Unsere verschwundenen Herzen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Unsere verschwundenen Herzen: Roman' von Celeste Ng
3.65
3.7 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Unsere verschwundenen Herzen: Roman"

Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Seit einem Jahrzehnt wird ihr Leben von Gesetzen bestimmt, die nach Jahren der wirtschaftlichen Instabilität und Gewalt die »amerikanische Kultur« bewahren sollen. Vor allem asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, ihre Kinder zur Adoption freigegeben. Als Bird einen Brief von seiner Mutter erhält, macht er sich auf die Suche. Er muss verstehen, warum sie ihn verlassen hat. Seine Reise führt ihn zu den Geschichten seiner Kindheit, in Büchereien, die der Hort des Widerstands sind, und zu seiner Mutter. Die Hoffnung auf ein besseres Leben scheint möglich. Eine genauso spannende wie berührende Geschichte über die Liebe in einer von Angst zerfressenen Welt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
EAN:9783423290357

Rezensionen zu "Unsere verschwundenen Herzen: Roman"

  1. Ein Märchen?

    Autorin
    Celeste NG

    Inhalt
    Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard, Amerika. Sein Vater ist ein herausragender Wissenschaftler. Doch nachdem seine Frau untergetaucht ist, verrichtet er niedrige Dienste in der Bibliothek. Er bemüht sich in dem autokratischen Regime nicht aufzufallen und nicht mehr mit den Gedichten seiner Frau, einer Schriftstellerin, in Verbindung gebracht zu werden. Insbesondere seinem Sohn, vermittelt er eindringlich, seine Mutter zu vergessen. Seine Mutter Margaret Miu ist asiatischer Abstammung. Seit einer Wirtschaftskrise in Amerika gilt China als Staatsfeind Nummer 1. Ein Gesetz „PACT“ (Preserving American Culture und Tradition) soll für die Erhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen sorgen, weshalb alles Asiatische unterdrückt und bekämpft wird.

    „Seine Mutter war Dichterin gewesen.
    Eine berühmte, hatte Sadie hinzugefügt, und er hatte nur die Schultern gezuckt. Gab es so was überhaupt?
    Soll das sein Scherz sein?, sagte Sadie. Alle kennen Margaret Miu.
    Sie überlegte.
    Naja, sagte sie, jedenfalls kennt jeder ihr Gedicht.“ (S. 31)

    Das Gedicht seiner Mutter, mit dem Titel „Unsere verschwundenen Herzen“, ist zur Parole der Widerstandsbewegung geworden.

    Nach langer Zeit findet Bird einen verschlüsselten Brief von seiner Mutter. Die Verschlüsselung kann er mithilfe einer Bibliothekarin, die ebenfalls zum Widerstand gehört, lösen. Er macht sich auf die Suche nach ihr. Die Spur führt nach New York, wo seine Mutter im Untergrund gegen das Regime arbeitet.

    Sprache und Stil
    Der Roman „Unsere verschwundenen Herzen“ ordnet sich in eine Dystopie ein, die Amerika im Jetzt oder in einer nicht allzu fernen Zukunft zeichnet. Celeste Ng nimmt in ihrem Nachwort einen zeitlichen Bezug auf die Corona-Pandemie, in der die anti asiatische Diskriminierung stark geschürt wurde von dem damaligen Präsidenten Donald Trump, der nachfolgende Aussage tätigte:

    „Es ist das China-Virus, nicht das Coronavirus. Corona klingt nach einem Ort in Italien, einem schönen Ort.“

    Der Beginn des Romans löst zunächst ein Gefühl der Leere aus, so als befindet man sich in einem Vakuum. Doch dieses Vakuum ist gefüllt mit Menschen, die versuchen, unsichtbar zu bleiben und nicht aufzufallen. Bird wird von seinem Vater immer wieder ermahnt, nicht aufzufallen. Anfangs ist er irritiert von den Ängsten seines Vaters, doch im Verlauf der Handlung versteht er die Zurückhaltung, die nur seinem Schutz dient.
    Mehr und mehr breitet sich der Raum aus. Über alles steht PACT, das Gesetz! PACT wacht darüber, dass der Feind sich nicht ausbreiten kann. PACT ist eine personifizierte Einrichtung. PACT ist überall. PACT sorgt für Ruhe und Sicherheit.
    PACT füllt das Vakuum. So wie Menschen verschwinden, verschwinden Bücher. Bird sucht ein Buch und findet es mithilfe einer Bibliothekarin. Bücher werden nicht verbrannt, „sie werden zerdrückt und zu Toilettenpapier recycelt“. Die Bibliothekarin kennt das Gesetz, doch befolgt sie es wirklich? Ein leises Fluchen von ihr über PACT vernimmt Bird und sie nennt seine Namen. Woher kennt sie seinen Namen? Offensichtlich existiert ein Widerstand tief im Untergrund. Was hat der Widerstand mit Büchern zu tun?

    Der Roman besteht aus zwei Erzählsträngen.

    Das Gesetz PACT beherrscht das Land. Die autoritäre Regierung sieht die „gelbe Gefahr“ in China und macht sie verantwortlich für die schwere „Krise“.

    „In den Nachrichten wird China als unsere größte langfristige Bedrohung bezeichnet […]“ (S. 80)

    Ein gegen alles Asiatische gerichteter Rassismus macht sich breit und stellt mit einer Politik das amerikanische Wohl über alles. Das maßgebliche Gesetz stellt alles „antiamerikanische“ und Asiatische an den Pranger und fördert gleichzeitig das Denunziantentum.

    Der Nebenstrang des Romans handelt von Kindern aus vermeintlich prekären Verhältnissen, die gegen den Willen ihrer Eltern kurzerhand zu Pflegeeltern gegeben werden. Der Titel des Romans „Unsere verschwundenen Herzen“ nimmt darauf Bezug. Celeste Ng beschreibt die Angst und Verzweiflung der Menschen. Birds Mutter hat sich abgesetzt, um ihre Familie zu schützen. Ihr Gedicht „missing hearts“ wird zum Slogan der Systemgegner.

