Und damit fing es an: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Und damit fing es an: Roman' von Rose Tremain
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

»Manchmal geschehen Dinge eben erst spät im Leben.«

Gustav Perle ist ein zurückhaltender Mann. Er wuchs in den 1940er-Jahren allein bei seiner Mutter Emilie in ärmlichen Verhältnissen im schweizerischen Matzlingen auf – und schon damals hat er gelernt, nicht zu viel vom Leben zu wollen. Als Anton in seine Klasse kommt, ein Junge aus einer kultivierten jüdischen Familie, hält mit ihm auch das Schöne in Gustavs Leben Einzug. Anton spielt Klavier, und seine Familie nimmt Gustav sonntags mit zum Eislaufen. Emilie sieht das nicht gerne, lebt sie doch in der Überzeugung, dass die Bereitschaft ihres verstorbenen Mannes, jüdischen Flüchtlingen zu helfen, letztlich ihr gemeinsames Leben ruiniert hat. Doch Anton ist alles, was Gustav braucht, um glücklich zu sein. Umso härter trifft es ihn, als Anton – beide sind längst erwachsen – Matzlingen verlässt, weil er seine große Chance als Pianist wittert. Gustav widmet sich seinem Hotel Perle, das er inzwischen mit Erfolg führt – doch er ist einsam und verspürt eine große Leere in seinem Leben. Bis Anton, gescheitert, zurückkehrt – und beide erkennen, dass das Glück vielleicht schon immer direkt vor ihnen lag.

Ein zarter, bewegender Roman, der davon erzählt, dass es manchmal fast ein ganzes Leben dauert, bis man das Glück findet – in dem einen Menschen, den man zum Leben braucht.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:333
Verlag: Insel Verlag
EAN:

Rezensionen zu "Und damit fing es an: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Okt 2016 

    Eine besondere Freundschaft

    Inhalt
    Der 1.Teil des Romans spielt in der Schweiz, im kleinen Ort Matzlingen im Jahre 1947. Im Mittelpunkt stehen die beiden Jungen Gustav und Anton, die sich in der Vorschule an Antons erstem Tag in der Stadt kennen lernen. Spontan freunden sich die beiden an, die jeweils aus einem ganz unterschiedlichen sozialen Umfeld kommen. Gustavs Vater ist bereits tot, weil er - wie seine Mutter Emilie betont - vor dem Krieg den Juden geholfen habe.

    "Er war ein Held", sagte Emilie jedes Jahr wieder zu ihrem Sohn. "Zuerst habe ich es nicht begriffen, aber das war er. Er war ein guter Mann in einer verkommenen Welt." (S.12)

    Emilie lehrt Gustav sich zu beherrschen, das sei wichtig im Leben, während der Junge eigentlich von seiner Mutter wahrgenommen und geliebt werden will.

    Sie leben zusammen in einer kleinen Wohnung, ihren Lebensunterhalt verdient Emilie in einer Käse-Kooperative, zusätzlich muss sie am Wochenende noch eine Kirche putzen.
    Anton Zwiebel dagegen stammt aus einem wohlhabenden, kultivierten Elternhaus. Die Familie ist aus Bern hergezogen, der Vater Bankier und den Nazis - so wird es angedeutet - entkommen.
    Die Zwiebels sind Juden, so dass Emilie, die diese für den Tod ihres Mannes verantwortlich zu machen scheint, ihnen gegenüber eine Abneigung empfindet.
    Trotzdem wird Gustav Teil dieser kultivierten Familie und wird es sein Leben lang bleiben. Besonders mit Antons Mutter Adriana verbindet ihn ein vertrautes Verhältnis, hat er sie als Junge bewundert, wird er als Erwachsener zu einem sehr guten Freund.
    Während Emilie ihre Arbeit verliert und aufgrund einer schweren Lungenentzündung fast stirbt und ins Krankenhaus muss, so dass Gustav gezwungen ist, alleine zurecht zu kommen, treibt den musikalischen Anton die Sorge um, vor Publikum auftreten zu müssen. Er möchte an einem Klavierwettbewerb teilnehmen, doch es fällt ihm schwer, sein musikalisches Talent auf der großen Bühne zu beweisen.
    1952, da sind die beiden Jungen 10 Jahre alt, reist Familie Zwiebel gemeinsam mit Gustav nach Davos. Dort entdecken die beiden ein verlassenes, schon halb verfallenes Sanatorium und spielen dort gemeinsam, sie würden die Tuberkolose-Kranken versorgen, gleichzeitig entscheiden sie, wer überlebt und wessen "Leiche" verbrannt werden muss.

