Unter den Menschen

Buchseite und Rezensionen zu 'Unter den Menschen' von Mathijs Deen
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4 von 5 (2 Bewertungen)

Seit dem Unfalltod seiner Eltern wohnt Jan allein auf dem Hof am Rande der Nordsee, das Leben geht seinen Gang, aber die Einsamkeit nagt an ihm. Ein bisschen Gesellschaft wäre schön, eine Frau, Gespräche, Sex, vielleicht sogar eine eigene Familie? Jan gibt eine Anzeige auf und erhält Antwort von Wil. Wil jedoch, so stellt sich heraus, verfolgt einen ganz eigenen Plan - sie sucht keine Liebe, sondern Ruhe vom Stadtleben und von den Enttäuschungen der Vergangenheit. Ihre einzige Bedingung lautet: Von dem Haus, in dem sie künftig leben wird, muss sie das Meer sehen können.

Literarisch, atmosphärisch und mit einem feinen Gespür für das Skurrile beschreibt Mathijs Deen den Prozess einer ungewöhnlichen Paarwerdung. Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen zusammenzufinden. Kann das gut gehen?

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
Verlag: mareverlag
EAN:9783866482807

Rezensionen zu "Unter den Menschen"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Jul 2019 

    Gemeinsam einsam

    "Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha."

    Der Bauernsohn, der hier eine Frau sucht, ist kein Exemplar der populären TV-Verkupplungsserie, auch wenn der Verdacht nahe liegt. Unser Bauer ist Jan. Sein Hof befindet sich an Hollands Nordseeküste, einsam gelegen, direkt hinter dem Deich. Manche bezeichnen diesen Ort als Idylle, für andere ist dies ein Ort, wo der Hund begraben liegt.
    Hier lebt Jan, ohne Hund und Katze und sonstigem Viehzeug. Aber dafür mit ganz viel Fläche, die es zu beackern gilt. Das ist sein Leben: Ackern. Seine sozialen Kontakte sind gleich Null. Es kann vorkommen, dass er wochenlang mit keinem Menschen redet. Er hat keine Verwandten mehr – seine Eltern sind vor einiger Zeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
    Zuviel Einsamkeit schlägt aufs Gemüt. Das erkennt auch Jan. Daher entschließt er sich, seinen desolaten Zustand mittels Kontaktanzeige zu verändern.

    "Er schaltet den Fernseher wieder aus, legt sich aufs Sofa und versucht sich zu erinnern, wann er zum letzten Mal mit jemandem gesprochen hat, und über was. Ihm fällt nur der Fahrer ein, der die Rüben abgeholt, hat, und das war im November, vor gut einem Monat."

    Doch er, der Eigenbrötler, der er mit den Jahren geworden ist, war zunächst nicht auf das vorbereitet, was da kommt: Wil, die auf seine Anzeige geantwortet hat, das Subjekt seiner Wahl, und die seinen Hof nun im Sturm okkupiert.

    Auch Wil hat ihr Päckchen zu tragen. Sie ist ein Mensch, der bis jetzt unter seiner Willenlosigkeit gelitten hat. Ihre Gutmütigkeit gegenüber anderen hat dazu beigetragen, dass sie immer für andere da war und sich nach deren Willen orientiert hat. Das hat ihr nicht gutgetan. Auf Anraten ihres Psychotherapeuten nimmt sie, die sich bis jetzt immer von anderen Menschen leiten ließ, ihr Leben nun selbst in die Hand. Der einzige Wille nach dem sie sich zukünftig richten wird, ist ihr eigener. Ihr schwebt ein Neuanfang irgendwo am Meer, in der Einsamkeit, vor. Und da kommt Jan mit seiner Kontaktanzeige ins Spiel. Sie zieht überfallartig bei ihm ein, was ihn doch sehr überfordert, zumal er auch wenig dabei mitzureden hat. Denn er hat zwar den Wunsch nach einem Zusammenleben mit einer Frau, weiß jedoch nicht, wie das geht. Denn Zusammenleben bedeutet Veränderung. Und damit kann er nur sehr schwer umgehen. In sehr langsamen Schritten lernen Wil und Jan aufeinander zuzugehen. Leider wählen sie dabei nicht den direkten Weg. Denn ihr Zusammensein birgt einiges an Konfliktpotenzial, das sie sich immer wieder voneinander entfernen lässt.
    Der Roman behandelt also die Entwicklung der Beziehung von Jan und Wil, zweier Menschen, die nie gelernt haben, sich auf andere einzulassen. Die Handlung wird aus wechselnder Erzählperspektive erzählt, bestimmendes Thema ist dabei die Einsamkeit der Menschen. Jeder wirkt für sich isoliert. Gerade zu Beginn des Romans wird diese Isolation überdeutlich. Dazu trägt auch bei, dass außer den beiden so gut wie keine handelnden Figuren in dieser Geschichte stattfinden. Die Handlung wird von den beiden dominiert. Nur selten kommt es zu Interaktionen mit anderen Menschen, bspw. Dorfbewohnern, bei denen Wil aneckt. Oder Wils Mutter, die seit einem Schlaganfall geistig verwirrt ist und in der Vergangenheit lebt.

