Verbrenn all meine Briefe: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Verbrenn all meine Briefe: Roman' von Alex Schulman
4.85
4.9 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Verbrenn all meine Briefe: Roman"

Sommer 1932: Die 24-jährige Karin verliebt sich in den jungen Schriftsteller Olof. Aber es gibt ein Problem: Karin ist mit Sven verheiratet, einem stürmischen, hochrangigen Schriftsteller mit einer grausamen Ader. Wird sie es wagen, ihren Mann verlassen und ein anderes Leben mit ihrer neu entdeckten Liebe beginnen? 68 Jahre später fragt sich Karins Enkel Alex, Autor und dreifacher Vater, warum er eine so tiefe Wut in sich trägt; eine Wut, die seinen Kindern Angst macht und eine Kluft zwischen ihm und seiner Frau schafft. Auf der Suche nach Antworten stößt er auf die Geschichte zweier unglücklich Liebender, die zeigt, wie Leidenschaft, Eifersucht und Wut über Jahrzehnte und Generationen hinweg Wogen schlagen können.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783423290371

Rezensionen zu "Verbrenn all meine Briefe: Roman"

  1. 5
    27. Okt 2022 

    Auf den Spuren des Familiengeheimnisses – Fiktion oder Wahrheit?

    Nach einem erneuten Wutausbruch und dem Streit mit seiner Frau versucht Alex nach den Ursprüngen seines unkontrollierbaren Verhaltens zu suchen. Dem Rat seiner Psychologin folgend recherchiert er in der Geschichte seiner Familie und stößt auf eine unglückliche Liebesgeschichte, die bisher für alle Familienmitglieder Tabu war.
    Im Jahre 1932 verliebte sich Alex Großmutter Karin in einen jungen Schriftsteller Olaf und war bereit für ihn sogar die Ehe mit dem berühmten Schriftsteller Sven Stolpe zu beenden. Um die Sache genau zu ergründen stöbert Alex im Nachlass seines Großvaters, findet Briefe und Tagebücher von damals, erinnert sich an seine Besuche bei den Großeltern im Jahr 1988.

    „Verbrenn all meine Briefe“ ist ein beeindruckender Roman, in dem Alex Schulman über die intimsten Geheimnisse seiner Familie spricht. Er verrät mehrere Details aus dem Leben der Familie seines Großvaters Sven Stolpe; die Romanfiguren sind authentisch, er nennt sie sogar mit ihren richtigen Namen.
    Einfühlsam beschreibt er die dramatische Liebesgeschichte seiner Großmutter, nennt Orten und Zeit des Geschehens, schildert die darauffolgenden Veränderungen im Leben des Ehepaars Stolpe. In einer ruhigen, leicht lesbaren Sprache skizziert der Autor das Porträt seines Großvaters: eines verbitterten, bösartigen Mannes, der seine Familie jahrelang tyrannisiert hat.

    Der Titel des Romans „Verbrenn all meine Briefe“ klingt dramatisch und verkündet unwillkürlich eine Tragödie. Dementsprechend ist die von Alex recherchierte Geschichte extrem spannend; sie nimmt einen unvorstellbaren -Verlauf.

    In der Danksagung spricht Alex Schulman über seine Arbeit an dem Buch und betont ausdrücklich, dass obwohl die Geschichte auf wahren Begebenheiten berührt, es ist ein Roman.
    Ich habe das feinsinnig geschriebene Buch mit großem Interesse gelesen und würde es wärmstens empfehlen.

  1. Familienpuzzle

    Wie viele unserer Gefühle und Verhaltensmuster sind vererbt? Diese Frage war Ausgangspunkt für die Recherchen des 1976 geborenen, in Schweden mittlerweile viel gelesenen Autors Alex Schulman. Seine eigene unkontrollierte Wut, Reizbarkeit und Überreaktion auf Rückschläge gefährdeten seine Familie, an seinen Kindern erkannte er die ihm aus der eigenen Kindheit vertrauten Anzeichen von Angst und vorbeugendem Schutzverhalten. Eine Familienaufstellung ergab Aggressionspotential auf der mütterlichen Seite:

    "Ich will die Dunkelheit in mir verstehen, die dabei ist, mein Verhältnis zu meiner Familie zu zerstören. Ich bin auf der Jagd nach meiner Wut." (S. 31)

