Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Buchseite und Rezensionen zu 'Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster' von Susann Pásztor
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5 von 5 (2 Bewertungen)

Wie begegnet man einer Frau, die höchstens noch ein halbes Jahr zu leben hat? Fred glaubt es zu wissen. Er ist alleinerziehender Vater und hat sich zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden lassen, um seinem Leben mehr Sinn zu geben. Aber Karla, stark, spröde und eigensinnig, arrangiert sich schon selbst mit ihrem bevorstehenden Tod und möchte nur etwas menschliche Nähe – zu ihren Bedingungen. Als Freds Versuch, sie mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen, grandios scheitert, ist es nur noch Phil, sein 13-jähriger Sohn, der Karla besuchen darf, um ihre Konzertfotos zu archivieren. Dann trifft Hausmeister Klaffki in einer kritischen Situation die richtige Entscheidung – und verhilft Fred zu einer zweiten Chance. Susann Pásztor erzählt in ihrem dritten Roman eine berührende Geschichte über die erstaunliche Entwicklung einer Vater-Sohn-Beziehung – unpathetisch und humorvoll, einfühlsam und mit sicherem Gespür für menschliche Gefühlslagen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
EAN:9783462048704

Rezensionen zu "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Jul 2017 

    Und die Seele kann den Körper verlassen

    Inhalt

    Im Zentrum der Geschichte stehen drei Personen, aus deren Perspektive in der Er/Sie-Form die Handlung abwechselnd erzählt wird.

    Karla Jenner-García ist eine Frau über 60 Jahre und unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Die Chemotherapie hat sie abgebrochen, ihr bleiben noch etwa 5-6 Monate zu leben. Sie ist schmal, blass und geht immer barfuß.

    Jahrelang hat sie in Ibizia und Formentera gelebt, zuletzt Immobilien mit ihrem spanischen Mann verkauft, so dass sie keine finanziellen Nöte hat.
    Da sie keine Familie und den Kontakt mit ihrer Schwester vor 40 (!) Jahren abgebrochen hat und nicht in ein Hopiz will, hat sie sich für eine Sterbebegleitung zuhause entschieden.

    Fred Wiener übernimmt diese Aufgabe, ein ca. 40 Jahre alter Mann, geschieden, übergewichtig und überpünktlich. Es ist seine erste Sterbebegleitung - sein Versuch einen Sinn im Leben zu finden?

    "Es gehörte zu seinen Gewohnheiten, Anfahrtszeiten so großzügig zu kalkulieren, dass ihm bei der Ankunft noch genügend Zeit zur Orientierung bleib. Das gab ihm Sicherheit." (S.7)

    Ihr erstes Zusammentreffen, in dem Fred sich angestrengt bemüht, eine Unterhaltung zu bestreiten, verläuft schwierig.

    "Tun sie mir den Gefallen und hören Sie bitte mit dieser Scheißkonversation auf." Sie sagte es nicht unfreundlich, aber bestimmt." (S.14)

    Karla bleibt unzugänglich, lässt sich aber zunächst auf die Begleitung ein.

    Phil Wiener ist Freds Sohn und ein Einzelgänger, ein 13-jähriger, der Gedichte liest und verfasst.
    Er hat sich bereits als Achtjähriger ein ein "Wörterkrankenhaus" ausgedacht, es

    "bestand aus einer dreibändigen handschriftlichen Sammlung von Wörtern, die Phils Meinung nach vorübergehend längerfristig oder, wenn sie unheilbar erkrankt waren, auch endgültig aus dem Verkehr gezogen werden mussten." (S.26)

    Er lebt nach der Scheidung seiner Eltern bei seinem Vater, seine esoterisch veranlagte Mutter schickt ihm Wachstumselixier und versucht, ihn mit positiver Energie per Telefon zu versorgen. Phil hasst es und bringt in seinen Gedichten seine Gefühle deutlich zum Ausdruck.

    Karla war in den 80/90er Jahren ein Groupie der Band "The Grateful Dead" und hat unzählige hochwertige Fotographien aus dieser Zeit, die Phil digitalisieren soll. So lernen sich beide kennen und behutsam baut sich eine Freundschaft zwischen den beiden auf, da Karla Phil so sieht, wie er wahrgenommen werden möchte und er ihren Wunsch nach Ruhe akzeptiert.
    Gleichzeitig verändert sich auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn.

    Auch Karla schreibt Gedichte, Wortlisten, die mehr über sie verraten, als die Gespräche, die sie führt.

