Vater unser

Buchseite und Rezensionen zu 'Vater unser' von Angela Lehner
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Sie weiß alles, sie kriegt alles, sie durchschaut jeden. Nur sich selbst durchschaut sie nicht: Eine Geistesgestörte, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch und zutiefst manipulativ.
Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. In ihrem fulminanten Debüt lässt Angela Lehner eine Geistesgestörte auftreten, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch, besserwisserisch und zutiefst manipulativ.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:284
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446262591

Rezensionen zu "Vater unser"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Sep 2019 

    So grandios erstickt das Lachen.

    Sie sitzt in der psychiatrischen Abteilung, weil sie eine ganze Kindergartenklasse erschossen hat. Behauptet sie. Weiß nur keiner was von. Sie ist traumatisiert, weil sie vom Vater vergewaltigt wurde. Oder auch nicht. Ihre Mutter ist tot, wie tragisch. Nur steht sie dann da und will ihre Tochter besuchen.

    Glauben, das merkt man schnell, sollte man Eva gar nichts; gewiss ist nur, das es mit ihr keine Gewissheit geben kann. Sie lügt, sie täuscht, sie blendet, sie manipuliert, mit dreister Mühelosigkeit und einem Hauch der Verzweiflung. Sie ist witzig, geradezu zum Schreien komisch, aber dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken – immer wieder.

    Warum sie so ist, wie sie ist, stellt sich als schwierige Frage heraus, deren Bedeutung sich immer weiter verästelt: Ist sie wahnsinnig oder tut sie nur so? Ist sie schwer traumatisiert oder einfach ein narzisstisches Miststück?

    Um von ihren eigenen Wunden abzulenken, kratzt sie den Schorf von den Wunden anderer Menschen, reibt Salz hinein und wartet auf das Blendwerk des Zorns. So entzieht sie sich der Analyse, kann es hinter all ihrem Bravado jedoch nicht gänzlich verbergen: das Leiden, das ihr stumm und stetig aus allen Poren blutet.

    Aber eigentlich geht es ihr ohnehin um etwas ganz anderes:
    Sie hat einen abstrusen, wahnwitzigen, folgerichtigen Plan, in den sie ihren magersüchtigen Bruder gegen dessen Willen mit hineinzieht. Um diesen zu retten und sich selbst damit zu verdammen, soll der Vater sterben, der sie beide verraten hat. Endlich, endlich.

    Neben Eva spielen vor allem ihre Mutter, ihr Bruder Bernhard und Chefpsychiater Dr. Korb wichtige Rollen. Die familiären Beziehungen sind geprägt von vielen Jahren gegenseitiger Verletzungen und empfundenen Verrats. Während Eva darauf mit ungezügelter Aggression reagiert und ihre Mutter mit einem selbstherrlichen Märtyrersyndrom, versucht Bernhard, sich heimlich, still und leise zu Tode zu hungern.

    Derweil erreichen Krug und Eva schon bald einen kuriosen Rapport, indem sie sich in freundschaftlicher Verbundenheit Beleidigungen um die Ohren hauen, die es in sich haben. Man spürt: das ist genau das, was beide brauchen – Patientin und Psychiater bieten sich ein dringend benötigtes Ventil für ihre Frustrationen, im unausgesprochenen gegenseitigen Einverständnis, die Schmähungen nicht für bare Münze zu nehmen. Und doch ist es für beide auch bitterer Ernst.

    Zitat:
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    »Ach, Frau Gruber«, sagt Korb und seufzt, »so klug sind Sie. Was hätte aus Ihnen bloß alles werden können, wenn sie nicht so verrückt wären.«
    Ich nicke. »Ja«, sag ich, »wenn ich einfach nur ein bisschen blöder wär, hätt ich zum Beispiel Psychiater werden können.«
    Wir lächeln uns an.

    »Jetzt muss ich Sie langsam einmal anzeigen, Korb«, sag ich. (…) »Sie sind sowas von unprofessionell. Welcher Psychiater nennt denn den eigenen Patienten verrückt?« (…)
    »Es tut mir leid, Frau Gruber«, sagt er, »man hat mir eh schon öfter kündigen wollen, aber bei Ihnen waren sich alle einig: Für die Gruber reicht’s grad noch.«
    Um mein Grinsen zu vertuschen, dreh ich mich wieder zum Fenster.
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    Die Autorin schreibt Charaktere, die gleichzeitig überlebensgroß und direkt aus dem Leben gegriffen scheinen – das ist ganz nahe dran am Klischee, vermeidet dies jedoch mit einer überraschenden emotionalen Tiefe, die nie rührselig wirkt.

    So etwas Rotzfreches, Witziges, Bitterböses und Tragisches liest man selten, nicht in dieser Kombination und geballten Konzentration. Das Buch macht enorm viel Spaß – wenn auch mit bitterem Beigeschmack! –, ist so grandios wie kurios, und doch verliert man die ernsthaften Aspekte nie aus dem Blick. Was Normalität ist und was Wahn, bleibt immer wieder offen, und auch, ob man Eva bemitleiden, lieben oder verachten sollte. Aber das tut der Spannung keinen Abbruch, und ich zumindest habe das Buch in kürzester Zeit verschlungen.

