Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal

Rezensionen zu "Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Okt 2018 

    Kripo zu Kaisers Zeiten

    Vor uns liegt...

    ...“Das historische Kiel im Zentrum der Weltpolitik“ und
    ...„Ein filigranes Sittengemälde einer spannenden Zeit.“ (Buchrücken)

    Der Kaiser-Wilhelm-Kanal ist fertig gestellt. In Kiel versucht das Deutsche Kaiserreich Weltpolitik zu machen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges ist noch etwas Zeit, aber er wirft seine Schatten schon voraus.
    Ein russischer Fürst kommt nach Kiel. Im Hafen liegen zwei Kriegsschiffe gegenüber. Offiziell findet eine Handelsmission statt. In Wirklichkeit pokern alle Staaten um die Gunst der jeweiligen Nachbarn. 1886.

    Der Kieler Kriminalkommissar Hauke Sötje untersucht den Tod eines Mädchens an einer Kanalbrücke. Sie trägt sehr teure Spitze um den Unterarm gewickelt. Das macht stutzig doch ist da noch der Graf von Lahn und der verlangt etwas ganz anderes. Der ehemalige Kapitän soll eine Person beschützen. Doch was hat diese mit dem Untergang der Viermastbark zu tun, welche Sötje einst befehligte?

    Es ist ein Roman, für den Anja Marschall bestimmt sehr lange recherchierte. Vor uns tauchen die Bürger, die Offiziere, der Adel, die Schiffer und das Dienstpersonal reicher Leute auf, ein buntes Kaleidoskop des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Interessant sind ebenso die kriminalistischen Studien die Hauke betreibt, zum Beispiel die der Daktyloskopie. Dass dem interessierten Leser der imposante Kanal in Bau und Geschichte näher gebracht wird, versteht sich schon von selbst.

    Hier aber schreibt eine Frau und dies lässt sie den Leser fühlen, wenn sie Haukes Verlobte und seine Vermieterin gelegentlich zu energisch handelnden Personen macht, wobei Sophie sogar kurz Polizistin spielt.

    Ein guter i-Punkt sind die jedem Kapitel vorangestellten Zeitungsanzeigen aus dem Jahr 1896. Hier ein Beispiel. Nicht immer haben diese mit dem darauf folgenden Text zu tun.

    Es ist eine kurzweilige, spannende Geschichte gewesen. Vor den ersten Seiten finden wir eine Übersichtszeichnung des Kanals und im Anschluss noch ein kleines Glossar.

    Der emons: Verlag sucht wohl nach solchen Stoffen, man schaue zum Beispiel nach Tim Pieper. Dies ist der Grund, warum ich auf Buchmessen den Stand des Verlages nie auslasse. Da hab ich dieses Buch im Frühjahr auch gefunden: Auf der Leipziger Buchmesse. Ein Blick in die Verlagsseiten zeigt, dass Anja Marschall bereits einen Roman um Hauke Sötje geschrieben hat, in Tod am Nord-Ostsee-Kanal erzählt sie, wie der Kommissar zwei Jahre vorher berühmt wurde. Vielleicht schaue ich mir diese auch noch an.

    Die gebürtige Hamburgerin Anja Marschall lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie im Westen Schleswig-Holsteins, wo sie als Journalistin und Autorin arbeitet. Sie initiierte den ersten Krimipreis für Schleswig-Holstein, ist Mitglied im Syndikat sowie Vizepräsidentin der Mörderischen Schwestern. (Zitat siehe Verlagsseite)

    https://litterae-artesque.blogspot.com/2018/08/marschall-anja-verrat-am-...

    © Bücherjunge

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Mai 2018 

    Der Verrat lauert im Verborgenen

    "Wenn irgendwo zwischen zwei Mächten ein noch so harmlos aussehender Pakt geschlossen wird, muss man sich sofort fragen, wer hier umgebracht werden soll." (Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck)
    Kiel 1896: An der Schleuse Holtenau wird im Kanal die Leiche einer jungen Frau gefunden. Auffällig ist das fehlen eines Stück Stoffs an ihrem Rock und eine Duchee Spitze, die genau vier Ellen misst, um ihren Arm gewickelt hatte. Den nach den Händen zu urteilen war diese Frau lediglich ein Dienstmädchen gewesen. Woher also hatte sie diese teure Spitze? Hauke Sötje lässt sie obduzieren, auch wenn alles nach einem Selbstmord aussieht, glaubt er, das sie ermordet wurde. Doch Hauke wird sich um diesen Fall nicht weiter kümmern können, da ein alter Bekannter ihm einen Auftrag erteilt. Deshalb überträgt er ihn seinem Kollegen Bloch, damit dieser sich weiter umhört. Ausgerechnet Graf von Lahn bittet ihn um einen Gefallen, der Mann, welcher Max Sülau den Mörder seiner Männer vom Schiff "Revange" damals laufen ließ. Jenen Mann soll Hauke nun beschützen, wenn eine russische Delegation mit Fürst Gregorijn demnächst sich im Schloss eintrifft. Haukes vergangene Geister kommen wieder in ihm hoch und so weiß er nicht, ob er diesen Auftrag wirklich ausführen soll. Doch damit er endlich mit dieser Vergangenheit abschließen kann und seine Verlobte Sophie ehelichen, geht er den Pakt mit dem Teufel ein. Auf der Suche nach der Wahrheit begibt sich nicht nur Hauke in Gefahr, auch für Sophie und seinen Kollegen Bloch wird es gefährlich.