    Kindheitserinnerungen an Besuche bei den Großeltern ließen im Großvater Sven Stolpe (1905 – 1996) die Schlüsselfigur vermuten, einem bedeutenden schwedischen Schriftsteller, Übersetzer, Journalisten, Literaturkritiker und tiefgläubigen Christen, verheiratet mit der Übersetzerin Karin Stolpe (1907 – 2003):

    "Auf unterschiedliche Weise zerstörte Stolpe das Leben seiner Kinder. Und das Gift wirkt über Generationen fort. Wir lernten alle, einander und die Welt zu hassen." (S. 40)

    Früh nahm Alex Schulman die große Angst und Unterwürfigkeit der Großmutter vor dem despotischen Großvater wahr, der vernichtende und demütigende Urteile über Familienmitglieder wie Kollegen fällte.

    Ein echter Thriller
    Was Alex Schulman bei seinen puzzleartigen Recherchen aufdeckte, nimmt es leicht mit einem Thriller auf. Anhand der Bücher und Briefe seines Großvaters, bei Recherchen in Archiven und an Originalschauplätzen, insbesondere jedoch mit dem Tagebuch von Olof Lagercrantz (1911 – 2002), einem ebenfalls bedeutenden Schriftsteller, Kritiker und langjährigen Chefredakteur der Tageszeitung Dagens Nyheter, sowie dessen Korrespondenz mit Karin konnte er aufdecken, was sich hinter Svens Bemerkung verbarg, er wäre im Sommer 1932 „Opfer eines sexuellen Attentats“ (S. 52) geworden, durch das er „den Glauben an die Menschheit verlor“ (S. 50): eine ebenso wahre wie zutiefst bewegende, schließlich lebensgefährliche Liebesgeschichte. Minutiös sind die Tage zwischen dem 20. Juni und dem 9. Juli 1932 rekonstruiert, gebannt bin ich diesem missglückten Ausbruchsversuch aus einer albtraumhaften Ehe mit einem nüchternen Tyrannen und Narzissten gefolgt. Bis an ihr Lebensende träumte Karin vom "Land, das nicht ist" (S. 261), der Romantiker Olof versteckte seine Sehnsucht nie vor seiner Familie und besang „die Liebe seines Lebens“ (S. 127) bis zuletzt in Büchern und Gedichten.

    Ein wahrer Roman
    Aber nicht nur was erzählt wird, auch das Wie ist grandios. Die drei Zeitebenen Sommer 1932, ein Besuch bei den Großeltern 1988 und die Gegenwart sind meisterhaft verwoben, Charaktere stimmig gezeichnet, die Sprache konzentriert und klar. Immer wieder hinterfragt Alex Schulman selbstkritisch seine Motivation und die Auswirkungen auf seine Zukunft. Meine anfängliche Skepsis wegen der Intimität verflog rasch, denn einerseits sind die Geschehnisse so offensichtlich, dass die Literaturwissenschaft sie irgendwann aufgedeckt hätte, andererseits hat die Familie Lagercrantz der Einbindung von Tagebucheinträgen und Briefen zugestimmt und Alex Schulman holt für jedes seiner familienbiografischen Bücher die Zustimmung seiner Brüdern ein. Außerdem ist der Roman, und als solchen bezeichnet ihn Alex Schulman trotz der Quellentreue, kein Vernichtungsbuch, wie es Sven Stolpe beispielsweise über Olof Lagercrantz verfasste; im Gegenteil gibt es zuletzt sogar einen Erklärungsversuch für sein Verhalten.

    Habe ich den familienbiografischen Roman "Die Überlebenden" von Alex Schulman 2021 sehr gern gelesen, so gefiel mir nun das im schwedischen Original schon 2018 erschienene, 2022 verfilmte "Verbrenn all meine Briefe" sogar noch besser. Ein neuer literarischer Autor, von dem ich mir garantiert kein Buch mehr entgehen lasse!

  1. Die Leiche im Keller

    "In meinem Kellerverschlag liegt eine tote Ratte", mit diesem Satz beginnt das dritte Kapitel des Romans "Verbrenn all meine Briefe". Das bekannte Bild von der Leiche im Keller fasst sehr gut zusammen, worum es in diesem Buch geht. Der Autor Alex Schulman bewahrt in jenem Keller die gesammelten Werke seines Großvaters Sven Stolpe auf. Um sie ans Tageslicht zu holen, sich in das Leben und Wirken Stolpes zu vertiefen, muss er einigen Mut aufbringen.

