Verfall und Untergang (detebe)

Buchseite und Rezensionen zu 'Verfall und Untergang (detebe)' von Evelyn Waugh
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Verfall und Untergang (detebe)"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:304
Verlag: Diogenes
EAN:9783257243819

Rezensionen zu "Verfall und Untergang (detebe)"

  1. Schwarzer Humor

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Nov 2020 

    Evelyn Waugh, geboren 1903 in Hampstead, war Maler, Lehrer, Reporter und Kunsttischler, bis er in der Schriftstellerei sein Metier fand und zu einem der wichtigsten englischen Autoren des 20. Jahrhunderts wurde. Im Krieg diente Waugh als Offizier. Waugh, der seit seiner Studienzeit eine Neigung zu dandyhafter Extravaganz pflegte, liebte es, das Publikum durch kontroverse Äußerungen zu provozieren. Er starb 1966 in Taunton, Somerset.
    Quelle: Diogenes Verlag

    Waughs Romane wurden mehrfach unter die wichtigsten englischen Romane des 20. Jahrhunderts gewählt. Häufige Bestandteile seiner Werke sind britischer Humor, exzentrische Figuren und zynische Kritik an einer dekadenten Gesellschaft.

    „Diese Geschichte wurde vor dreiunddreißig Jahren geschrieben. Ich bot sie dem Verlag an, der mein erstes Buch in Auftrag gegeben hatte, doch er lehnte sie mit der damals wie heute seltsam anmutenden Begründung ab, sie sei unanständig.“ (S. 7)
    Zitat Evelyn Waugh aus dem Vorwort

    Inhalt
    Paul Pennyfeather, Theologiestudent und Hauptfigur von Verfall und Untergang, ist zu nett, um die Ellbogen auszufahren. Wie sein Leben verläuft bestimmt seine Umgebung. Gleich zu Beginn gerät er ohne große Schuld in eine missliche Lage. Völlig unverschuldet wird er wegen anstößigen, unsittlichen Benehmens exmatrikuliert wird und fliegt vom Scone College in Oxford.
    Sein Vormund, ein wohlhabender Rechtsanwalt, entzieht ihm aufgrund des erhobenen Vorwurfs künftige finanzielle Unterstützung und verwehrt ihm weiteres Wohnrecht.
    Pauls Eltern verstarben als er noch im Grundschulalter war. Nun allein auf sich gestellt bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich Arbeit zu suchen.
    Sein neuer Arbeitsplatz wird eine obskure kleine Privatschule für wohlhabende Kinder der Oberschicht in Wales, obwohl Paul keinerlei der Anforderungen für die Stelle erfüllt – was aber niemanden groß stört.
    Seine Kollegen sind allesamt ebenfalls Gestalten mit einem schwarzen Fleck in ihrer Vergangenheit.
    Paul bekommt die fünften Klasse zugeteilt. Seine Kollegen raten ihm einfach nur dafür Sorge zu tragen, dass die Schüler ruhig sind. Zusätzlich bekommt er die Aufgabe dem jungen Beste-Chetwynde Orgelunterricht zu geben, auch wenn er das Instrument nie angefasst hat.
    Schnell wird klar, Paul ist nicht der perfekte Lehrer und wird es nie sein. Die Jungs starren ihn an und kichern respektlos. Er selbst empfindet Llanabba Castle mit seinen grotesken Bewohnern wie einen grässlichen Albtraum.
    Gegen Ende des Schuljahres findet ein Sportfest statt. Die Schule besitzt zwar keine Sportausrüstung und die Schüler sind auch nicht besonders motiviert. Doch es geht nicht um Sport, sondern die reichen Eltern werden erwartet, die High Society, die sehen und gesehen werden will.
    Paul lernt auf diesem Fest Beste-Chetwyndes Mutter Margot kennen, die ihn für die Ferienzeit als Tutor engagiert.

