Verbrenn all meine Briefe: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Verbrenn all meine Briefe: Roman' von Alex Schulman
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Verbrenn all meine Briefe: Roman"

Sommer 1932: Die 24-jährige Karin verliebt sich in den jungen Schriftsteller Olof. Aber es gibt ein Problem: Karin ist mit Sven verheiratet, einem stürmischen, hochrangigen Schriftsteller mit einer grausamen Ader. Wird sie es wagen, ihren Mann verlassen und ein anderes Leben mit ihrer neu entdeckten Liebe beginnen? 68 Jahre später fragt sich Karins Enkel Alex, Autor und dreifacher Vater, warum er eine so tiefe Wut in sich trägt; eine Wut, die seinen Kindern Angst macht und eine Kluft zwischen ihm und seiner Frau schafft. Auf der Suche nach Antworten stößt er auf die Geschichte zweier unglücklich Liebender, die zeigt, wie Leidenschaft, Eifersucht und Wut über Jahrzehnte und Generationen hinweg Wogen schlagen können.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783423290371

Rezensionen zu "Verbrenn all meine Briefe: Roman"

  1. 5
    01. Okt 2022 

    Eindrucksvolles biografisches Drama

    Ebenso wie sein Roman „Die Überlebenden“ verarbeitet Schulmans neuer Roman ein Stück seiner eigenen Familiengeschichte. „Verbrenn all meine Briefe“ ist das Protokoll einer Recherche. Der Grund der Recherche sind unbeherrschbare Wutreaktionen des Erzählers, die ihm seine Kinder zu entfremden und seine Ehe zu zerstören drohen. Wie eine Familienaufstellung mit Visualisierung der Familienbeziehungen ergibt, liegt der Ursprung dieser Wut in der Familie seiner Mutter, und dort lässt sie sich bald bei seinem Großvater Sven Stolpe verorten – zu seiner Zeit ein bekannter Schriftsteller. Das auslösende Ereignis scheint die unglückliche Liebesgeschichte seiner Großmutter mit Olof Lagercrantz im Jahr 1932 gewesen zu sein.

    Gekonnt verschränkt Schulman drei Erzählebenen – eine, die die Geschehnisse 1932 nachvollzieht und die Liebesgeschichte zwischen Karin und Olof erzählt. Dann die Zeitebene 1988, in der er als Kind die Ehe seiner Großeltern miterlebt, und die Gegenwart, in der er durch die Gegend fährt, Gespräche führt und immer obsessiver recherchiert. Seine Recherche wird zu seiner persönlichen Heldenreise, mit der er nicht nur die eigene Erlösung verfolgt, sondern auch die Tragik des großmütterlichen Lebens würdigt.

    Erleichtert wird Schulmans Recherche dadurch, dass sowohl Stolpe als auch Lagercrantz öffentliche Personen sind, zu denen es umfangreiches Material gibt. Was er, auch mit der großzügigen Hilfe der Familie Lagercrantz, zutage fördert, ist erschütternd und dramatisch. Es ist „das Land, das nicht ist“.

    Der Roman entwickelt einen starken Lesesog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Das Schicksal seiner Großmutter ist aus unserer heutigen Sicht so über die Maßen ungerecht und mutet gleichzeitig so unausweichlich wie vermeidbar an, dass die Lektüre stellenweise unerträglich scheint. Zugleich gelingt es Schulman, die Liebe zwischen Lagercrantz und seiner Großmutter so zart und einfühlsam darzustellen, dass man zutiefst angerührt ist. Zur Hilfe kommen ihm dabei die originalen Brieftexte der beiden Liebenden, die den Bezug zum Buchtitel herstellen.