    Zeilen aus ihrem Gedicht „missing hearts“ werden zur Erkennungslosung der Systemgegner. Literatur steht im Mittelpunkt des Widerstandes, von ihr geht die Kraft aus, eine Regierung unter Druck zu setzen. Der Widerstand gegen Politik und Kinderverschleppung formiert sich zwischen den Regalen der Bibliotheken.

    Es mutet wie im Märchen an, wie Literatur gegen Goliath aufbegehrt.

    Celeste Ng bringt Beispiele, die das verdeutlichen. Als Bird und sein Vater eine Pizza bestellen, werden sie anstandslos bedient. Während der Wartezeit kommt ein asiatischer alter Mann in die Pizzeria. Ihm wird sein Wunsch, eine Pizza zu kaufen, verwehrt. „Der Pizzaverkäufer schaut nicht einmal auf. Wir haben geschlossen, sagt er.“ (S. 84) Eine asiatische Frau wird auf der Straße zusammengeschlagen, ohne dass jemand hilft. Alle schauen weg.
    PACT ist überall. Das versucht sein Vater Bird zu vermitteln. Er soll nach Möglichkeit nicht auffallen. „Achte auf deinen Nachbarn“ steht auf einem Plakat und in Großbuchstaben am Rand: PACT.

    Celeste Ng beschreibt diese Details außerordentlich eindringlich und realitätsnah. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, umso mehr gerät der Stil der Autorin auf Ebene eines Jugendbuches. Das ist legitim, aber manche Passagen werden dadurch unglaubwürdig. Bird geht alleine nach New York, um seine Mutter zu finden. Bird ist zwölf und fällt nicht auf, wenn er alleine durch die Straßen irrt. Er findet die Herzogin, die weiß, wo seine Mutter sich aufhält.

    „Er stellt sich die bösen Königinnen aus den Märchen vor, die Bosheit mit Anmut tarnen.“ (S. 167)

    Er fährt mit ihr durch ein Labyrinth und trifft auf seine Mutter. Was will Celeste Ng mit diesem Stil erreichen? Ein ernsthaftes Thema als Märchen verpackt?

    Die Geschichte wirkt verschwommen, schablonenhaft und verliert Authentizität

    Fazit
    „Unsere verschwundenen Herzen“ befindet sich nahe der Realität, scheitert jedoch an der Umsetzung. Die Kitschgrenze wird gewaltig überschritten.

    Die hohen Erwartungen an den Roman haben sich nicht erfüllt. Celeste Ng kann anders schreiben.

    „Unsere verschwundenen Herzen“ ist eine Enttäuschung.

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  1. 4
    24. Nov 2022 

    Eher ein Jugendbuch

    Der neue Roman der amerikanischen Autorin Celeste Ng spielt in den USA in nicht allzu ferner Zukunft. Nach einer Wirtschaftskrise, die das Land ins Chaos stürzte, hat ein autokratisches System die Herrschaft übernommen. Für den wirtschaftlichen Niedergang macht man China mit seiner neuen Weltmachtstellung verantwortlich. Seitdem sehen sich asiatisch aussehende Amerikaner zahlreichen Diskriminierungen und Diffamierungen ausgesetzt, die z.T. auch brutale Ausmaße annehmen. Ansonsten ist das Land wieder zur Ruhe gekommen. Maßgeblich dazu beigetragen hat PACT - „ Preserving American Culture and Traditions Act“, das Gesetz zur Erhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen. Damit wird alles, was als „ unamerikanisch“ gilt, verfolgt und ausgemerzt. So werden Bücher verboten und eingestampft und als besonderes Druckmittel werden regimekritischen Eltern ihre Kinder entzogen und in Pflegefamilien untergebracht.
    Doch es regt sich Widerstand im Land.
    Der zwölfjährige Noah, genannt Bird, ist die Hauptfigur im Roman. Er lebt allein mit seinem Vater, einem ehemals angesehenen Linguisten, in einer winzigen Zwei- Zimmer- Wohnung auf dem Campus von Harvard. Hierher sind sie gezogen, nachdem seine Mutter vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Von ihr, Tochter von Einwanderern aus Hongkong, hat Bird sein asiatisches Aussehen. Das macht ihn zum Außenseiter. Noch mehr allerdings, dass ein Gedicht seiner Mutter, das der titelgebenden „ verschwundenen Herzen“, zur Parole der Widerstandsbewegung wurde. Birds Vater tut deshalb alles, um seinen Sohn zu schützen und nirgends unliebsam aufzufallen.
    Doch eines Tages findet Bird einen Brief seiner Mutter mit einer geheimnisvollen Botschaft und er macht sich auf die Suche nach ihr.
    Celeste Ng hat hier eine Dystopie entworfen, die nah an aktuellen Strömungen liegt. Wie sie in ihrem Nachwort schreibt, nahm während der Corona- Pandemie die antiasiatische Diskriminierung stark zu, geschürt noch von Präsident Trump, der vom „ China- Virus“ sprach. Und in der amerikanischen Geschichte hat diese Diskriminierung Tradition, denke man nur an die Internierung japanisch- stämmiger Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs.
    Wie Margaret Atwood in ihrer berühmten Dystopie „ Der Report der Magd“ greift Celeste Ng auf tatsächliche Geschehnisse aus der Geschichte zurück. So wurden in der DDR Eltern, die als Staatsfeinde galten, ihre Kinder weggenommen und in Kanada hat man über 100 Jahre lang indigene Kinder in christliche Internate gegeben und sie so ihrer kulturellen Identität beraubt. Das verschafft ihrem Roman Authentizität .
    Die Geschichte wird vorwiegend aus der kindlichen Perspektive Birds geschrieben. Dabei kommt man dieser Figur sehr nahe, nimmt Anteil an seinen Gefühlen und Gedanken. Ist er anfangs noch genervt von den Ängsten seines Vaters, seinem Duckmäusertum, versteht er im Verlaufe der Handlung, dass dies alles nur zu seinem Schutz und aus Liebe zu ihm geschah. Am Ende hat Bird auch verstanden, warum seine Mutter ihn verlassen musste und er kann sie bewundern für ihren Mut und ihren Einsatz. Mehr Happy- End gönnt uns die Autorin nicht und das ist gut so.
    Der Mittelteil gehört Margaret Miu, der Mutter. Sie erzählt ihre Geschichte, vom Aufwachsen als Migrationskind, das permanent zur Anpassung angehalten wird, vom Rückzug in die private Idylle, so lange, bis Wegschauen keine Option mehr ist. Diese mehr berichtende Erzählweise erschwert den emotionalen Zugang zu dieser Figur.
    Die Geschichte liest sich leicht und ist packend. Allerdings hat die Autorin ein Anliegen und eine eindeutige Botschaft, das gibt dem Roman etwas Konstruiertes und Schablonenhaftes. Die leicht märchenhaften Züge erschienen mir dagegen passend.
    Dass Celeste Ng der Poesie die Kraft zum Widerstand zuschreibt und Bibliotheken zu Orten der Auflehnung und der Zuflucht macht, erfreut natürlich jeden Bibliophilen, ist aber eher Wunschdenken.
    Für mich liest sich das Buch, trotz zahlreicher Verweise auf Reales, weniger als realistische Geschichte, sondern wie eine Parabel.
    Sprachlich konnte mich die Autorin nicht durchgängig überzeugen. Die kraftvolle Poesie kippt gegen Ende leider nahe hin zum Kitsch.
    „ Unsere verschwundenen Herzen“ ist eine spannende und bewegende Dystopie, die gegen staatliche Repressionen auf die Kraft von Liebe und Hoffnung setzt.
    Obwohl die Autorin hier hinter ihren ersten beiden Büchern erzählerisch und sprachlich zurückbleibt, so lohnt sich die Lektüre trotzdem. Vielleicht ist der Roman im Bereich „ Jugendbuch“ besser aufgehoben.

