Verhängnis: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Verhängnis: Roman' von Lewis, Janet
2.8
2.8 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Verhängnis: Roman"

In den Gassen von Paris geht ein Pamphlet von Hand zu Hand: Es diffamiert Ludwig XIV. und seine Mätressenwirtschaft. Der Sonnenkönig tobt und verlangt, den Urheber unverzüglich dingfest zu machen. Als das Flugblatt dem jungen Buchbinder Paul in die Finger kommt, schmiedet er zusammen mit seiner Geliebten Marianne, der Frau seines Meisters, einen perfiden Plan: Sie wollen dem Meister die skandalöse Schrift unterschieben und ihn an die Polizei verraten – und dann wie das Staatsoberhaupt frei in Lust und Laster leben. Aber Paul und Marianne ahnen nicht, welche fatalen Folgen ihre Intrige haben wird.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:510
Verlag:
EAN:9783423282338

Rezensionen zu "Verhängnis: Roman"

  1. Dummheit und die Folgen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Jan 2021 

    Einerseits ist dieses Buch eine wirklich gelungene Gesellschaftskritik, ein interessanter Blick auf ein vergangenes Frankreich. Besonders am Anfang ist der Roman auch ganz spannend gelungen. Andererseits wieder sind die Charaktere nicht vollkommen ausgereift und auch nicht vollkommen überzeugend, dies stellt sich nach dem ersten Drittel und/oder der Hälfte des Buches heraus. Und dann wieder gibt es eine Affäre, die von Paul und Marianne, die Dialoge in dieser Affäre sind dröge und hirntötend und passen eigentlich besser in einen Groschenroman. Ebenso wie ich auch Pauls Handeln in Bezug zu dem Verstecken der Schriftstücke nicht als zufällig durchgehen lassen kann, die Folgen müssen ihm klar gewesen sein. Und die Dramatik am Ende fand ich wirklich vollkommen überzogen und deutlich theatralisch. Alles zusammen bringt natürlich einen Punkteabzug, denn manches Geschriebene tut wirklich weh beim Lesen! Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass dieses Buch schon 1959 herausgekommen ist und die Autorin 1899 geboren wurde. Weit entfernte Zeiten. Beides sollte in die Bewertung dieses Buches einfließen, in meiner Bewertung ist dies zumindest berücksichtigt worden. Empfehlen kann ich dieses Buch dennoch nicht.

    Die Beschreibung der Zustände in Paris/in Frankreich und der geschichtlichen Begebenheiten zu Zeiten des Sonnenkönigs haben mir allerdings wieder sehr gefallen und hier weist dieses Buch auch einen recht großen Lesesog auf. Nur die Kombination zu der Gestaltung der Charaktere und manche ihrer Interaktionen machen dieses Buch zu einem wenig erfreulichen Zeitvertreib. Schade! Dennoch ist die Botschaft interessant. Manche Folgen aus bestimmten Dingen können tsunamiartige Ausmaße annehmen und manches unbedacht geäußerte Wort ebenso. Nun ja. C'est la vie!

  1. Keine glückliche Verbindung

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 06. Jan 2021 

    Der historische Roman spielt zur Zeit Ludwigs des XIV in Paris. Dieser lebt an seinem Hof in Saus und Braus, während das Volk teilweise in ärmlichen Verhältnissen lebt oder sogar hungert. In einem Pamphlet, das heimlich gedruckt und unter der Hand verbreitet wird, wird vor allem Ludwigs Mätressenwirtschaft, kritisiert. Madame de Maintenon, mit der der König in einer morganatischen Ehe lebt, wird zudem diffamiert. Der König ist außer sich und verlangt, die Urheber dingfest zu machen und hart zu bestrafen. Besonders in den Reihen der Drucker und Buchbinder wird der Täter gesucht.
    Parallel dazu beleitet der Leser den jungen Buchbinder Paul Damas, der aus der Provinz nach Paris kommt, um dort Arbeit zu finden und sich eine neue Existenz aufzubauen. Als er beim Buchbinder Jean Larcher als Geselle eingestellt wird, freut sich dessen Sohn Nicolas, da er nun der familiären Enge entkommen und auf Reisen gehen kann. Schon bald entspinnt sich zwischen Paul Damas und Marianne, der Frau seines Meisters, eine Liebesaffäre. Paul, dem zufällig einige der Pamphlete in die Hand fallen, schiebt diese seinem Meister unter und stiehlt Larchers Geld, um mit seiner Geliebten eine neues Leben zu beginnen.
    Damit lösen sie eine Katastrophe aus, denn Larcher wird verhaftet und zum Tode verurteilt.

    Laut Klappentext ging es der Autorin Janet Lewis wohl vor allem darum, Romane über strittige Justizfälle zu schreiben. Die Originalausgabe ,,The Ghost of Monsieur Scarron" ist schon 1959 erschienen und wurde später neu aufgelegt.

    Obwohl die historische Atmosphäre im Paris der kleinen Leute recht bildhaft und anschaulich dargestellt wird, konnte mich der Roman leider nicht so recht überzeugen.
    Ereignisse wie z.B. das Lever des Königs werden sehr detailliert beschrieben, was durchaus interessant und amüsant ist. Allerdings werden auch zahllose beteiligte Personen eingeführt, die im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen.
    Die verhängnisvolle Liebesgeschichte von Paul und Marianne ist stellenweise recht klischeehaft und vorhersehbar gestaltet. Die Figuren wirken teils holzschnittartig und unglaubwürdig. Auch das Ende wirkt zu konstruiert.
    Es hat den Anschein, als hätte die Autorin sich nicht so recht zwischen Liebesgeschichte und historischem Roman entscheiden können oder wollte von beidem zu viel. Jedenfalls erscheint mir die Mischung weder ausgewogen noch geglückt.