    Meine Meinung:
    Anja Marschall hat sich mit diesem dritten Kriminalfall von Hauke Sötje wieder einmal selbst übertroffen. Mit viel Recherchearbeit hat die Autorin mich wieder einmal mitgenommen in die Historie Kiels. Schon allein durch ihren Schreibstil hat mich die Geschichte wieder in den Bann gezogen. Mit viel Liebe zum Detail verbindet sie Historie und Kriminalfall, so das man als Leser gefesselt von Kapitel zu Kapitel und nicht mehr aufhören kann. Da sind dann Details wie die alten Maße, Duchee Spitze, ein altes Telefon, aber auch das Benehmen der Frauen zu dieser Zeit hat sie wundervoll aufgegriffen. Wie schon beim Vorgängerband hatte, ich auch diesmal das Gefühl ich werde in diese Zeit katapultiert, das schaffen nur wenige Autoren. Die Charaktere waren alle absolut stimmig und nachvollziehbar, wobei mich Hauke Sötje und Sophie wieder am meisten begeistert haben. Da ich weiß, dass die Autorin sehr genau in ihren Recherchen ist, kann ich mir erst jetzt, nachdem ich das Buch gelesen habe, vorstellen wie viel Arbeit das war. Allein schon die einzelnen Zeitungsausschnitte die jedes der 47 Kapitel ziert, muss viel Arbeit gewesen sein. Wieder einmal umrahmt dieses Buch dazu noch ein gelungenes Cover, dass einen mit in die damalige Zeit nimmt und das außerdem sehr gut zum Inhalt passt. Chapeau wieder einmal kann ich die Autorin nur beglückwünschen zu so einem grandiosen Buch, das Leser aus Historik und Krimi gleichermaßen begeistern wird. Für mich jetzt schon mein Bestseller des Jahres in Sachen Historie und gebe 5 von 5 Sterne und eine Leseempfehlung an jeden.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Mär 2018 

    Unterhaltsamer Geschichte-Unterricht

    Der Roman "Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal" spielt, wie der Titel bereits verrät, in der Zeit Kaiser Wilhelm II., im Jahr 1896. Im Mittelpunkt steht Kommissar Hauke Sötje, der im Kommissariat im Martensdamm 12/14 in Kiel bereits seinen 3. Fall löst.

    "Die Kriminalpolizei im Kaiserreich hatte man vor Jahren nach englischem Vorbild erstmals in Berlin eingerichtet, im dem immer besser organisierten Verbrechen begegnen zu können. In gleicher Weise wurde vor Kurzem nun auch in Kiel ein Kriminalpolizei eingerichtet. Eine Handvoll Männer, die inkognito ermittelten, sich mit dubiosem Gesindel umgaben und in dunklen Straßen umtreiben sollten." (S.17)

    Worum geht es?
    Ein Matrose entdeckt vom Deck des Frachtewers "Berta" im Kaiser-Wilhelm-Kanal eine junge Frau. Der Schipper Ernst Meuser, sein Vorgesetzter, weigert sich, die Tote an Bord zu nehmen. Statt dessen wird sie vom Kommissar in Zivil Hauke Sötje ans Ufer gezogen. Alles deutet auf einen Selbstmord hin - ein junges Dienstmädchen, das sich aus irgendeinem Grund ins Wasser gestürzt hat. Doch ihre Verletzungen passen nicht zu einem Sturz von der Brücke, zudem fehlt im Rock ein Stück Stoff und um den Arm hat sie einen Streifen feiner Spitze gewickelt.
    Während der Schreiber Levi Bloch Hauke Glauben schenkt, will sein Vorgesetzter Kommissar Kleinschmidt den Fall zu den Akten legen. Doch so schnell will Hauke nicht aufgeben.

    Er "beauftragt" seine Verlobte Sophie Struwe, die beim Konsul Winter als Lehrerin arbeitet und für die damalige Zeit sehr emanzipiert erscheint, herauszufinden, was es mit der Spitze auf sich hat.

