Über uns: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Über uns: Roman' von Eshkol Nevo
3.65
3.7 von 5 (8 Bewertungen)

Ein Haus, drei Etagen und jede Menge Geheimnisse


Arnon und Ayelet haben seit der Schwangerschaft Probleme mit dem Sex. Damit die Dinge wieder ins Lot kommen zwischen ihnen, passen Ruth und Hermann, das reizende ältere Ehepaar von nebenan, gern auf ihre kleine Tochter auf. Ein Stockwerk drüber hadert Chani Doron, die »Witwe« (ihr Mann ist ständig auf Geschäftsreise), mit ihrem Leben und Dvorah Edelman, ehemalige Richterin und tatsächlich verwitwet, träumt in der obersten Etage nachts davon, ihr Über-Ich werde amputiert. Lügen und Selbsttäuschung durchdringen Alltag und Familienleben. Nevo wirft Licht in die dunklen Winkel der menschlichen Natur und ist seinen Figuren zugleich mitfühlender Freund. Einfach davonkommen aber lässt er sie nicht ...

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
EAN:9783423281317

Rezensionen zu "Über uns: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Jun 2018 

    Ein Stadthaus wird Modell

    Eshkol Nevo zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Israels und wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Sein Roman „Über uns“ wurde von Markus Lemke übersetzt und erschien im Januar 2018 im dtv-Verlag. Auf dem Cover ist ein mehrstöckiges Stadthaus vor leicht bewölktem Himmel zu sehen. Dieses Haus bildet auch den Rahmen des Romans, der in drei große Abschnitte gegliedert ist: Die Erste Etage, die Zweite Etage und die Dritte Etage. Im Großen und Ganzen steht jede dieser Etagen für sich allein, es gibt nur wenige Berührungspunkte. Allen gleich ist, dass jeweils nur ein Erzähler in der Ich-Perspektive erzählt, und zwar einer dritten Person.

    In der Ersten Etage berichtet Arnon, offensichtlich einem alten Freund, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Er wohnt dort mit seiner Frau Ayelet, dem Sohn Yaeli und der gemeinsamen Tochter Ofri. Arnon ist absolut überzeugt, dass Ofri von Ayelet vernachlässigt wird. Das versucht er, mit Liebe und Aufmerksamkeit zu kompensieren. Nebenan wohnt das alte Ehepaar Ruth und Hermann. Hermann leidet unter Alzheimer Demenz, dennoch beaufsichtigt das Rentnerpaar oftmals die kleine Ofri, deren Eltern sich dadurch mehr persönliche Freiräume schaffen. Schnell bemerkt der Leser, dass Arnon dabei absolut berechnend vorgeht. So auch eines Abends, als er zum Sport gehen möchte, Frau und Sohn aber nicht rechtzeitig daheim sind. Die Eheleute hatten sich vorgenommen, Ofri nur noch bei den Nachbarn abzugeben, wenn Ruth zu Hause ist, weil sie Hermann aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr für zuverlässig halten. Darüber setzt sich Arnon hinweg, was in einem Drama endet, weil nämlich Hermann und Ofri anschließend für Stunden verschwinden. Als sie wieder aufgefunden werden, ist der alte Mann derangiert und in Tränen aufgelöst. Das Mädchen verhält sich in der folgenden Zeit auffällig, man vermutet ein psychisches Trauma. In Folge benimmt sich Arnon absolut selbstgerecht und cholerisch, lässt nur seine eigene Wahrheit zu. Dass er selbst sich dazu noch in ein absolut unmoralisches Verhältnis stürzt, das er vor sich selbst zu rechtfertigen versucht, gibt dem Abschnitt weitere Würze.

    In der Zweiten Etage leben Chani und Assaf mit ihren Kindern. Meistens ist Chani jedoch alleinerziehend, da ihr Mann oft geschäftlich unterwegs ist. Sie fühlt sich absolut nicht wohl als Hausfrau, schnell wird klar, dass sie sich bereits früher in psychischer Behandlung befunden hat. Da sie ihren Therapeuten nicht erreicht, beginnt sie, ihrer Freundin Briefe zu schreiben, in der sie sehr ehrlich ihre Erlebnisse und Schwächen schildert. Spannend wird es, als ihr Schwager Eviatar bei Chani auftaucht und sie um Hilfe bittet. Er ist offenbar in schmutzige Immobiliengeschäfte verwickelt, wird sowohl von der Polizei als auch der Unterwelt gesucht und braucht eine Bleibe. Beide lernen sich besser kennen, Eviatar scheint genau der Typ Mann und Vater zu sein, den sie sich früher gewünscht hat. Chani muss zu ergründen versuchen, wie sie selbst leben möchte. In diesem Abschnitt verschwimmen Realität und Fiktion, was einen besonderen Reiz ausmacht.

    In der Dritten Etage wohnt Dvorah, eine pensionierte Richterin. Ihr Ehemann Michael, ein höchst angesehener Mann, der mit seinen festen moralischen Grundsätzen auch Dvorahs Leben bestimmte, ist vor kurzer Zeit gestorben, so dass sie sich nun neu sortieren und befreien muss. Das tut sie, indem sie die ganze Geschichte auf einen Anrufbeantworter spricht, auf dem eingangs noch die Stimme ihres Mannes zu hören ist. Dvorah beschreitet ganz neue Wege. Sie verlässt ihre geborgene Wohnung, um zu demonstrieren, um die Studentenbewegung mit juristischem Rat zu unterstützen. Dort lernt sie den etwa gleichaltrigen Avner kennen, der eine erwachsene Tochter hat. Dadurch wird sie auch an ihren eigenen Sohn erinnert, zu dem sie aufgrund eines Vorfalles seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, was sie natürlich noch immer belastet. Zwischen Avner und Dvorah entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft, die man als Leser sehr gerne verfolgt. Dieser dritte Teil ist im Kern eine glaubwürdige Familiengeschichte. In der Vergangenheit sind Dinge passiert, die man nicht ungeschehen machen kann. Dennoch fiebert man mit und wünscht sich eine Verständigung.