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  1. Spannende Dystopie

    Spannende Dystopie

    Celeste Ng hat mit " Unsre verschwundenen Herzen" einen dystopischen Roman verfasst, der mich stellenweise sehr nachdenklich gestimmt hat. Denn PACT, das System, welches hier im Roman zu Grunde liegt, ähnelt einigen anderen totalitären Ereignissen, die uns allen bekannt sind, außerdem ist nicht undenkbar, dass fanatische Menschen es schaffen, mit ihrem handeln auch heutzutage Ähnliches zu bewirken.

    Bird führt durch die Handlung, und wird nun, nachdem seine Mutter Margaret Miu fort ist, von seinem Vater nur noch Noah genannt. Der Kosename, der ihm Flügel verleihen sollte, darf nicht mehr benutzt werden, es könnte gefährlich werden für Noah. PACT hat es sich zur Aufgabe gemacht Menschen zu schützen, wie so oft geschieht dies durch Kontrolle und Selektion. Es wird zwar nicht öffentlich gemacht, doch Menschen mit asiatischen Hintergrund werden verfolgt. Birds Mutter gehört dazu, doch dem Leser wird erst spät im Buch klar, welche Rolle sie in dem Ganzen spielt. Fakt ist, dass sie ihren Sohn verlassen hat, ihn bei seinem Vater Ethan lässt, und dieser es nun sehr schwer hat. Bücher, seine Leidenschaft, schon Berufs wegen, wurden größtenteils verbannt. Sie unterliegen einer strengen Zensur, man muss aufpassen, was man sagt, und auch Kinder verschwinden. Diese Angst treibt Noahs Vater ständig um, er verbietet Noah viel, er soll z. B. nach der Schule auf direktem Weg nach Hause gehen. Wenn vermutet würde, dass Ethan sich gegen PACT richtet, seinen Sohn dazu ermutigt, könnte man Bird wegholen, in eine Pflegefamilie.

    Genau dieses Schicksal erlitt Sadie, die einzige wirkliche Freundin die Bird hat. Doch als auch Sadie irgendwann fort ist, und Bird einige Situationen bewusst mitbekommt, beginnt er zu verstehen und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter. Er hat ein paar Hinweise gefunden, die seine Mutter für ihn deponiert hat, in der Hoffnung, er möge sie finden. Er macht sich auf den Weg, um nebenher auch das Gedicht über die verschwunden Herzen zu ergründen, ein Gedicht, dass seine Mutter einmal verfasst hat, das ihr dann zum Verhängnis wurde……

    Diese Dystopie ist spannend und regt zum nachdenken an. Sie ist leicht verständlich und der Leser wird locker durch die Handlung geführt. Dennoch habe ich ein wenig die Tiefe vermisst, die ich sonst von den Romanen der Autorin kenne. Das soll aber nicht heißen, dass ich das Buch deshalb ungern gelesen habe. Von mir gibt es trotzdem eine Leseempfehlung! Auch an ältere Jugendliche, die mit dieser Thematik bereits umgeghen können und denen der Roman sicher gefallen wird.

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  1. Nur einen Schritt von der Realität entfernt

    Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Nur mit seinem Vater, denn seine Mutter hat die Familie schon vor vielen Jahren verlassen. Seine Mutter, die er vermisst. Seine Mutter, die nicht aus Eigennutz gegangen ist, sondern um ihr Kind zu schützen. Seine Mutter, von der Bird die asiatischen Gesichtszüge geerbt hat, die ihn jeden Tag aufs Neue in Gefahr bringen. Sie ist fort, ihre Gedichte indes sind immer noch allgegenwärtig, denn sie sind zum Schlachtruf des Widerstands geworden.

    In Amerika herrscht das Gesetz von PACT, des Preserving American Culture and Traditions Act, das nach DER KRISE die amerikanische Kultur bewahren soll. Asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, denn China ist der Feind, der Sündenbock für den Kollaps des Systems. Amerikanern asiatischer Abstammung, sowie Menschen, die als angebliche Sympathisant:innen auffallen, werden beim kleinsten Anlass die Kinder weggenommen und zur Adoption freigegeben – die titelgebenden verschwundenen Herzen.