    Sven Stolpe (1905 - 1996), zu seinen Lebzeiten ein anerkannter Schriftsteller und Literaturkritiker, war - geht man nach dem, was Schulman berichtet - ein geistig reger Intellektueller. Aber auch ein ausgesprochenes Charakterschwein, ein boshafter, tückischer und geradezu lächerlich selbstgerechter Familienvater. Schulman berichtet eine Vielzahl von Szenen aus eigener Erinnerung oder aus derjenigen anderer Familienmitglieder: wie Sven Stolpe sowohl seine Frau als auch seine Kinder bei jeder Gelegenheit mit Gehässigkeiten verfolgte, dabei aber immer mit gerade soviel Contenance, dass ihn niemals jemand ernsthaft in die Schranken wies. Ein Dauerzustand narzisstischen Gekränktseins zieht sich durch Stolpes gesamtes Werk, seine Romane und anderen Schriften, Briefe, Tagebücher. Insbesondere schien er von dem Idealbild einer madonnenhaft tugendsamen Frau geradezu besessen zu sein, wie sich an den Themen mehrerer seiner Bücher zeigt - ein überkommenes, wirklichkeitsfremdes Frauenbild, dem keine lebende Frau entsprechen könnte, auch nicht seine Ehefrau (und Schulmans Großmutter) Karin Stolpe.

    Schulman hat seine Gründe, in der Familiengeschichte nachzuforschen. Das Bild des gehässigen Großvaters wirkt, wie er eingangs feststellt, noch drei Generationen später nach; die ganze mütterliche Familie (Schulmans Mutter ist eine Tochter des Großelternpaars Stolpe) ist davon geprägt: unbefangene, vertrauensvolle Zuwendung ist ihr ein Fremdwort. Der Erzähler selbst leidet unter einer stets präsenten unterschwelligen Wut, die, wie er berichtet, seine eigenen Kinder beängstigt. "Verbrenn all meine Briefe" ist jedoch keineswegs bloß eine Chronik fortlaufender Familienkräche. Schulmans liebevolle, sanfte Großmutter Karin Stolpe hatte ihre heimliche Liebe, die nie zur Erfüllung gelangte, aber auch nie ganz erlosch. Diese Liebesgeschichte ist das eigentliche Thema des Romans. Schulman zeigt in bewegenden Schilderungen auf, wie Hingabe und Sehnsucht sich gegen alle Widerstände ihren Platz behaupten können, wie eine unerfüllte Liebe ihre Gültigkeit bewahrt. Die tote Ratte findet ihren Meister. "Früher dachte ich, ich stehe in der untersten Zeile der Geschichte", stellt Schulman am Ende fest, "aber so braucht es nicht zu sein. Vielleicht stehe ich auch in der obersten Zeile." Der Roman endet mit Hoffnung.

    "Verbrenn all meine Briefe" ist ein trauriges, ein hoffnungsvolles und vor allem ein durch und durch ehrliches Buch. Mit der Knappheit, die Schulmans Stil eigen ist, entwirft er mit kurzen Szenen und Schlaglichtern eine Tragödie von großer Tragweite. Erschütternde Erkenntnisse und poetische Szenen voll bezaubernder Klarheit wechseln einander ab. Der einzige Einwand, den man gegen dieses Buch vorbringen könnte, ist ein sehr persönlicher und (vermutlich) altmodischer: Es mag nicht jedem Leser und jeder Leserin restlos behagen, wie der Autor hier die sprichwörtliche schmutzige Familienwäsche ans Tageslicht zieht. Vor allem, weil nicht allein seine Kernfamilie betroffen ist, sondern auch eine Vielzahl anderer Menschen. Zum Glück ist "Verbrenn all meine Briefe" keine bloße Abrechnungsliteratur, wie sie derzeit Mode zu sein scheint. Schulmans Zugang ist differenziert und einfühlsam. Mir persönlich ist trotzdem soviel Unwohlsein geblieben, dass ich mich zur Höchstwertung nicht durchringen konnte - auf jeden Fall aber Leseempfehlung.

  1. Der Ursprung der Wut

    "Verbrenn all meine Briefe" ist der erste Roman, den ich aus der Feder von Alex Schulman las. Wie der Vorgänger "Die Überlebenden" auch, beruht er zumindest in Teilen auf wahren Gegebenheiten innerhalb der eigenen Familiengeschichte. Im Fokus stehen dieses Mal die Großeltern des Autoren. 