    Wie bereits erwähnt, kann man diese drei Abschnitte weitgehend unabhängig voneinander betrachten. Das große Ganze ergibt sich aus dem Interpretationsansatz, den der Autor selbst mitliefert, es soll sich nämlich bei dem Haus um ein Modell zu Freuds Psychoanalyse-Struktur handeln: " Die Enzyklopädie der Ideengeschichte schließlich half mir, dass nach Freuds Theorie in der ersten Etage alle unsere Bedürfnisse und Triebe angesiedelt sind, das Es. In der mittleren Etage wohnt das Ich, das versucht zwischen unseren Begehrlichkeiten und der Realität zu vermitteln. Und in der obersten Etage, der dritten, wohnt seine Majestät, das Über-Ich, das uns immer mit finsterer Miene zur Ordnung ruft und von uns verlangt, auch den Einfluss unserer Taten auf das Gemeinwohl der Gesellschaft zu berücksichtigen." (S. 237)

    Ich persönlich fand die ersten beiden Abschnitte gewöhnungsbedürftig. Die erzählenden, unzuverlässigen Erzähler blieben mir als Personen und in ihren Handlungen fremd. Die Geschichten wirken sehr skurril und nebulös, was für den einen oder anderen aber auch einen Reiz ausmachen könnte. Beide würden von mir 3 Sterne bekommen. Der dritte Abschnitt war im Gegensatz dazu von Anfang an fesselnd. Die verwitwete Richterin, die versucht, sich in ihrem neuen Lebensabschnitt vom Einfluss ihren mächtigen Mannes zu befreien und neue Wege zu gehen, wirkte sehr authentisch. Die Dritte Etage allein hätte von mir 5 Sterne bekommen.

    Freuds Theorie als umspannende Klammer für dieses Buch ist eine interessante Idee, die mich jedoch nicht an allen Stellen überzeugen konnte. „Über uns“ ist ein spezielles Buch, aber kein schlechtes. Da es in Tel Aviv spielt, bekommt man auch einiges über die Probleme, Lebensgewohnheiten und die latente Kriegsgefahr in Israel mit. Dass das Haus auch ein Spiegel der israelischen Gesellschaft sein könnte, wie einige Rezensenten vermuten, konnte ich nicht entdecken.

    Wer sich für psychologische Zusammenhänge in der menschlichen Seele interessiert, der kann mit diesem Buch möglicherweise noch weit mehr anfangen als ich. Das gemeinsame Lesen in unserer Leserunde hat mir mit Sicherheit viele Aspekte des Romans erschlossen, die mir allein verborgen geblieben wären.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 04. Jun 2018 

