Unsere Seelen bei Nacht

Buchseite und Rezensionen zu 'Unsere Seelen bei Nacht' von Kent Haruf
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
Verlag: Diogenes
EAN:9783257069860

Rezensionen zu "Unsere Seelen bei Nacht"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2018 

    Autor bricht Tabus

    Was für ein schönes Buch, auch wenn mich die Thematik am Ende sehr nachdenklich und traurig gestimmt hat.

    Es ist eine recht dünne Lektüre, die schnell ausgelesen ist.

    Die Handlung spielt in Holt, eine Kleinstadt von Colorado.

    Addie Moore, eine alte Dame von siebzig Jahren, ist Witwe und lebt allein in ihrem Haus. Sie hatte zwei Kinder, doch ein Kind, ein Mädchen, verunglückte mit elf Jahren bei einem Verkehrsunfall, als es draußen auf der Straße mit ihrem fünfjährigen Bruder Gene spielte. Conny war der Liebling ihres Vaters. Und als das Mädchen starb, hatte der kleine Gene die ganze Trauer abbekommen, aus der sich der Vater nie ganz erholen konnte, und somit verlor Gene nicht nur seine geliebte Schwester, symbolisch gesehen auch seinen Vater. Gene hatte dadurch ein seelisches Trauma entwickelt, zum einen, weil seine Schwester verunglückte und er dabei Schuldgefühle entwickelte, und zum anderen, weil der Vater mit dem Tod seiner Tochter aufgehört hatte, seinen Sohn zu lieben …

    Man erfährt noch etwas über die Ehe zwischen Addie und ihrem Mann, Details hierzu sind dem Buch zu entnehmen.

    In Addies Nachbarstadt lebt der pensionierte Lehrer Louis Waters, auch Witwer. Seine Kernfamilie bestand aus einer Tochter namens Holly und seiner Frau Diana. Louis hatte sich, als seine Tochter noch klein war, in eine andere Frau namens Tamara verliebt, auch Lehrerin von Beruf und fing mit ihr ein Verhältnis an, das so stark war, dass Louis seine eigene Familie verlassen musste, um zu dieser Frau zu ziehen, die sich wiederum von ihrem Mann getrennt hatte. Louis versuchte der Tochter dieser neuen Frau ein guter Vater zu sein, und ab hier schalteten sich bei ihm sämtliche Alarmglocken ein. Ihm wurde bewusst, dass während er dem fremden Kind ein guter Vater sein wollte, würde er seine eigene Tochter vernachlässigen. Somit zog er wieder zu seiner Familie und verließ Tamara, weil er keine Lust hatte, so viele Menschen durch diese Beziehung zu verletzen.

    Von diesen und anderen Geschichten erfährt man, als Addie und Louis eine recht außergewöhnliche Beziehung in der Nacht eingehen. Unsere Seelen bei Nacht, ein getroffener Buchtitel, bekommt erst eine Figur, wenn man das Buch gelesen hat.

    Addie fühlt sich einsam, sehnt sich besonders in den Nächten, die durch die Stille recht lang wirken, einen Freund. Addie konnte vor lauter Einsamkeit nicht schlafen, wegen der vielen Gedanken, die sie beschäftigten.

    Sie entwickelt eine Vision. Sie besucht Louis, und unterbreitet ihm den Vorschlag, die Nächte bei ihr im Bett zu verbringen, ohne an Sex zu denken. Eine mutige alte Dame ...

    Für Louis ist Addies Beziehungsidee recht außergewöhnlich, ist ihr aber nicht abgeneigt und sagt zu. Und somit verbringt Louis seine Nächte bei Addie im Bett, und so erzählen sie sich gegenseitig aus ihrem vergangenen Leben …

    Es gibt Gerede in der Nachbarschaft, aber Addie kümmert sich nicht darum. Sie scheint eine patente Frau zu sein, die sich überhaupt nichts um das Geschnatter anderer Leute macht...

    Dass die beiden ihre Nächte zusammen verbringen, verbreitet sich wie ein Lauffeuer, das bis zu Addies Sohn dringt … Gene hat allerdings eigene Probleme mit seiner Frau. Dadurch, dass er sein Kindheitstrauma nicht aufgearbeitet hat, leidet seine Familie darunter, vor allem der kleine Sohn Jamie. Gene hat auch beruflich wenig Erfolg, zapft immer wieder an den Ressourcen seiner Mutter an.

