weitere gebaut wurden. Man munkelt, dass höchstens 20 Stück hergestellt worden sind - wenn überhaupt, denn ihr Verbleib, genauso wie der des Prototypen ist nicht nachvollziehbar. Gitarrenliebhaber und Sammler erstarren vor Ehrfurcht, wenn der Name "die Moderne" genannt wird. Man kann sich vorstellen, dass diese Gitarre heutzutage einen unermesslichen Wert hätte.
    Der Roman "Vintage" des Franzosen Grégoire Hervier behandelt genau diesen Mythos und entführt den Leser dabei in eine fast schon exotische Welt: Die der Musikbranche, der Gitarrensammler, die des Rock'n'Roll und des Blues.

    "'Dieser Klang! In den Tiefen voll und präzise, in den mittleren Lagen eine Spur hohl und in den Höhen schneidend, aber nicht zu grell. Das ist doch eine Moderne, oder?'" (S. 89)

    Die Geschichte beginnt mit einem besonderen Auftrag: Thomas Dupré, erfolgloser Musiker, leidenschaftlicher Gitarrist, nebenbei journalistisch tätig und momentan Aushilfe in einem Pariser Gitarrenladen, der auf Vintage-Gitarren spezialisiert ist, reist nach Schottland, um hier einen reichen Lord und Gitarrensammler zu treffen. Der Lord hat in seinem bisherigen Leben alles kennengelernt, was die britische Musikszene des 20. Jahrhunderts an Rang und Namen zu bieten hat. Seit Jahren sammelt er Gitarren. Sein Kontakt zur Musikszene hat ihm das eine oder andere seltene Sammlerstück beschert. Sogar eine Gibson Moderne konnte er sein Eigen nennen. Doch die ist verschwunden. Leider hat der Lord keinen Beweis für ihre Existenz, da er seinen kostbarsten Besitz bisher geheim im stillen Kämmerlein genossen hat. Auch die Versicherung will für den Verlust nicht gerade stehen. Ohne Existenzbeweis - kein Geld.
    So erhält Thomas den Auftrag, nach diesem Beweis zu suchen. Die Suche führt ihn dabei quer über den Erdball. Seine erste Spur bringt ihn nach Australien, weiter geht's nach Amerika. Dabei beschäftigt er sich mit der Geschichte der Gibson Moderne, trifft viele Zeugen aus der Zeit, in der diese Gitarre gebaut worden ist und sucht verbissen nach jeder noch so kleinen Spur, die auf die zweifelhafte Existenz dieser Legende hinweist.

    "Der Wert eines Gegenstands, erst recht der eines Sammelobjekts, hängt immer vom Betrachter ab." (S. 151)

    Spätestens mit dem Auftauchen der ersten Leiche wird dem Leser klar, dass dieser Roman mehr zu bieten hat als eine Geschichte über ein legendäres Musikinstrument. Denn "Vintage" ist auch ein sehr atmosphärischer Kriminalroman. Gerade die Schauplätze in diesem Roman tragen dazu bei, dass der Leser die Handlung als mystisch und geheimnisvoll empfindet: ein altes Schloss am schottischen Loch Ness; gruftartige Räume, in denen die Sammler ihre wertvollen Gitarren, abgeschottet von der Außenwelt, aufbewahren; New Orleans, wo der Voodoozauber an jeder Straßenecke mit seinen Hühnerfedern winkt oder Sweet Home Alabama.

    "Ich war auf der Suche nach der wertvollsten Gitarre aller Zeiten, einem fluchbeladenen Instrument, das hervorbrachte, was so manchen als Musik des Teufels galt ... Sein Schatten schwebte über all der Musik, die ich liebte und spielte, von Robert Johnson bis zu Jimmy Page, von den Stones zu den Beatles, aber auch über der von Li Grand Zombi, das wusste ich jetzt." (S. 306)

    Demgegenüber steht der sehr lebhafte Sprachstil des Autors, der einen wohltuenden Kontrast zu dieser düsteren Stimmung bietet. Man liest gern und interessiert, was der Autor zu erzählen hat. Hervier schafft es irgendwie, auch fachspezifische Passagen - er führt uns u. a. in die Welt der Musikproduktion - so herüberzubringen, dass man sich selbst als Laie auf diesem Gebiet nicht abgehängt fühlt. Stattdessen vermittelt diese Sprache ein hohes Maß an Authentizität und Leidenschaft für die Musik. Und von dieser Leidenschaft lässt man sich gern anstecken.

    Um den Mythos der Modernen komplett zu machen, bedarf es auch eines Musikers, der diese Gitarre gespielt hat, und um den es natürlich auch in diesem Roman geht. Die Nachforschungen von Thomas konzentrieren sich mit der Zeit nicht nur auf die Gitarre sondern auf diesen speziellen Musiker, der auf dieser Gitarre gezaubert hat. Er schuf einen sehr bizarren Musikstil, der seiner Zeit voraus war. Ob es diesen Musiker tatsächlich gegeben hat, ist dabei irrelevant. Wichtig sind einzig allein die mitreißende Leidenschaft und Besessenheit, mit der er seine Musik gemacht hat, und die in jeder Zeile zu spüren sind.

    "Der Künstler war bis zum Äußersten gegangen, um seiner gequälten Seele Ausdruck zu verleihen. Und möglich geworden war das erschütternde Ergebnis erst durch jenes einzigartige Instrument, das ebenfalls seiner Zeit voraus gewesen war und das ich vollkommen vergessen hatte, so wie mich der Song in seinen Bann geschlagen hatte: die Moderne." (S. 194)

    Fazit:
    Es ist ein großer Unterschied, ob jemand Musik nur zur Unterhaltung hört, oder ob jemand Musik lebt. Damit meine ich Menschen, die mit der Musikbranche zu tun haben, Musikinstrumente sammeln oder alles, was mit Musik zu tun hat, in sich aufsaugen. Diese Menschen werden sich allein aufgrund ihrer Leidenschaft zu diesem Roman hingezogen fühlen. Natürlich habe ich mich gefragt, ob dieser Roman auch bei Leuten wie mir - also jemandem mit Null Musiksachverstand - funktioniert. Und das tut er sogar erstaunlich gut. Denn er fasziniert durch den Mythos, fesselt durch die Kriminalgeschichte und begeistert durch den sehr lebhaften Sprachstil des Autors. Man merkt diesem Roman in jeder Zeile an, dass sein Autor ein großer Fan der Rockmusik ist. Das steckt an.
    Leseempfehlung!

    © Renie