    Überich - Überuns

    Passend zu den Feierlichkeiten des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel durfte ich mich auch lesend mit diesem Land befassen und zwar im Rahmen der Leserunde zu Eshkol Nevos „Über uns“, frisch erschienen im dtv-Verlag.
    Der Roman führt uns in ein Mietshaus in einem Teil Tel Avivs. In diesem Haus arbeitet sich der Autor für den Leser durch die drei Etagen und erzählt in drei unterschiedlichen und nur lose verbundenen Teilen die Geschichten der jeweiligen Bewohner.
    In der ersten Etage geht es dabei um ein junges Ehepaar mit einer kleinen Tochter von 8 (?) Jahren. Der Mann erzählt einem alten Freund bei einem Treffen im Café die Geschichte seiner aktuellen Situation. Dabei geht es um einen eher diffusen Verdacht eines sexuellen Übergriffs gegenüber dem Nachbarn. Diesem hatte das Ehepaar die Tochter zur Aufbewahrung anvertraut und in einer etwas zweifelhaften Situation wieder abgeholt. Der Mann setzt danach alles daran, um den Zweifel aufzuklären und auszuräumen und den alten Nachbarn des Übergriffs zu überführen. Dabei nähert er sich auch dessen minderjähriger Enkelin an, die ihn /die er verführt.
    In einer Atmosphäre des Selbstmitleids und des tiefen Leidens wird diese Geschichte dem Freund erzählt. Ein kommunikativer Austausch findet dabei nicht statt. Es geht einzig um die nach Bestätigung heischende Sichtweise des Mannes.
    Diesen Teil des Romans fand ich nur schwer erträglich wegen dieser vor Selbstmitleid und männlicher Selbstgefälligkeit triefenden Grundhaltung.
    In der zweiten Etage lebt eine junge Mutter, die nach der Geburt eines Kindes ihre Stellung aufgegeben hat und den Plan verfolgt, parallel zur Kinderbetreuung von zu Hause aus Arbeit als Architektin zu verrichten. Das schafft sie aber nicht. Sie verbittert an dieser Situation immer mehr und gibt an der Bitterkeit der Lebenslage vor allem ihrem Mann die Schuld, der sich in seinem Job ständig auf Dienstreise befindet und sie und das Kind vernachlässigt. Die Frau aber wacht und blüht auf, als sich bei ihr ihr Schwager in einer kritischen Lebenssituation meldet. Dieser Schwager (Bruder des Ehemannes) ist das genaue Gegenteil des Ehemannes und deshalb auch schon seit langem mehr oder weniger ohne Kontakt zu ihm. Nun ist die Polizei auf seinen Fersen wegen des Verdachts auf groß angelegten Betrug und er braucht für einige Tage ein Versteck. Die Lebensfreude und die unkonventionelle Einstellung des Schwagers kann die Frau ein wenig anstecken und aus ihrer Lethargie und ihrem Selbstmitleid herausreißen. Das führt dazu, dass sie einen Anstoß zur Veränderung erhält und diesen auch umsetzt nachdem der Schwager wieder verschwunden ist: sie versucht in ihren alten Job zurückzukehren.
    Diese Geschichte erfahren wir wiederum in einer eindimensional ausgerichteten Kommunikation. Dieses Mal ist es ein Brief der Frau an eine alte, nach Amerika ausgewanderte Freundin.
    In der dritten Etage lebt eine pensionierte Richterin, die ihrem verstorbenen Mann in kleinen Einheiten (so wie es die Technik jeweils zulässt) auf dessen Anrufbeantworter davon berichtet, wie sie ausbricht und die von ihm in der Vergangenheit aufgestellten Regeln und Konventionen bricht und verlässt, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und den langjährig anhaltenden Bruch mit dem Sohn zu überwinden. Sie nimmt an einer großen sozialpolitischen Demonstration teil, trifft dort auf eine Gruppe von Psychologen, die ihren juristischen Rat brauchen und einen Mann, der sie zu ihrem lange verlorenen Sohn zurückführt. Das alles krempelt ihr Leben komplett um und hilft ihr, die dritte Etage des Hauses schließlich auch verlassen zu können.
    In diesem dritten Teil des Romans gibt der Autor dem Leser einen sehr deutlichen Hinweis auf den Schlüssel zum Verständnis des Romans oder zumindest dessen Konstruktion: die drei Etagen, die hier beschritten werden, stehen irgendwie stellvertretend für das Strukturmodell der Psyche nach Sigmund Freud (Es, Ich, Überich) und der Leser hat sich mit Lesen des Romans langsam nach oben durcharbeiten können und hat die Tiefen des Es, das für das Lustprinzip mit Trieben, Wünschen und Verdrängtem steht, verlassen können, um schließlich das Moralitätsprinzip zu erreichen, in dem Regeln und Gebote herrschen und den Menschen bestimmen.
    FAZIT:
    Auch wenn ich Teile des Romans von Eshkol gern und mit Freude gelesen habe bleiben bei mir doch sehr entscheidende Probleme damit bestehen:
    1. Es ist mir nicht gelungen, die drei Teile tatsächlich zu einem Roman zusammenzufügen. Es bleibt bis zum Ende für mich eher eine Erzählsammlung, die bestenfalls durch eine etwas mühsame Erzählkonstruktion des Autors zusammengehalten wird. (siehe 2)
    2. Der „Roman“ erscheint mir etwas überkonstruiert. Schon die Vorstellung der drei Etagen eines Hauses funktioniert für mich nicht. Es bleiben einzelne Wohnungen/Etagen und das Haus an sich wird für mich im Roman nie greif- oder sichtbar. Die Überstülpung des Freud-Schlüssels über diese Konstruktion dann setzt dem noch einen drauf. Hier geht Eshkol mit der Holzhammermethode auf den Leser los und lässt ihm nicht die eigene Interpretation und Bewertungswelt, sondern stellt ihm die Bewertungsanleitung gleich zur Verfügung. Will ich das wirklich in einem literarischen Text?
    3. Die erzählten Geschichten erscheinen mir in die Überkonstruktion des Romans (siehe 2) so sehr hereingepresst, dass wenig Raum bleibt, um tatsächlich in das Leben der israelischen Gesellschaft einzutauchen. Ich erfahre letztendlich erstaunlich wenig über diese Gesellschaft, ihre Probleme, Anliegen und Wünsche und tauche nicht ein in sie. Hieran scheint mir vor allem der durchgängig eindimensionale Kommunikation in dem Roman geschuldet. Wo kein Austausch stattfindet, findet keine Reibung statt. Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Wirklichkeiten kann ich so nur sehr eingeschränkt gewinnen.
    Ich kann diesem Roman aus all diesen Gründen leider nicht mehr als 3 Sterne geben.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Mai 2018 

    Wer wohnt in diesem Haus?

    Wer wohnt in diesem Haus?

    Eskhol Nevo - Über uns

    "Es passiert etwas, und ich kann niemandem davon erzählen. Aber ich muss, muss es einfach jemandem erzählen?"

    Dieser Satz, der den Leser auf dem Einband mitgeteilt wird, beschreibt das Gefühl, dass mich nach Lesebeginn beschlichen hat sehr treffend.
    Auch mir kam es so vor, als ob hier jemand seine Geschichte loswerden möchte.