    "Später in ihrem Leben fragten sie sich, ob das Spiel, das sie damals in Davos erfunden hatten, eigentlich >in angemessenem Rahmen< geblieben war. Sie wussten, dass es befremdlich gewesen war. Aber in der Befremdlichkeit lagen auch seine Faszination und seine Schönheit." (S.108)

    Während dieses Spiels muss Gustav Anton einmal reanimieren:

    "Langsam und widerstrebend näherte Gustav seinen Mund dem von Anton und berührte flüchtig seine Lippen. Er merkte, dass Anton den Arm hob, ihm um den Hals legte und ihn so weit zu sich herunterzog, dass die beiden Münder jetzt hart aufeinanderlagen, und Gustav fühlte, dass Antons Gesicht brannte." (S.114)

    Im 2.Teil wird die Geschichte Emilies und Erichs Perle erzählt, wie sie sich kennen lernen, heiraten und schließlich Gustav auf die Welt kommt - auch wenn der das zweite Kind des Paares ist.
    Die "Heldentat" Erich Perles besteht darin, dass er Juden geholfen hat, in die Schweiz einzureisen, nachdem dies offiziell nicht mehr möglich gewesen ist.

    "Am 18.August ergeht eine Anweisung des Schweizer Justizministeriums in Bern, dass alle deutschen, österreichischen und französischen Juden, die nach diese Datum versuchen würden die sichere Schweiz zu gelangen, zurückzuschicken seien." (S.148)

    Auch Perles Vorgesetzte Roger Erdmann steht vor einem Dilemma, wird jedoch schwer krank, sodass Erich selbst entscheiden muss, was er mit jenen Juden macht, die nach diesem Datum einreisen. Er trifft menschlich und moralisch die richtige Entscheidung, wird jedoch verraten und geht unter anderem daran zugrunde.
    Sein sozialer Abstieg und sein Tod stürzen Emilie zeitlebens in eine Existenz, die zur Liebe nicht mehr fähig scheint und so lebt sie, wie schon ihre Mutter zuvor, in permanenter Unzufriedenheit. Eine Einstellung, der Gustav verzweifelt und hilflos gegenübersteht.

    Im 3.Teil, der von 1992-2002 spielt, begleiten wir die erwachsenen Männer Gustav und Anton auf ihrem weiteren Weg. Gustav ist Inhaber eines Hotels, während Anton zunächst in Matzlingen in der Musikschule unterrichtet. Doch ihre Wege trennen sich, Gustav macht sich auf die Spur seines Vaters und begegnet dabei Lotti Erdmann, die im Leben von Erich Perle eine wichtige Rolle gespielt hat. Anton dagegen versucht dem engen Rahmen seiner Existenz zu entkommen und scheitert.
    Das Ende ist ein versöhnliches und vielleicht ein wenig zu rührend...

    Bewertung
    Ein Roman über eine besondere Freundschaft, der sehr sensibel die Beziehung der beiden Jungen nachzeichnet. Ihre Unwissenheit und ihre Scham sich ihre Gefühle einzugestehen, ihre Ängste, sich dem anderen zu offenbaren, werden behutsam thematisiert, ohne die Protagonisten bloßzustellen.
    Demgegenüber stehen sehr freizügige Szenen im 2.Teil der Geschichte, wenn es um die sexuellen Leidenschaften Erich Perles geht.

    Die Einblicke in das Leben nach dem Krieg und unmittelbar vor Kriegsausbruch, machen den Roman auch zu einem zeithistorischen Dokument, der die unrühmliche Rolle der Schweiz im Umgang mit jüdischen Emigranten nicht tabuisiert.