  1. Verhängnisvolle Passion zur Zeit des Sonnenkönigs

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Dez 2020 

    Paris im Jahre 1694, im 51. Regentschaftsjahr des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Da ich Klappentexte meide (das sei auch hier empfehlenswert) und die Autorin aufgrund ihrer beiden zuvor bei dtv erschienenen Romane sehr schätze, erwartete ich einen strittigen Justizfall eingebettet ins historische Frankreich mit all seinen spannenden Facetten.
    Zunächst wurde ich auch nicht enttäuscht. Der königstreue Buchbinder Jean Larcher führt ein gutgehendes Geschäft. Als Handwerker genießt die Familie Ansehen. Jean wirkt ein bisschen spießig. Er selbst ist von einfacher Herkunft, die Mitgift seiner Frau ermöglichte ihm den Meisterbrief. Das macht ihn sehr sparsam, er hortet sein Geld in einer Truhe, während Gattin Marianne von einem eigenen Häuschen träumt. Den erwachsenen Sohn Nicolas zieht es in die Fremde, er möchte etwas von der Welt sehen – sehr zum Missfallen des Vaters, der seine Arbeitskraft im Geschäft braucht. Die Mutter setzt sich jedoch für den Sohn ein.

    Ein weiterer Handlungsfaden führt uns in die Straßen von Paris. Dort ist Buchbinder-Geselle Paul Damas aus der Provinz angereist, wo man sein Können nicht recht zu schätzen wusste. Ohne Geld in der Tasche braucht er etwas in den Magen und ein Dach über dem Kopf. Er begegnet dem einfachen Volk, kehrt in eine Wirtschaft ein, in der ein Balladensänger für Stimmung sorgt: „Die Kriege des Königs sind also der Grund für unsere Armut? Gut, dann sorgen meine Lieder dafür, dass wir den Frohsinn nicht verlieren. Wir brauchen Heiterkeit und Freude, um unser Leid zu ertragen. Ich sorge für die Heiterkeit. Deshalb bin ich ein großer Patriot.“ (S. 49)

    Es gelingt der Autorin, den Hunger und die Armut der Pariser Bevölkerung anschaulich darzustellen. Es waren harte Zeiten. Das Leben am Versailler Hof steht dazu im strengen Kontrast. König Ludwig und sein Gefolge schwelgen im Reichtum: Man schlemmt, man feiert, man prasst. Der Monarch sieht nur, was er sehen will, lässt sich nur sehr bedingt beraten. Der brodelnde Pariser Mob ist ihm unbequem. Als ein Pamphlet auftaucht, dass nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Mätressenwirtschaft unter namentlicher Nennung der mittlerweile zur Gattin avancierten Madame de Maintenon verhöhnt, will er ein Exempel statuieren: Er fordert den Polizeipräsidenten La Reynie auf, den Urheber zu finden und mit dem Tode zu bestrafen. Der Leser bekommt den Hof, seine Bewohner, Intrigen und Rituale sehr ausführlich dargestellt. Leider verliert sich hier schnell die Spur. Es lohnt nicht, sich die Fülle der eingeführten Namen und Figuren einzuprägen.

    Interessanter ist die Handlung rund um die Buchbinderfamilie Larcher, die ins Zentrum des Romans rückt. Nicolas bekommt die väterliche Erlaubnis, ein halbes Jahr zu reisen. Paul Damas wird ihn im Geschäft ersetzen. Jener stellt sich geschickt an – nicht nur in seinem Handwerk. Er zeigt auch Interesse an Marianne, des Buchbinders Gattin, und führt sie auf Abwege…. Man bekommt spätestens jetzt einen Eindruck, welche Verhängnisse sich hier aufeinander zubewegen.

    Man kann sich grundsätzlich nicht über zu wenig Handlung im Roman beklagen. Doch wirkt die ganze Erzählung in sich nicht rund und stimmig. Manch interessanter Aspekt wird eingeführt, aber nicht fortgesetzt. Das Schicksal mancher Figur wird angerissen, aber nicht weitererzählt. Im Gegensatz dazu werden historisch verbürgte Ereignisse wie des Königs morgendliche Lever oder eine groß angelegte Prozession viel zu detailliert geschildert, obwohl sie keine Bedeutung für das Gesamtverständnis des Romans haben. Zu viele Fäden, die nicht zu einem befriedigenden Ganzen verwebt werden. Immer mehr wird sich auf die Liebesgeschichte sowie deren fatale Folgen konzentriert. In dem Zusammenhang entwickelt sich insbesondere Marianne nicht glaubwürdig, sie mutiert von der verantwortungsvollen Mutter zur liebestollen Femme fatale. Sätze wie dieser sind für mich schwer erträglich: „ In der Umarmung seines schlanken, geschmeidigen Körpers hatte sie die Heftigkeit seiner Leidenschaft und seines Triumphs gespürt. Nichts anderes war wichtig. Nichts anderes war wirklich.“ (S.246). Davon gibt es leider einige.