    Der Autor bringt dem Leser die Handlung auf eine sehr interessante Weise näher. Er erzählt von den Hausbewohnern eines Komplexes in Tel Aviv, wobei die drei Abschnitte für die drei Etagen des Hauses stehen.
    In der ersten Etage lernen wir Arnon und seine Frau Ayelet kennen. Die beiden haben zwei Mädchen, das ältere der beiden, Ofri, findet sich oft in der Obhut des alten Ehepaares wieder, dass auf derselben Etage wohnt. Ruth und Hermann haben Spaß daran, wahrscheinlich weil ihnen die eigenen Kinder und Enkel sehr fehlen, die nicht so häufig zu Besuch kommen können. Doch bald steht ein schlimmer Verdacht im Raum, der das Leben beider Familien durcheinander bringt. Arnon führt durch die Etage, erzählt seine Geschichte einem Bekannten, von dem wir im Grunde nur erfahren, dass er Schriftsteller ist, in Monologform.
    Die zweite Etage wird von Chani bestritten, die ebenso wie Arnon ihre Sicht ihres Lebens darstellt. Sie bewerkstelligt dies, indem sie eine E-Mail an eine entfernt lebende Freundin verfasst.
    Chani fühlt sich von ihrem Mann Assaf allein gelassen, er ist häufig auf Geschäftsreise. Als sein Bruder Eviatar auftaucht, um dort unterzutauchen, hilft Chani ihm, obwohl sie weiß, dass die Brüder zerstritten sind.
    Chani beichtet ihrer Freundin im weiteren Verlauf einiges, nimmt den Leser so mit auf ihrem Weg.
    Die dritte und letzte Etage brachte mir am meisten, zumal sie mir nicht nur eine aufregende Geschichte bot, sondern auch ein paar Antworten lieferte, die die ersten beiden mir schuldig geblieben sind.
    Die pensionierte Richterin Dvorah, spricht über den Anrufbeantworter mit ihrem verstorbenen Mann. Sie spricht über das schwierige Verhältnis zu deren gemeinsamen Sohn. Im weiteren Verlauf nimmt die Geschichte eine Wendung, die mich in ihr Gefühlsleben blicken lässt. Hier wird für mich das erste mal wirklich eine Leb Nagelschuhe erzählt, die mich fesseln konnte.

    Diese drei Geschichten haben mich zum grübeln gebracht. Die Erkenntnis die hinter allem steckt wurde allerdings für mich nur über weitere Nachforschungen ersichtlich. Durch Berichte im Internet konnte ich schließlich das Konzept, welches hinter allem steckt nachvollziehen. Aus diesem Blickwinkel noch einmal auf diesen Roman zu schauen, hat mir einiges klar gemacht und regte zum nachdenken an. Ein psychologisch durchdachtes Werk, dass den Leser wirklich fordert.

    Habe lange über eine Bewertung gegrübelt. Zu Beginn war ich wenig angetan von Nevos Werk, aber es hat mich weit über das Ende hinaus beschäftigt, das schaffen nicht viele Bücher. Und ist es nicht das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass man es nicht einfach weglegt und vergisst? Vergessen werde ich die Leseerfahrung mit dem Roman nicht, daher spreche ich zwar eine Leseempfehlung aus, allerdings mit der Einschränkung, dass man diesem Buch bis zum Ende folgen muss, um den vollen Nutzen aus ihm ziehen zu können.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Mai 2018 

    Ein Freud-en-haus...

    Zentraler Schauplatz in diesem Buch ist ein dreistöckiges Haus in einem bürgerlichen Vorort von Tel Aviv ('Bourgeoisistan'). Kein Unkraut wächst zwischen den Platten auf dem Bürgersteig, kein lauter Streit dringt durch die Wohnungstüren, im Treppenhaus begegnet man sich höflich. Doch in den eigenen vier Wänden geht es zuweilen anders zu.

    Der Autor widmet sich nacheinander allen drei Etagen des Hauses, wodurch der Leser die Möglichkeit hat, die dort wohnenden Parteien näher kennenzulernen. Im Grunde sind es dadurch jedoch drei Geschichten, die sich von unten nach oben durch die Stockwerke bewegen, ohne wirklich eng miteinander verknüpft zu sein - eben so, wie auch die Nachbarschaft lediglich eine lose ist.

    Im Erdgeschoss wohnt eine junge Familie mit zwei Kindern, und zwischen den Eltern ist seit der letzten Geburt das Sexleben zum Erliegen gekommen. Der Familienvater bemüht sich sehr, seiner Rolle gerecht zu werden, verrennt sich jedoch bald in die Vorstellung, dass der alte Nachbar von nebenan, der gelegentlich gemeinsam mit dessen Frau auf seine ältere Tochter aufpasst, sich an der 7Jährigen vergangen haben könnte. Je mehr er darüber nachdenkt, desto mehr steigert er sich in diese Idee hinein, bis alles in eine unumkehrbare Schieflage gerät...

    In der Etage darüber wohnt eine vom Leben frustrierte Frau, die von den anderen Hausbewohnern hinter vorgehaltener Hand als 'Witwe' bezeichnet wird. Ihr Mann ist jedoch nur ständig auf Geschäftsreise, so dass sie für die Kinder alleine verantwortlich ist. Ständig zu Hause, wächst ihre Unzufriedenheit, und sie beginnt an allem zu zweifeln, v.a. an ihren eigenen Fähigkeiten - und an ihrer Wahrnehmung. Als der kriminelle Bruder ihres Ehemanns plötzlich bei ihr auf der Schwelle steht, beginnt sie mit diesem eine Affäre. Oder vielleicht doch nicht?

    Im obersten Stockwerk schließlich lebt eine verwitwete pensionierte Richterin, die versucht, sich von dem übermächtigen Schatten ihres toten Ehemanns zu befreien. Auch das Zerwürfnis mit ihrem einzigen Sohn versucht sie zu kitten, was zu Lebzeiten ihres Mannes nicht mögich war.