    Gleichzeitig zeigt dieser 2.Teil auf, warum Emilie zu so einer "kaltherzigen" Mutter werden konnte und versucht, ihre Handlungen psychologisch nachvollziehbar zu machen.

    Ein vielseitiger Roman, der sowohl aufgrund seiner Komposition, seiner Sprache und - am wichtigsten - seiner Geschichte, die er erzählt, überzeugt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Okt 2016 

    Zwei einsame Leben...

    Gustav Perle erlebt seine Kindheit kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen Ort in der Schweiz und wächst als einziges Kind einer mittellosen, alleinerziehenden Mutter auf. Doch nicht die Armut ist es, die ihm eine Lektion erteilt, sondern die Haltung seiner Mutter Emilie. Stark soll er sein, sich beherrschen und zusammenreißen, komme was da wolle. Doch obwohl er rasch begreift, vom Leben nichts erwarten zu wollen und obgleich er früh lernt, seine Gefühle zu unterdrücken, buhlt er mit jeder Faser um die Liebe seiner Mutter.

    "Dennoch dachte er sehr oft an seine Kindheit. Und jedes Mal ergriff ihn eine Traurigkeit, die absolut und umfassend zu sein schien - als könne kein Kummer der Welt ihn noch einmal so heftig treffen. Diese Traurigkeit legte sich wie ein grauer Dämmer um seine alte Kindheitsvorstellung, dass er unsichtbar sei: die quälende Erinnerung daran, dass der Knabe Gutstav immerzu versucht hatte, sich ins Licht zu rücken, damit seine Mutti ihn besser sah. Aber sie hatte ihn nie wirklich gesehen. Sie hatte sich für die Person, die er war, im Grunde blind gestellt." (S. 214)

    In die Vorschule geht Gustav gern. Dort lernt er eines Tages Anton Zwiebel kennen, der neu ist in der Klasse und gar nicht aufhören kann zu weinen. Aus Bern ist der Sohn wohlhabender jüdischer Eltern nach Matzlingen gekommen und muss sich nun in seinem neuen Leben zurechtfinden. Mit Gustav an seiner Seite fällt das nun ein kleines bisschen leichter. Denn der hat von Anfang an das Gefühl, Anton beschützen zu müssen. Den kleinen Anton, der in der Welt nie so recht zu Hause zu sein scheint, der Klavier spielt und als Wunderkind gilt, der von seinen Eltern sehr gefördert wird und der für selbstverständlich hält, dass er meist bekommt, was er will.

    Trotz der Gegensätze ihrer Herkunft und obwohl Emilie die Freundschaft zwischen Gustav und Anton im Grunde nicht gutheißt - denn war es nicht die Gutherzigkeit von Gustavs Vater, seine Judenfreundlichkeit während des Zweiten Weltkrieges, die ihn letztlich sein Leben kostete? - verlieren sich die beiden Kinder nicht aus den Augen. Gustav lernt durch Anton das Schöne im Leben kennen, eine Ahnung davon, wie es auch sein könnte. Nur eben nicht für ihn...

    Zwei Leben in Fragmenten, so könnte man den Aufbau des Romans vielleicht beschreiben. Im ersten langen Abschnitt lernt der Leser die beiden Kinder kennen, ihre beginnende Freundschaft, die Gegensätze ihrer beider Leben, die Ungerechtigkeiten, die vor allem Gustav widerfahren, und leidet mit dem Jungen die hartherzig anmutende Kälte der Mutter. Der zweite Abschnitt katapultiert einen dann in eine Rückblende hinein, die sich mit Emilies Geschichte beschäftigt, wie sie Gustavs Vater kennenlernt und wie sich ihr Leben unter dem schweren Eindruck des Zweiten Weltkriegs zum Unerwarteten verändert. Und im dritten und letzten langen Abschnitt erfährt die Geschichte einen erneuten Zeitsprung: Gustav und Anton sind nun alt, ihr Leben tritt in die letzte Phase ein, und Sehnüchte blieben ungesagt.