    Viele Zufälle und Intrigen fordern unschuldige Opfer. Das Ende nimmt noch einmal Fahrt auf, es kommt zum Showdown. Vieles daran konnte mich jedoch nicht überzeugen. Die Wendungen wirken gewollt, mancher Zufall ist einfach zu konstruiert.
    Janet Lewis kann es besser, das haben ihre Romane „Die Frau, die liebte“ und „ Der Mann, der seinem Gewissen folgte“, bewiesen. Alle drei Romane behandeln historisch zweifelhafte Gerichtsprozesse, die der Autorin mit Sicherheit ein hohes Maß an Recherche abverlangt haben. Das wird auch in „Verhängnis“ deutlich. Die belegbare Historie, das Gesellschaftsportrait und Zeitkolorit fängt sie sehr gut ein. Auch sprachlich, von einigen Ausrutschern abgesehen, habe ich nichts auszusetzen. Insofern ist die Lektüre auch kein Flop gewesen, es ist eher ein Naja-Buch, eins, das man schnell wieder vergisst. Schade. Potential war nämlich wirklich vorhanden.

  1. Justizroman, historischer Roman, oder was????

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Dez 2020 

    Janet Lewis hat in den 50er Jahren nicht sehr erfolgreich in den USA historische Romane geschrieben und veröffentlicht, die im dtv-Verlag nun neu aufgelegt wurden. Die Nr. 3 aus dieser Reihe bildet „Das Verhängnis“, in dem Lewis, wie auch in den beiden anderen Romanen zuvor, einen historischen Rechtsfall zum Kern ihrer Geschichte macht. Der Fall in „Verhängnis“ bringt uns nach Paris in die Zeit Ludwigs des XIV. und erzählt uns mit viel Lokalkolorit und mit großem Detailreichtum die verhängnisvolle Geschichte des Buchbinders Jean und seiner Familie, der unschuldig und durch eine Reihe von Verwicklungen in den Besitz eines den König tief treffenden Pamphletes gerät und der deshalb am Galgen endet.
    Im Zentrum der Geschichte steht dabei seine Frau Marianne, die eine Leidenschaft für den Gehilfen des Ehemannes Paul entwickelt und ein Verhältnis mit ihm beginnt. Mit diesen Figuren kann der Leser durch die Straßen des Paris zum Ende des 17. Jahrhunderts streifen, immer wohl wissend, wo auf dem Stadtplan man sich gerade befindet. In dieser Hinsicht ist die Schreibweise von Janet Lewis sehr auf Authentizität und auf die Demonstration harter Recherchearbeit gerichtet. Und doch …… Irgendwie taucht man mit Lewis nicht wirklich richtig ein in diese Zeit. Dafür geraten viele Szenen zu vorhersehbar, haben wenig Neuigkeitswert und scheinen eher genau das zu wiederholen, was wir von dieser Zeit erwarten:
    • Wird der König eingeführt, dann natürlich durch sein allmorgendliches Ritual des „lever“, das schon wer weiß wie oft in historischen Romanen und Filmen geschildert wurde
    • Wird das Marktgeschehen im historischen Paris geschildert, dann muss natürlich ein Zahnarzt zum Einsatz kommen, bzw. ein Handwerker, wie er früher als Zahnarztersatz zum Einsatz kam.
    Wenig wirklich überraschende Charaktere und Situationen bringen wirklich Fahrt in die Geschichte und dem Leser fehlt es so an neuen Erkenntnissen.
    Den auftretenden Charakteren fehlt es zudem an Tiefgang, es sind Personen, deren Handeln man an vielen entscheidenden Stellen und Wendungen der Geschichte einfach nicht nachvollziehen kann. Und so bietet auch die Geschichte selbst dem Leser zu viele Stellen, an denen zumindest ich als Leserin den Schluss für mich gezogen habe, dass hier die Autorin einfach die falsche Ausfahrt genommen hat an Punkten, an denen der interessante Fokus der Geschichte sich für mich auf einer ganz anderen Route befunden hätte.
    So bleibt nach der Lektüre leider ein leeres Gefühl zurück da, wo ich mir erhofft hatte, ein Gefühl für die Zeit entwickeln zu können, um diesen historischen Abschnitt europäischer Geschichte besser zu verstehen. Leider deshalb nur enttäuschte 3 Sterne.

  1. Eiene Tragödie

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Dez 2020 

    Frankreich zur Zeit der Regentschaft von Louis XIV, dem Sonnenkönig. Das Leben am Hof könnte nicht unterschiedlicher sein zu dem der Bevölkerung. Während der König opulenten Gepflogenheiten nachgeht, gibt es kein Getreide für das Brot seiner Untertanen. In dieser Zeit versucht der Buchbinder Jean Larcher seinem Handwerk gewissenhaft nachzugehen. Er ist fleißig, sparsam und korrekt. Nicht lieblos, aber auch nicht warmherzig. Seine Frau Marianne hat sich mit dem Leben an Jeans Seite zurechtgefunden. Nur dass ihr einziger Sohn Nicolas die Familie verlassen will, um auf Wanderschaft zu gehen, belastet Vater und Mutter gleichermaßen, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Da fügt es sich, dass der junge unstete Paul Dumas als Gehilfe in Jeans Werkstatt eintritt. Er beginnt ein Verhältnis mit der wesentlich älteren Marianne. Eine Schmähschrift, die sich gegen den König richtet und in Paris umläuft, kommt Paul gut zupass, um Marianne von Jean zu trennen.

    „Verhängnis“ heißt der Roman, den die amerikanische Lyrikerin und Schriftstellerin Janet Lewis schon 1959 schrieb. In der deutschen Übersetzung ist das Werk erst im Jahr 2020 veröffentlicht worden. Janet Lewis widmet sich hier einem historisch belegten Justizfall, der Hinrichtung eines Buchbinders für die vermeintliche Verbreitung einer Schmähschrift gegen den König.