    Dies ist eine Geschichte über zwei nationale Zelebritäten, Stolpe und Lagercrantz, aber sie ist weit mehr als nur Kolportage. Schulman macht ein Stück delikatester Familiengeschichte öffentlich, doch er führt niemanden vor; sein Erzähler ist um seiner Familie willen bemüht, Ereignisse und Personen zu verstehen, deren Gift bis in die Gegenwart wirkt. Es ist Schulmans schriftstellerisches Können, seine dichte, schnörkellose Sprache, die ohne Pathos und Sentiment zu bewegen weiß; es ist die bedachte Konstruktion, die eine Literatur daraus macht, die über die persönlichen Bezüge hinausweist. Sein Roman schärft das Bewusstsein für toxische Prozesse in einer Familie und dafür, wie wichtig es ist, sie aufzulösen und nicht an die junge Generation zu vererben. Würden wir alle danach streben, wäre unsere Welt gleich ein ganzes Stück besser.

    Von meiner Seite eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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  1. 4
    28. Sep 2022 

    Land, das nicht ist

    Warum wirkt es so als müssten seine Kinder in seiner Gegenwart auf Zehenspitzen gehen? Alex liebt seine Kinder und er will ein guter Vater sein, aber manchmal hat er so eine Wut. Alex beschließt, er muss der Wut auf den Grund gehen. Er findet einen Ansatz, indem er bei einer Art Familienaufstellung feststellt, dass seine mütterliche Familie von negativen Gefühlen bestimmt wird. Seine Großeltern waren intelligente, literarische Menschen. Wieso also dieser Hass? In seiner Kindheit hat Alex seine Großeltern eigentlich gerne besucht, doch wenn er sich jetzt erinnert, hat der Großvater seine Frau immer schlecht behandelt.

    In zweiten Buch des Autors, das in Deutschland veröffentlicht wurde, werden biografische Ereignisse aus dem Leben des Autors verarbeitet. Dennoch ist das Buch als Roman erschienen. Der Enkel Alex forscht nach den Wurzeln seiner Wut und er findet die Geschichte seiner Großeltern. Frisch verliebt waren sie Anfang der 1930er glücklich, doch bald schon wurde der Großvater immer bestimmender und die Großmutter nachgiebiger. Hatte Karin sich die Ehe so vorgestellt? Als die dem etwas jüngeren Olof kennenlernt ist es für beide wie eine Offenbarung. Sie ist seine Traumfrau und er gibt ihr die Leichtigkeit zurück.

    Welch ein aufwühlender Roman. Wieder und wieder kann man es während des Lesens kaum glauben, wie ein einzelner offensichtlich gesellschaftlich angesehener Mensch eine Familie mit so großer Härte und Konsequenz zerstören kann. In den Momenten, in denen sich Alex auf die Suche begibt, ist das Buch spannend wie ein Krimi. Und doch ist es hauptsächlich eine Geschichte von Liebe und Hass, von Verzicht, aber auch von allzu kurzen glücklichen Momenten. In eine Person wie den Großvater kann man sich kaum hineinversetzen, doch auch versteht man nicht so recht, wieso die Frau bleibt. Und doch hofft man mit dem Erzähler, dass er die Geschichte seiner Großeltern entschlüsseln kann und vielleicht eine Chance hat, seine Wut zu überwinden. Wut gibt es zu viel in dieser Welt, vielleicht sollte die Menschen viel häufiger versuchen, die Wut zu überwinden.

    Ein Roman, der aufrüttelnd und mitreißend erzählt ist.

    4,5 Sterne

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  1. Toxische Beziehung oder wie?

    Von Alex Schulman habe ich bereits viel Positives gehört und daher wollte ich nun endlich mal etwas von ihm lesen.

    Im Buch wird die Geschichte seiner Großeltern erzählt und das auf teils verstörende Weise, denn die Liebe war schnell vorbei und was folgte waren: Erniedrigung, Gewalt, Gehorsam und vieles mehr.

    Vor allem durch die schnörkellose Sprache des Autors kickt das Gelesene noch mehr rein. Man kann sich die physischen und psychischen Misshandlungen sehr gut vorstellen.

    Das was mich am meisten fasziniert hat war, dass sich die Erfahrungen von damals auf die nächsten Generationen übertragen haben. Ich habe mich oft gefragt warum mich manche Verhaltensweisen von Menschen so enorm triggern, obwohl ich nicht so viele Negativerfahrungen gemacht habe und dann kommt immer mal wieder raus, dass aber meine Eltern oder Großeltern so was erlebt haben und siehe da: der Autor hat scheinbar Recht.

