Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik

Buchseite und Rezensionen zu 'Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik' von Hannah Arendt
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Hannah Arendt geht in dieser Vorlesung der Frage nach, wie - nach dem beispiellosen Zusammenbruch und Versagen von Moral im Sinne von Tugend und Sitte im Nationalsozialismus - eine Ethik oder gar Natur des Guten begründbar ist. In freier Bezugnahme auf Denker wie Kant, Sokrates, Jesus von Nazareth und Friedrich Nietzsche lässt sie sich von dem Empfinden leiten, dass das "Böse" ein "Oberflächenphänomen" ist: "Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten..."

Das Gute bzw. das Bedürfnis, Gutes zu tun, erscheint hingegen als die ursprünglichere Kraft, als naturgegebene Energie, als genuiner Instinkt. "Und natürlich ist es auch dieses Mehr an Kraft (Nietzsche), diese extravagante Großzügigkeit oder der 'überströmende, verschwenderische Willen', der Menschen dazu veranlaßt, Gutes tun zu wollen und es gerne zu tun. Was bei den wenigen und bekannten Menschen, die ihr ganzes Leben dem 'Gutes-Tun' gewidmet haben, wie Jesus von Nazareth oder der heilige Franziskus von Assisi, am offenkundigsten ist, ist sicher nicht Sanftmut, sondern eher eine überfließende Kraft, vielleicht nicht des Charakters, sondern schon ihrer Natur." (Hannah Arendt)

Format:Audible Hörbuch
Seiten:0
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Rezensionen zu "Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Jun 2019 

    Philosophie für Fortgeschrittene...

    Hannah Arendt geht in dieser Vorlesung der Frage nach, wie - nach dem beispiellosen Zusammenbruch und Versagen von Moral im Sinne von Tugend und Sitte im Nationalsozialismus - eine Ethik oder gar Natur des Guten begründbar ist. In freier Bezugnahme auf Denker wie Kant, Sokrates, Jesus von Nazareth und Friedrich Nietzsche lässt sie sich von dem Empfinden leiten, dass das "Böse" ein "Oberflächenphänomen" ist: "Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten..."

    Das Gute bzw. das Bedürfnis, Gutes zu tun, erscheint hingegen als die ursprünglichere Kraft, als naturgegebene Energie, als genuiner Instinkt. "Und natürlich ist es auch dieses Mehr an Kraft (Nietzsche), diese extravagante Großzügigkeit oder der 'überströmende, verschwenderische Willen', der Menschen dazu veranlaßt, Gutes tun zu wollen und es gerne zu tun. Was bei den wenigen und bekannten Menschen, die ihr ganzes Leben dem 'Gutes-Tun' gewidmet haben, wie Jesus von Nazareth oder der heilige Franziskus von Assisi, am offenkundigsten ist, ist sicher nicht Sanftmut, sondern eher eine überfließende Kraft, vielleicht nicht des Charakters, sondern schon ihrer Natur." (Hannah Arendt)

    Ein befreundetes Buchgesicht hat vor Jahren einmal behauptet, es gebe keine weiblichen Philosophen. Unverschämtheit, dachte ich, und wollte unbedingt den Gegenbeweis antreten. Nun, Hannah Arendt ist solch ein Beweis - auch wenn sie sich selbst einmal nicht als Philosophin, sondern als Dozentin für "politische Theorie" bezeichnet hat (Interview mit Günter Gaus im ZDF vom 28.10.64).

    Nun, bislang habe ich eher ÜBER Hannah Arendt gelesen, die v.a. auch durch ihre Beschäftigung mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem bekannt wurde: 'Ein Bericht von der Banalität des Bösen'. Diese Äußerung sorgte für große Aufregung, und Hannah Arendt wurde deswegen vielfach heftig angegriffen. Diese hier vertonte Vorlesung wurde im Kontext der Eichmann-Debatte vor Studenten gehalten. Wer dieser Vorlesung folgt, wird am Ende zumindest eine Vorstellung davon haben, wie Arendt auf den Begriff der 'Banalität des Bösen' kam.

    Erst einmal vorweg: es wird mir nicht möglich sein, hier detailliert wiederzugeben, welche Inhalte, Querverweise, Kernpunkte Hannah Arendt in dieser Vorlesung alle anspricht. Deutlich wird: sie hat sich intensiv mit allen Denkern/Philosophen der Vergangenheit auseinandergesetzt und greift hier auf deren Theorien und Erkenntnisse ausführlich zurück. Vielfach geht es um genaue Definitionen von Begrifflichkeiten (das Wollen, das Denken, das Gewissen usw.) - denn nur wenn sehr deutlich ist, welcher Begriff welche exakte Bedeutung hat, kann man sich über deren Funktion und Auswirkung klar werden.

    Arendt baut hier eine logische Kette auf, die deutlich macht, von welchen Faktoren ein Mensch in seinem Handeln geleitet wird - und wo zwangsläufig Probleme auftreten (können). Die Philosphin bietet hier zudem und sozusagen nebenher einen Überblick über die Geschichte der Moralphilosophie. Sokrates, Platon, Aristoteles, Jesus, Paulus, Augustinus, Kant und Nietzsche werden hier beleuchtet und von Arendt argumentativ bestätigt oder auch widerlegt.

    Vereinfacht ausgedrückt, verortet Arendt v.a. die Gedankenlosigkeit und die Weigerung der Menschen, Verantwortung zu übernehmen und Umstände überhaupt auch nur zu beurteilen als Kern des Bösen. "Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein."

    Dieses zugrunde gelegt, wird deutlich, dass Eichmann und die Geschichte des Nationalsozialismus mit seiner Entmenschlichung der Politik und Gesellschaft nur ein Beispiel für das Böse in der Welt sein kann. Davor und seither lassen sich zahllose weitere Beispiele festmachen, und unsere heutige Grundhaltung des Wegschauens und des Mitläufertums, der Abstumpfung gegenüber täglich neuen 'bad news', der von Politikern vorgelebten Kultur der Nicht-Verantwortlichkeit lässt nichts Gutes für die Zukunft ahnen.

    Keine leichte Kost, schon gar nicht in der Hörbuchversion. Hier gilt es, die gesamte Zeit über höchst konzentriert zu bleiben, denn ansonsten - fängt man den Abschnitt besser von vorne an, weil der Zusammenhang ansonsten verloren geht. 5 Stunden und 58 Minuten dauert die Lesung von Axel Grube, der ausgesprochen langsam liest, was mich zunächst irritierte, dann aber durchaus sinnvoll erschien, da die gelesenen Sätze erst einmal verarbeitet werden wollten...

    Ob nun als Hörbuch oder in der Print-Version - dies ist Philosophie von nicht nachlassender Aktualität.

    © Parden