    "Er wusste tatsächlich nicht, ob er die Mahler-Symphonie mit ihrem herzzereißenden zweiten Satz durchstehen würde, denn er konnte ihn nie hören, ohne an Viscontis Verfilmung von Thomas Manns 'Tod in Venedig' zu denken. Die Leidensgeschichte der Hauptperson Aschenbach war ihm immer wie eine extreme Variante seiner eigenen erschienen. Thomas Mann hatte sehr genau begriffen, dass eine unerfüllte heimliche Leidenschaft zwangsläufig zum körperlichen Zusammenbruch führt und, mit der Zeit, zum Tod. Gustav fragte sich lediglich, wo und wann der Tod wohl ihn selbst erwartete." (S. 294)

    Die eher distanzierte Art des Schreibens gefiel mir ausgesprochen gut - Andeutungen reichen hier oft, um die mitschwingenden Emotionen zu transportieren. Für mich mussten die gar nicht ausgeschrieben werden - denn ähnliche Situationen sind einem selbst oftmals bekannt und die Gefühle dazu abgespeichert. So kann der Leser beispielsweise stellvertretend für Gustav empört sein über das oft so lieblos anmutende Verhalten der Mutter. Denn auch wenn da beispielsweise nur kurz geschildert wird, dass Gustav seine Mutter lieber nicht in den Arm nimmt, weil sie eigentlich nur ihre Zigaretten und den Schnaps will - wer ahnt denn nicht zumindest, wie das Kind sich dabei fühlen muss?

    Ein melancholischer, leiser Ton herrscht hier, der die Einsamkeit der beiden Hauptcharaktere messerscharf herausstanzt und einem beim Lesen unter die Haut kriecht. Dennoch empfand ich es nicht als Lektüre, die mich deprimierte, sondern als eine Erzählung, die mich letztlich mit einem Lächeln entließ. Ein wirklich besonderer Roman, der Liebhabern solcher Geschichten ans Herz gelegt werden kann.

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Aug 2016 

    Zurück zur Weggabelung

    Gustav Perle und Anton Zwiebel lernen sich in der Vorschule kennen. Sie stammen beide aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Während Anton behütet und verwöhnt in einem Bankiershaushalt aufwächst, so darben Gustav und seine Mutter oft Hunger und es plagen sie Existenznöte. Emilie Perle ist nicht fähig, ihrem Sohn ihre Liebe und Zuneigung zu zeigen, sie hält ihn lebenslang auf Distanz. Das tut seiner Liebe zu ihr keinen Abbruch und auch in seinen anderen Beziehungen zu Menschen, ist es Gustav, der aufrichtig liebt, ohne etwas zurück zu erwarten. Antons innigster Wunsch ist es, Konzertpianist zu werden. Während er spielt, umgibt ihn eine Verwandlung, er bekommt ein anderes Selbstvertrauen. Allerdings nur so lange, wie er nicht vor einem großen Publikum spielen muss. Dann nämlich wird Anton krank und keine Medizin kann ihn helfen. Vom ersten Tag ihrer Begegnung an sollen Anton und Gustav Freunde werden, die durch das Auf und Ab des Lebens gehen, mal ganz nahe, mal auf Distanz.

    Die Autorin Rose Tremain hat mit ihrem Roman „Und damit fing es an“ eine wunderbare Geschichte erschaffen. In schöner Sprache, fast schon poesievoll angehaucht, erzählt sie die uns Lesern aus dem Leben zweier Jungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Von den ersten Zeilen an, zieht mich die Autorin in ihren Bann und begeistert mich. Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet, die Entwicklung beider Jungen ist gut ersichtlich. Auch die Nebenfiguren sind liebevoll durchdacht und alle spielen sehr gut miteinander. Die Story selbst ist schlüssig und stimmig, nach und nach ich als Leserin alle Hintergründe. Das Buch bietet große Gefühle und lässt mich mit den Personen mitfühlen und mitleiden aber auch mitlachen.