    Ausgangspunkt ist eine unermessliche Wut des Autoren, die dazu führt, dass selbst seine Kinder Angst vor ihm haben. Dies erschüttert Alex Schulman zutiefst, so dass er beschließt, sich auf Spurensuche zu begeben. Woher kommt diese Wut? Jahrelange Therapiesitzungen haben offensichtlich nichts gebracht. Nun beschäftigt er sich im Rahmen der Therapie eingehend mit der familiären Situation und schon bald verdichten sich die Hinweise darauf, wo Schulman anzusetzen hat: bei seinen Großeltern mütterlicherseits und Ereignissen, die bis auf den Sommer 1932 zurückreichen. 

    Im Roman gibt es drei Erzählebenen: In der Gegenwartsebene lesen wir über die Recherchearbeiten zu den Figuren, die im Vordergrund des Geschehens stehen: Sven Stolpe und Olov Lagercrantz. Die Vergangenheitsebene der 30er Jahre offenbart, wo die Wurzeln deren wechselseitiger Missgunst liegen. Hier lesen wir über eine unglückliche zarte Liebe, die nie eine wirkliche Chance hatte. Die dritte Perspektive ist die 1988er, in welcher der Autor als Kind die Großeltern besucht und sich fragt, warum seine Großmutter die Lieblosigkeit ihres Mannes erträgt. Es ist eine für den Roman sehr zentrale Frage.

    "Verbrenn all meine Briefe" ist ein grandios erzählter Roman, der mich von Beginn an in seinen Bann zog. Ich fieberte bei den Recherchen mit, folgte atemlos der zarten Blüte einer wahren Liebe, über deren Vergeblichkeit ich mitlitt und ereiferte mich über die Herzlosigkeit des despotischen und ausschließlich auf sich bedachten Großvaters. Wenn ein Autor es schafft, einen so mitzureißen, dass die Empfindungen der Protagonisten quasi zu den eigenen werden, dann ist das schon eine Meisterleistung, wie ich finde. Und so überrascht es nicht, dass ich dieses Buch in einem weglas und dann betrübt feststellen musste, dass es schon beendet war. Allerdings zähle ich zu den Glücklichen, die den Vorgängerroman "Die Überlebenden" noch vor sich haben. Insofern werde ich sicher in naher Zukunft wieder nach einem Werk des Autoren greifen. "Verbrenn all meine Briefe" kann ich jedenfalls wärmstens zur Lektüre empfehlen. 

  1. 5
    04. Okt 2022 

    Beeindruckend und erschütternd

    Alex Schulman „ Verbrenn all meine Briefe“. ( 2018/2022 )

