Verwirrnis

Buchseite und Rezensionen zu 'Verwirrnis' von Christoph Hein
3.5
3.5 von 5 (2 Bewertungen)

Friedeward liebt Wolfgang. Und Wolfgang liebt Friedeward. Sie sind jung, genießen die Sommerferien, fahren mit dem Fahrrad die weite Strecke ans Meer, und reden stundenlang über Gott und die Welt. Sie sind glücklich, wenn sie zusammen sind, und das scheint ihnen alles zu sein, was sie brauchen. Doch keiner darf wissen, dass sie mehr sind als beste Freunde. Es sind die 1950er-Jahre, sie leben im katholischen Heiligenstadt, und für die Menschen um sie herum, besonders für Friedewards strenggläubigen Vater, ist ihre Liebe eine Sünde. Käme ihre Beziehung ans Licht, könnten sie alles verlieren. Als sie zum Studium nach Leipzig gehen - Friedeward studiert Germanistik, Wolfgang Musik -, finden sie dort eine Welt gefeierter Intellektueller, alles flirrt geradezu vor lebendigem Geist. Und sie lernen Jacqueline kennen, die ihnen gesteht, dass sie eine heimliche Beziehung zu einer Dozentin hat. Zu viert besuchen sie die legendären Vorlesungen im Hörsaal vierzig, gehen ins Theater, tauchen gemeinsam ein ins geistige Leben der Stadt.Und da reift in den drei Freunden der Plan: Wäre es nicht die perfekte 'Tarnung', wenn einer von ihnen Jacqueline zum Schein heiraten würde?
In diesem Roman erzählt der große deutsche Chronist Christoph Hein bewegend von einer Liebe, die über Jahre hinweg allen Widrigkeiten trotzt - und zeichnet zugleich ein lebendiges Panorama deutschen Geisteslebens.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:303
EAN:9783518428221

Rezensionen zu "Verwirrnis"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Mai 2019 

    Chronik einer Liebe im Geheimen

    Friedl liebt Wölfchen und Wölfchen liebt Friedl.
    So einfach könnte es sein, und so einfach ist es dann doch nie.

    Das Leitmotiv des Buches ist homosexuelle Liebe, gezeichnet als zutiefst persönliches Drama einerseits und Stück deutscher Zeitgeschichte andererseits. Die Liebe der beiden jungen Männer beginnt in der DDR der 50er Jahre, die Ideologie und die in ihrer Rigidität perfiden Strukturen der DDR bilden jedoch lediglich den Auftakt für eine Narration, die sich bis ins Jahr 1993 zieht – und in der sich Verwirrnis auf vielen Ebenen abspielt: Gesellschaft, Familie, Individuum.

    Es geht aber nicht nur um homosexuelle Selbstfindung und deutsche Geschichte.

    Auch Gewalt in der Familie ist ein zentrales Thema, in Gestalt des streng katholischen Vaters, der seinen Sohn mit dem Siebenstriemer blutig schlägt und sich dabei nicht einmal bewusst ist, dass die Gewalt, die er selber als Kind erlebt hat und weiterträgt, keine Berechtigung hat.

    Friedeward steht im Mittelpunkt dieser persönlichen Tragödie.

    Er wurde von klein auf dazu erzogen, sich in vielerlei Hinsicht selbst zu verleugnen, und diese Indoktrination verschärft sich um ein Vielfaches, als sein Vater ihn und Wolfgang im Bett erwischt – bis Schuldgefühle zu einem Teil seines innersten Wesens werden. Auch als Homosexualität längst nicht mehr strafbar ist, kann Friedeward sich nicht befreien aus einem inneren Gefängnis, in dem er längst Gefangener und Wächter in einer Person ist. Jeglicher gesellschaftlicher Aufbruch geht an ihm vorüber, zieht höchstens die Daumenschrauben der Scham noch fester an.

    Christoph Hein erzählt diese dramatische Geschichte in knapper, nüchterner Sprache. Für mich schmälert diese Erzählweise die Wirkung der Geschichte – jedenfalls die ihrer persönlichen Aspekte.

    Der Autor malt die Emotionen der Charaktere in allzu verwässerten Farben – das entstandene Bild rief in mir kein Echo hervor, das über vage Bestürzung hinausging. Dies ist meines Erachtens eine Geschichte, die sicher nicht nach Kitsch, jedoch durchaus nach einer gewissen Emotionalität verlangt, doch Hein geht als Chronist der Geschehnisse nicht über schlichte, beinahe sachliche Beschreibung hinaus.