    Eshkol Nevo lässt die drei Personen ihre Geschichte jeweils selbst erzählen - Monologe, die in unterschiedlicher Form präsentiert werden. Der junge Familienvater aus dem Erdgeschoss erzählt seine Gedanken einem nicht näher bezeichneten Freund, die Frau aus der Etage darüber schreibt einer Freundin einen langen Brief, und die Richterin spricht ihrem Mann auf einen in der Schublade gefundenen Anrufbeantworter - in zweiminütigen Sequenzen, jeweils vom Piepton unterbrochen. Einen zusammenhängenden Roman ergibt das in meinen Augen nicht, auf bereits zurückgelassene Etagen geht die Erzählung anschließend kaum noch ein, höchstens einmal durch eine flüchtige Bemerkung.

    Hat mich die Tatsache schon gestört, dass es sich hierbei kaum um einen Roman handelt, fand ich es noch viel ärgerlicher, dass mir die Schilderungen der ersten beiden Etagen einfach nicht gefallen haben. Unbeherrscht und sexbesessen der junge Familienvater, abgedreht und nahe am Wahnsinn die Frau aus dem Stockwerk darüber - keine angenehmen Zeitgenossen, und die Handlungen rund um die beiden waren für mich bestenfalls verstörend, was dazu noch jeweils offen endete, so dass ich mit den Geschichten in der Luft hängen gelassen wurde.

    Die abschließende Geschichte um die Richterin allerdings hat mir gut gefallen - ein wenig ausgeschmückt hätte mir diese vollkommen als Roman gereicht, und auch so hätte ich einen kleinen Einblick in die gesellschaftliche Lage in Israel erhalten, was wohl in der Intention des Autors lag.

    Nicht aufgegangen dagegen wäre dann jedoch bei nur einer Geschichte das Konzept, das Eshkol Nevo seinem Roman zugrunde gelegt hat. Er hat das Haus so gestaltet, dass es das Drei-Instanzen-Modell der Psyche nach Freud repräsentiert: unten das Es (Triebe, Bedürfnisse, Affekte, handelnd nach dem Lustprinzip), in der Mitte das Ich (bewusstes Denken, Selbtsbewusstsein, Regulativ zwischen Es und Über-Ich), und schließlich ganz oben das Über-Ich (Normen, Werte, Gehorsam, Moral, Gewissen). Wem sich dieser Gedanke nicht aufdrängt, dass es sich hier um ein Freud-en-haus handelt und wer sich dazu auch noch nicht das Literarische Quartett vom 20. April 2018 angesehen hat, dem wird diese Interpretation im dritten Teil des 'Romans' demonstrativ (und wortwörtlich) aufgedrängt...

    Dieser Interpretationsansatz ist zwar innovativ und erklärt auch einige Aspekte der Erzählung, wirkt für mich aber schon arg konstruiert und experimentell. Da wurde die Erzählung mühsam über ein Konstrukt gestülpt, was ich persönlich als zu gewollt empfand. Als ich in der Vita des Autors las, dass er vor einiger Zeit Psychologie studiert hat, erklärte sich mir, wie Eshkol Nevo auf die Idee kam - doch gefallen hat mir dieser Aufbau letztlich nicht. Auch die häufigen Verweise und Anspielungen auf Psychologen in Israel, seien sie auch noch so ironisch vorgebracht, erzeugten bei mir allenfalls ein müdes Lächeln. Den Einblick in die heutige israelische Gesellschaft dagegen fand ich durchweg interessant.

    Der Schreibstil ist angenehm und flüssig zu lesen, doch hat mir die Form mit den drei doch recht isoliert stehenden Geschichten nur mäßig gefallen. Die dritte Erzählung gefiel mir am besten und hat letztlich für den dritten Stern gesorgt - und mich mit dem Rest halbwegs versöhnt...

    © Parden

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Mai 2018 

    Freud und die unvollendete Geschichte

    Wer sind meine Nachbarn eigentlich? Und könnte es hinter der schönen Fassade vielleicht doch nicht so schön aussehen. Hinter drei dieser Fassaden blickt der israelische Autor Eshkol Nevo in seinem knapp 300 Seiten langen Roman „Über uns“.

    Drei Hausbewohner eines Mietshauses in einem Vorort der Millionenmetropole Tel Aviv erzählen ihre und die Geschichte ihrer Familien. Gemeinsam ist allen drei, dass sie auf irgendeine Weise emotional beschädigt sind.

    In der ersten Etage wohnt Arnon mit Frau und Kindern. Die Tochter wird regelmäßig den alten Nachbarn anvertraut, deren eigene Kinder schon lange ausgezogen sind und die sich gerne des Nachbarmädchens annehmen. Nach einem Zwischenfall steht plötzlich der Verdacht des Kindesmissbrauchs im Raum, der von Seiten der Polizei zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit verneint wird, als Möglichkeit aber immer im Raum stehen bleibt.

    Eine Etage darüber lebt die Familie eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der kaum zuhause ist. Ehefrau Chani kümmert sich um die Kinder. Sie ist bedrückt, verunsichert und kann die an sie gestellten Aufgaben kaum meistern. Se redet sich alles in einem Schreiben an ihre Jugendfreundin von der Seele.

