Unterleuten

Buchseite und Rezensionen zu 'Unterleuten' von Juli Zeh
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh


Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …


Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?


Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:640
EAN:9783630874876

Rezensionen zu "Unterleuten"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Feb 2017 

    Die Hölle, das sind die Anderen (Sartre)

    Wenn in Unterleuten, einem kleinen Dorf in Brandenburg, überwiegend Kopien der eigenen Person leben würden, dann, ja dann wäre das Leben dort vermutlich sehr idyllisch und harmonisch. So aber treffen Menschen aufeinander, von denen sich jede/r im Besitz der alleinglückseligmachenden Wahrheit meint, während der Rest nur Stuß verzapft. Darüberhinaus pflegen praktisch Alle ihre Vermutungen und Erwartungen über die Anderen, die im seltensten Fall positiv sind. Jede/r traut jeder/m das Schlechteste zu und fast wie eine Art selbsterfüllender Prophezeiung geschehen Dinge, die die eigene Meinung noch bestätigen. Statt miteinander wird mehr übereinander geredet und so verbreiten sich Mutmaßungen und Argwohn in Windesweile im Dorf. Stadtbewohner (junge Frau, alter Mann) gegen grobschlächtigen Einheimischen - die Frau nennt diesen nur 'das Tier'. Naturschützer gegen Unternehmen - man schreibt Briefe. Kommunist gegen Kapitalist - eine Feindschaft, die keinerlei sachliche Grundlage hat. Ehemann gegen Ehefrau in unterschiedlichen Konstellationen - Erwartungen und Vermutungen werden nicht ausgesprochen, stattdessen schweigt man bis zum bitteren Ende. Als dann im Dorf ein Streit über die Errichtung eines Windparks beginnt, werden diese Beziehungsgeflechte auf's Äußerste strapaziert, wobei die alten Konflikte mit einer ungeheuren Heftigkeit wieder aufbrechen und die NeubürgerInnen direkt miteinbeziehen.
    Obwohl das Buch mehr als 600 Seiten hat, lässt es sich weglesen wie ein Unterhaltungsroman. Die Figuren, die erst recht klischeehaft daherkommen, entwickeln sich ziemlich schnell zu eigenständigen Persönlichkeiten, sodass von der ursprünglichen Schablonenhaftigkeit nicht mehr viel bleibt. Gombrowski beispielsweise, der massige, ungeschlachte und auch brutale Wendegewinner hat eine überaus sensible Seite, von der aber nur die Wenigsten wissen - was ihn dennoch nicht von seinem Verhalten Anderen gegenüber freispricht. Schaller, sein ehemaliger Angestellter und Handlanger ist ähnlich ungeschlacht, wenn auch nicht so schlau wie dieser. Sein Schicksal ist derart unvorstellbar, dass ich mehr Mitgefühl als alles andere für ihn empfand. Und so ist es bei fast allen Figuren in diesem Roman, so eindimensional zu Beginn sie auch daherkommen mögen: Jeder/r von ihnen hat eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Von Juli Zeh habe ich kürzlich in einem Interview gelesen, dass Jonathan Franzen einer ihrer Lieblingsschriftsteller ist. "Mit seinem Roman 'Freiheit' kam ich mir wieder vor wie als Kind, als ich mit der Taschenlampe unter der Decke Seite um Seite verschlungen und alles andere vergessen habe. Es gibt nicht viele, die es beherrschen, so realistisch zu erzählen, ohne dass es dröge wird. Franzen schafft es, die Welt in der wir leben, anschaulich zu machen." Liebe Juli Zeh, Sie schaffen das auch! Danke dafür!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Okt 2016 

    Dorffunk...