    Auch die Charaktere selbst bleiben in meinen Augen verhältnismäßig blass.

    Ich nahm nur schwachen Anteil an dem, was ihnen geschah, wie ein emotional unbeteiligter Beobachter. Manche Nebencharaktere fallen unversehens ganz unter den Tisch, um erst spät und eher halbherzig wieder in die Geschichte eingebaut zu werden.

    FAZIT

    DDR in den 50er Jahren: der Pfarrerssohn Friedewald Ringeling verliebt sich zum ersten Mal – in seinen Freund Wolfgang. Für diese Liebe ist kein Raum im katholischen Heiligenstadt, und noch weniger im Weltbild seines Vaters, der versucht, ihm die ‘Sodomie’ aus dem Leib zu prügeln.

    Christoph Hein erzählt diese Geschichte, die eigentlich vor Emotionen überlaufen sollte, in eher gefühlsarmer Sprache, und dieser Widerspruch funktionierte für mich einfach nicht – ich fand keinen tieferen Zugang zu den Charakteren und ihrem Schicksal.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Feb 2019 

    Fliegen ist schön

    Dieses Buch ist ein Roman über das Leben eines homosexuellen Mannes. Friedeward Ringeling wurde am 1. September 1933 in Heiligenstadt als Sohn eines frommen Englischlehrers und einer Krankenschwester geboren. Er wuchs mit seinen beiden Geschwistern in einem recht lieblosen Elternhaus auf, dafür werden die Kinder kontrolliert und jede Unerzogenheit der Kinder wird bestraft, die Schwester Magdalena mit einem "Klaps auf den Hintern" oder einer "Kopfnuss", die beiden Brüder Hartwig und Friedeward bekommen schon den Siebenstriemer zu spüren. Die Folge ist, dass die beiden älteren Geschwister ihr Heil außerhalb des Elternhauses suchen. Friedeward ist recht gut in der Schule, sondert sich von den anderen ab, nur ein Junge findet Zugang zu ihm. Wolfgang Zernick, der Sohn des Pastors, ebenso gut in der Schule und ein Sonderling. Beide freunden sich an, werden unzertrennlich, fangen an Gefallen aneinander zu finden. In den Sommerferien fahren Beide mit den Fahrrädern an die Ostsee zum Zelten und da haben sie ihre ersten erotischen Erfahrungen miteinander. Aus Friedeward und Wolfgang werden Friedl und Wölfchen. Doch beide wissen, dass sie sich verstecken müssen, es ist nicht die Zeit für offene homosexuelle Handlungen. Darauf steht noch eine fünfjährige Gefängnisstrafe, eine Gefängnisstrafe für die Liebe ?!?! Sie versuchen es zu verbergen, Friedewards Vater bekommt es trotzdem heraus und sorgt durch Drohungen dafür, dass sich ihre Wege trennen, natürlich nicht ohne seinen siebzehnjährigen Sohn ein weiteres Mal mit dem Siebenstriemer blutig zu schlagen. Friedl und Wölfchen treffen sich später beim Studium in erst Jena/dann Leipzig wieder, hier in Leipzig treffen sie auf das lesbische Paar Jacqueline und Herlinde, und alle vier werden zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, verstecken sich und ihre Neigungen weiter gemeinsam und schützen sich gegenseitig. Weiterhin ist dieser Roman ein guter Blick auf die Geschichte Deutschlands, besonders die Geschichte Leipzigs und seiner Universität und einige Größen dieser schönen Stadt, ein Blick auf die Geschichte Leipzigs bis 1993 führend. Und natürlich ein schöner Blick auf ein verstecktes Leben. Wobei ich mir und hier die Frage stelle, warum sollte sich Liebe verstecken müssen?

    Dieser Roman ist nicht gefühlsüberbordend geschrieben, fast nüchtern und etwas kühl. Ich hatte erst Angst ob ich Zugang zum Geschehen finden werde. Aber diese Ängste waren unbegründet. Den Zugang fand ich recht schnell und trotz des recht sachlichen Schreibstils berührte mich das Geschilderte tief. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wieso Liebe, das Beste was Menschen anderen Menschen geben können, bestraft wird, weil Bornierte und Kleingeister unter uns das so möchten und gerade diese Liebe verdammen. Das ist einfach nur traurig und leider auch immer noch ein Thema. Die historischen Informationen des Romans fand ich aufschlussreich und interessant. Der Schreibstil entwickelt einen recht hohen Sog, ich hatte es an einem Tag durch und fand das Buch sehr schön.