    Und schließlich Etage drei: dort ist die pensionierte Richterin Dvorak zuhause. Sie ist verwitwet. Nach und nach erfahren wir, dass sie vor die schreckliche Wahl gestellt wurde sich zwischen ihrem Sohn, der irgendwie vom Weg abgekommen ist, und ihrem überkorrekten Mann zu entscheiden. Jetzt, wo sie alleine ist, hinterfragt sie viel. Hätte sie nicht öfter auch privat Position beziehen sollen, sie, die doch beruflich immer Position beziehen musste?

    Dieser dritte Teil ist der mit Abstand beste und anrührendste. Ein wenig ausgebaut hätte die Geschichte um Dvorah und ihr ernsthaftes Bemühen frühere Fehler zu korrigieren durchaus ein eigenständiger und interessanter Roman werden können.

    Wer aber als Leser auf die Klammer wartet, der die drei Erzählungen zum Ende hin doch noch zu einer Romaneinheit verbindet, der wartet vergeblich.

    Freud soll mit seinem Ich, Über-Ich und Es Pate gestanden haben für den Aufbau der Geschichte in drei Etagen. So weit, so gut und sperrig. Man hat als Leser manchmal den Eindruck den Vorspann eines Films zu sehen, der dann aber nicht kommt. Schade.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Mai 2018 

    Drei Geschichten aus Tel Aviv

    Von einem Roman erwartet man normalerweise den Auftritt von Protagonisten, die interagieren und Handlungsstränge, die zumindest am Ende zusammengeführt werden. In Eshkol Nevos Roman "Über und" werden diese Erwartungen nicht unbedingt erfüllt. Wir Leser lernen drei Protagonisten kennen. Jeder dieser drei Personen befindet sich gerade in einer schwierigen emotionalen Situation. Sie erzählen jeweils unterschiedlichen Zuhörern, fast wie in einem Monolog von Ihren Nöten, Ängsten und Sorgen. Diese drei Personen interagieren jedoch kaum, die Erzählungen sind scheinbar unabhängig voneinander. Gemeinsam ist allen drei Protagonisten lediglich, dass sie im selben Haus wohnen: einem dreistöckigen Mehrfamilienhaus in Tel Aviv.
    In der untersten Etage wohnt der Familienvater Arnon, der seine Sorgen einem Freund anvertraut. Er hat den Verdacht, dass seine Tochter von einem Nachbarn sexuell belästigt worden ist. Sympathisch ist dieser Arnon nicht, denn er scheint jähzornig zu sein und berichtet zuletzt noch von seinen sexuellen Erfahrungen mit einer Minderjährigen.
    In der zweiten Etagen lebt eine junge Mutter, die sich gerade in Elternzeit befindet und deren Mann nur selten zuhause ist, Sie kommt mit diesem Hausfrauendasein nicht zurecht, fühlt sich einsam und hat Angst den Verstand zu verlieren. In dieser Situation schreibt sie einen langen Brief an ihre, in den USA lebende, Freundin. Das Ende des Briefes lässt Hoffnung auf eine Wende in ihrem Leben zu.
    In der oberen Etage wohnt eine Witwe, deren Ehemann Richter war. Auch die Witwe selbst hat früher als Richterin gearbeitet. Die Pensionärin findet einen alten Anrufbeantworter ihres Mannes und spricht durch diesen Apparat mit ihrem verstorbenen Mann. Dabei gelingt es ihr allmählich, sich innerlich von den strengen moralischen Regeln, nach denen ihr Mann gelebt hatte und an die sie sich angepasst hatte, zu lösen.
    Drei Konflikte auf drei Ebenen: einen Konflikt um die Triebe, einen um das Verhältnis zur Realität und ein moralisches Dilemma. Das erinnert an das Strukturmodell von Freud mit den Bereichen: Es, Ich und Über-Ich. Der Autor selbst gibt einen Hinweis darauf indem er die Witwe gegen Ende des Romans in Freuds Werken lesen lässt. Er plädiert dafür, dass wir die verschieden Geschichten auf verschiedene Art lesen können. Mit Verständnis für die Fehler der Menschen, unter sachlichen oder moralischen Gesichtspunkten.
    Dvorhah, die ehemalige Richterin, sagt an einer Stelle: "Verstehst du, Sigmund Freud war ein kluger Mann, aber gesten Nacht, nachdem ich das letzte Werk seiner Gesamtausgabe fertiggelesen hatte,...dachte ich bei mir, dass er doch mindestens einem Irrtum aufgesessen ist. Ein Seelenhaus mit seinen drei Etagen existiert in uns überhaupt nicht. Diese drei Etagen sind in der Luft zwischen uns und jemand anderem, im Abstand zwischen unserem Mund und dem Ohr desjenigen, dem wir unsere Geschichte erzählen."
    Das Stukturmodell von Freud könnte also eine Klammer sein für diese drei inhaltlich unabhängigen Erzählungen. Der Roman lässt jedoch noch Raum für die Suche nach weiteren Gemeinsamkeiten. Da ist ja auch die Tatsache, dass alle drei Protagonisten in Israel, einem Land, das sich im Dauerbelagerungszustand befindet, aufgewachsen sind. Alle erzählen von ihrer Militärzeit, von Wachdiensten und gefährlichen Situationen.