    Am meisten berührt haben mich die Liebesbekundungen in Form von Briefen. Das ging mitten ins Herz.

    Fazit: Bedrückend, berührend, emotional und einfach heftig. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

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  1. Liebe und Hass sind nah bei einander...

    Schulman konnte mich bereits im letzten Jahr enorm begeistern mit "Die Überlebenden" und so war ich gespannt auf die Geschichte seiner Großeltern.

    Im Buch geht es um Karin und Sven Stolpe, bei denen es jung verheiratet bereits 1932 kriselt. Als dann plötzlich Olof in Karins Leben tritt, gerät dieses aus den Fugen. Darf sie den berühmten Schriftsteller verlassen und ihr wahres Glück finden?

    Bei diesem Roman hat mir vor allem der Mix aus Handlung, die in den Zeiten springt und den Briefen der Liebenden enorm gut gefallen. So kam jede Menge Abwechslung auf und ich fühlte mich konstant gefesselt und unterhalten.

    Mit Karin als Figur habe ich so enorm mitfühlen können, war ich selbst vor einigen Jahren in einer vergifteten Partnerschaft und ein Lösen daraus nur durch viel Glück möglich. Ihre Angst und ihren gleichzeitigen Gehorsam habe ich beim Lesen wieder gespürt und an Vergangenes gedacht, so dass sich die Handlung für mich nicht immer einfach las, da sie alte, verschüttete Erinnerungen wieder hervor holte.

    Sven ist ein Narzisst wie er im Buche steht. Es ist erstaunlich wie er seine Umgebung im Griff hat und gleichzeitig alles um sich herum vergiftet. Bevor er nicht das bekommt was ihm zusteht, bekommt eben dann lieber niemand etwas. Wenn er unglücklich ist, dann sollen es andere auch sein.

    Schulman beschreibt auf nüchterne Weise. Sein Schreibstil kommt ohne sprachliche Bilder oder ausgedehnte Schilderungen aus. Und trotz der vermeintlichen Einfachheit liest sich der Roman enorm intensiv.

    Liebe lässt sich oft schwer greifen und erfüllt sich nicht immer. Dies vermittelt das Buch sehr anschaulich ohne dabei zu depressiv zu sein.

    Fazit: Emotionale Lektüre, die ich so schnell nicht vergessen werde. Von mir gibt es daher eine klare Leseempfehlung. Klasse!

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  1. Famiengeheimnisse

    Alex Schulman beschreibt seine unglückliche Ehe bei dem er derjenige ist der die Ehe und die Beziehung zu seinen Kindern zerstört, da er immer wieder wegen Kleinigkeiten aus der Haut fährt. Diese Ausraster werden immer massiver. Seine Frau sagte zu ihm wenn das so weiter geht wird sie ihn verlassen.

    Alex Schulman denkt über sich und sein Verhalten nach und ihm fällt auf, dass diese Wut, die er in sich spürt eine familiäre Tradition hat. Er recherchiert, anscheinend war sein Großvater ein bekannter Mann, in verschiedenen Archiven, dann besitzt er noch Bücher vom Großvater und es stellt sich heraus, dass seine Großmutter eine heimliche Liebe zu einem anderen Mann hatte.

    In diesem Buch sind immer wieder Rückblenden enthalten, wo Schulman seine Großeltern beschreibt als er noch ein Kind war. Dann wird die Geschichte auch aus der Sicht der Großmutter beschrieben.

    Was mich an diesem Buch sehr begeistert hatte war die Sprache, die Perspektivwechsel und wie der Autor mit Szenenwechsel Spannung erzeigt. Der Autor kann auch die subtilen psxchischen Gemeinheiten und Übergriffigkeiten des Großvaters sehr gut in Worte fassen.

    Das Buch entwickelt einen richtigen Lesesog und es hat mich sehr berührt! Für mich war das ein Lesehighlight!

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