    „Der Buchbinder Jean Larcher saß mit seiner Frau und seinem Sohn beim Abendessen. Es war Ostersonntag, der in diesem Jahr des Herrn, dem Jahr 1694, und dem einundfünfzigsten Jahr der Herrschaft Louis‘ XIV. auf den elften April fiel.“

    Mit diesen ersten Sätzen ist man von Anfang des Romans an zeitlich verankert. Janet Lewis hat nicht nur das höfische Leben in Versailles penibel recherchiert. Auch die Schilderungen der Armut, des Hungers, dem Schmutz und Unrat in den Gassen von Paris am Ende des 17. Jahrhunderts erzeugen ein eindrucksvolles Bild des damaligen Lebens. Die skandalöse Schmähschrift kam da auch nicht von Ungefähr. Heute würde man so etwas vielleicht als politisches Kabarett bezeichnen. Damals war es ein lebensgefährlicher Affront gegen den absoluten Regenten, der von sich behauptet haben soll: „L'état c'est moi!“

    Die Autorin konnte sich nur meinem Gefühl nach nicht entscheiden, ob sie ein historisches Porträt eines Regenten mit all seiner Dekadenz – wie die Beschreibung des Levers, der grotesken Morgentoilette (und das ist durchaus auch wörtlich zu verstehen) - schildern wollte, eine Amour fou oder ein Justizdrama. Von allem etwas, von allem zu wenig.

    „…sie sah ihn glücklich an, während sie eine halbe Stunde lang friedlich in zwei Welten lebte, in der einen Welt mit Paul und in der anderen Welt mit ihrem Mann. Ihr schien, dass es zwischen beiden keine große Reibung gab.“

    Ich hätte mir jedenfalls mehr Reibung gewünscht, mehr rechtliches, ethisches, moralisches Dilemma, mehr Tiefe als die hin und wieder kurz aufflammenden Zweifel, die Marianne beschleichen. Die Protagonistin wirkt in ihrem Gesamtbild hölzern und nicht immer glaubhaft. Was in diesem Roman anfangs vielversprechend begonnen hat verliert sich in einer immer langwierigeren werdenden Tragödie.

  1. Der Fall des Buchbinders

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 30. Dez 2020 

    Der Roman basiert auf der wahren Geschichte eines Buchbinders, der in Paris im Jahr 1694 wegen des vermeintlichen Herstellens und Verbreitens einer Schmähschrift über König Ludwig XIV. hingerichtet wird, obwohl er unschuldig ist. Kurz danach kehrt der Sohn des Buchbinders von einer Reise zurück und erfährt von der Hinrichtung seines Vaters sowie davon, dass seine Mutter den Gehilfen des Buchbinders geheiratet hat und sein Vater den Gehilfen für den eigentlichen Schuldigen hielt.

    Die Autorin ist offenbar bekannt für ihre Romane über berühmte strittige Justizfälle. In diesem Roman schmückt sie die Geschichte der Mutter und des Gehilfen zu einer Liebesgeschichte aus. Die Ehe des Buchbinders Jean mit Marianne scheint zu Anfang bodenständig und auf gegenseitigem Vertrauen gebaut. Sie haben einen gemeinsamen Sohn, Nicolas, der den Lehrberuf seines Vaters ergriffen hat. Anders als es sich der Vater wünscht, steht Nicolas allerdings nicht der Kopf danach, in der Werkstatt seines Vaters zu versauern. Er will etwas von der Welt sehen und auf Reisen gehen. Dies führt zu einem tiefgreifenden Konflikt zwischen Vater und Sohn, in dem Marianne immer wieder und am Ende erfolgreich vermitteln kann. Nicolas geht also auf Reisen und an seiner Stelle wird Paul als Buchbindergeselle in der Werkstatt angestellt. Paul musste seine Heimatstadt, Auxerre, fluchtartig verlassen, weil er mit der Ehefrau seines Meisters eine Affäre hatte. Dies ist bei Paul ein wiederkehrendes Verhaltensmuster: Auch mit Marianne versucht er anzubandeln und diese ist für seine Avancen empfänglich und verfällt dem jungen Mann.

    Die Liebesgeschichte ist eigentlich nichts Besonderes. Die Autorin versteht es allerdings sehr gut, die Atmosphäre im Paris am Ende des 17. Jahrhunderts einzufangen und bildhaft zu machen. Die Geschichtserzählung ist mit unzähligen historischen Fakten geschmückt, die – zumindest am Anfang – nicht langweilig sind. Beispielsweise wohnt der Leser dem Grand Lever des Königs bei und erfährt dabei alles Mögliche über dessen komplizierte Verwandtschafts- und Lie¬bes-verhältnisse. Bei diesem Morgenempfang fällt dem König auch die besagte Schmähschrift in die Hände. In diesem Papier wird ihm der Niedergang Frankreichs vorgeworfen und es werden Anschuldigungen gegen seine Ehefrau Madame de Maintenon erhoben. Der König ist darüber derart aufgebracht, dass er den Befehl gibt, jedes Exemplar der Schrift aufzufinden und zu vernichten. Die Schuldigen sollen mit dem Tod bestraft werden.

    Die Schmähschrift finden zufällig ihren Weg in die Hände von Paul, der sie seinem Meister Jean unterschiebt, um an dessen Geld und Frau zu kommen. An dieser Stelle schließt sich dann der Kreis.