    Der 1976 geborene Alex Schulman ist einer der bekanntesten schwedischen Autoren der Gegenwart. Mit großer Begeisterung habe ich seinen 2021 auf Deutsch erschienenen Roman „ Die Überlebenden“ gelesen. Deshalb bin ich nun mit hohen Erwartungen an sein neues Buch herangegangen.
    Nach einem furchtbaren Streit mit seiner Ehefrau wird Alex Schulman bewusst, dass er etwas tun muss. Seine unvorhersehbaren Wutanfälle drohen seine Ehe zu zerstören. Sogar die Kinder haben Angst vor ihm. Eine Therapie in Form einer Familienaufstellung soll zur Klärung beitragen und so eine Verhaltensänderung ermöglichen. Dabei wird gleich ersichtlich, wo er suchen muss, nämlich in der Familie seiner Mutter. Hier sind schon immer alle Familienmitglieder heillos zerstritten.
    Das „ Wut- Zentrum“ findet Alex Schulman in der Person seines Großvaters Sven Stolpe. Der war und ist in Schweden eine Berühmtheit: Schriftsteller, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Kritiker, tiefgläubiger Christ, ein Mann mit hohen Erwartungen an sich selbst und an seine nächste Umgebung. Als Kind hatte der Autor ein zwiespältiges Verhältnis zu seinem Großvater. Der machte zwar gerne Späße mit den Enkeln, gleichzeitig war er unberechenbar in seiner Wut.
    Alex Schulman beginnt nun sich näher mit seinem Großvater zu beschäftigen und stößt dabei auf das Jahr 1932. Hier muss das Schlüsselerlebnis liegen, das alles verändert hat. Doch was ist damals tatsächlich geschehen?
    Das Ehepaar Stolpe war Gast im Hause der Sigtuna - Stiftung. Hier trafen sich junge Autorinnen und Autoren zum Arbeiten und zum gemeinsamen Austausch. Dabei trifft die verheiratete Karin Stolpe den jungen Dichter Olof Lagercrantz, eine schicksalhafte Begegnung. Die beiden verlieben sich heftig ineinander. Karin will sich von ihrem dominanten Ehemann trennen, doch Sven weiß das mit allen Mitteln zu verhindern. Damit ist das Leben aller Beteiligten für immer geprägt. „Der eine geht in eine lebenslange Finsternis ein. Der andere hört niemals auf zu träumen.“ Und Karin harrte aus, neben dem ungeliebten Ehemann. „Sie schrumpfte mit geradem Rücken.“
    Alex Schulman erzählt auf drei Zeitebenen diese Geschichte.
    Auf der Gegenwartsebene beschreibt er beinahe dokumentarisch seine Recherchearbeit und das, was dies bei ihm auslöst. Da sowohl Sven Stolpe als auch Olof Lagercrantz bekannte Persönlichkeiten waren, gibt es eine Unmenge an Material. Nicht nur deren poetisches Werk, sondern auch auf Tagebücher und Briefe konnte Alex Schulman zurückgreifen. Während sich bei Sven Stolpes Romanen als immer wiederkehrendes Motiv die treulose Ehefrau finden lässt, so hat Olof Lagercrantz seine Liebe zu Karin in vielen Gedichten beschworen.
    Zwischen diesen Text aus der Gegenwart flicht der Autor zwei weitere Erzählstränge, die in die Vergangenheit führen.
    Dabei geht er zum einen ins Jahr 1988, als er bei seinen Großeltern zu Besuch ist. So wirft er aus der kindlichen Perspektive einen kritischen Blick auf seinen Großvater, der seine Frau dominiert und schikaniert. Spürbar ist dabei die Liebe des Enkels zur Großmutter, die geduldig und demütig das furchtbare Verhalten ihres Mannes erträgt. Nicht ohne Grund widmet ihr Alex Schulmann sein Buch.
    Im Zentrum des Romans steht aber das Schicksalsjahr 1932. Hier erlebt der Leser eine Liebesgeschichte voller Gefühl und Dramatik, eine Liebe, die, obwohl sie nicht gelebt werden konnte, ein Leben lang andauert. Davon zeugen die Liebesbriefe ( Auszüge finden sich im Buch ), die Olof an Karin gesendet hat und die sie sechzig Jahre lang heimlich gehütet hat wie einen Schatz. Mit ihnen konnte sie sich in „ das Land, das nicht ist“ hinein träumen.
    Alex Schulmann beschreibt diese Liebesgeschichte einfühlsam und berührend und voller Poesie. Das ist herzzerreißend. Gleichzeitig liest man ungläubig und schockiert, was sich Sven Stolpe alles einfallen lässt, um diese Liebe zu unterbinden.
    Das Buch hat mich ungeheuer beeindruckt und erschüttert. Beeindruckt, mit welcher Aufrichtigkeit der Autor an das Erkunden der eigenen Familiengeschichte herangeht, ohne Schonung sich selbst und anderen gegenüber. Trotzdem ist das Buch keine Abrechnung geworden, sondern ein Versuch, zu verstehen.
    Erschüttert, weil diese große Liebe nicht zu einem gemeinsamen Glück geführt hat, sondern zu einem verfehlten Leben der drei Beteiligten und gleichzeitig negative Auswirkungen auf die nächste Generation hatte.
    Für den Autor scheint es Hoffnung zu geben, sich von den alten Verhaltensmustern lösen zu können. Der Schlusssatz legt zumindest nahe, dass er einen Neuanfang gemeinsam mit seiner Ehefrau versuchen möchte.

  1. Zerstörerisches Familiengeheimnis

    Alex bemerkt nicht zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmt. Warum haben seine Kinder und seine Frau offensichtlich Angst vor ihm? Er versteht es nicht, kann es nicht in Relation zu seinen Handlungen setzen. Und doch: da ist irgendetwas - etwas, das ihn seit seiner Kindheit begleitet - nur was? Eine Therapiesitzung offenbart auffällige Disharmonien in den Beziehungen seiner Familie mütterlicherseits. Doch worin liegen die Ursachen der zahlreichen Streitereien, der gestörten Beziehungen, der Kontaktabbrüche, die in dieser Regelmäßigkeit und Intensität nur die Familie seiner Mutter betreffen?