    "'... du musst dir klarmachen, dass ich hier bin, um nicht nur in mein, sondern auch in dein Leben Ordnung zu bringen, dass ich es satthabe, mir von anderen vorschreiben zu lassen, was ich zu tun habe, und deshalb will ich, dass wir jetzt und hier an diesem Frühstückstisch über uns und den Hof verhandeln....'"

    Das Zusammenleben von Wil und Jan ist ein ständiger Lernprozess, wobei Jan mit der Zeit den aktiveren Part bei der Annäherung zu Wil übernimmt. Es ist fast schon rührend, wie sehr er sich bemüht, das Zusammenleben mit Wil möglich zu machen. Die beiden scheinen mit der Zeit die Rollen zu tauschen. Wil, die anfangs den Hof im Sturm besetzt hat, verschließt sich mit der Zeit. Und Jan, der anfangs die Besatzungsphase von Wil fast stoisch erduldet hat, öffnet sich mit der Zeit. Denn er will, dass die Beziehung funktioniert. Eine wunderschöne Entwicklung, die der Autor seinen Protagonisten hier widerfahren lässt!
    Trotz aller Einsamkeit und Traurigkeit über die Schwierigkeiten seiner Protagonisten, sich zu einem gemeinsamen Leben zusammenzuraufen, gelingt es dem Autor, eine gehörige Portion Situationskomik in dieser Geschichte unterzubringen. Es gibt diese Momente, die man sich bildlich vorstellen kann und in denen Dinge passieren, die zum Brüllen komisch sind. Dafür habe ich dieses Buch geliebt. Denn diese Kombination aus Einsamkeit, Traurigkeit und Situationskomik ist sehr gelungen und macht das Buch zu einem Spaß mit ernstem Hintergrund. Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Feb 2019 

    Einsamkeit

    Schon die ersten Sätze dieses bemerkenswerten Romans führen den Leser in raue, abweisende Gegend: „Irgendwo weit im Norden steht am Seedeich ein Bauernhof, der wie ein wartendes Arbeitspferd sein Hinterteil dem Meer zuwendet.“ Dort lebt der Bauer Jan allein, seine Einsamkeit empfindet er besonders in den stillen Wintermonaten als bedrückend. Wochenlang spricht er mit keinem Menschen. Er sehnt sich nach Liebe und einer Familie. So gibt er eine Annonce auf: Bauernsohn sucht Frau, wohnt allein, 80 ha.

    Wil sucht keinen Mann, aber ein Haus am Meer wäre die Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Sie sitzt in der Anzeigenabteilung der kleinen Zeitung und Jans Inserat erweckt ihr Interesse. Sie lässt alle Zuschriften verschwinden, schreibt selbst einige Antworten unter verschiedenen Namen und rückt bei Jan an.

    Zwei Menschen treffen in diesem Roman aufeinander, die an ihren Problemen fast zu zerbrechen scheinen. Können sie einander gut tun oder gar eine Stütze sein? Mir schien, die düstere niederländische Polderlandschaft ist ein Spiegel dieser beiden Figuren. Der Autor versucht auch gar nicht beim Leser Empathie für seine Protagonisten zu erwecken. Er selbst steht ihnen ja distanziert gegenüber. Das wird durch die spröde und kühle Sprache deutlich. Trotzdem hat mich dieser Text fasziniert, vielleicht durch das langsame Eindringen in das komplizierte Innenleben seiner Figuren. Gefallen hat mir die intensive und dichte Sprache mit wunderschönen Bilder und Metaphern. Wenn zum Beispiel Wil im Frühjahr die zarten Triebe der gesetzten Kartoffeln durch den schweren Kleiboden sprießen sieht und sie nur mühsam den Drang unterdrückt, sie mit ihrem Absatz zurück in die Erde zu stampfen, ist das eine gelungene Entsprechung ihres Gemütszustandes.

    Der Mare Verlag hat in seinem Programm immer wieder ganz besondere Romane, jenseits des Mainstreams und immer der Entdeckung wert. Hier passt auch die sorgfältige Ausstattung. Der Schutzumschlag ist beidseitig bedruckt, so kann der Leser sein eigenes Titelbild wählen.

    Interessant auch, dass der Autor das Buch bereits 1997 zum ersten Mal veröffentlichte und es jetzt in einer bearbeiteten Neuauflage erscheint. Man merkt es diesem Buch an einigen Stellen auch an, nicht nur durch die Erwähnung von Gulden als Zahlungsmittel.