    Der rote Faden des Romans ist also recht übersichtlich. Rechts und links des Weges macht die Autorin allerdings ausführliche Ausflüge in die Historie. Etliche Persönlichkeiten mit zum Verwechseln tendierenden ähnlichen Namen werden gestreift und historische Ereignisse angerissen. Leider erweist sich das Meiste davon für die Fortentwicklung der Geschichte als irrelevant und daher auch als zunehmend langatmig. Andere Geschehnisse, wie die Reise von Nicolas, dessen Erfahrungen im Ausland und die Umstände seiner Heimkehr werden dagegen stiefmütterlich am Ende in einem Kapitel kurz abgehandelt. Am Ende blieb bei mir daher der Eindruck, dass die Autorin vor allem historisches Faktenwissen unterbringen wollte und dies zu Lasten der Geschichten ging, von denen ich in diesem Buch gern mehr gelesen hätte.

    Der Roman bleibt für mich letztlich ohne schlüssiges Konzept. Hin- und Hergerissen zwischen dem historischen Kontext und der Liebegeschichte wird keines davon richtig ausgearbeitet. Die ausführlichen historischen Ausflüge bleiben zusammenhanglos und fügen sich kaum in die Geschichte ein. Die handelnden Figuren bleiben farblos. Insbesondere Mariannes Entwicklung ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar und lässt mich mit einem Kopfschütteln zurück.

  1. Vielversprechend begonnen, deutlich nachgelassen

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 29. Dez 2020 

    Die Originalausgabe dieses historischen Romans, der auf einem spektakulären Kriminalfall im 17. Jahrhundert beruht und viele geschichtliche Fakten beinhaltet, erschien bereits 1959 in englischer Sprache.
    Erst 2020 wurde „Verhängnis“ auf Deutsch herausgegeben.

    Paris, 1694.
    „Das verarmte Frankreich“ (S. 65).
    Das 51. Jahr der Herrschaft des Sonnenkönigs.
    Ostern.

    Der königstreue und rechtschaffene Buchbinder Jean Larcher, seine deutlich jüngere Frau Marianne und sein Sohn Nicolas, Geselle in seiner recht gut laufenden Werkstatt, sitzen in der Küche beim Abendbrot.

    Ein zeitloser Generationenkonflikt steht im Raum:
    Bodenständig und arbeitsam trifft lebenshungrig, aufsässig und neugierig.

    Jean, ein besorgter und liebender Ehemann und Vater, fromm, wortkarg, pragmatisch und sparsam, ist froh, dass der harte und kalte Winter vorbei ist und stolz dass er zwei Goldmünzen zurücklegen, die Miete bezahlen und eine Rechnung begleichen konnte.
    Da er aus ärmlichen Verhältnissen kommt und Hunger und Not am eigenen Leib verspürt hat, ist es ihm wichtig, genug Geld zu haben und dieses mit Vernunft auszugeben.

    Nicolas ist ein lebenshungriger Jugendlicher, der von Fernweh geplagt ist, sich von Eltern und König eingeengt fühlt und Geld lieber für Reisen ausgeben, statt sparen würde.

    Jean Larcher will, dass sein Sohn in seine beruflichen Fußstapfen tritt, Nicolas möchte aber vorher seine eigenen Erfahrungen machen. Wenigstens sechs Monate lang!

    Marianne scheint eine selbstbewusste Frau zu sein, die unter dem Mangel an Anerkennung und Aufmerksamkeit ihres Gatten leidet und die versucht, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln.

    Im 2. Kapitel, lernen wir Paul Damas kennen, einen jungen Buchbinder, der gerade in Paris angekommen ist, um dort Arbeit zu finden.
    Durch sein Gespräch mit dem Laternenmann, den er auf der Place des Victoires kennenlernt, erfahren wir einiges über die politische Lage der damaligen Zeit und über den regierenden König Louis XIV.

    Dann lenkt die Autorin unseren Blick nach Versailles, wo der von Gicht geplagte König seit Beginn der Karwoche residiert, um seinen Aufgaben bei den religiösen Zeremonien nachzukommen.
    Wir begleiten den alten Bontemps, den gewissenhaften, loyalen und freundlichen ersten Kammerdiener und langjährigen Vertrauten des Königs, der gerade das Lever vorbereitet und lernen den Duc d‘Orléans kennen, den Bruder des Königs, der eine Vorliebe für junge Männer hegt und pflichtbewusst, aber übermüdet zu dem königlichen Morgenempfang erscheint.
    Darüber hinaus begegnen wir noch vielen anderen adeligen Verwandten und bedeutenden Männern Frankreichs, die zur Audienz eilen.
    Es macht Spaß, diesen Einblick in den königlichen Alltag und die höfischen Gepflogenheiten zu bekommen.

    Als der König seine Serviette ausschüttelt, um sie sich vor dem Trinken einer Bouillon auf dem Schoß auszubreiten, fällt ein kleines Heft auf den Boden.
    Der König wirft einen Blick hinein und erstarrt...eine kränkende Illustration und ein beleidigender Text starren ihm entgegen.
    Eine Schmähschrift, die seine Frauengeschichten anprangert und seine Mätresse bzw. heimliche Ehefrau, Madame de Maintenon, als Kupplerin denunziert!
    Und das, nachdem der Hauslehrer seines Enkels ihn schon in einem anonymen Brief für die bittere Armut des französischen Volkes verantwortlich gemacht hat.

    Diese geballte Ladung an Vorwürfen und Demütigungen zu verdauen, fällt sogar dem Sonnenkönig nicht leicht.

    Nachdem wir in den ersten drei Kapiteln einen Überblick bekommen und die Protagonisten kennengelernt haben, erleben wir schließlich mit, dass Paul sich beim Buchbinder Jean Larcher vorstellt und um eine Stelle als Geselle bewirbt, was dem Sohnemann Nicolas Larcher gerade recht kommt, wo er doch für einige Monate der Werkstatt den Rücken kehren und die Welt erkunden, aber seinen Vater nicht mit all der Arbeit alleine lassen will.