    Ich persönlich habe den Roman gern gelesen. Der Sprachstil ist flüssig und leicht, oft eine Art Alltagssprache. Die drei Geschichten sind von ihrer Qualität her jedoch recht verschieden. So bereitet die Lektüre der ersten Geschichte nicht immer Vergnügen. Schließlich muss man sich die Ausreden eines unsympathischen Cholerikers "anhören". Die zweite und die dritte Geschichte ist jeweils spannender erzählt. Insbesondere die letzte Erzählung ist zudem sehr vielschichtig und hinterlässt beim Lesen den tiefsten Eindruck.
    Insgesamt darf man von "Über uns" keinen in sich geschlossenen Roman erwarten. Dafür ist die freudsche Klammer zu konstruiert. Aber die Erzählungen geben auf leicht zu lesende Weise Einblick in seelische Abgründe und vermitteln gesellschaftliche Eindrücke aus dem heutigen Israel.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Mai 2018 

    Drei Etage, drei Geschichten, ein Roman?

    In der Diskussion hat uns @Leseglück darauf aufmerksam gemacht, dass Nevo seinem "Roman" das psychoanalytische Modell Freuds zugrunde gelegt hat.

    "Ein Seelenhaus mit seinen drei Etagen existiert in uns überhaupt nicht! Diese drei Etagen sind in der Luft zwischen uns und jemand anderem, im Abstand zwischen unserem Mund und dem Ohr desjenigen, dem wir unsere Geschichte erzählen." (315)

    Drei Menschen, die in einem Haus wohnen, erzählen einer anderen Person von einem Ereignis, das ihr Leben auf den Kopf stellt. Drei Etagen, die für "Es", "Ich" und "Über-Ich" stehen, deren Geschichten jedoch nur lose miteinander verknüpft sind, so dass es sich eher um drei Erzählungen handelt, die aufgrund des theoretischen Überbaus miteinander verzahnt sind.

    Erste Etage - "Es"
    Arnon und Ayelet geben ab und zu ihre Tochter Ofri zu den Nachbarn Ruth und Hermann, einem älteren Rentnerpaar.

    "Das sind ja höfliche, kultivierte Menschen, richtige Jeckes, er läuft zu Hause in Anzug und Kravatte rum, und sie ist Klavierlehrerin am Konservatorium, verwendet Ausdrücke wie gütigst." (10)

    Arnon ist der Ich-Erzähler dieser Episode und spricht zu einem befreundeten Schriftsteller über ein Ereignis, das ihn sehr belastet.

    "Die Anzeichen waren die ganze Zeit da gewesen, aber ich hab´s vorgezogen, sie zu ignorieren. Was ist praktischer als Nachbarn, die dir auf deine Tochter aufpassen?" (9)

    - wenn man mal übereinander herfallen will. Als die zweite Tochter geboren wird, die unter gesundheitlichen Problemen leidet, benötigen die beiden Ruth und Hermann noch häufiger, obwohl bei Hermann deutliche Anzeichen von Demenz zu erkennen sind. Die sensible Ofri bemerkt es als Erstes und stellt fest: "Hermann ist kaputtgegangen." (16)

    Arnon beschließt, dass Ofri nicht mehr allein bei Hermann bleiben kann. Es scheint, als ob er sich mehr Sorgen um sie macht als ihre Mutter. Das Verhältnis der beiden beschreibt Arnon als gespannt.
    Doch dann muss er dringend zu seinem Spinning-Kurs, obwohl Ayelet noch nicht zuhause ist. Ofri bleibt bei Hermann und beide verschwinden - sie werden wohl behalten aufgefunden, doch Arnon vermutet, dass etwas geschehen ist.
    Er lässt sich von seinen "Trieben" - Zerstörung und Sex - leiten und handelt völlig irrational, das Ende der Geschichte bleibt offen...

    Zweite Etage - "Ich"
    Chani, Mutter zweier Kinder, Liri und Nimrod, ist die Protagonistin der zweiten Geschichte. Sie schreibt einen Brief an ihre beste Freundin, die in den USA lebt. Seit der Geburt ihres zweiten Kindes ist Chani zuhause und fühlt sich allein. Sie glaubt, dass ihr Mann Assaf, der fast immer auf Geschäftsreisen ist, weswegen sie im Haus auch die "Witwe" genannt wird, sie nicht genügend unterstützt. Dafür führt sie zahlreiche Beispiele an, lässt aber auch fiktiv Assaf zu Wort kommen. Diese Passagen hören sich viel realistischer an, so dass man unsicher ist, wem man glauben kann.
    Offenkundig ist sie in ihrer Mutterrolle unglücklich:

    "Es gibt Lichtblicke, Glücksmomente, aber alles in allem laufe ich jetzt schon seit acht Jahren als wandelnde Sprengfalle durch die Gegend - ja, das ist das richtige Bild-, schleppe den Sprenggürtel meiner Hoffnung mit mir herum, die Aufgabe meistern zu können, an der meine Mutter gescheitert ist." (149)

    Ein unvorhergesehenes Ereignis verändert Chanis Leben und ihre Ich-Identität. Assafs Bruder Eviatar, mit dem er keinen Kontakt hat, bittet sie um Hilfe. Er ist ein Immobilienmakler und hat sich verzockt. Jetzt wird er von seinen Gläubigern und der Polizei gesucht, trotzdem hilft ihm Chani. Warum? Weil er einen Draht zu den Kindern hat? Existiert Eviator wirklich, oder hat sich Chani, die permanent Angst hat, wie ihre Mutter verrückt zu werden, ihn nur erfunden?