    Als Bird einen Brief seiner Mutter erhält, beginnt für ihn eine Odyssee, um ihren Spuren zu folgen. Die Märchen seiner Mutter führen ihn in die Bibliotheken, die insgeheim Horte des Widerstands sind.

    Hintergrund: Kinder als Druckmittel

    CELESTE NG erzählt ein dystopisches Märchen, das leider nur allzu fest verwurzelt ist in der Realität; Kinder wurden und werden aus politischen Gründen von ihren Eltern getrennt. Mal wird es als ultimatives Druckmittel eingesetzt, als Werkzeug der Kontrolle: ‘Unterwirf dich dem System, sonst verlierst du dein Kind.‘ Dann wieder geschieht es, um die Kinder aus rassistischer Ideologie und/oder ultranationalistischer Verblendung heraus umzuerziehen, sie in ein vermeintliches völkisches Ideal zu pressen. Der Rechtfertigungen sind viele, doch die Tragödie ist immer wieder dieselbe.

    Exkurs 1

    Da sind die Kinder, die zur Zeit der Präsidentschaft Donald Trumps an der Grenze von ihren Eltern getrennt und dann in Käfige gesteckt wurden, um illegale Einwanderer davon abzuhalten, Asyl zu beantragen. Eine Unmenschlichkeit sondergleichen.

    Da sind die ‘Gestohlenen Generationen’: zehntausende Kinder indigener Eltern (manche Quellen gehen sogar von hunderttausenden aus), die im 20. Jahrhundert in Australien ihren Eltern entrissen wurden, um sie als potentielle Arbeitskräfte in die weiße Gesellschaft zu assimilieren. Heranzucht einer vermeintlich niederen, aber nützlichen Klasse?

    Es gibt allzu viele weitere Beispiele, in allzu vielen Ländern. Nordkorea. Die DDR. Japan. SO viele, ZU viele verschwundene Herzen, eine menschenverachtende Grausamkeit die durch den dünnen Firnis der Zivilisation blutet.

    Hintergrund: Antiasiatische Gewalt

    Die Instrumentalisierung von Kindern als Mittel politischer Kontrolle ist nur ein Teil des faktischen Fundaments der Geschichte. Antiasiatische Gewalt ist eine weitere Ebene, und auch die ist leider nicht aus der Luft gegriffen; in den USA, wo der Roman spielt, hat antiasiatischer Rassismus eine lange Tradition.

    Exkurs 2

    Im Jahr 1871 gab es in Los Angeles Massenlynchmorde; hunderte von weißen Menschen stürmten als wütender Mob das chinesische Viertel der Stadt und richteten ein Gemetzel an. Im Zweiten Weltkrieg wurden 120.000 Japaner und japanischstämmige Amerikaner in Internierungslager gesperrt.

    Seit dem ersten bekannten Ausbruch des Coronavirus sind antiasiatische Hassverbrechen in den USA um 361 Prozent gestiegen – “China virus”, “China plague”, die Rhetorik Donald Trumps hält sich bis zum heutigen Tag.

    Von der Dystopie zum Märchen

    In der Tradition der klassischen Dystopien ist »Unsre verschwundenen Herzen« nur eine Haaresbreite von unserer Realität entfernt – die Geschehnisse sind tief verwurzelt in der kollektiven Vergangenheit der Menschheit und gleichzeitig eine erschreckend plausible Zukunftsvision. Celeste Ng verleiht dem eine beklemmende Allgemeingültigkeit: Dies kann überall und jederzeit geschehen.

    Für einen Großteil des Buches sehen wir die Ereignisse aus der kindlichen Sicht von Bird, der aufgewachsen ist mit den Märchen, die seine Mutter ihm erzählte. Unbewusst und unterschwellig setzt er die Dinge, die ihm geschehen oder die er beobachtet, daher auch in den Rahmen eines klassischen Märchens, einer kindlichen Heldenreise, und das ermöglicht ihm Hoffnung in scheinbar hoffnungslosen Zeiten: Denn am Schluss gewinnt doch immer das Gute, oder nicht?

    Celeste Ng findet leise, oft geradezu poetische Worte für das Unerträgliche. Immer wieder verwendet sie atmosphärisch dichte Bilder und sprechende Namen, um den Eindruck eines dystopischen Märchens noch zu verstärken, und das hatte für mich einen enormen emotionalen Widerhall, ohne billige Sentimentalität. Fein dosiert lässt sie die ein oder andere Szene jäh herausbrechen aus der dichterischen Distanz, in schonungsloser Nahaufnahme, und das Gesamtbild ist in meinen Augen ein sehr überzeugendes.

    Kritikpunkte

    Das Märchenhafte tut dem realistischen Fundament der Geschichte meist keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Es sind gerade die realistischen Passagen, die manchmal abrutschen ins nicht mehr hundertprozentig Plausible.

    Ein Beispiel: In der beschriebenen Gesellschaft wird alles kontrolliert, jeder noch so kleinste Verstoß direkt geahndet. Dennoch kann man Protestaktionen anscheinend problemlos mit dem Smartphone filmen, ohne dass herbeigeeilte Ordnungshüter:innen die Geräte direkt einkassieren oder die Besitzer:innen einsperren. Dadurch wird die Glaubhaftigkeit meines Erachtens überstrapaziert, denn in vielen anderen Szenen wird deutlich, dass schon ein falsches Wort ausreicht, um in den Mahlstrom des Systems zu geraten.

    Aber das sind meines Erachtens seltene Misstöne, die sich noch verschmerzen lassen. Ja, es wird manches offen gelassen. Nein, es ist nicht immer alles überzeugend. Aber das fügt sich ein in die Erlebnisse eines Kindes, für das die Welt der Erwachsenen ohnehin fundamental unverständlich ist. Die kindliche Perspektive gereicht dem Buch hier zum Vorteil. Dennoch mache ich dafür leichte Abstriche in meiner Bewertung.