    "otto verschont

    gudrun vertraut

    meiner kunst nicht vertraut

    zweimal abgetrieben

    mit dem fotografieren aufgehört

    joaquín verlassen

    chemo besseres wissen

    weitere idiotische fehlentscheidungen
    vielleicht sterbebegleiter engagiert

    kinderarbeitgeberin geworden" (S.79)

    Zwei Kapitel sind aus der Perspektive von Karlas Schwester Gudrun verfasst, die Leser*innen ahnen, welche Familientragödie sich abgespielt hat - Mutter weggelaufen, Vater Alkoholiker, Schwester frisst sich einen Schutzwall an, Karla muss für den Vater tanzen...der Rest bleibt offen und der Fantasie der Lese*innen überlassen.

    Im Haus, in dem sich Karlas Wohnung befindet, wohnt auch Leo Klaffki, allein stehender, älterer Herr und bekennender Werder-Fan und Hundebesitzer, der sich ebenso um sie sorgt und an Freds Seite steht. Genauso wie die junge Reno, in die sich Phil verliebt. Sie lassen sich nicht von Karlas spröder und zugänglicher Art abschrecken.
    Fred startet einen Versuch, die Schwestern an Weihnachten zu versöhnen. Ob das gelingen kann? Ob Karla diesen Übergriff verzeiht?

    Bewertung
    Susann Pásztor hat selbst eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin abgeschlossen und ist ehrenamtlich tätig (Quelle: Klappentext). Diese Erfahrung wird im Roman erlebbar.
    Das Ende Karlas ist absehbar und der Sterbeprozess wird sensibel und sehr berührend geschildert, Szenen, die wirklich ans Herz gehen, ohne kitschig zu sein.
    Ein trauriger, aber auch sehr schöner Roman, der ohne erhobenen Zeigefinger deutlich macht, dass das Sterben zum Leben gehört und jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, selbst zu entscheiden, wann und wie er gehen möchte.
    "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster", damit die Seele den Körper verlassen kann.

    Neben der Thematik Sterben (begleiten) steht die Beziehung zwischen Phil und seinem Vater im Fokus. Die Arbeit für Karla eröffnet dem Jungen die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu finden, festigt sein Selbstvertrauen und der Vater erkennt das Potential seines Sohnes. Doch auch Fred geht nicht unverändert aus dieser Begleitung hervor, die Erfahrungen erweitern auch seinen Horizont.

    Ein lesenswerter Roman, der lange nachhallt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Feb 2017 

    Vom Leben und vom Sterben...

    Fred Wiener ist frisch ausgebildeter ehrenamtlicher Mitarbeiter in einem Hospiz und nun bereit, seine erste Sterbegleitung anzutreten. Viele Bücher zu den Themen Psychologie und Tod hat er schon gelesen, doch nichts davon bereitet einen wirklich auf die Praxis vor. Entsprechend aufgeregt ist Fred, als er an der Tür klingelt - Karla Jenner-Garcia steht auf dem Schild. Doch was immer Fred auch erwartet haben mag - Karla reagiert skeptisch.

    "Herr Wiener?", fragte Karla und wartete geduldig, bis er wieder zu ihr aufblickte. "Darf ich Sie fragen, warum Sie das machen? Was bringt Sie dazu, fremde Leute zu besuchen, die bald sterben werden?" (...) "Ich hab mal eine Fernsehsendung über Hospizarbeit gesehen", sagte er. "Ich wusste sofort, dass ich das auch machen wollte." --- "Nehmen die denn jeden?" --- Er entschied sich zu glauben, dass das nicht gegen ihn gerichtet war. (S. 14 f.)

    Die 60Jährige verhält sich einfach nicht so, wie Fred es vermutet hat. Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstatdium, höchstens noch ein halbes Jahr zu leben - doch Karla ist sich nicht sicher, ob sie diese Art von Sterbebegleitung wirklich will. Fred jedoch lässt sich nicht beirren, bietet seine Dienste an und hat klare Vorstellungen, wie er dieser Patientin die letzten Wochen und Monate in ihrem Leben verschönern kann.

    "Ist das Ihr Unterhaltungsprogramm für Sterbende, Herr Wiener?", fragte Karla. "Ich setze eine Liste mit meinen Wünschen auf, die wir dann zusammen abarbeiten? Ein letztes Mal ans Meer? Noch einen Film für die Nachwelt drehen? Ich war noch nie in einem Sexshop oder so?" --- "Warum nicht", sagte er vorsichtig. --- "Dann sind Sie sehr romantisch, Herr Wiener. Wenn ich Listen schreibe, dann sind es welche, auf denen steht, welche Todesarten mir noch weniger gefallen als die, an der ich sterben werde. Ich schreibe Listen mit meinen gebrochenen Versprechen und all den Dingen, an die ich nie geglaubt habe. Ich schreibe eigentlich nur noch Listen. Für alles andere fehlen mir die Worte." (S. 17 f.)