    Unterleuten - ein kleines Dorf in Brandenburg, unweit der Hauptstadt, verströmt das träumerische Flair ländlicher Idylle. Hier scheint die Welt noch in Ordnung, weshalb sich zu den alteingesessenen Bewohnern, die schon die DDR-Zeiten überstanden haben, auch Neuzugezogene gesellt haben, die dem Rummel der Großstadt entfliehen wollen. Ausgedehnte Flächen von Feldern und Wiesen sowie große Flecken Kiefernwälder haben auch den Naturschutz auf den Plan gerufen, denn die selten gewordenen Kampfläufer, 'fleckige Vögel von Größe und Statur einer Mülltüte', haben dort eine Heimstatt gefunden, was es zu erhalten gilt.

    Dass das Gleichgewicht im Dorf ein empfindliches ist, stellt sich rasch heraus, als eine Investmentfirma dort einen Windpark errichten will. Alte Konflikte brechen auf, neue gesellen sich hinzu, vom Widerstand gegen die Windräder bis hin zu heimlicher Vorteilnahme fiinden sich hier alle Motive. Und unmerklich wandelt sich die dörfliche Idylle in eine Hölle...

    "Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat."

    Da es hier um die Darstellung der Dynamik in der Dorfgemeinschaft Unterleutens geht, hat sich Juli Zeh nicht mit einem einzelnen Hauptcharakter begnügt. Derer gibt es hier viele, und jeder von ihnen wird im ersten Drittel des Buches ausgiebig vorgestellt, so dass sich der Leser tatsächlich ein Bild der verschiedenen Personen machen kann. Die Haltung der Dorfbewohner untereinander im Allgemeinen und der einzelnen Personen im Besonderen wird so plausibel und nachvollziehbar, und bei jedem Perspektivwechsel kann man das Empfindes des einzelnen nachvollziehen, mit seiner persönlichen Sichtweise im Recht zu sein. Juli Zeh selbst vergleicht dies mit einem Kaleidoskop: mit jedem Dreh ergibt sich ein ganz anderes Bild.

    Dass die unterschiedlichen Sichtweisen und das Verhältnis der einzelnen Bewohner zueinander zwangsläufig zu Konflikten führen müssen, versteht man als Leser nach der eingehenden und detaillierten Einführung der Personen - zumal hier wenig miteinander geredet wird, sondern vielmehr übereinander. 'Dorffunk' nennt Juli Zeh dieses Phänomen, und sie gibt dem Funktionieren der Gerüchteküche hier einen großen Raum. Gerüchte, Legenden, Verleumdungen bilden regelrecht die Grundlage für den neuesten Konflikt und beeinflussen die Handlungen und Entscheidungen der Menschen - und so viel sei hier vorweggenommen: danach ist nichts mehr, wie es vorher war.

    "Wir wollen alle das Beste für Unterleuten. Jeder auf seine Weise."

    Auf 640 Seiten lässt sich Juli Zeh viel Zeit beim Erzählen. Gerade im zweiten Drittel des Buches hatte ich tatsächlich das Gefühl, eine Straffung hätte der Erzählung gut getan. Die erzählten Episoden zogen sich für mein Empfinden teilweise arg in die Länge, die Dynamik zog noch nicht an, und so hatte ich in dieser Phase nach jeweils einigen Seiten bereits das Gefühl, das Buch erst einmal wieder zur Seite legen zu wollen. Dabei erweist sich die Autorin als eine genaue Beobachterin, und sie seziert nachgerade minutiös die Motive der einzelnen Personen heraus: altes und neues Unrecht, Untreue, Eifersucht, verpasstes Glück - oder aber Träume vom zukünftigen Glück. Das letzte Drittel von 'Unterleuten' gestaltete sich dann glücklicherweise zunehmend spannend, da sich die Geschehnisse hier zuspitzen. Einige Überraschungen ergeben noch einmal erstaunliche Wendungen, und am Ende erwartet den Leser noch ein Knalleffekt. Dieser hat mir persönlich ein besonderes Vergnügen bereitet.