    An ihrer Freundin bewundert sie, dass sie eine "innere Ruhe [habe]. Die Ruhe einer Frau, die ihre Feld auf dem Schachbrett des Lebens gefunden hat." (125)

    Dritte Etage - "Über-Ich"
    In der letzten Episode steht die pensonierte Richterin Dvorah im Mittelpunkt, die ihre Geschichte auf eine Anrufbeantworterin (!) spricht, auf der die Stimme ihres verstorbenen Mannes zu hören ist. Das ist ihre Art mit ihm in Kontakt zu treten, ihm von den ungewöhnlichen Ereignissen ein Jahr nach seinem Tod zu erzählen.
    Man erhält einen kurzen Einblick in die Geschehnisse im ersten und zweiten Stock, aber es gibt keine weitreichende Verbindung zwischen den Geschichten. Diese besteht in der räumlichen Nähe der Protagonisten, dem psychoanalytischen Ansatz und den Ereignissen, die jeweils das Leben der Ich-Erzähler*innen verändern.
    Zu Dvorah: Sie sieht im Fernsehen, dass junge Menschen Zelte in Tel Aviv aufstellen, um gegen die Wohnungspreise zu demonstrieren. Kurzentschlossen macht sie sich auf den Weg, wird jedoch in der Menschenmenge ohnmächtig. Sie landet im Zelt einer jungen Frau, die sich um sie kümmert und als bekannt wird, dass sie juristischen Beistand leistet, ist sie eine gefragte Person. Über die junge Frau lernt sie den Geschäftsmann Avner Ashdot kennen, der ihr anbietet, ihre Wohnung im Gegenzug zu einer in der Innenstadt zu kaufen. Zuerst muss sie sich jedoch von ihrem "Über-Ich" befreien, der Meinung ihres Mannes, die sie in ihrem Kopf hört. Lange haben sie alles gemeinsam entschieden und Dvorah erkennt, dass er sie in manchen Entscheidungen überstimmt hat, aber auch, dass sie sich von ihm löst.

    "Und dann spüre ich eine Leerstelle dort, wo du gewesen bist. Spüre, dass die ganze Wohnung eine Leerstelle ist für den Ort, an dem wir wir waren. Und dass ich, wenn ich hier wohnen bleibe, mich in den Spinnfäden deines Todes verfangen werde, die sich um mich herum ausbreiten, bis ich wie ein Insekt darin verende." (226)

    Diese Geschichte, die mir am besten gefallen hat, erzählt von einem Aufbruch, von dem Versuch dem Leben auch im fortgeschrittenen Alter eine neue Richtung zu geben, aber auch von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit - denn Dvorah hat einen erwachsenen Sohn, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat.

    Fazit?
    Auch wenn die Erzählungen meines Erachtens stärker hätten verbunden sein können, damit man wirklich von einem Roman sprechen kann, gefällt mir die Idee, sie thematisch zu verknüpfen. Für sich gesehen erzählt jeweils ein Mensch von einschneidenden Erlebnissen in seinem Leben, die diesem eine neue Richtung geben werden. So ist jede Geschichte lesenswert, wenn auch die letzte allen in der Leserunde am besten gefallen hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Mai 2018 

    Drei Etagen

    Verschiedene Parteien leben in einem Mietshaus, da sind zum Bespiel Arnon und Ayelet, die nach der Geburt der Kinder auch mal wieder Zeit für sich brauchen, Chani, deren Mann so oft unterwegs ist, dass sie schon die Witwe genannt wird, und Dvorah, deren Mann tatsächlich verstorben ist. Während Arnon und Ayelet ihre Tochter gerne mal für ein paar Stunden bei den Nachbarn gegenüber parken, glaubt Chani, sie sei dabei sich selbst zu verlieren. Dvorah dagegen hat schon alles verloren, vielleicht hat sie eine Chance, sich neu zu erfinden. Ein Haus - drei Etagen, Nachbarn, die man grüßt, von denen man allerdings kaum weiß, wie es hinter verschlossenen Türen aussieht.

    Auf verschiedene Arten erzählen die Bewohner von ihrem Leben, Leben, die anders verlaufen als man beim Anblick des einfachen, zeitlosen Miethauses vermuten würde. Ehen, die nach außen glücklich scheinen, erweisen sich als schwierig oder schon vergangen. Da werden Nachbarn zur Kinderbetreuung herangezogen und nicht bezahlt. Da erweisen sich verloren geglaubte Brüder als Gefahr für das eigene Denken, da könnte man den Eindruck bekommen, es bestehe auch nach dem Tod eines Ehegatten noch die Möglichkeit, sich von diesem zu trennen. Eshkol Nevo überrascht mit seinen Ideen der Darstellung.

    Vielleicht würde man sich einen gewissen Zusammenhalt oder Zusammenhang zwischen den Geschichten wünschen, mehr als das sehr lockere Gerüst, das der Autor gewählt hat. Dennoch ist jede der Erzählungen über die Hausbewohner auf ihre Art spannend. So wie man in den Etagen aufsteigt, so steigert sich nach meinem Empfinden auch die Qualität der Geschichten. Gemeinsam ist ihnen allerdings, dass man hinter die schöne Fassade blicken darf und nicht immer eitel Sonnenschein zu sehen bekommt. Wobei die erste Etage mit dem selbstmitleidigen Arnon eher unangenehm wirkt, während die zweite einen schon fast hoffnungsvoll stimmt und die dritte einem Mut macht, dass es auch spät noch Aufbrüche zu neuen Ufern geben kann.

    Die schöne Sprache, die der Autor beziehungsweise sein Übersetzer Markus Lemke verwendet, macht die Lektüre zu einem Genuss, der größer wird je weiter man die Treppe nach oben steigt.