    Über Haukes Vergangenheit erfahren wir, dass er Kapitän war, sein Schiff "Revenge" jedoch gesunken ist - alle Männer tot - außer ihm. Die Befragungen nach dem Unglück brachten jedoch die Wahrheit nicht ans Licht, denn Hauke Sötje hat keine Erinnerungen an die Nacht des Unglücks, er weiß jedoch, wer den Tod seiner Männer verursacht hat - ein gewisser Max von Sülau. Das hat ihm der Graf von Lahn verraten,

    "dessen Geschäft Heimlichkeiten, Intrigen, Spitzelei und Verrat waren. Jeden Gefallen, den dieser Mann anbot, ließ er sich mit Zins und Zinseszins zurückzahlen." (S.42)

    Er ist Leiter des Narichtenbüro, "ein weit weniger militärisch ausgerichteter Dienst im Kaiserreich" (S.299), der in Konkurrenz zur Sektion IIIb steht, einem rein militärischen Spionagedienst.
    Beides hat es tatsächlich gegeben.

    Hauke soll eben jenen Max von Sülau beschützen, der sich inzwischen als Geheimagent in der Nähe des russischen Zaren aufhält und nun Wolnikov nennt. Eine russische Delegation wird Kiel besuchen und Wolnikov wird als Sekretär des Fürsten Gregorijn mitreisen, um einen russischen Agenten beim deutschen Kaiser zu enttarnen. Da es bereits Anschläge auf sein Leben gegeben hat, soll Hauke ihn während des Besuches im Kieler Schloss bewachen, bis er den Verräter geliefert hat.
    Im Gegenzug darf Hauke nach der Enttarnung den Mörder seiner Männer - Wolnikov - töten, ein verlockendes Angebot, das er annimmt. Er beantragt eine Beurlaubung - höchst ungewöhnlich - und beauftragt dazu noch den Schreiber Bloch im Fall der Toten weiter zu ermitteln. Dabei geraten alle Beteiligten in ernsthafte Gefahr und am Ende stellt sich heraus, dass beide Fälle zusammenhängen.

    "Es war schon erstaunlich, wie oft unterschiedlichste Vorkommnisse, von denen man niemals gedacht hätte, dass sie etwas miteinander zu tun haben könnten, sich am Ende als die Seiten ein und derselben Medaille, als Zwillinge eines gemeinsamen Schicksals, herausstellten." (S.274)

    Bewertung
    Sehr interessant in den Kriminalfall eingebettet, sind die historischen Hintergründe - wie die Französisch-Russische Allianz oder das Aufrüsten der deutschen Kriegsflotte. Besonders gut gefallen haben mir die authentischen Auszüge aus den Kieler Neuesten Nachrichten oder der Kanalzeitung aus dem Jahre 1896, die jedem Kapitel vorangestellt sind und inhaltlich einen Hinweis auf das Geschehen geben.

    "Zur Vorsicht bei Benutzung von Bleistiften wird gegenwärtig in verschiedenen Lehrerzeitungen gemahnt. Und zwar wird namentlich die größte Sorgfalt beim Anspitzen der Bleistifte empfohlen sowie vor dem Anfeuchten mit den Lippen gewarnt.
    Originalauszug: Kanalzeitung, 1896" (S.73)

    Gleichzeitig bieten sie einen Einblick in eine längst vergangene Zeit und lassen sie wieder auferstehen. Gerade zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20.Jahrhundert bahnt sich eine neue Zeit an, hervorgerufen durch eine Reihe technischer Errungenschaften, die die Vertreter der alten Zeit gerne rückgängig machen würden.

    "Dieser Zwist wurd em ganzen Reich geführt. Er teilte die Menschen in zwei Gruppen: jene, die die Moderne begrüßten, und jene, die alles so behalten wollten, wie es früher einmal war. Hauke war klar, dass es die Errungenschaften von Lokomotive, Telefonapparaten, elektrifizierten Untergrundbahnen oder Maschinengewehren waren, die diesen Streit zugunsten der Moderne entscheiden würden." (S.18f.)

    Im Mittelpunkt stehen jedoch die beiden Fälle - das tote Mädchen und der Spionagefall - die beide mit Spannung erzählt werden und eine nicht vorhersehbare Auflösung erfahren. Der Protagonist steht in der Tradition eigenwilliger, aber sympathischer Ermittler, die auf ihren sechsten Sinn vertrauen und Regeln großzügig missachten. Mit der Verlobten Sophie kommt eine junge Dame ins Spiel, die einen Ausblick auf eine moderne Frau gewährt. Ich bin auf den nächsten Fall des Ermittlers gespannt und überlege, ob ich die beiden Vorgänger auch noch lesen soll.

    Eine klare Lese-Empfehlung!