    Charaktere

    Jeder Charakter zeigt die Problematik aus einer anderen Perspektive.

    Bird ist noch sehr kindlich und begreift erst im Verlauf des Buches, dass schon die Form seiner Augen ihn in Gefahr bringt. Für einen Großteil des Romans ist er der Perspektivcharakter und wird daher auch am differenziertesten gezeichnet. Kindercharaktere misslingen nur allzu leicht, doch Celeste Ng gelingt es, seine kindlichen Gedanken authentisch und glaubhaft wiederzugeben. Auch Birds Freundin Sadie, die selber eines der Kinder ist, die ihren Familie entrissen wurden, und daher im Zentrum der Ereignisse steht, ist großartig geschrieben. Zornig und entschlossen macht sie sich schon lange vor Bird auf die Suche nach ihren Eltern, doch die beiden werden sich im Verlauf der Handlung noch wiedersehen – ganz märchenhaft im Haus einer Herzogin.

    Birds Vater ist das Sinnbild eines Elternteils, das alles tun würde, um das eigene Kind zu schützen. Er unterwirft sich einem ungerechten System, damit Bird ihm nicht weggenommen wird, hält auch den Jungen zur bedingungslosen Anpassung an. Trag deine Mütze tief in die Augen gezogen, schau den Menschen auf der Straße nicht ins Gesicht, benutze ausschließlich diese Straßen und komm nach der Schule direkt nachhause, schreibe in deinen Schulaufsatz, wie toll du PACT findest und wie sehr es die Gesellschaft schützt.

    An Birds Mutter Margaret wiederum zeigt die Autorin, wie einfach es ist, wegzuschauen, solange es einen nicht selbst betrifft, und wie schnell sich das ändern kann. Ich möchte hier noch nicht zu viel verraten, aber Margaret gerät ins Visier von PACT, ohne auch nur mit dem Widerstand zu sympathisieren. Doch sie weiß, dass ihr das niemand glauben wird. Dass es sie dass nicht schützen wird. Dass es Bird nicht schützen wird. Sie kann die Augen nicht mehr vor dem Unrecht verschließen, und so entscheidet sie sich dafür, abzutauchen, und macht danach ein enormes inneres Wachstum durch.

    Fazit

    Nach einer vernichtenden nationalen Krise trat in Amerika PACT in Kraft, der Preserving American Culture and Traditions Act – im Grunde wenig mehr als gesetzlich festgeschriebene Weiterreichung der Verantwortung und Schuld an einen Sündenbock: China. Die Diskriminierung von Amerikaner:innen mit asiatischen Wurzeln wird als Ventril für die Frustration der Bevölkerung nicht nur gebilligt, sondern sogar angeheizt. Kinder werden ihren asiatischen oder ‘problematischen’ Eltern weggenommen, umbenannt und in ausgewählte Familien weitergereicht – dies sind die ‘verschwundenen Herzen’.

    Celeste Ng verwebt Themen mit realen Grundlagen zu einer Dystopie mit märchenhaftem Flair und findet dafür eine Sprache, die gut zu Bird, dem kindlichen Protagonisten, und seinem Versuch, aus einer angsteinflößenden Realität Sinn zu machen, passt. Das einzige Manko ist in meinen Augen, dass nicht alle Dinge sauber durchkonstruiert erscheinen, was ich durch das Märchenhafte aber noch für verzeihlich halte.

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  1. Dystopie- nah an der Realität

    Noah ist 12 Jahre alt, doch sein Name "fühlt sich immer noch wie eine Halloween-Maske an, gummiartig und unangenehm, etwas, das nicht richtig sitzt." (13)

    Denn eigentlich ist er Bird - so hat ihn seine Mutter immer genannt, die ihn und seinen Vater Ethan jedoch vor drei Jahren verlassen hat, warum, erfährt man zunächst nicht.

    Zu Beginn der Handlung erhält Bird einen Brief von ihr.

    "Natürlich aufgerissen und wieder versiegelt mit einem Aufkleber, wie alle Briefe: Geprüft zu Ihrer Sicherheit - PACT." (11)

    Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft in den USA, in der die Regierung nach einer drei Jahre andauernden Krise, deren Ursache im Unklaren bleibt, ein Gesetz (PACT) beschlossen hat, das verspricht, "amerikanische Ideale und Werte" zu schützen und "gegen unamerikanische Ideen" zu verteidigen. Als Sündenbock für die Krise hat man sich auf China geeinigt - "diese gefährliche, ständige gelbe Bedrohung" (197) - was für Menschen, die asiatisch aussehen bedeutet, dass sie offen auf der Straße angepöbelt werden dürfen, dass es gewaltsame Übergriffe gibt, während alle anderen zusehen. Als Druckmittel nimmt die Regierung Kinder aus den Familien heraus, die sich gegen PACT und gegen die Regierung selbst stellen. Die "verschwundenen Herzen" kommen in Pflegefamilien und die ursprünglichen verhalten sich still, in der Hoffnung ihre Kinder auf diesem Weg wieder zurückzubekommen.

    Der Begriff "verschwundene Herzen" stammt aus einem Gedicht von Birds Mutter Margaret Miu, "einer Person of Asian Origin" (17), die als Verräterin gilt. Deshalb stehen Bird und sein Vater unter Beobachtung. Sein Vater, einst Linguistikprofessor, arbeitet inzwischen in der Universitätsbibliothek in Harvard und bläut seinem Sohn ein, nicht aufzufallen, unter dem Radar zu fliegen, keinerlei Aufsehen zu erregen. Allein sein Aussehen veranlasst andere Menschen ihn anzugreifen. Doch Bird schlägt die Warnungen in den Wind und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter - ein Abenteuer, das ihn nach New York führt.

    Wie die Autorin im Nachwort schreibt, ist ihr Romans dicht an der Realität.