    Mit viel Ach und Krach und einer Prise Zufall und Glück kann Jean erweicht und überzeugt werden, Paul einzustellen und seinen Sohn ziehen zu lassen.

    Im weiteren Verlauf lernen wir Madame de Maintenan, die sehr umstrittene und von vielen gehasste Mätresse des Sonnenkönigs, in Wahrheit seine geheime und nicht standesgemäße zweite Ehefrau, kennen.
    Sie liebt ihren Gatten zwar nicht, handelt aber klug und verantwortungsvoll und hat soeben auch das den König und sie selbst denunzierende und beschämende Flugblatt erhalten und gelesen.
    Ein Flugblatt, das sich wie von selbst und in Windeseile verbreitet... im Königshaus und unter dem Volk.

    Und jetzt nimmt die Geschichte Fahrt auf.
    Der König schaltet die königliche Pariser Polizei ein und fordert Verhaftung und harte Bestrafung all derer, die an der Veröffentlichung und Verbreitung des Pamphlets beteiligt waren und Paul und Marianne, zwischen denen sich eine Liebelei anbahnt sehen in dem Pamphlet eine Chance für eine künftige Beziehung.

    Die Autorin zog mich mit ihrer lebendigen und bildhaften Sprache, mit französischen Einsprengseln und mit spezifischen Begriffen wie „Pistole“ oder „das Lever des Königs“ zunächst ruckzuck ins Frankreich der damaligen Zeit hinein, frischte meine Französischkenntnisse auf und erweiterte meinen Horizont.

    Ich hatte vor der Lektüre keine Ahnung, dass man unter „Pistole“ eine Geldmünze aus Gold und unter „dem Ritual des Lever“ den morgendlichen Empfang des Hochadels im königlichen Schlafzimmer versteht.

    Ich bekam einen wunderbaren Einblick in den streng getakteten Tagesablauf des Sonnenkönigs, in die Hofsitten, in die Rolle der Religion, in die Bedeutung der Heiligen und der Kirche, sowie eine lebendige Vorstellung vom Leben auf den dreckigen Pariser Straßen und in den Armenvierteln, wo Krankheit und Hunger eine ständige Bedrohung darstellten.

    Der Roman beinhaltet einen spannenden Plot, der neugierig macht, vermittelt interessante historische Fakten und die Atmosphäre zur Zeit des Sonnenkönigs wird spürbar. Die Autorin lässt Personen, Szenen und Handlungsorte lebendig werden.

    Und jetzt kommt das große ABER, das ich nicht verschweigen will.

    Der Roman beginnt äußerst vielversprechend und lässt dann merklich nach.

    Im Verlauf verliert sich die Autorin einerseits oft in für die Geschichte unerhebliche Details und ich musste mich dann durch ausufernde, unbedeutende und verwirrende Ab- und Ausschweifungen plagen. Andererseits deutet sie interessante Geschehnisse und Fakten manchmal nur an und geht nicht näher darauf ein, was mich wiederum enttäuscht zurückließ.

    Während auf manche überflüssige Randfiguren, Szenen und Themen zu detailliert eingegangen wurde, zeichnete sie die Charaktere der Hauptprotagonisten nicht vielschichtig, differenziert und lebendig genug.
    Aufgrund ihres gemächlichen Erzähltempos hätte sie die Persönlichkeiten ihrer Figuren wunderbar sezieren und tiefgründig ausarbeiten können, aber sie bleiben zu blass und werden dadurch nicht wirklich interessant. Ich fühlte mich keinem nahe, bekam keinen Zugang zu ihnen, fühlte mit keinem von ihnen mit.

    Darüber hinaus gab es sehr viele Zufälle in der Geschichte, was man als überkonstruiert und unwahrscheinlich empfinden könnte.
    Man könnte es aber auch hinnehmen. Frei nach dem Motto „Das Leben ist nichts, als eine Aneinanderreihung von Zufällen“ Unwahrscheinlich ist ja nicht unmöglich.

    Normalerweise würde ich nach dieser Lektüre zu keinem weiteren Buch der 1899 in Chicago geborenen Schriftstellerin Janet Lewis greifen, weil sie mich nicht fesseln und überzeugen konnte, obwohl der Roman Potential hat.

    Allerdings habe ich von Bekannten, auf deren Meinung ich wert lege und deren Geschmack sich mit meinem überlappt, gehört, dass weitere Bücher von Janet Lewis absolut lesenswert sind.
    Und deshalb werde ich mir sicherlich noch ihren beiden Werke „Die Frau, die liebte“ und „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ vornehmen.

  1. Kein großer Wurf

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 24. Dez 2020 

    Bei diesem Buch war ich mir sicher, ein Highlight zu erwischen. „Die Frau, die liebte“ fand ich großartig. Jetzt frage ich mich, wie es denn sein kann, dass eine Autorin zwei so unterschiedliche Werke abliefert.

    »Ein großartiges Porträt Frankreichs zur Zeit des Sonnenkönigs in all seiner Pracht und in all seinen Schwächen.« ›Times Literary Supplement‹
    Das kann man vielleicht noch in diesem Buch finden. Die Atmosphäre und das Ambiente sind schön eingefangen und zeigen ein barockes Paris in Hunger, Schmutz und Armut, während der König sich amüsiert, Dekadenz kultiviert und dabei Köpfe rollen lässt.