    Genes Frau zieht aus, und er wird mit dem Kleinen alleine nicht fertig, und bringt ihn gegen den Willen des Jungen für mehrere Wochen zu seiner Mutter. Jamie sehnt sich nach seinen Eltern … Addie tut alles für den Enkel, damit er sich wohlfühlt. Das Kind findet so langsam Zugang auch zu Louis. Es entsteht eine Freundschaft zwischen ihnen, da Louis, Addie und das Kind viele Dinge unternehmen, die dem Jungen Freude bereiten …

    Nachdem Gene und seine Frau wieder zusammengefunden haben, holt er sein Kind zurück. Zu Hause erfährt er von ihm, dass Louis die Nächte im Bett der Großmutter zugebracht hat, und er zwischen Addie und Louis gelegen hatte,da er so ängstlich war, alleine im fremden Bett zu schlafen. Das ist für Gene skandalös und verbietet seine Mutter, sich weiterhin mit Louis zu treffen, und erpresst sie. Sollte sie sich für Louis entscheiden, dürfe sie ihren Enkel nicht mehr wieder sehen ...

    Mein Fazit?

    Ein gesellschaftskritischer Roman, der zum Nachdenken anregt. Wer diktiert wem, was man zu tun oder zu lassen hat? Es sind gesellschaftspolitische Erwartungen, die zu erfüllen sind, von dem auch ältere Menschen nicht verschont werden.
    Deshalb hat der Autor ein sehr wichtiges und kritisches Thema angeschnitten, das uns alle angeht, aber in der Gesellschaft ein absolutes Tabuthema ist.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Jan 2018 

    Ein unaufgeregter Roman

    Der Roman »Unsere Seelen bei Nacht« von dem bereits 2014 verstorbenen Autor Kent Haruf umfasst nur 197 Seiten, und selbst auf diesen wenigen Seiten findet sich nicht so viel Geschichte (wegen der großen Text-Aussparung an den Rändern und den vielen kurzen Kapiteln), weswegen man mit dem Büchlein schnell fertig sein dürfte. Gerade deswegen finde ich es bei derartigen Büchern wichtig, dass mich der Inhalt schnell abholen und überzeugen kann. Leider waren mir die ersten 20 Seiten noch etwas zu zäh. Die Geschichte hat nämlich erst langsam an Fahrt aufgenommen. Und zwar frühestens dann, als man die beiden Charaktere Addie und Louis näher kennengelernt hat. Sodann wurde es endlich interessanter für mich, also ich wollte das Buch dann kaum mehr aus der Hand legen und unbedingt wissen, wie sich die Beziehung der beiden Senioren weiterentwickelt.

    Dass die Leute gerne mal lästern und hinter dem Rücken über einen herziehen, ist wahrscheinlich rund um den Globus in den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten Thema. So auch im fiktionalen Holt in den USA. Genau das ist nämlich die Hauptthematik in diesem Roman. Besonders interessant ist es in diesem Fall deshalb, weil es um zwei betagtere Menschen geht, von denen der eine mitten in der Nacht anfängt ins Haus der anderen zu schlüpfen - und das bekommt scheinbar jeder in der Nachbarschaft mit. Für viele scheinen diese nächtlichen "Ausflüge" ein Problem zu sein. Da dies aber aus vollkommen harmlosen Gründen geschieht, können und wollen die Protagonisten sich dadurch nicht beirren lassen ...
    Einerseits geht es also um das Gerede der Leute mit all seinen möglichen negativen Auswirkungen, ganz speziell, was die eigene Familie, sprich den Sohn und Enkel von Addie betrifft. (Dabei spielt auch Erpressung eine Rolle!)
    Und andererseits kann man bei dieser Lektüre lernen zu verstehen, was es bedeutet, älter zu werden, den Partner an den Tod zu verlieren und mit der damit einhergehenden Einsamkeit umzugehen. Addie und Louis haben ihre Situation bestmöglich zu lösen versucht - und dabei gab es die eine oder andere erheiternde, aber bestimmt auch traurige Szene, die mich ans Buch fesseln konnte.
    »Unsere Seelen bei Nacht« ist eine in ruhigem Ton geschriebene Geschichte über zwei Menschen, die an ihrem Lebensabend noch zueinander finden und sich über alle Hindernisse hinwegsetzen, um zusammen sein zu können - auch wenn dies schlussendlich nur mehr über intime Gespräche geschehen kann ...