    Ein eher distanzierter, fast analytischer Schreibstil, der dennoch flüssig zu lesen ist, charakterisiert für mich hier die Erzählweise Juli Zehs. Obschon die Charaktere dem Leser nahezu plakativ vor Augen geführt werden, hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, hier Sympathien oder Antipathien vergeben zu müssen oder zu wollen. Dazu trug die eher distanzierte Betrachtungsweise der Autorin sicherlich bei.

    "Die Unterleutner lösen Probleme auf ihre Weise. Sie lösen sie unter sich."

    Ein letztlich faszinierender Roman über ein zutiefst menschliches Phänomen: niemand will etwas Böses, und trotzdem geschieht es. Und daher trotz der empfundenen Langatmigkeit in einigen Passagen durchaus lesenswert und unterhaltsam...

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Mai 2016 

    Menschliches und Zwischenmenschliches

    Ein kleines fast vergessenes Örtchen in der Nähe von Berlin ist Unterleuten. Mit seiner relativen Nähe zur Stadt und der gleichzeitigen landschaftlichen Idylle und preisgünstigem Wohnraum bietet das Dörfchen etwas für am Zuzug Interessierte. Genau dieses Angebot haben einige Neu-Unterleutener genutzt. Und sie tun einiges dafür, sich in die Dorfgemeinschaft einzufügen. Dass einigen Plänen Steine in den Weg gelegt werden, erscheint ihnen nicht ganz verständlich. Warum brennt der Nachbar alte Reifen ab? Er müsste doch wissen, dass das der kleinen Tochter von Gerhard Fließ nicht guttun kann. Und wieso hat das Haus von Linda Franzen einen so schlechten Ruf. Allerdings sind auch die Alt-Unterleutener sich gegenseitig nicht grün. Zwischen Gombrowski und Kron herrscht eine ewige Fehde.

    Was vorher lediglich unterschwellig spürbar war, bricht ans Tageslicht als eine Investmentgesellschaft plant in Unterleuten einen Windpark zu errichten. Nun beginnt der Kampf Befürworter gegen Gegner der Anlage und gleichzeitig versuchen findige Dorfbewohner das Meiste aus ihrem Grundbesitz herauszuschlagen.

    Ruhig erzählt Juli Zeh die Lebensgeschichte jedes Einzelnen der Dorfbewohner. Da wird das Tier beinahe sympathisch, während der Umweltschützer zum Monster mutiert. Dazwischen reiben sich die weiteren Dorfbewohner. Jeder hat einen guten Grund, mit dem er sein Handeln rechtfertigt. Die vielbeschworene Gemeinschaft, von der nach der Wende über das Dasein im Osten geschwärmt wurde, scheint schon lange zerbrochen. Kleinkriege werden mit großer Gründlichkeit geführt. Jeder ist sich selbst der Nächste, sogar wenn er meint, er setze sich für andere ein. Wenn man gerade meint, eine Person verstanden zu haben, begeht diese eine Tat, durch die man vor den Kopf gestoßen wird. Die Sympathiepunkte sind verspielt. Am Ende fragt man sich, für wen das Ganze zu einem guten Schluss geführt haben könnte. So richtig will sich keine Antwort bilden, obwohl die meisten der Beteiligten der Situation mit größeren oder kleineren Blessuren entronnen sind.

    Ausgesprochen gut vorgetragen wird die Misere von Helene Grass, die unaufgeregt so manche Seite zum klingen bringt. Wenn Lektüre sei sie gelesen oder vorgelesen Emotionen, Gedanken und Nachdenken auslöst, kann sie nur gut sein. Die fein geschliffenen Worte der Autorin entfalten ihre Wirkung langsam und nachhaltig. Die Strömungen des Dörflichen sind vielleicht etwas überspitzt, wer allerdings selbst vom Lande kommt, wird einiges wieder erkennen. Ob man die ländliche Idylle der Anonymität der Stadt vorzieht, bleibt jedem selbst überlassen. Einem kleinen Teil der Gesellschaft hält Juli Zeh jedenfalls einen äußerst lesenswerten Spiegel vor.