    „Ich sage jetzt: Auf die Plätze! Eins, zwei, drei! dann schieße ich“, verkündete Mr. Prendergast. „Auf die Plätze, eins -“ Es gab einen fürchterlichen Knall. „Ach, du liebe Zeit! Entschuldigung!“ Aber das Rennen hatte schon begonnen. Offensichtlich würde der Sieger nicht Tangent heißen, denn der saß auf dem Rasen und heulte, weil Mr. Prendergasts Kugel ihn am Fuß getroffen hatte. (S.98f)

    Paul wird auf den Landsitz der Millionärswitwe eingeladen und hier hat er die Gelegenheit die Dekadenz der Oberschicht ausgiebig zu beobachten und ins Lächerliche zu ziehen. Dabei verlieben sich beide, der Aushilfslehrer Paul und Mrs. Beste-Chetwynde, ineinander und Paul macht ihr einen Heiratsantrag.
    Kurz vor der Hochzeit schickt Mrs. Beste-Chetwynde ihn nach Marseille, um dort Geschäftliches zu regeln. Doch es stellt sich heraus, dass der Wohlstand der Familie scheinbar auf unsauberen Geschäften beruht. Pauls Schicksal wendet sich mit rasendem Tempo. Er wird verhaftet und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.
    Im Vergleich zu seiner Zeit als Lehrer im Internat oder in der High Society fühlt er sich recht wohl Gefängnis. Aber seine Ruhe ist nicht von Dauer.
    Margot verkündet ihm, dass sie den Politiker Maltravers heiraten werde. Gleichzeitig stellt sie ihm in Aussicht, dass diese Heirat für ihn sich hilfreich erweisen wird. Und tatsächlich es dauert nicht lange, denn mit Verbindungen zur Oberschicht und zu Privatschulen lassen sich viele Dinge inoffiziell regeln. Pauls Ruhe ist wieder vorbei.
    Doch wie geht es weiter? Schafft Paul sich aus der immerwährenden Bevormundung seiner Umgebung zu befreien?

    Sprache und Stil
    Drei Motive durchziehen den Roman:

    • Dekadenz
    • Privatschulen
    • Oberschicht

    Der Titel des Romans „Verfall und Untergang“ deutet nicht von ungefähr an große Reiche wie zum Beispiel Rom. Waught zeichnete die Gesellschaft in seinem Roman als Korrupt und Dekadent. War nicht der Fall Roms der Dekadenz zuzuschreiben?
    Einen breiten Raum nimmt das Thema Privatschulen ein, deren Schüler verzogen, reich und unmotiviert sind. Selbst die Lehrer zeichnen sich durch Inkompetenz und auch durch wenig Motivation aus. Der einzige Vorteil einer Privatschule besteht darin, dass mit Verbindungen sich vieles regeln lässt.
    Waugh nimmt auch das Thema Oberschicht aus Korn. Das illustriert er am besten durch Margot Beste-Chetwynde. Alle Attribute der Oberschicht sind in dieser Figur vereint: egozentrisch, snobistisch, wankelmütig und opportunistisch. Geld spielt keine Rolle, auch wenn es aus dubiosen Quellen stammt. Sehen und gesehen werden ist das Wichtigste.
    Der Roman ist voll zynischem Witz und Ironie. Trotzdem ist Waughs Art zu provozieren nicht verletzend.
    Vordergründig mit hochamüsanten Dialogen geraten Waughs Figuren, in die unglaublichsten Situationen, die mit skurrilen und absurden Begebenheiten konfrontiert werden und dann versagen oder elegant entkommen. Insbesondere die Tragik seines Protagonisten scheitert an allen Ecken. Die Charaktere sind überzogen gezeichnet, aber genau das gibt einen herrlichen Einblick in die versnobte, überdrehte, ichbezogene und oberflächliche Welt der Upperclass.
    Sechs Zeichnungen des Autors sind dem Buch beigefügt und runden den Roman ab. Beispielsweise sieht man zwei biertrinkende Männer im Pub, mit Krawatte, Pfeife, Hut und Stock. Die Textzeilen unter der Illustration nehmen dann im weiteren Verlauf Bezug auf das Geschehen.

    Fazit
    Nicht ohne Grund nennt man Evelyn Waugh auch den Meister des schwarzen Humors. Mit gnadenlosem Spott beschreibt Waugh seine Figuren. Faszinierend!