    "Mit dem Beginn der Pandemie im Jahr 2020 ging ein starker Anstieg antiasiatischer Diskriminierung einher, aber auch das ist kein neues Phänomen: In der amerikanischen Geschichte hat diese Diskriminierung lange und tiefe Wurzeln." (393, Nachwort)

    Auch die Tradition Kinder als Druckmittel einzusetzen, ist leider keine Erfindung der Autorin. So gab es in den USA "staatliche Internate für indigene Kinder, (...) und die nach wie vor stattfindende Trennung von Migrantenfamilien an der Südgrenze der USA" (393, Nachwort).

    Während der erste und letzte Teil aus der Perspektive des 12-jährigen Birds erzählt werden, erfährt man im Mittelteil im Stil eines Erzählberichtes die Geschichte Margarets. In der Leserunde herrschte Konsens darüber, dass dieser Part aufgrund der Erzählweise weniger berührend ist, dass er dazu dient, die Ereignisse gestrafft zusammenzufassen, die zur Situation in der Gegenwart geführt haben. Der letzte Teil "reißt" den Roman dann wieder raus. Er ist unglaublich spannend und wartet mit einer starken Idee des Protests auf, die verdeutlicht, wie wichtig jedes einzelne Schicksal ist.

    Insofern rüttelt der Roman auf und zwingt, genau hinzusehen und die Augen nicht vor der Diskriminierung zu verschließen, sondern laut davon zu sprechen, Zeugnis abzulegen, damit nichts vergessen wird.

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  1. 4
    11. Nov 2022 

    Sehnsucht

    In einer nicht allzu fernen Zukunft lebt der zwölfjährige Noah, der von seiner Mutter immer Bird genannt wurde, mit seinem Vater im Wohnheim einer Uni. Seine Mutter ist vor einigen Jahren verschwunden. Sie gehörte zur Gruppe der asiatisch-stämmigen Amerikaner, die seit der Krise großen Repressalien ausgesetzt sind. Bird lebt nun allein mit seinem Vater, der in der Bibliothek arbeitet. In der Öffentlichkeit wird Bird Noah genannt und er soll sich möglichst unauffällig verhalten. Am besten sollte er garnicht zu sehen sein, damit seine asiatische Herkunft nicht auffällt. Doch der Junge vermisst seine Mutter. Gibt es keine Möglichkeit, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

    Bekommt Bird eine Möglichkeit, seine Mutter wiederzusehen. Manchmal fragt er sich, ob er sich überhaupt noch richtig an sie erinnert. Und sein Vater spricht nicht. Immer mahnt er zur Vorsicht. Natürlich wissen sie in der Schule, dass Birds Mutter Asiatin war und so ist sein Stand in der Klasse nicht besonders. Während einer kurzen Phase war seine Klassenkameradin Sadie ein Lichtblick in seinem Leben. Doch Sadie, in einer ähnlichen Situation wie er, verschwand von einem Tag auf den anderen. Nach einem winzigen Zeichen beginnt Bird gegen alle Widerstände nach seiner Mutter zu suchen.

    Dieser dystopische Roman erzählt von einem Amerika, von dem man hofft, dass es so nie oder nie wieder bestehen möchte. Auch wenn man sich gerade in der heutigen Zeit mit Hoffnungen etwas schwer tut. Gerade zu Beginn des Buches fällt es einem schwer sich in Birds Lage zu versetzten. Etwas Ungläubig steht man davor und denkt, eigentlich kann es das nicht geben im Land der Freien. Wieso sind sie so? Schnell kommt die Überlegung, sind wir anders? Fast schon erleichtert macht man sich mit dem gewitzten Bird auf die Suche. Doch irgendwann ändert sich der Tonfall und die Erzählung wirkt mehr wie ein Bericht. Dieser kühle Ton macht es noch schwerer zu ertragen, was man vorgesetzt bekommt. Geradezu herzzerreißend wird die Handlung zum Ende hin. Dieser Roman angesiedelt in einer bedrückenden Welt hat doch auch etwas hoffnungsvolles.

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  1. Düsteres Szenario

    Inhalt (Klappentext):
    Der zwölfjährige Bird lebt mit seinem Vater in Harvard. Seit einem Jahrzehnt wird ihr Leben von Gesetzen bestimmt, die nach Jahren der wirtschaftlichen Instabilität und Gewalt die »amerikanische Kultur« bewahren sollen. Vor allem asiatisch aussehende Menschen werden diskriminiert, ihre Kinder zur Adoption freigegeben. Als Bird einen Brief von seiner Mutter erhält, macht er sich auf die Suche. Er muss verstehen, warum sie ihn verlassen hat. Seine Reise führt ihn zu den Geschichten seiner Kindheit, in Büchereien, die der Hort des Widerstands sind, und zu seiner Mutter. Die Hoffnung auf ein besseres Leben scheint möglich.

    Meine Meinung:
    Celeste Ng beschreibt in ihrem neusten Buch ein düsteres Amerika. Es ist nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern vielmehr eine Art Überwachungsstaat. Die Post wird kontrolliert, es gibt staatliche Zensur. Die Schulkinder werden indoktriniert und wer dieses Vorgehen hinterfragt oder vielleicht sogar kritisiert, muss mit Repressionen rechnen. In einer schweren Wirtschaftskrise mit allen einhergehenden negativen Auswirkungen wie Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeit muss ein Sündenbock gefunden werden und in diesem Fall ist es das prosperierende China und damit alles asiatisch Anmutende. Die PAOs (Person of Asian Origin) werden diskriminiert und oft auch schikaniert und vieles erinnert an die Behandlung der Juden in Deutschland in den 30er Jahren. Trotz oder vielleicht auch ob dieser beklemmenden Atmosphäre konnte mich die Geschichte emotional nicht packen. Man begleitet den jungen Bird auf der Suche nach seiner Mutter und erfährt auch einiges über ihre Lebensgeschichte, aber die Figurenzeichnungen blieben leider weitgehend blass und indifferent. Das sprachliche Niveau ist gut, aber die Story an sich eher dünn.
    Alles in allem fand ich das Buch enttäuschend. Nach den großartigen letzten beiden Büchern von Celeste Ng hatte ich mir doch mehr erhofft.