    Die Geschichte der Buchbinderfamilie Larcher, die den Leser in diese Welt ziehen soll, lässt dagegen zu wünschen übrig. Angelehnt an einen realen Gerichtsfall wird hier ein Familiendrama präsentiert, das vielleicht ein schönes Beispiel ist, königliche Willkür zu veranschaulichen, ansonsten aber eher an Historientrash gemahnt. Da entwickelt sich ein Liebesdrama, das sämtlichen Protagonisten aufs Hirn zu schlagen scheint, anders kann man die ein oder andere Wendung nicht verstehen. Mit ordentlich Pathos versehen entwickelt sich das Geschehen zunehmend dramatisch bis an die Grenze zur Lächerlichkeit.

    Das Ganze ist eingebettet in ein buntes Potpourri von zeithistorischen Begebenheiten und Details und zeugt von umfangreicher Recherche, nur ist die Dramaturgie des Ganzen eher unglücklich gelöst. Eigentlich schnuppert man an vielen interessanten Geschichten, die dann liegen bleiben und nicht weitererzählt werden. Eine Flut an Figuren und Namen werden detailverliebt eingeführt und stellen sich dann doch als nebensächlich heraus. Als Leser verliert man dabei bald den Elan, die Geduld und auch die Übersicht.

    Von diesem Buch hatte ich mir viel versprochen, es hat mich aber erst gelangweilt und dann geärgert. Das ist kein großer Wurf.

  1. Nicht jedem Roman tut es gut, wenn er neu aufgelegt wird!

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Dez 2020 

    1959 schreibt die amerikanische Autorin Janet Lewis, eine Schulkameradin Ernest Hemingways, den Roman „Das Verhängnis“. Für die damalige Zeit ist „Das Verhängnis“ wahrscheinlich ein gutes Buch. Sein Protagonist ist die Zeit in Frankreich unter Louis XIV. In einer solchen Zeit zu leben, ist wahrlich ein Verhängnis!

    Man darf nicht den Fehler machen, zu glauben, dass es Janet Lewis in erster Linie darum gegangen wäre, ihre handelnden Figuren, die sich in verhängnisvoller Weise sowohl in persönliche Kalamitäten begeben wie auch in den politischen Konstellationen und Gegebenheiten unter dem Sonnenkönig verstricken und aufgrund dieser Dipolarität untergehen, auszuleuchten.

    Zwar stellt die Autorin mit Marianne und Jean Larcher ein Handwerkerehepaar in den Mittelpunkt ihrer Erzählung, und innerhalb ihrer Figurenzeichung versucht sie natürlich, innere Konflikte der weiblichen Figur darzustellen, die die Konventionen ihrer Zeit sprengt. Nicht unbedingt zu ihrem Vorteil.

    Dennoch bleiben sowohl die weiblichen Figuren wie Marianne als Hauptprotagonistin wie auch Simone, die kindskriegende Nachbarin oder Marianne Cailloué und ihre sterbende Mutter als Beispiele der Hugenottenverfolgung wie auch die männlichen Figuren Paul Damas, Buchbindergeselle und Liebhaber, so wie jede Menge anderes Personal, ziemlich hölzern und schablonenhaft im Wege rum stehen.

    Denn sie dienen im Prinzip nur dazu, zu verdeutlichen, wie das Rechtssystem im Absolutismus funktioniert: man ist der Willkür von Herrscherlaunen und dem Zufall ausgeliefert. Buchdrucker und Hugenotten sind sowie so per se verdächtig. Und wenn der König will, werden sie mit einem Fingerschnippen über den Jordan gewuppt.

    Das Leben auf der Straße, das Treiben am Hofe, die Bedeutung des meist gleichgültigen Klerus, diese Beschreibungen sind der Autorin recht gut gelungen. Wenn man nur nicht immer wieder versucht gewesen wäre, mehr Charakterisierung zu verlangen.

    Und auf der anderen Seite mehr historische Details zum Zeitengeschehen vermissen würde.

    In welchem Krieg befinden wir uns gerade genau? Warum sind die Hugenotten so sehr bedroht? Was hat es genau mit diesem Edikt von Nantes auf sich?

    In England sind die Sitten indes freier. Dieser Handlungsstrang wird (viel zu) spät eröffnet, gibt dem Buch aber eine gewisse Rundung. Dumm nur, dass der Sohn des Handwerkerehepaars nach einigen Jahren in London wieder nach Paris kommt und sich dann absolut unglaubwürdig dumm verhält, so dass alles in einer großen Katastrophe endet.

    Das Ende kommt dann auch so abrupt und plötzlich, gefühlt handelt es sich nur um einige Zeilen, der Leser ist geplättet, überhaupt nicht vorbereitet und schließt das Buch gänzlich unberührt von der menschlichen Tragödie.

    „Das Verhängnis“ widmet sich einer Epoche. Der Leser bekommt einen Einblick in die Verhältnisse, die um 1794 herum in Frankreich und England herrschen. Die Stillmittel der Autorin, diesen Roman durch spannende Protagonisten fesselnd zu gestalten, sind jedoch begrenzt. Die Behäbigkeit des Romans kann uns heute nicht mehr begeistern, da wir bereits viel über die vorgestellte Zeit wissen und andererseits historisch nichts hinzulernen.

    Fazit: Im historischen Kontext zu unklar, im Detail verweilend ohne die großen Linien zu benennen und im Charakterlichen zu hölzern. Schade. Dieser Wurf erscheint uns heutigen Lesern nicht so recht gelungen.