    Außerdem gibt es unerwartete Wendungen, die es an Überraschung und sogar Schockfaktor wirklich in sich haben und im Rückblick dennoch unvermeidlich sind: die Puzzleteilchen, deren Fehlens man sich gar nicht bewusst war, bis sie mit einem leisen Klicken ins Gesamtbild einrasten.

    Der Schreibstil, um es salopp zu sagen, ist einfach der Hammer. Und hier ist dieser Ausdruck so passend wie selten, denn die Autorin benutzt eine ausdrucksstarke, freche, intensive und kompromisslose Sprache, um dem Leser die Handlung quasi vor die Stirn zu knallen. Hab Spaß, aber schäm dich auch dafür. Lache, aber winde dich auch vor Unbehagen.

    „Man holt sich beim Lesen blaue Flecken“, sagt Spiegel Online, und das trifft es perfekt.

    FAZIT

    Eva wurde gerade in der Psychiatrie abgeliefert. Von der Polizei, in Handschellen. Weswegen? Sie behauptet, sie habe eine ganze Kindergartenklasse erschossen. Deswegen. Aber das ist nur eine von unzähligen Lügen, hinter denen sie sich versteckt – wobei man nie so genau weiß, was nicht vielleicht doch die Wahrheit ist.

    Fest steht: ihr Bruder sitzt ebenfalls in dieser Anstalt. Fest steht auch: sie ist besessen von der Idee, gemeinsam mit ihm auszubrechen und zusammen den Vater zu ermorden. Oder doch nicht? Während sie an ihrem Plan schmiedet, freundet Eva sich mit Chefpsychiater Korb an, indem sie krasse Unverschämtheiten mit ihm austauscht.

    Das Buch ist unglaublich witzig und unglaublich tragisch, oft beides gleichzeitig, so dass man sich am Lachen verschluckt. Für mich ist dieser Debütroman ein ganz heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Sep 2019 

    Genie und Wahnsinn

    Als „das Augenkrebsbuch“ kursiert der Roman von Angela Lehner “Vater unser“ in meinem Leseforum wharchareadin, und allein das Cover ist ein Schlag ins Gesicht - knallpink und rot, und auch schon der Titel gibt Anlass zu fragen, ob der echte Vater oder Gott gemeint ist. Dazu trägt bei, dass das Buch in drei Akte geteilt ist: Der Vater. Der Sohn. Der heilige Geist.
    Knallig, rotzig und kraftvoll ist die erzählte Geschichte, bei der es um eine junge geistesgestörte Patientin im altehrwürdigen Spital „Otto Wagner“ geht.

    Eva Gruber wird von der Polizei im Spital abgeliefert, weil sie eine Kindergartengruppe umgebracht haben soll. Sie trifft dort ihren Bruder Bernhard, ebenfalls Patient, den sie retten will.
    Erzählt wird im Roman ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive, über den Aufenthalt in der psychiatrischen Heilanstalt mit Rückblicken auf die Kindheits- und Familiengeschichte. Immer wieder taucht ihr Vater in den Erinnerungen auf, und auf ihn ist Eva nicht gut zu sprechen, beschließt sogar, ihn zu töten zu Bernhards Rettung.
    Eva, die unzuverlässige Erzählerin, berichtet in Sitzungen ihrem Psychiater Dr. Korb aus ihrem Leben, im Ton der Straße, völlig respektlos und raubeinig. Es wird sehr schnell klar, dass sie eine völlig verdrehte Beziehung zur Realität hat, die Irrwege ihrer Familie durch die Augen einer Geistesgestörten sieht.

    Beim Lesen der Gespräche zwischen Eva und Korb, wie sie ihn nennt, fragt man sich zeitweise, wer von beiden der Gestörte ist, muss auflachen über den Schlagabtausch und kurz danach bleibt das Lachen im Hals stecken. Verrückt sind die da draußen, die sich scheinbar ohne Mühe einfügen und mitspielen ist der Ton hinter den Gesprächen zwischen Psychiater und Patientin.
    Die Gesunden machen die Regeln und stecken das enge Feld der Normalität ab, wie der Pfleger, der Eva das Werfen der Bettdecke verbietet, oder der Lehrer, der sie schlug, weil sie vor lauter Angst glaubte, das Vater Unser nicht aufsagen zu können.

    Schnörkellos und mit einer gut überschaubaren Menge an Personal erzählt die Autorin Evas Geschichte, die sich auch immer wieder auf die Schuld der Familie bezieht, von der Eva allerdings glaubt sie nicht zu brauchen, weder zum Leben noch zum Töten.
    Trotzig und energiegeladen spielt Eva ein Katz und Maus - Spiel mit den Ärzten und Patienten im Spital, manipuliert und lügt, hält mit aller Kraft gegen Tristesse und eingefahrenen Gleise. Voller Ironie beschreibt die Autorin Themen der Psychotherapie und das Milieu der Kindheit in Kärnten mit dem ländlichen Katholizismus und dem ungläubigen Vater mit Heiligenschrein von Jörg Haider im heimischen Arbeitszimmer.

    Parodistisch und ironisch ergibt das ein äußerst unterhaltsames Debüt mit einigen Überraschungen, Klischees werden gekonnt umschifft, Fettnäpfchen gesucht und genüsslich darin herumgetrampelt, während völlig nebenbei Krankenhauspathos demontiert wird.
    Mir hat‘s gefallen, sehr sogar.