    Von Herzen gerne vergebe ich diesem Buch seine wohlverdienten fünf von fünf möglichen Sternen und empfehle es unbedingt weiter. Wer sich zur Lektüre dieses Romans entschließt, wird mit einem wunderbaren, literarischen Kleinod belohnt. Ein Buch für den niveauvollen Lesegenuss.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Aug 2016 

    Wir schreiben das Jahr 1947

    Wir schreiben das Jahr 1947 und befinden uns in Matzlingen, Schweiz.
    Der kleine Gustav lebt mit seiner Mutter Emilie in einer kleinen Wohnung. Der Vater lebt nicht mehr, Gustav kann sich gar nicht an ihn erinnern. Die Mutter ist verbittert, sie hatte schon bessere Zeiten erlebt. Ja, es kommt so weit, dass sie für Samstagvormittags noch einen Job annehmen muss. Zu dem begleitet Gustav seine Mutter. Sie putzen in der Kirche für die Wochenendgottesdienste.

    1948, Gustav besucht die Vorschule, kommt auch Anton in diese Schule. Er traut sich gar nicht richtig ins Schulzimmer, bleibt vorne stehen und fängt unaufhaltsam an zu weinen. Die Lehrerin beauftragt Gustav, mit Anton nach draußen in die Sandkiste zu gehen und eine Burg zu bauen.

    Und damit fing es an - wunderbar passt hier der Buchtitel.

    Die beiden Jungen freunden sich an. Anton besucht Gustav sogar zu Hause. Doch Emilie will ihn danach nicht mehr in der Wohnung haben. Er ist ein Jude. Gustav kann damit nichts anfangen.

    "Ach", sagt Emilie. "Die Juden sind die Leute, wegen denen dein Vater gestorben ist, als er sie retten wollte."

    So geht Gustav öfter zu Anton. Er hört ihn Klavierspielen, sie spielen mit der Eisenbahn und gehen mit Antons Mutter auf die Eisbahn.
    Solange, bis Gustav wegen schlechter Noten gerade an dem Eisbahntag Nachhilfe bekommen soll. Das zieht sich über Monate hin und Anton findet derzeit jemand anderen, der auf dem Eis mitläuft.

    Zu Beginn des Jahres 1950 arbeitet Gustav nun schon drei Monate jeden Sonntag mit Max Hodler. Er vermisst seine Eisenbahn. Sie war das einzige Spielzeug, das er hatte und hat es kaputt gemacht, als er Nachhilfe nehmen musste. Seine Mutter hat sie dann weggeschmissen.
    Bis zum Frühjahr dauert die Nachhilfe noch. Und als Max Hodler einmal das Wort Scheiße entschlüpft, hat er in Gustav einen Freund gefunden.
    Emilie verliert ihre Arbeit und wird krank. So sehr, dass sie ins Krankenhaus muss. Eine Nachbarin soll sich um Gustav kümmern, doch viel hat er von ihr nicht gesehen. Von ihrem Sohn Ludwig sieht er allerdings mehr, als er will. Holt der doch sein Geschlechtsteil aus der Hose und verlangt von Gustav, dass er ihn anfassen soll.

    Von Anton erfährt Gustav, dass sein Klavierlehrer ihn in Bern für den Nationalen Kinderklavierwettbewerb angemeldet hat. Gustav hofft, dass er die Mutter überreden kann, mit ihm dahin zu fahren. Doch die muss erst mal wieder gesund werden. Er fährt zu ihr in die Klinik und sitzt an ihrem Bett. Wieder zu Hause, verbarrikadiert er die Wohnungstür aus Angst, Ludwig könnte versuchen, in die Wohnung zu kommen.

    Zu Beginn des Sommers kommt Emilie wieder nach Hause. Sie findet eine neue Arbeit in einer Apotheke und verdient wenigstens so viel, dass sie am Wochenende nicht mehr putzen gehen müssen. - Ja, Gustav darf Anton sogar zu seinem Konzert begleiten.

    1952 laden die Zwiebels Gustav zu einem Urlaub nach Davos ein. Den Ort, wo Emilie eine kurze Zeit mit ihrem Mann glücklich war. Bevor Gustav auf der Welt war.

