Tristania

Buchseite und Rezensionen zu 'Tristania' von Marianna Kurtto
4.3
4.3 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Tristania"

Zwei Menschen, die sich in ihrer heimischen Inselgemeinschaft nicht zu Hause fühlen: Der Fischer Lars lässt Frau und Sohn auf Tristan da Cunha zurück, weil er sich in England neu verliebt hat. Und auch Martha, die Insellehrerin, träumt von einem Schiff, das sie mitnimmt. Sie musste erfahren, dass sie nicht allen Insulanern vertrauen und überdies mit ihrem Mann kein Kind bekommen kann. Und dann, eines Tages, bricht auf Tristan der Vulkan aus. Alle Bewohner müssen fliehen. Nur Jon, Lars’ Sohn und Marthas Schüler, wird plötzlich vermisst, und Lars und Martha erkennen, dass ihre Schicksale untrennbar mit der Insel verbunden sind. In poetischer, bildmächtiger Sprache erzählt Marianna Kurtto eine universell menschliche Geschichte voll spannungsreicher Wendungen – mit Figuren, die uns nahe sind in ihren Irrungen und Wirrungen und in ihrer Sehnsucht nach der wirklichen Heimat.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
Verlag: mareverlag
EAN:9783866486560

Rezensionen zu "Tristania"

  1. Gut aber nicht perfekt

    Klappentext:

    „Zwei Menschen, die sich in ihrer heimischen Inselgemeinschaft nicht zu Hause fühlen: Der Fischer Lars lässt Frau und Sohn auf Tristan da Cunha zurück, weil er sich in England neu verliebt hat. Und auch Martha, die Insellehrerin, träumt von einem Schiff, das sie mitnimmt. Sie musste erfahren, dass sie nicht allen Insulanern vertrauen und überdies mit ihrem Mann kein Kind bekommen kann. Und dann, eines Tages, bricht auf Tristan der Vulkan aus. Alle Bewohner müssen fliehen. Nur Jon, Lars’ Sohn und Marthas Schüler, wird plötzlich vermisst, und Lars und Martha erkennen, dass ihre Schicksale untrennbar mit der Insel verbunden sind.

    In poetischer, bildmächtiger Sprache erzählt Marianna Kurtto eine universell menschliche Geschichte voll spannungsreicher Wendungen – mit Figuren, die uns nahe sind in ihren Irrungen und Wirrungen und in ihrer Sehnsucht nach der wirklichen Heimat.“

    Autorin Marianna Kurtto beleuchtet in ihrem Buch „Tristania“ viele Punkte zur selben Zeit: Ist Heimat wirklich „Heimat“? Muss ich mich in dieser Heimat auch zu Hause fühlen oder darf ich auch gehen? Und was denken die, für die Tristan da Cunha ihr Zuhause ist? Wo gehöre ich hin?

    Im wahrsten Sinne tut sich hier die Erde auf, denn ein Vulkanausbruch bringt alle noch mehr durcheinander als ohnehin. Lars ist bereits gegangen, einer neuen Liebe wegen. Martha träumt und träumt und will einfach nur endlich „Heimat“ finden aber nicht auf Tristan da Cunha! Als dann der Vulkan ausbricht und alle die Insel verlassen müssen - für die Einen das pure Glück und für die Anderen das größte Unglück, verschwindet Lars‘ Sohn Jon. Seine Lehrerin Martha und eben Lars erkennen beide - Tristan da Cunha hält die beiden fester in ihren Klauen als gewünscht. Es gilt nun. den Jungen zu finden. Und vielleicht noch so viel mehr. Kurtto zeichnet höchst interessante Charaktere auf, verstrickt sich aber nach meiner Ansicht oft in in zu vielen Phrasen und langatmigen Dialogen oder Gedankengängen. Längen die gar nicht sein müssten. Manches Mal fiel es dadurch schwer der Geschichte zu folgen. Die bereits angepriesene bildmächtige Sprache ist definitiv zu finden - nur leider war es manches Mal einfach zu viel des Guten, zu übertrieben, zu gewollt. Kurtto haftet sich komplett an dieser bildhaften Sprache fest, dass man als Leser manches Mal vor lautet Rauch weder den Vulkan, noch Tristan da Cunha oder gar die Protagonisten sieht. Trotzdem ist die Geschichte besonders: die Charaktere wurden sehr intensiv von Kurtto „ausgemalt“ und nehmen uns Leser auf besondere „Reisen“ mit. Sie zeigen uns ihre Seele, ihr Denken, ihre Hoffnung und dann kam alles anders. Wie so oft im Leben kommt manches anders als geplant, und dann? Was macht man dann? Und wo zum Teufel ist denn diese „Heimat“? Das alles sind Fragen die man sich oft selber stellt oder gestellt hat wenn man endlich dort angekommen ist wo man hin wollte. Kurtto hat ein feines Gespür die Gefühle und Denkweisen der Menschen zu analysieren und diese hier in ihre Geschichte mit einweben zu lassen.

    Fazit: weniger bildmächtige Sprache und dann passt es perfekt! Eine gute Geschichte mit Luft nach oben! 3 von 5 Sterne.