    Kategorie: Historischer Roman
    Verlag: Dtv, 2020

  1. Historischer Kriminalfall

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Dez 2020 

    Janet Lewis, 1899 in Chicago geboren und eine Mitschülerin Ernest Hemingways, lehrte Literatur in Berkeley und Stanford, nachdem sie 1920 ein halbes Jahr in Paris verbracht hat. Sie veröffentlichte zwischen 1941 und 1959 drei historische Romane, die auf wahren Kriminalfällen beruhen:

    "Die Frau, die liebte"; "Der Mann, der seinem Gewissen folgte" sowie "Verhängnis".

    Im Gegensatz zu den ersten beiden Romanen ist dieser etwas ausufernder, historischer, enthält dadurch eine Vielzahl von Figuren und mehrere Handlungsstränge.

    "Der Buchbinder Jean Larcher saß mit seiner Frau und seinem Sohn beim Abendessen. Es war Ostersonntag, der in diesem Jahr des Herrn, dem Jahr 1694, und dem einundfünfzigsten Jahr der Herrschaft Louis´ XIV., auf den elften April fiel." (9)

    Jean Larcher ist dem Sonnenkönig loyal ergeben, ein Geizhals, der sein Geld ebenso verborgen hält wie seine Gefühle gegenüber seiner Frau und seinem Sohn Nicolas, der reisen möchte und dessen politischen Ansichten denen des Vaters entgegenstehen. Marianne Larcher überredet ihren Mann, Nicolas ziehen zu lassen, sollte sich ein Geselle für die Buchbinderei finden.

    Quelle wikipedia
    Dieser taucht in der Gestalt von Paul Damas auf, der aus Auxerre stammt und von der Frau seines Meisters verführt wurde. Sie hat die Affäre anschließend ihrem Mann gebeichtet und ihn als Schuldigen dargestellt, so dass er Hals über Kopf fliehen muss. Es zieht ihn nach Paris, wo er zunächst den Laternenmann antrifft, der jeden Abend beim Denkmal für Louis XIV. die vier Laternen anzündet. Leider spielt er nur eine untergeordnete Rolle.
    Das prachtvolle Kunstwerk steht im Gegensatz zum Lied eines Balladensängers, dem Paul in einer Gaststätte zuhört:
    Die Maintenon, die fromme Hure,
    Schickt unseren Louis in den Krieg.
    Sie hält ihn an der kurzen Leine
    und lässt uns in Armut darben. (47)

    Der König wird für seinen verschwenderischen und ausschweifenden Lebensstil kritisiert, im Jahr 1694 lebt er in einer morganatischen Ehe mit seiner ehemaligen Geliebten Madame Maintenon zusammen; eine Ehe zwischen einem Adeligen und einer Frau, die gesellschaftlich von niederem Stand ist.

    Zu Beginn des Romans schildert Lewis ausführlich den im Schlafzimmer stattfindenden Morgenempfang des Königs, das sogenannte Lever.
    Während dieses Rituals findet er in einer Serviette ein Pamphlet:
    onsieur Scarron Apparu à Madame de Maintenon et le Reproches qu´il lui fait sur ses amours avec Lous le Grand. (77)

    In dem Pamphlet wird Madame de Maintenon verunglimpft, ein Umstand, den der König streng bestraft sehen möchte. Deshalb setzt er seinen Polizeichef La Reynie darauf an, die Buchdrucker und -händler, die die Schrift verbreiten, ausfindig zu machen.
    Paul Damas, der eine Anstellung bei Jean Larcher erhält, gerät durch Zufall an einen Packen dieser Pamphlete und bewahrt sie sorgfältig auf. Während Nicolas nach Rouen zieht, bahnt sich eine Affäre zwischen Marianne Larcher und Paul an, letzterem scheint es darum zu gehen, die Frau seines Meisters zu erobern, sie in der Hand zu haben. Sie fühlt sich von ihrem Mann emotional vernachlässigt, Jean wartet nicht einmal auf sie, nachdem sie beide Nicolas verabschiedet haben. Sie lässt sich auf Paul ein und das "Verhängnis" nimmt seinen Lauf.

    Lewis gelingt es gut, das frühneuzeitliche Paris auferstehen zu lassen. Man hört die Geräusche in den Gassen, kann den Geruch wahrnehmen und sich das Treiben vorstellen. Auch das Elend, der Hunger und die verzweifelte Lage derer, die kein Brot haben, wird angedeutet. Die Zeitgeschichte also gut eingefangen, teilweise aber auch zu langatmig beschrieben. Eine Unzahl von Figuren tauchen auf, deren Namen man sich notieren müsste, um alle zu überblicken. Die Liebesgeschichte selbst ist zu Beginn recht trivial, entwickelt dann jedoch zunehmend eine Dynamik, obwohl man die Verhaltensweisen der Protagonistin, die sich von ihrem Liebhaber instrumentalisieren lässt und ihm nichts entgegensetzt, nicht immer nachvollziehen kann und will. Die Figuren bleiben seltsam hölzern und oberflächlich.
    Im Mittelteil hat der Roman deutliche Längen, die es zu überbrücken gilt, während das letzte Drittel an Fahrt aufnimmt und spannender wird, da die einzelnen Figuren wieder stärker in den Fokus rücken.

    Vergleicht man "Verhängnis" mit den ersten ersten beiden Romanen, so sind diese deutlich kurzweiliger, was damit zusammenhängen mag, dass die persönliche Geschichte im Mittelpunkt steht und weniger die politische. Der Spagat zwischen beiden misslingt, man leidet weder mit den Figuren noch fesselt die Historie. Schade!

    Drei Sterne für die Einblicke in das frühneuzeitliche Paris, die höfische Zeremonie und das Strafverfahren, lieber hätte ich 2,5 gegeben...