    „Name?“, fragte der Arzt.
    „Pennyfeather.“
    „Waren Sie jemals in einem Irrenhaus oder einer ähnlichen Einrichtung? Wenn ja, nennen Sie Einzelheiten.“
    „Ich war im Scone College in Oxford“, antwortete Paul. (S.228)

  1. Ein empfehlenswerter und besonderer Roman!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Feb 2020 

    Dieser satirische Roman wurde erstmals 1928 veröffentlicht und spielt im England der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

    Es geht um den eher introvertierten und ernsthaften 20-jährigen Theologiestudenten Paul Pennyfeather, der im 2.
    Studienjahr völlig unverschuldet wegen anstößigen Benehmens exmatrikuliert wird.

    Erschwerend kommt dann hinzu, dass sein Vormund, ein wohlhabender Rechtsanwalt, ihm aufgrund des Vorwurfs der Universität und der Exmatrikulation künftige finanzielle Unterstützung und weiteres Wohnrecht verwehrt.

    Paul, dessen Eltern bereits verstarben, als er noch im Grundschulalter war, bleibt nichts anderes übrig, als sich Arbeit zu suchen. Und die findet er schließlich als Lehrer im ehemaligen Schloss Llanaba Castle, das zu einem Knabeninternat umfunktioniert wurde.

    Beim Direktor, bei den Lehrern und auch bei den Schülern kommt er gut an und wird er respektiert.

    Der Leser wird im Verlauf der Lektüre mit skurrilen und absurden Begebenheiten konfrontiert, die nüchtern und abgebrüht erzählt werden.
    Er bekommt u. a. einen Einblick in die versnobte, selbstbezogene, überdrehte und oberflächliche Welt der Upperclass und begegnet dabei überspitzt gezeichneten Charakteren.

    Der Roman liest sich flüssig, ist unterhaltsam und regt abwechselnd zum Schmunzeln oder Kopfschütteln an.

    Außerdem wird man immer wieder von bewundernswerten, verspielten, witzigen oder raffinierten Einsprengseln überrascht:
    -Bleistiftskizzen des Autors
    -ein Gedicht
    -ein Satz, der als Überschrift über einem Kapitel begonnen, aber erst über einem späteren Kapitel fortgesetzt wird.

    Überragend gefällt mir, dass der Autor die Geschichte in einer Art Kreisform komponiert hat.
    Am Anfang ist Paul Theologiestudent im Scone College in Oxford.
    Achtung Minimal-Spoiler!!!
    Am Ende ist Paul wieder Theologiestudent im Scone College in Oxford. Zwischendurch hat er schlicht und ergreifend einen abenteuerlichen Ausflug in eine andere Welt gemacht. Einen Ausflug, auf dem wir ihn begleitet haben.

    „Verfall und Untergang“ ist eine knallharte Abrechnung mit der englischen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts.
    Der Adel, der Lehrerberuf, der Beruf des Pfarrers, die Gefängnisse, die Politiker, der englische Snobismus, die moderne Architektur, das Bildungssystem - all das wird vorgeführt und mit bitterbösem Witz auf die Schippe genommen.

    Im Vordergrund stehen Satire, Sarkasmus, Zynismus, Überspitzung, Spott, Ironie und schwarzer Humor.
    Auf das Innenleben der Protagonisten wird nicht besonders eingegangen. Man erfährt kaum etwas über deren Gedanken und Gefühle.
    Da ich diesen Aspekt bei einer Lektüre eindeutig favorisiere, ist dieser Roman kein Highlight für mich.

    Es ist aber interessant und bereichernd, ein solches Werk gelesen zu haben.
    Für mich war es eine ganz neue Art von Lektüre.
    Eine neue Leseerfahrung. Ich möchte sie nicht missen, aber Romane dieser Art werden wohl nie zu meinen liebsten gehören.

    Deshalb kann ich unterm Strich sagen:
    Es ist ein empfehlenswerter und besonderer Roman, dem für mich jedoch das gewisse Etwas fehlt:
    die Nähe und der Kontakt zu den Protagonisten.