Unter den Linden 6: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Unter den Linden 6: Roman' von Ann-Sophie Kaiser
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Unter den Linden 6: Roman"

Berlin, 1907: Die junge Wissenschaftlerin Lise kommt nach ihrer Promotion an die Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden, um bei Max Planck zu forschen. Dass Frauen in Preußen offiziell noch nicht an Universitäten zugelassen sind, kann sie nicht aufhalten. Schon bald arbeitet sie neben Otto Hahn. Das Schicksal führt sie mit zwei Frauen zusammen: Hedwig musste die Unterschrift ihres Mannes fälschen, um die Uni besuchen zu können – denn ohne die Zustimmung des Ehemannes geht nichts. Anni arbeitet als Dienstmädchen beim berühmten Friedrich Althoff und liest sich heimlich durch dessen Bücherregal. Die drei unterschiedlichen Frauen werden zu engen Verbündeten, die gemeinsam um ihr Glück, die Liebe und das Recht auf Wissen und Bildung kämpfen. Denn die Widerstände in der männlichen dominierten Universitätswelt sind hoch. Die Figur Lise erinnert an Lise Meitner (1878–1968), eine der bekanntesten Physikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war die erste deutsche Physik-Professorin und entdeckte die Kernspaltung.

Format:Broschiert
Seiten:464
Verlag:
EAN:9783550200601

Rezensionen zu "Unter den Linden 6: Roman"

  1. Universitätsgeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Sep 2020 

    Lise ist 1907 auf den Weg nach Berlin, um dort ihr Physik Studium fortzusetzen. Im Zug lernt sie die junge Anni kennen, die auf dem Weg zu ihrer neuen Dienststelle ist. In Berlin angekommen lernen sie am Bahnhof durch einen Zufall Hedwig kennen, die dort gerade ihren Mann zur Bahn gebracht hat. Das Schicksal wird diese drei Frauen immer wieder zueinander führen und im Laufe der Zeit wächst eine enge Freundschaft zwischen den drei unterschiedlichen Frauen.

    Lise möchte sich nur der Physik widmen, muss aber schnell feststellen, dass Frauen in der Forschung in Preußen nicht wirklich erwünscht sind. Trotzdem schafft sie es bei Max Planck unterzukommen und dort Otto Hahn kennenzulernen, mit dem sie ein Leben lang eng zusammenarbeiten wird.

    Hedwig kommt aus gehobenen Verhältnissen, möchte sich aber nicht mit Ehe und Haushalt zufrieden geben. Der Kuraufenthalt ihres Mann gibt ihr die Gelegenheit sich heimlich und mit seiner gefälschten Unterschrift an der Universität als Gasthörerin einzuschreiben. Doch das reicht ihr nicht, so engagiert sie sich in der Frauenbewegung und kämpft dafür, dass Frauen regulär studieren können und auch einen Abschluss erwerben können.

    Anni hingegen ist ein einfaches Dienstmädchen, aber unglaublich wissbegierig. An ihrer neuen Dienststelle liest sie sich heimlich durch die Bibliothek ihres Dienstherrn. Mit viel Glück und Unterstützung schafft sie es ihrem Leben eine neue Ausrichtung zu geben.

    Das Buch zeigt recht deutlich die Situation der Frauen in Preußen in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg auf. Lise ist eine Figur, die es wirklich gegeben hat. Lise Meitner war lange Jahre in Berlin tätig und tatsächlich die erste Professorin Deutschlands. Die beiden anderen sind fiktive Figuren, wie es sie damals aber überall gegeben hat. Die Geschehnisse rund um die Frauenrechte an Universitäten basieren auf Tatsachen. Die drei Frauen sind sehr unterschiedlich, aber man kann gut mit allen dreien mitfühlen. Ich fand vor allem die Geschichte rund um Lise sehr spannend und werde mich wohl mal nach einer Biographie dieser interessanten Frau umsehen.

    Alles in allem hatte ich viel Spaß an diesem Buch, es war gut zu lesen und durch die Perspektivwechsel wollte man auch immer wissen, wie es denn weitergeht. Ich könnte mir auch gut vorstellen noch eine Fortsetzung zu lesen, das Leben der drei sollte da bestimmt noch genug Stoff hergeben.
    Von mir daher eine Leseempfehlung!