    Wir begleiten Alex auf seiner Spurensuche. Akribisch und getrieben von dem Wunsch, Klarheit zu erhalten bzw. seine Frau und Kinder nicht weiterhin durch seine unterschwellige Wut zu verängstigen und seine Ehe zu retten, stürzt er sich auf den Nachlass seines Großvaters Sven Stolpe, der in Schweden als bekannter Autor, Kritiker, Übersetzter und Journalist in der Öffentlichkeit stand. Er beginnt, dessen Romane zu lesen, entdeckt thematische Gemeinsamkeiten und stößt bei seinen Recherchen auf einen weiteren Namen: Olof Lagercrantz, ebenfalls Schriftsteller und erklärter Erzfeind seines Großvaters. Nach und nach verdichten sich die Hinweise auf eine Liebe zwischen Karin Stolpe und Olof Lagercrantz mit weitreichenden Folgen auch für die Nachkommen von Sven und Karin. Alex Entdeckungen sind ungeheuerlich, lassen das Blut in den Adern gefrieren, machen wütend und traurig. Gekonnt verschränkt Schulman die Gegenwart mit Szenen aus seiner eigenen Kindheit in den 1980er Jahren und der Geschichte seiner Großeltern Karin und Sven Stolpe bzw. Olof Lagercrantz.

    Beim Lesen dieses autobiographischen Romans geriet ich in einen starken Lesesog, in ein Wechselbad der Gefühle. Die erzählte Geschichte ist berührend, erschütternd, beklemmend, voller Spannungsmomente, tief traurig, drastisch und erbarmungslos. Sie besticht darüber hinaus durch das Reflexionsvermögen des Autors, der zu verstehen sucht, ohne anzuklagen. Alex Schulman zeigt einmal mehr sein literarisches Können bei der Verarbeitung autobiographischer Inhalte. Klare Leseempfehlung!

  1. 5
    01. Okt 2022 

    Eindrucksvolles biografisches Drama

    Ebenso wie sein Roman „Die Überlebenden“ verarbeitet Schulmans neuer Roman ein Stück seiner eigenen Familiengeschichte. „Verbrenn all meine Briefe“ ist das Protokoll einer Recherche. Der Grund der Recherche sind unbeherrschbare Wutreaktionen des Erzählers, die ihm seine Kinder zu entfremden und seine Ehe zu zerstören drohen. Wie eine Familienaufstellung mit Visualisierung der Familienbeziehungen ergibt, liegt der Ursprung dieser Wut in der Familie seiner Mutter, und dort lässt sie sich bald bei seinem Großvater Sven Stolpe verorten – zu seiner Zeit ein bekannter Schriftsteller. Das auslösende Ereignis scheint die unglückliche Liebesgeschichte seiner Großmutter mit Olof Lagercrantz im Jahr 1932 gewesen zu sein.

    Gekonnt verschränkt Schulman drei Erzählebenen – eine, die die Geschehnisse 1932 nachvollzieht und die Liebesgeschichte zwischen Karin und Olof erzählt. Dann die Zeitebene 1988, in der er als Kind die Ehe seiner Großeltern miterlebt, und die Gegenwart, in der er durch die Gegend fährt, Gespräche führt und immer obsessiver recherchiert. Seine Recherche wird zu seiner persönlichen Heldenreise, mit der er nicht nur die eigene Erlösung verfolgt, sondern auch die Tragik des großmütterlichen Lebens würdigt.

    Erleichtert wird Schulmans Recherche dadurch, dass sowohl Stolpe als auch Lagercrantz öffentliche Personen sind, zu denen es umfangreiches Material gibt. Was er, auch mit der großzügigen Hilfe der Familie Lagercrantz, zutage fördert, ist erschütternd und dramatisch. Es ist „das Land, das nicht ist“.

    Der Roman entwickelt einen starken Lesesog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Das Schicksal seiner Großmutter ist aus unserer heutigen Sicht so über die Maßen ungerecht und mutet gleichzeitig so unausweichlich wie vermeidbar an, dass die Lektüre stellenweise unerträglich scheint. Zugleich gelingt es Schulman, die Liebe zwischen Lagercrantz und seiner Großmutter so zart und einfühlsam darzustellen, dass man zutiefst angerührt ist. Zur Hilfe kommen ihm dabei die originalen Brieftexte der beiden Liebenden, die den Bezug zum Buchtitel herstellen.