    Karla ist stark, spröde und eigensinnig, ohne Familie und Freunde, und hatte schon immer klare Vorstellungen von ihrem Leben - und nun auch von ihrem Sterben. Doch auch wenn Fred allmählich begreift, dass er seine Vorstellungen von einer Sterbebegleitung hier nicht unbedingt ausleben kann, versucht er immer wieder, sich auf seine Art einzubringen. Aber 'gut gemeint' ist nicht immer das hilfreichste Kriterium, und so kommt es bei dem Versuch, Karla mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen, zu einem Bruch. Karla lehnt jede weitere Hilfestellung ab.

    "Ich habe eine Schwester, und die ist im Todesfall zu benachrichtigen. Solange ich das noch sagen kann, ist er nicht eingetreten." (S. 19)

    Fred Wiener ist am Boden zerstört, und nur die Tatsache, dass sein 13jähriger Sohn Phil Karla weiterhin besuchen kann, tröstet ihn ein wenig. Phil ist nämlich derjenige, der Karlas zahllose Fotos von Konzerten und Musikevents archivieren soll, um sie der Nachwelt zu erhalten. Phil erzählt seinem Vater zwar nicht viel, doch das wenige reicht Fred, um zumindest einen kleinen Eindruck davon zu erhalten, wie es Karla geht. Phil wächst an seiner Aufgabe und diesen sehr besonderen Begegnungen mit der Todkranken, und ganz allmählich verändert sich auch die Beziehung zwischen dem Sohn und seinem Vater. Hausmeister Klaffki ist jedoch schließlich derjenige, der den Kokntakt zwischen Karla und Fred wiederherstellt - in einer Notsituation ruft er den Sterbebegleiter einfach an und bittet um seine Unterstützung. Fred beschließt, fortan vorsichtiger zu sein.

    "Wie geht es jetzt weiter? Haben Sie mit Ihrem Arzt darüber gesprochen?" --- "Mein Arzt weigert sich, mir den genauen Todeszeitpunkt zu nennen. Meinen Sie, ich sollte da mehr Druck machen?" (S. 112)

    Durch die anderen Bücher von Susann Pásztor wusste ich bereits, dass man bei ihr vor keinem Thema Angst haben muss. Sie schreibt nicht kitschig, drückt nicht auf die Tränendrüse, hängt nicht an Klischees - sie schreibt einfach ehrlich. Ihr Stil ist - so auch hier - warmherzig, gefühlvoll, unpathetisch, humorvoll, verständnisvoll, menschlich, einflühlsam. Dabei gestaltet sie die Dialoge oft knochentrocken und mit viel hintergründiger Ironie, was mir besonders gefällt. Gerade bei einem solch doch recht ernsten Thema ist dies einmal mehr eine überaus gelungene Mischung.

    Phil blieb mit der fremden Frau allein im Wohnzimmer zurück. Er suchte verzweifelt nach etwas, das er sagen konnte, aber das Einzige, was ihm einfiel, war 'Ich bin Phil Wiener, und wer verdammt noch mal sind Sie?', und das ging nicht, denn er war das Kind hier und konnte solche Fragen nicht stellen, auch wenn er gerade das Gefühl hatte, von lauter Irren umgeben zu sein (...) und Phil fand, es war eigentlich ein guter Moment, um sich komplett in Luft aufzulösen oder an einem sicheren Ort abzuwarten, bis er volljährig war." (S. 131 f.)

    Dennoch oder gerade deswegen berührt die Geschichte. Dabei wird sie nicht auf das Thema Sterben und Sterbebegleitung reduziert, sondern erzählt vielmehr vom Leben. Von Karla erfährt der Leser nur so viel, wie sie ihn von sich wissen lassen möchte - ihre Antworten sind oft abweisend, manchmal aber auch nicht, und wichtig ist ihr nur, dass sie ihre letzten Wochen selbstbestimmt gestalten kann. Fred und Phil jedoch sind zwei einsame Individuen, die sich mögen, aber nicht so recht wissen, wie sie miteinander reden können. Karla und ihr Sterben dient da unbewusst als Katalysator, denn plötzlich bewegen sich Vater und Sohn aufeinander zu. Und gehen gemeinsam ins Leben.

    Lachen und Weinen liegen hier ganz dicht beieinander, und doch fühlte sich das Lesen die ganze Zeit über gut an. Susann Pásztor führt sicher durch die Erzählung, lässt hier kein Gefühl überhand nehmen und sorgt dafür, dass das Buch mit einem Gedanken geschlossen wird: Lust. Auf. Leben.

    Ich wünsche mir noch viele, viele Bücher von Susann Pásztor.

    © Parden