  1. Unterhaltsame und lehrreiche Zeitreise

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Aug 2020 

    Ann- Sophie Kaiser beschäftigt sich in ihrem ersten historischen Roman mit der Situation der ersten Studentinnen in Preußen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie erzählt dies anhand dreier Frauen, einer historischen Figur und zwei fiktiven Figuren.
    Die erste ist die Physikerin Lise Meitner, die als sog. „ höhere Tochter“ in Wien zur Schule ging und später Physik studierte und promovierte. Da sie sich schon früh besonders für das Gebiet der Radioaktivität interessiert, will sie an die Berliner Universität zu Max Planck. Dabei weiß sie nicht, dass in Preußen im Jahr 1907 Frauen immer noch der Zutritt zur Hochschule verweigert wird.
    Der Roman beginnt mit einer Zugfahrt Richtung Berlin. Im Abteil lernt Lise ein schüchternes, junges Mädchen kennen. Anni, ein Dienstmädchen vom Land, ist auf dem Weg zu ihrer neuen Dienststelle in Berlin.
    Am Anhalter Bahnhof machen die beiden die Bekanntschaft mit Hedwig, reiche Fabrikantentochter und unglücklich verheiratet. Sie bringt gerade ihren kränkelnden Ehemann zum Bahnsteig, wovon er zu einem längeren Kuraufenthalt abreist.Hedwig nutzt die Gelegenheit, um sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Mit der gefälschten Unterschrift ihres Mannes will sie als Gasthörerin für Geschichte und Deutsch angenommen werden.
    Der Leser begleitet nun die drei unterschiedlichen, aus verschiedenen Schichten stammenden Frauen auf ihrem Weg zu mehr Wissen und Bildung.
    Lise hat von Anbeginn mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Immerhin erhält sie die Möglichkeit, als unbezahlte Assistentin, gemeinsam mit dem Chemiker Otto Hahn, zu forschen. Mit ihm wird sie eine lebenslange Freundschaft verbinden. Aber Enttäuschungen bleiben nicht aus . Außerdem leidet Lise an der fehlenden Anerkennung ihrer Arbeit.
    Auch Hedwig sieht sich mit vielen Widerständen und Vorurteilen konfrontiert. Frauen, die studieren möchten, wurden belächelt und angefeindet. Doch Hedwig ist eine Kämpferin. Gemeinsam mit anderen Frauen setzt sie sich für mehr Rechte ein.
    Das Dienstmädchen Anni kann von einem Studium nur träumen. Obwohl sie nur kurz die Schule besucht hat, ist sie unglaublich wissbegierig. Heimlich liest sie sich durch die Bibliothek an ihrer Arbeitsstelle. Von ihren neuen Freundinnen ermutigt und unterstützt von ihrer Dienstherrin besucht sie eine weiterführende Schule und macht sogar das Abitur.
    Es gibt auch Männer, die ihr Augenmerk auf die jungen Frauen richten. Doch für die Liebe bleibt wenig Platz in deren Leben.
    Der Roman endet im Kriegsjahr 1915 und die drei Frauen werden vor neue Herausforderungen gestellt.
    Die Autorin erzählt ihre Geschichte chronologisch und abwechselnd aus den jeweiligen Perspektiven der drei Hauptfiguren. Sie schreibt anschaulich und lebendig, manchmal etwas langatmig. Sie hat intensiv recherchiert und verknüpft ihr Wissen gekonnt mit der Romanhandlung.
    Der Leser erhält einen detaillierten Einblick in das damalige Universitätsleben, begreift, vor welchen Schwierigkeiten die Studentinnen standen, erfährt nebenbei manches über Physik und viel über den langwierigen Kampf der Frauen um Emanzipation.
    Neben Lise Meitner tauchen noch andere historischen Figuren auf, wie die Wissenschaftler Otto Hahn, Max Planck, Albert Einstein, aber auch berühmte Frauenrechtlerinnen wie Hedwig Dohm, Helene Lange und Ottilie von Hansemann. Es lohnt sich noch das Nachwort der Autorin zu lesen. Hier wird der weitere Werdegang von Lise Meitner aufgeführt .
    „Unter den Linden 6“ ist ein unterhaltsamer und informativer Roman für Leser historischer Geschichten.

  1. Unterhaltsamer historischer Roman über drei starke Frauen und ih

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Aug 2020 

    MEINE MEINUNG
    Mit „Unter den Linden 6“ hat die deutsche Autorin Ann-Sophie Kaiser einen unterhaltsamen historischen Roman vorgelegt, in dem sie über drei starke Frauenfiguren von sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft in einer Zeit des Umbruchs erzählt, ihrem gemeinsamen Kampf um mehr Bildung und mehr Rechte in der Gesellschaft und und vielfältigen Schwierigkeiten als Frau den eigenen Weg zu gehen.
    Die mitreißende Handlung, die in der Zeit zwischen 1907 und 1915 spielt, ist in Berlin vor der Kulisse des bildungspolitischen Wandels in Preußen zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Durch den lebendigen und bildhaften Schreibstil der Autorin taucht man rasch in die Handlung und ins Berlin der damaligen Zeit ab, in der eigentliche Rolle der Frau dem ideologischen Bild der „guten deutschen Hausfrau“ entsprach, die viele Kinder bekommen und voll und ganz für ihren Mann da sein sollte. Auch blieben den Frauen in der Kaiserzeit das Wahlrecht und das Recht auf Bildung lange Zeit untersagt. Gekonnt lässt die Autorin viele sorgsam recherchierte, zeitgeschichtliche Details in die Handlung einfließen, wie beispielsweise die Preußische Mädchenschulreform von 1908 und die Errungenschaften der Frauenbewegung in Deutschland.