    Dies ist eine Geschichte über zwei nationale Zelebritäten, Stolpe und Lagercrantz, aber sie ist weit mehr als nur Kolportage. Schulman macht ein Stück delikatester Familiengeschichte öffentlich, doch er führt niemanden vor; sein Erzähler ist um seiner Familie willen bemüht, Ereignisse und Personen zu verstehen, deren Gift bis in die Gegenwart wirkt. Es ist Schulmans schriftstellerisches Können, seine dichte, schnörkellose Sprache, die ohne Pathos und Sentiment zu bewegen weiß; es ist die bedachte Konstruktion, die eine Literatur daraus macht, die über die persönlichen Bezüge hinausweist. Sein Roman schärft das Bewusstsein für toxische Prozesse in einer Familie und dafür, wie wichtig es ist, sie aufzulösen und nicht an die junge Generation zu vererben. Würden wir alle danach streben, wäre unsere Welt gleich ein ganzes Stück besser.

    Von meiner Seite eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

  1. 4
    28. Sep 2022 

    Land, das nicht ist

    Warum wirkt es so als müssten seine Kinder in seiner Gegenwart auf Zehenspitzen gehen? Alex liebt seine Kinder und er will ein guter Vater sein, aber manchmal hat er so eine Wut. Alex beschließt, er muss der Wut auf den Grund gehen. Er findet einen Ansatz, indem er bei einer Art Familienaufstellung feststellt, dass seine mütterliche Familie von negativen Gefühlen bestimmt wird. Seine Großeltern waren intelligente, literarische Menschen. Wieso also dieser Hass? In seiner Kindheit hat Alex seine Großeltern eigentlich gerne besucht, doch wenn er sich jetzt erinnert, hat der Großvater seine Frau immer schlecht behandelt.

    In zweiten Buch des Autors, das in Deutschland veröffentlicht wurde, werden biografische Ereignisse aus dem Leben des Autors verarbeitet. Dennoch ist das Buch als Roman erschienen. Der Enkel Alex forscht nach den Wurzeln seiner Wut und er findet die Geschichte seiner Großeltern. Frisch verliebt waren sie Anfang der 1930er glücklich, doch bald schon wurde der Großvater immer bestimmender und die Großmutter nachgiebiger. Hatte Karin sich die Ehe so vorgestellt? Als die dem etwas jüngeren Olof kennenlernt ist es für beide wie eine Offenbarung. Sie ist seine Traumfrau und er gibt ihr die Leichtigkeit zurück.

    Welch ein aufwühlender Roman. Wieder und wieder kann man es während des Lesens kaum glauben, wie ein einzelner offensichtlich gesellschaftlich angesehener Mensch eine Familie mit so großer Härte und Konsequenz zerstören kann. In den Momenten, in denen sich Alex auf die Suche begibt, ist das Buch spannend wie ein Krimi. Und doch ist es hauptsächlich eine Geschichte von Liebe und Hass, von Verzicht, aber auch von allzu kurzen glücklichen Momenten. In eine Person wie den Großvater kann man sich kaum hineinversetzen, doch auch versteht man nicht so recht, wieso die Frau bleibt. Und doch hofft man mit dem Erzähler, dass er die Geschichte seiner Großeltern entschlüsseln kann und vielleicht eine Chance hat, seine Wut zu überwinden. Wut gibt es zu viel in dieser Welt, vielleicht sollte die Menschen viel häufiger versuchen, die Wut zu überwinden.

    Ein Roman, der aufrüttelnd und mitreißend erzählt ist.

    4,5 Sterne

  1. Toxische Beziehung oder wie?

    Von Alex Schulman habe ich bereits viel Positives gehört und daher wollte ich nun endlich mal etwas von ihm lesen.

    Im Buch wird die Geschichte seiner Großeltern erzählt und das auf teils verstörende Weise, denn die Liebe war schnell vorbei und was folgte waren: Erniedrigung, Gewalt, Gehorsam und vieles mehr.

    Vor allem durch die schnörkellose Sprache des Autors kickt das Gelesene noch mehr rein. Man kann sich die physischen und psychischen Misshandlungen sehr gut vorstellen.