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Jun 2017 

    Spätes Glück

    Inhalt

    "Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelte." (S.7)

    Mit dieser Aussage beginnt die ungewöhnliche Beziehung zwischen Addie und Louis, denn sie unterbreitet ihm den Vorschlag:

    "Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen." (S.9)

    Das "Und" zu Beginn der ersten Aussage zeigt, dass sich Addie dieses Angebot lange überlegt und gezögert hat, es auszusprechen.

    Schließlich bringt sie den Mut auf, es geht ihr nicht um Sex, sondern darum
    "die Nacht zu überstehen" (S.9), mit jemandem zu reden und nicht mehr einsam zu sein.

    Addie ist 70 Jahre, Louis noch etwas älter und beide sind verwitwet. Sie leben in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado (in der alle sechs Romane des Autors spielen) und wohnen einen Häuserblock voneinander entfernt. Dieses ungewöhnliche "Arrangement" wird sie zwangsläufig zum Gerede der Leute machen. Doch Addie reagiert auf Louis Bedenken, der am ersten Abend über den Hintereingang kommt, gelassen.

    "Ich habe mir das genau überlegt - es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss." (S.13)

    Louis, ehemaliger Lehrer in Holt, wird nach der ersten gemeinsamen Nacht, in der er überhaupt nicht schläft, krank - Harnwegsinfektion. Addie reagiert verletzt, da sie glaubt, er wolle nicht mehr kommen. Als sie ihn im Krankenhaus besucht, klärt er das Missverständnis auf und sobald er gesund ist, verbringt er erneut die Nacht gemeinsam mit Addie. Langsam werden sie sich vertrauter, er lässt seinen Pyjama und seine Zahnbürste bei ihr und benutzt den Vordereingang. Sie zeigen sich in der Öffentlichkeit und eröffnen sich nachts ihre Geheimnisse, reden sich ihre Sorgen von der Seele.

    Addie spricht vom tragischen Unfalltod ihrer Tochter Connie, von den Vorwürfen, die sich ihr kleiner Sohn Gene gemacht hat; davon, dass Carl, ihr Mann, diesen Tod nie verwunden und seinen Sohn nicht mehr wahrgenommen hat, dass ihre Ehe dadurch sehr gelitten und sie seit Jahrzehnten keinen Sex mehr hatte.

    Louis erzählt von seine außerehelichen Affäre, davon, dass er Diane und seine Tochter Holly verlassen hat, aber wieder zurückgekehrt sei und dass er es bereut, sie verletzt zu haben; von der schmerzhaften Krebserkrankung seiner Frau und ihrem leidvollen Tod.

    Addies Enkelsohn Jamie unterbricht ihre Zweisamkeit, seine Eltern haben sich getrennt und daher verbringt er die Ferien bei seiner Großmutter. Doch der Junge vertieft ihre Bindung, er fasst Vertrauen zu Louis und als dieser ihm die Hündin Bonny schenkt, kann Jamie wieder ruhig und ohne Alpträume schlafen.

    Als der Sommer zu Ende geht, verändert sich ihr idyllisches Leben...

    Bewertung
    Ein mutiger Roman, der ein Tabuthema aufgreift. Die Tatsache, dass sich viele alte Menschen einsam fühlen und gerne jemanden zum Reden oder eben abends in ihrem Bett neben sich haben möchten. Und dass auch der Wunsch nach Sexualität immer noch da ist.
    Doch kaum einer oder eine bringt tatsächlich den Mut auf, den Schritt zu tun, den Addie gewagt hat. Bewundernswert, sich nicht um das zu kümmern, was die anderen sagen. Warum auch? Ist sie nicht alt genug, um zu wissen, was gut für sie ist? Wem verletzt sie damit, außer gängige Konventionen? Unverständlich, dass ihr Sohn so unsensibel reagiert, aber auch realistisch. Die eigenen Eltern in einer neuen Rolle wahrzunehmen scheint schwer zu fallen. Statt es seiner Mutter zu gönnen, erpresst er sie? Hat er selbst nicht gelernt zu lieben, nagt die Zurückweisung seines Vaters an ihm?

    Ein wunderbar leiser Roman, der unaufgeregt von gemeinsamen Tagen berichtet, den Alltag schildert, das Leben so wie es ist, erzählt und zeigt, wie zwei Menschen Vertrauen zueinander aufbauen, sich gegenseitig in ihrer Einsamkeit beistehen und ihre "Seelen bei Nacht" öffnen.