    Und gerade, als ich dachte, nun müsste doch mal was passieren, endet der erste Teil des Buches. Ohne Frage, die Geschichte ist toll geschrieben. Rose Tremains Schreibstil trägt mich von Satz zu Satz, Kapitel zu Kapitel, Seite zu Seite. Aber irgend etwas fehlte mir langsam, und als ob sie meine Gedanken erraten hätte, beginnt der zweite Teil des Buches damit, mir Gustavs Mutter näher zu bringen. Das wird dann schon mal interessanter.

    Obwohl es ja im Klappentext heißt:

    Ein bewegender Roman, der davon erzählt, dass es manchmal fast ein ganzes Leben dauert, bis man das Glück findet - in dem einen Menschen, den man zum Leben braucht."

    Ihr dürft also gespannt sein, wenn ihr das Buch denn lest.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jul 2016 

    Eine schwierige Freundschaft

    Rezension vom 26.07.2016 (42)

    ….. weil er er war, weil ich ich war. (Montaigne)

    Jedes Buch von Rose Tremain ist für mich etwas Besonderes. Ihre Geschichten sind leise, oft von einer stillen Traurigkeit umhüllt, aber immer liebe-und hoffnungsvoll.
    Ich kenne kaum eine andere Autorin, die es schafft mit wenigen Sätzen ein Leben, einen Charakter oder eine Situation lebendig werden zu lassen. Hier nur ein Satz, der das bestätigt: „………zaubert ein verstecktes Lächeln in das Vogelgesicht des Managers. Er sieht es gern, wenn Frauen sich bei schwerer Arbeit abmühen, es macht sie begehrenswert und gleichzeitig erbärmlich“. Hier sieht man den Charakter des Mannes schon allein durch diesen Satz bloßgelegt. Bei Rose Tremain genügen nur wenige Abschnitte und man taucht in das Leben der Protagonisten, steht an ihrer Seite, ob in Sympathie oder Abneigung.
    Sehr gelungen fand ich auch die Schilderung der Schweiz in den Kriegs-und Nachkriegsjahren, den Makel der undurchlässigen Grenzen und die unterschwelligen Vorurteile der Schweizer Bürger und Behörden und den latent vorhandenen Antisemitismus.
    Gustav wächst in der Schweiz späten 40iger Jahre heran, vom beginnenden Wohlstand ist bei ihm und der verbitterten Mutter nicht viel angekommen. Liebe und Geborgenheit sucht er bei Mutter Emilie Perle vergeblich, aber wie könnte sie ihm diese Gefühle geben, sie hat sie doch selbst nie erfahren, auch wenn sie sich bei Gustavs Vater kurze Zeit sich dieser Täuschung hingibt.
    Dann gibt es den einen Augenblick im Leben Gustavs, der alles ändert: in der Vorschule wird ein weinender Junge zu ihm gesetzt, zwei kleine Außenseiter sollen sich gegenseitig stützen. Mit der Begegnung beginnt eine lebenslange Verbindung, die Gustav oft viel abverlangt.
    Der erste Teil, der Gustavs Kindheit beschreibt ist melancholisch, aber der zweite Teil, der seinen Eltern gewidmet ist, ist tragisch. Beide suchen sie Liebe, aber sie finden sie nicht. Im Gegenteil, die Selbsttäuschung schlägt bei beiden Ehepartnern in Verachtung und Mitleid um. Der letzte Teil, schildert Anton und Gustav als Erwachsene, die beide an den seelischen Verletzungen ihrer Kindheit gewachsen sind.
    Rose Tremain schildert ihre Geschichte mit unglaublicher Empathie für ihre Figuren, sie verurteilt sie nicht, sie ergreift keine Partei. Sie akzeptiert sie mit ihren Schwächen und Fehlern. Ihre Sprache ist feinsinnig, sensibel, nuanciert und reif. Obwohl es keine großen Ereignisse sind, die das Leben ihrer Hauptfiguren prägen, ist ein ganzer Kosmos von Schicksalen und Sehnsüchten enthalten. Dieses Buch lege ich nur ungern zur Seite, es lässt mich nicht so schnell los und die Geschichte klingt lange nach.
    Für mich ist Rose Tremain eine der wichtigsten Stimmen der englischen Literatur und ich wünsche dem Buch viele begeisterte Leser.