    Das was mich am meisten fasziniert hat war, dass sich die Erfahrungen von damals auf die nächsten Generationen übertragen haben. Ich habe mich oft gefragt warum mich manche Verhaltensweisen von Menschen so enorm triggern, obwohl ich nicht so viele Negativerfahrungen gemacht habe und dann kommt immer mal wieder raus, dass aber meine Eltern oder Großeltern so was erlebt haben und siehe da: der Autor hat scheinbar Recht.

    Am meisten berührt haben mich die Liebesbekundungen in Form von Briefen. Das ging mitten ins Herz.

    Fazit: Bedrückend, berührend, emotional und einfach heftig. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

  1. Liebe und Hass sind nah bei einander...

    Schulman konnte mich bereits im letzten Jahr enorm begeistern mit "Die Überlebenden" und so war ich gespannt auf die Geschichte seiner Großeltern.

    Im Buch geht es um Karin und Sven Stolpe, bei denen es jung verheiratet bereits 1932 kriselt. Als dann plötzlich Olof in Karins Leben tritt, gerät dieses aus den Fugen. Darf sie den berühmten Schriftsteller verlassen und ihr wahres Glück finden?

    Bei diesem Roman hat mir vor allem der Mix aus Handlung, die in den Zeiten springt und den Briefen der Liebenden enorm gut gefallen. So kam jede Menge Abwechslung auf und ich fühlte mich konstant gefesselt und unterhalten.

    Mit Karin als Figur habe ich so enorm mitfühlen können, war ich selbst vor einigen Jahren in einer vergifteten Partnerschaft und ein Lösen daraus nur durch viel Glück möglich. Ihre Angst und ihren gleichzeitigen Gehorsam habe ich beim Lesen wieder gespürt und an Vergangenes gedacht, so dass sich die Handlung für mich nicht immer einfach las, da sie alte, verschüttete Erinnerungen wieder hervor holte.

    Sven ist ein Narzisst wie er im Buche steht. Es ist erstaunlich wie er seine Umgebung im Griff hat und gleichzeitig alles um sich herum vergiftet. Bevor er nicht das bekommt was ihm zusteht, bekommt eben dann lieber niemand etwas. Wenn er unglücklich ist, dann sollen es andere auch sein.

    Schulman beschreibt auf nüchterne Weise. Sein Schreibstil kommt ohne sprachliche Bilder oder ausgedehnte Schilderungen aus. Und trotz der vermeintlichen Einfachheit liest sich der Roman enorm intensiv.

    Liebe lässt sich oft schwer greifen und erfüllt sich nicht immer. Dies vermittelt das Buch sehr anschaulich ohne dabei zu depressiv zu sein.

    Fazit: Emotionale Lektüre, die ich so schnell nicht vergessen werde. Von mir gibt es daher eine klare Leseempfehlung. Klasse!

  1. Famiengeheimnisse

    Alex Schulman beschreibt seine unglückliche Ehe bei dem er derjenige ist der die Ehe und die Beziehung zu seinen Kindern zerstört, da er immer wieder wegen Kleinigkeiten aus der Haut fährt. Diese Ausraster werden immer massiver. Seine Frau sagte zu ihm wenn das so weiter geht wird sie ihn verlassen.

    Alex Schulman denkt über sich und sein Verhalten nach und ihm fällt auf, dass diese Wut, die er in sich spürt eine familiäre Tradition hat. Er recherchiert, anscheinend war sein Großvater ein bekannter Mann, in verschiedenen Archiven, dann besitzt er noch Bücher vom Großvater und es stellt sich heraus, dass seine Großmutter eine heimliche Liebe zu einem anderen Mann hatte.

    In diesem Buch sind immer wieder Rückblenden enthalten, wo Schulman seine Großeltern beschreibt als er noch ein Kind war. Dann wird die Geschichte auch aus der Sicht der Großmutter beschrieben.

    Was mich an diesem Buch sehr begeistert hatte war die Sprache, die Perspektivwechsel und wie der Autor mit Szenenwechsel Spannung erzeigt. Der Autor kann auch die subtilen psxchischen Gemeinheiten und Übergriffigkeiten des Großvaters sehr gut in Worte fassen.

    Das Buch entwickelt einen richtigen Lesesog und es hat mich sehr berührt! Für mich war das ein Lesehighlight!