    "Wer hätte gedacht, dass wir in unserem Alter noch einmal so etwas erleben. Dass noch längst nicht alle Veränderungen und Aufregungen hinter uns liegen, wie sich herausstellt. Dass wir noch nicht körperlich und geistig vertrocknet sind." (S.163)

    Zwei alte Menschen, die bereits gelebt haben, ein Leben, das nicht ihren Erwartungen entsprochen hat und die dennoch ein spätes Glück finden.

    "Wer bekommt denn schon das, was er sich wünscht? Nicht viele, wie mir scheint, wenn überhaupt. Immer sind es zwei Menschen, die blindlings aufeinanderstoßen und alte Ideen und Träume und falsch verstandene Erkenntnisse ausleben. Allerdings finde ich nach wie vor, dass dies nicht für dich und mich gilt. Jedenfalls nicht hier und jetzt. " (S.145)

    Am Ende schildert er schonungslos, dass dieses Glück nicht akzeptiert wird - ausgerechnet von den Jungen. Man wünscht Addie und Louis, dass sie wieder zueinander kommen und den Mut nicht verlieren.

    Ein Roman, der berührt und bei dem ich oft inne gehalten habe, um über einzelne Sätze nachzudenken und der viel zu kurz ist!

    Eine klare Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Apr 2017 

    sooo berührend - macht einfach nachdenklich

    Inhalt:
    Addie Moore und Louis Waters wohnen nur ein paar Häuser voneinander entfernt und kennen sich seit vielen Jahren, wenn auch nicht besonders gut. Beide sind über siebzig, beide sind verwitwet und leben allein.
    Eines Abends klingelt Addie bei Louis und macht ihm einen Vorschlag: Ob sie nicht ab und zu die Nacht zusammen verbringen wollen? Denn nachts ist die Einsamkeit am schlimmsten. Es geht nicht um Sex, sondern um Nähe und Geborgenheit.
    Louis ist zunächst verblüfft, doch er will es versuchen. Bald geht er jeden Abend zu Addie und übernachtet bei ihr. Sie liegen im Dunkeln nebeneinander, unterhalten sich und lernen sich immer besser kennen. Zwischen den beiden entsteht eine innige Verbindung und schließlich auch eine Liebe. Dass die gesamte Kleinstadt sich das Maul über sie zerreißt, ist ihnen egal. Dass ihre Kinder die Beziehung nicht guheißen, schon weniger – aber sie wollen sich ihr Glück dadurch nicht verderben lassen.
    Ein berührender und lebensweiser Roman über zweite Chancen und die Freiheit des Alters.

    Mein Fazit:
    Der Autor hat hier ein absolut berührendes kleines Meisterwerk geschaffen - das Lesen des Buches war für mich ein pures Lesevergnügen, bei dem viele viele Tränen geflossen sind.
    Das Buch hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Ich glaube, da das Buch besonders realitätsnah ist, hat es mich persönlich so berührt.
    Die beiden Protagonisten sind wunderbar dargestellt, so dass ich mich in beide hineinfühlen konnte - mich mit ihnen mitgefreut habe, aber auch mitgetrauert habe.
    Ich kann dieses Buch absolut jeden weiterempfehlen.
    Es ist kein Buch für Zwischendurch, sondern eine wirklich tiefgründige Lektüre.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Apr 2017 

    über eine späte Liebe

    Der Titel "Unsere Seelen bei Nacht" hört sich dramatisch an, könnte sogar der Titel eines spannenden Thrillers sein. Tatsächlich handelt es sich bei dem Roman von Kent Haruf um ein Entschleunigungsbuch. Keine Morde, keine Dramatik, kein atemberaubender Spannungsbogen! Dafür einfach nur eine wunderschöne Sprache, die eine berührenden Geschichte erzählt. Das ist wohltuende Entspannung für die Leserseele.