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  1. Irgendwo gibt es immer Hoffnung

    Kurzmeinung: Dieser Roman ist nett. Das ist sein Problem.

    Die große Harmonie, die man beim Lesen dieses Romans verspürt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Autorin einem ernsten Thema widmet, dem Kindesentzug durch staatliche Stellen. Doch über all dem liegt eben auch das märchenhafte Geschehen, wie Bird seine verschwundene Mutter wiederfindet, indem er den Brotkrumen, die sie ihm zukommen lässt, folgt. Ein bisschen ist es ein Hänsel- und Gretelbuch. Die Hexe ist freilich der böse Staat.

    Mit PACT hat die amerikanische Regierung auch wirklich ein probates Mittel gefunden, die renitente Bevölkerung einzuschüchtern. PACT heißt Preserving American Culture and Traditions, zu deutsch "Gesetz zur Einhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen" und hört sich auf den ersten und zweiten Blick gar nicht verkehrt an. Es ist ja nichts dagegen zu sagen, Gebräuche und Sitten zu wahren. Aber, was ist „amerikanisch“ und was nicht? Schwierig wird es auch, wenn Menschen mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, aber mulitkulturellem Hintergrund grundsätzlich mit Vorbehalten rechnen müssen; in den „Verschwundenen Herzen“ werden ausnahmsweise einmal asiatische Menschen diskriminiert. Böse bleiben aber die weißen Mehrheiten. War ja klar.

    Der Kommentar:
    Man folgt Birdie gerne, solange er herauszufinden versucht, warum Paps nie über Mam spricht und warum er sich unauffällig verhalten soll und über diverse Ungerechtigkeiten hinweggehen muss. Mit ihm rätselt man, was wohl geschehen ist, warum PACT so biestig sein kann und warum man nicht darüber sprechen darf. Allmählich kristallisiert es sich heraus, dass Mam in den Untergrund gegangen ist. Und ab jetzt hätte es spannend werden können.

    Doch Celeste Ng verlässt ihren betulichen aussschweifenden Erzählstil nicht ein einziges Mal, nie wird einem Angst und Bange. Gut für den Blutdruck. Gleichzeitig fragt sich der Leser, wie Gedichte und Geschichten allein etwas ändern sollten, zumal sich die Widerstandskämpfer ziemlich ungeschickt anstellen und sich kaum organisieren. Sie sind Idealisten allesamt. Viele, wie Mam selber, sind unfreiwillig im Untergrund gelandet. Öffentliche Bibiliotheken als Hort des Widerstands, wie Ng auswählt, haben etwas Traumwandlerisches, Verträumtes, allzu Märchenhaftes. Gelobt seien die Bibliophilen! Beweihräuchern wir uns ein wenig selbst! Andererseits könnten ja auch kleine Schritte irgendwann einmal zu einem großen Schritt führen. Allerdings bleibt diese Hoffnung vage.

    Fazit: „Unsere verschwundenen Herzen“ ist ein herziger Roman. Es ist angenehm zu lesen; es tröstet sogar ein wenig, indem es verspricht, dass kleine Nadelstiche auch etwas sind. Ob dies der Realität entspricht, können nur die entscheiden, die einmal in einem diktatorischen Regime leben mussten. Seine Grundaussage, „irgendwo ist immer Hoffnung“ ist allerdings arg banal.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag dtv, 2022

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  1. 5
    04. Okt 2022 

    Erschreckend und berührend

    Im Buch geht es um Bird, welcher eigentlich Noah heißt. Noah heißt er aber erst wieder, seit seine Mutter vor einer Weile verschwunden ist. Bird weiß, dass ihr Verschwinden etwas mit PACT zu tun hat. Dies ist ein Gesetz, welches nach einer schweren Krise den Frieden in der Gesellschaft bewahren soll. Daher sollen unamerikanische Werte verboten werden. Und um dieses Ziel zu wahren, ist in den Augen der Regierung jedes Mittel recht, was vor allem zur Diskriminierung asiatischer Menschen führt.
    Als Bird einen Brief von seiner Mutter bekommt, brechen alte Wunden plötzlich wieder auf und er muss sich entscheiden: Den Kopf gesenkt halten und nicht auffallen oder seine Mutter finden.

    Das Buch hat eine sehr beunruhigende Stimmung. Das Unwohlsein der Hauptcharaktere wird sehr gut herübergebracht. Man merkt, dass sie viele ihrer ganz alltäglichen Handlungen hinterfragen müssen, um keine negative Aufmerksamkeit zu erregen.
    Vor allem die Sichtweise durch Bird, der ja noch ein Kind ist, ist sehr spannend. Es macht das Ganze noch einmal interessanter, weil die Möglichkeiten eines Kindes noch beschränkter sind, wodurch man sich in dieser Welt noch etwas hilfloser fühlt.
    Die Welt, welche die Autorin aufbaut, wird stetig etabliert, umso weiter wir in die Geschichte eintauchen. So wird uns das Ausmaß des Schreckens konsequent weiter aufgezeigt. Man sieht immer mehr hinter die Fassade, an der Birds kindliches Ich zuerst noch festhielt.
    Die Story ist sehr erschreckend und es wird wirklich gut dargestellt, wie langsam aber sicher sich die Veränderungen einschleichen, bis sie so extrem sind, wie sie sind.
    Und selbst mit dieser Extremität ist es erschütternd, welche Parallelen man zur Geschichte und Gegenwart unserer Realität wahrnehmen kann.

    Die Geschichte ist herzzerreißend und berührend und zeichnet eine extreme, aber nicht unrealistische Welt ab, bei der jedem von uns daran liegen sollte, Schrecken wie diese zu verhindern.