    Sehr anschaulich erzählt die Autorin in ihrer Geschichte über die ersten Studentinnen der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität, die sich ihre Zulassung an die Universitäten hart erkämpfen mussten und viele Demütigungen hinnehmen mussten. Geschickt hat die Autorin die Erlebnisse der historischen Persönlichkeit und berühmten Physikerin Lise Meitner (1878–1968) im Berlin Anfang des letzten Jahrhunderts mit ihren zwei fiktiven Frauenfiguren – der gebildeten Bürgerstochter Hedwig und dem einfachen Dienstmädchen Anni - zu einer abwechslungsreichen und unterhaltsamen Geschichte verwoben. Im Laufe der Handlung, die abwechselnd aus der Perspektiver der drei Frauen Lise, Hedwig und Anni erzählt wird, lernen wir drei sehr unterschiedliche Frauenschicksale und zugleich drei faszinierende Charaktere kennen - mit ihrem Forschergeist, ihrem Wissensdurst und ihrer Entschlossenheit die Welt zu entdecken für damalige Verhältnisse etwas Besonderes. Trotz ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellung erwachsen aus ihrer Zufallsbekanntschaft allmählich ein solidarischer Zusammenhalt und eine freundschaftliche Beziehung.

    In zahlreichen Episoden erzählt Ann-Sophie Kaiser einfühlsam und anschaulich von der permanenten Diskriminierung, Ausbeutung aber auch den unzähligen Beschränkungen der Frauen im Lebensalltag in einer von Männern dominierten Welt. Die Autorin hat ihre Charaktere sorgfältig und vielschichtig ausgearbeitet. Alle Figuren sind sehr lebendig mit ihren Stärken und Schwächen dargestellt und wirken authentisch, so dass man ihre Handlungen gut nachvollziehen kann und ihre Entwicklung mit Interesse und Anteilnahme verfolgt. Insbesondere die Darstellung der historischen Figur der promovierten Physikerin Lise Meitner, die als "deutsche Marie Curie" in die Geschichte einging, aber auch die informativen Erläuterungen ihrer Grundlagenforschung im Bereich der Kernphysik und Strahlenforschung sowie zu ihrer Arbeit an Seite ihres Forschungspartners Otto Hahn haben mir hervorragend gefallen. Die Einblicke in die vielen herabwürdigenden Benachteiligungen und Demütigungen, die die Ausnahmewissenschaftlerin trotz ihrer großen fachlichen Kompetenz erdulden musste, sind äußerst aufschlussreich und zudem größtenteils historisch verbürgt.

    Weniger gut haben mir einige Entwicklungen im zweiten Teil des Romans gefallen, der auf mich insgesamt weniger informativ und zeitweise etwas langatmig wirkte. Hier hätte ich mir den Fokus der Geschichte noch mehr auf den Aktivitäten und Einflüssen der deutschen Frauenbewegung gewünscht.

    Abschließend erläutert Ann-Sophie Kaiser in ihrem Nachwort „Drei starke Frauen zwischen Historie und Fiktion“ sehr ausführlich, was in ihrem Roman auf wahren Begebenheiten und Fakten beruht und was fiktionalen Ursprungs ist. Auch viele weitere interessante historische Hintergrundinformationen z.B. zum damaligen Kampf um Bildung und die Berliner Frauenbewegung. Zeigen deutlich, wie viel Rechercheleistung in dem Roman steckt. Zudem umreißt die Autorin die Biographie Lise Meitners und gibt einen kurzen Einblick in ihren weiteren Lebensweg, denn das wechselvolle Leben dieser herausragenden Physikerin des 20. Jahrhunderts zeigt exemplarisch die Benachteiligung von Frauen in Wissenschaft und Forschung auf – eine adäquate Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen zu Lebzeiten und die wohlverdiente höchste Würdigung für die Entdeckung der Kernspaltung blieben ihr verwehrt!

    FAZIT

    Ein interessanter historischer Roman über die junge Physikerin Lise Meitner in Berlin, die Geschichte der heutigen Humboldt-Universität und den Kampf der Frauen um ihr Recht auf Bildung und um mehr Gleichberechtigung - sehr informativ, abwechslungsreich und unterhaltsam geschrieben!