    Die Protagonisten in diesem Roman - Louis und Addie - haben ihren Lebensabend erreicht. Die beiden kennen sich nur flüchtig aus der Nachbarschaft, beide sind verwitwet und leben allein. Ihre Kinder und Enkelkinder lassen sich nur selten blicken. Die Tage sind unausgefüllt, die Nächte sind lang und einsam. Man kann also nicht behaupten, dass sie ihren Lebensabend in vollen Zügen genießen. Denn alleine genießt es sich nicht so schön wie zu zweit. Also nimmt Addie Herz und Schicksal in die Hände und steht eines Tages bei Louis vor der Tür. Sie äußert eine merkwürdige, fast schon unanständige Bitte. Louis soll die Nächte bei ihr verbringen, in ihrem Ehebett, an ihrer Seite. Dabei möchte sie sich nur mit ihm unterhalten und ihre Einsamkeit bekämpfen. Warum sie ausgerechnet ihn auswählt? Wahrscheinlich ist er der einzige Kandidat aus ihrem Umfeld, der für sie in Frage kommt: alleinstehend, in ihrem Alter, jemand, den sie kennt, da sie früher mit Louis Ehefrau befreundet war.

    Louis lässt sich auf dieses Arrangement ein. Abends taucht er samt Pyjama und Zahnbürste bei Addie auf, morgens verlässt er ihr Haus wieder. Dazwischen wird geredet, über Sorgen und Probleme, die Vergangenheit, die verstorbenen Ehepartner, die Kinder und Enkelkinder. Langsam freunden sich die beiden an und irgendwann kommt der Moment, wo Louis nicht nur die Nächte mit Addie verbringt und sein Pyjama und seine Zahnbürste in Addies Haus Einzug finden.

    "Ich finde es wundervoll, sagte sie. Es ist besser, als ich es mir erhofft hatte. Es ist so etwas wie ein Geheimnis. Mir gefällt die Freundschaft. Die Zeit, die wir miteinander verbringen. Hier im Dunkel der Nacht zu liegen. Das Reden. Dich neben mir atmen zu hören, wenn ich wach werde." (S. 104)

    Diese Geschichte könnte an dieser Stelle aufhören. Aber nicht jeder freut sich über das späte Glück der Beiden. Es sind noch nicht einmal Nachbarn und Bekannte, die den beiden ihr Glück nicht gönnen. Sie leben in Holt, einer amerikanischen Kleinstadt, die der Autor Kent Haruf eigens für seine Romane erfunden hat. Mit dem Begriff "Kleinstadt" assoziiert man Klatsch und Tratsch, auf den Louis und Addie anfangs auch stoßen. Doch sie lassen sich nicht davon beirren. Und die Reaktion der Nachbarn und Bekannten gibt ihnen recht. Holt hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Louis und Addie als Paar unterwegs sind. Wer sich nicht daran gewöhnt hat, und wer mit aller Vehemenz gegen die Beziehung der beiden ankämpft, ist Gene, Addies Sohn. Er mag Louis nicht, abgesehen davon, dass er wahrscheinlich keinen Mann an Addies Seite mögen würde. Die Beziehung, die die beiden führen, empfindet er als ekelhaft und abartig. Es lässt sich schwer sagen, ob seine Aversion auf ein enges Verhältnis zu seinem Vater zurückzuführen ist und er deshalb keinen anderen Mann an Addies Seite duldet. Oder ob er ihr schlichtweg ihr Glück neidet, da er selbst vor dem Scherbenhaufen seiner Ehe steht. Auf jeden Fall kämpft er mit harten Bandagen, um Addie und Louis auseinander zu bringen. Ob ihm das gelingt? ....

    "Wer hätte gedacht, dass wir in unserem Alter so etwas erleben. Dass noch längst nicht alle Veränderungen und Aufregungen hinter uns liegen, wie sich herausstellt. Dass wir noch nicht körperlich und geistig vertrocknet sind." (S. 163)

    Der Autor Kent Haruf hat einen ganz besonderen Sprachstil. Man taucht in diese Geschichte ein und ist von Anfang an von der Klarheit und Einfachheit seiner Sprache verzaubert. Völlig schnörkellos vermittelt er die Gefühle, die Louis und Addie durchlaufen. Man leidet und freut sich mit den beiden: das Herzklopfen von Addie, als sie mit ihrem eigenartigen Vorschlag an Louis Tür steht, seine Verwunderung, die Annäherung der beiden, das langsame Wachsen ihrer Liebe, die Verzweiflung als es darum geht, um ihre Liebe zu kämpfen. Das alles vermittelt Kent Haruf mit wenigen klaren Worten, die jedoch punktgenau ins Herz treffen und den Leser in eine melancholische Stimmung versetzen.

    Fazit:
    Ein melancholischer Roman über die späte Liebe, erzählt in einem wundervoll schnörkellosen, aber gefühlvollen Sprachstil. Leseempfehlung!

    © Renie