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  1. Dystopisch, aber auch real

    Ein Brief seiner Mutter bringt den zwölfjährigen Noah dazu, einiges in seinem Leben zu hinterfragen. Warum ist seine Mutter vor drei Jahren aus seinem Leben verschwunden und warum hat sich sein Vater so verändert? Nach Unruhen wurde in Amerika ein Gesetz erlassen, das wieder Sicherheit und Stabilität bringen sollte. Doch PACT sorgt für Misstrauen und Unterdrückung. Noah, der früher Bird genannt wurde, macht sich auf die Suche nach seiner Mutter.
    Diese Dystopie zeigt ein Szenario auf, welches nicht unrealistisch erscheint. Die Geschichte spielt in einem Amerika in naher Zukunft. Wenn etwas nicht richtig läuft, ist man geneigt, einen Schuldigen zu finden. Hier sind es nicht Menschen, denen man unamerikanisches Gedankengut und unpatriotisches Verhalten unterstellt, allen voran den asiatisch-stämmigen Menschen. Kinder werden aus angeblich unpatriotischen Familien genommen, Bücher werden zensiert und verbrannt, Denunziantentum wird gefördert. Alles schon mal dagewesen.
    Margaret Miu, Birds Mutter, ist drei Jahre zuvor verschwunden. Noah lebt mit seinem Vater beengt und zurückgezogen. Da über die Mutter nicht mehr geredet werden darf, erinnert sich Bird kaum noch. Doch der Brief seiner Mutter und seine Nachforschungen holen viele Erinnerungen hoch. Er will wissen, warum sie ihn verlassen hat. Dabei entdeckt er, dass es im Geheimen Widerstand gibt. Ich konnte mich in Bird hineinfühlen, aber auch das Verhalten seines Vaters konnte ich nachvollziehen, auch wenn ich mir ein wenig mehr Courage gewünscht hätte.
    Es ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Dabei hätten die Emotionen ruhig noch deutlicher dargestellt werden können. Dafür war die bedrückende und bedrohliche Atmosphäre in diesem tyrannischen Überwachungsstaat gut dargestellt
    Eine spannende und bedrückende, aber auch berührende Geschichte.

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    27. Sep 2022 

    Dystopisches Märchen mit poetischen Längen

    Eine Dystopie in nicht allzu ferner Zukunft, die USA in der Krise - man sucht Schuldige und findet sie: asiatisch-stämmige Amerikaner. Ein System von Misstrauen und Unterdrückung wird aufgebaut, legitimiert durch PACT – ein Gesetz gegen unamerikanisches Gedankengut und Verhalten. Infolge tritt die mündliche Überlieferung an die Stelle der schriftlichen – ein zivilisatorischer Rückschritt, typisch für einen Überwachungsstaat.

    Teil 1 des Romans wird aus der Sicht von Bird erzählt, einem 13jährigen Jungen, Sohn eines WASP-Vaters und einer chinesisch-stämmigen Mutter. Diese hat die Familie vor drei Jahren verlassen – und seitdem will Birds Vater sie nicht einmal mehr erwähnen. Margaret, so vermutet man bald, ist in den Untergrund gegangen, um gegen PACT zu opponieren – vor allem gegen die Kindesentführungen, die ideologisch abweichende Familien erleiden müssen. Das alles erfahren wir peu á peu durch kleine Erinnerungsfetzen, ausgelöst durch einen Brief der Mutter an Bird.

    Im zweiten Teil des Buches, aus der Perspektive von Birds Mutter erzählt, erfahren wir den wahren Grund für Margarets Verschwinden. Welche Mutter würde ihr Kind verlassen, um einem politischen Kampf den Vorrang zu geben? Ein interessanter Konflikt wäre das – doch Ngs butterweiche Erklärung ließ mein Interesse an dem Roman auf den Nullpunkt sinken.

    Seltsam auch, dass Ng sich entschieden hat, in ihrer Welt keinerlei Social Media existieren zu lassen. Das ist insofern schade, als dadurch eine Menge Komplexität und Gegenwartsbezug verloren gehen.

    Den Abschluss im dritten Teil – die Erfüllung von Birds Heldenreise - fand ich völlig unglaubwürdig, unter den Möglichkeiten der Figuren, so wie sie angelegt sind, und schrecklich romantisch. Ein Ende in altrosa und taubenblau.

    Was gefiel mir an dem Buch: Es beschwört die Macht der Worte und Geschichten – Bibliotheken als Orte des Widerstands – und die subversive Kraft von Kunst. Es zeigt die Wirksamkeit einfacher Erklärungen in Zeiten der Krise. Es thematisiert Kindesentzug und Zwangsassimilationen von Kindern als staatliches Machtmittel – bis heute praktiziert gegenüber den Native Americans, die im Roman allerdings keinerlei Erwähnung finden. Brisante, wichtige Themen.

    Tatsächlich hat der Stoff des Romans großes Spannungspotential. Die Trump-Ära mit ihrer Hetze gegen die „China-Flu“ Corona hat ihre Spuren hinterlassen. Ng will aufrütteln, nur wählt sie für ihren Zweck die falschen Mittel. Allzu poetisch und weitschweifig kommt ihr Text daher; er kann bei mir keine Betroffenheit auslösen. Der Erzählton ist elegisch, fast märchenhaft. Die Handlung entwickelt sich behäbig und bekommt Längen durch Ketten von lyrischen Metaphern und Vergleichen. Nach dem ersten Drittel habe ich zeitweilig nur noch quergelesen. Keine Spur von dem scharfen Blick, mit dem Ng in ihren vorigen Romanen Familien im komplexen Umfeld der amerikanischen Gesellschaft analysiert hat. Stattdessen eine süßliche Rebellenfabel, inhaltlich und sprachlich phrasenhaft und/oder purer Kitsch. Pfirsichfarbene Sonnenaufgänge. „Gewisse Dinge müssen persönlich erledigt werden.“ „Es war einmal ein Junge, und seine Mutter liebte ihn sehr.“

    Fazit: Gut gemeint. Aber nicht gut.

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