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  1. Etwas brodelt im Verborgenen...

    Tristania ist der Handlungsort des Romans von Marianna Kurtto. Es handelt sich um die abgelegenste Insel der Welt, die zur gleichnamigen Inselgruppe Tristania da Cuha des südlichen atlantischen Ozeans gehört. Sie ist klein und beschaulich; doch sind die Lebensbedingungen dort karg und rauh. Durch den Untermeerischen Schildvulkan brodelt es ständig. Ein einzigartiger Ort, der bereits für einige Romane den Schauplatz geliefert hat. 

    Im Mittelpunkt des Romans von Marianna Kurtto stehen insbesondere zwei Familien: Zum einen geht es um Lars, der als Fischer den Lebensunterhalt bestreitet. Er ist mit Lise verheiratet und sie haben einen gemeinsamen Sohn: Jon. Doch als Fischer zieht es ihn oft weit aufs Meer hinaus in die Ferne und Frau Kind bleiben dann alleine zurück. Bis dies eines Tages zum Dauerzustand wird: Lars verliebt sich in England in eine Blumenverkäuferin und kehrt nicht mehr heim. Zum anderen geht es um Martha, die Dorflehrerin, die mit Bert verheiratet ist. Das Ehepaar ist kinderlos geblieben. Irgendetwas scheint Martha in der Vergangenheit widerfahren zu sein, so dass auch sie - wie Lars - sich danach sehnt, der Insel den Rücken zu kehren. Ihr Vertrauen in die Inselbewohner wurde offenbar tief erschüttert. 

    Es geht zunächst um die Lebensbedingungen und das Miteinander der Inselbewohner. Doch im Jahr 1961 bricht eines Tages der Vulkan aus. Alle Inselbewohner müssen evakuiert werden. Lars Sohn Jon ist plötzlich unauffindbar. Durch dieses Geschehen werden die Karten neu gemischt: Als Lars von der Katastrophe hört, zieht es ihn in die Heimat zurück. Es wird schnell deutlich, dass es nicht nur im Erdinneren brodelt, sondern dies quasi symptomatisch ist für das Innenleben so mancher Insulaner. Auch bei ihnen brodelt es unter der Oberfläche, und plötzlich scheint es auch aus ihnen auszubrechen.

    Diese Entwicklung hat die Autorin meisterhaft und in sehr poetischer und bildgewaltiger Sprache beschrieben. Gekonnt führt sie die Leserschaft aus Glatteis und überrascht am Ende mit einem Paukenschlag, der nachhallt und auch eine Warnung ist, eigenen stereotypen Wahrnehmungen nicht zu sehr zu vertrauen. Diese Wendung hat mich sehr berührt und zum Nachdenken gebracht. Insgesamt hat mir dieser atmosphärische und einzigartig erzählte Roman sehr gut gefallen, besonders da sich das unterschwellige Brodeln auf der Vulkaninsel im Innenleben der Protagonisten widerspiegelt. Mehr mag ich nicht verraten. Es ist eine Geschichte, die es selbst zu entdecken gilt: Unbedingt lesen!

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  1. Überrascht durch seine Undurchsichtigkeit

    Überrascht durch seine Undurchsichtigkeit

    Die Insel Tristan da Cunha liefert die Vorlage zu dem Roman "Tristania" von Marianna Kurtto. Die Insel ist die entlegenste, bewohnte Insel, für ihre Bewohner ist das Leben dort sehr mühsam und teilweise recht trist. Doch die Menschen, die sich dazu entschlossen haben dort zu leben, arrangieren sich damit ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften durch Fischfang und dem Handel mit Schiffen, die relativ selten dort in die Nähe kommen.

    Die Anzahl der Charaktere ist überschaubar. Einen Zweig der Handlung stellt das Ehepaar Lars und Lise dar, mit dem gemeinsamen Sohn Jon. Lars verlässt die Insel als einziger zwischendurch für längere Zeit, was der kleinen Familie einige Vorzüge bringt, da er mit Dingen wiederkommt, die für die anderen Inselbewohner nicht zu haben sind.
    Als Lars wegen einer anderen Frau auf dem Festland bleibt, bricht für den kleinen Jon, der sich eh schon sehr zurückzieht, ein Außenseiter, ein Träumer ist, eine Welt zusammen.

    Der andere Strang der Geschichte erzählt von Martha. Ihr wird nachgesagt komisch zu sein. Martha, die jetzt als Lehrerin auf der Insel arbeitet. Sie ist nun mit Bert verheiratet, doch glücklich sind die beiden nicht, es gibt ein Ereignis, dass es Martha unmöglich macht, sie selbst zu sein. Die Kinderlosigkeit des Paares kommt erschwerend hinzu.

    Als der Vulkan auf der Insel ausbricht, geschehen ein paar folgenschwere Dinge. Die Bewohner werden evakuiert, nur 2 Männer und ein Kind bleiben zurück, die näheren Umstände erwähne ich nicht, da der Reiz der Handlung erhalten bleiben soll.
    Der Leser bekommt zum Ende einige Informationen mit denen er nicht gerechnet hat. Diese überraschende Wendung stellte alles bisher gelesene auf den Kopf. Während des Lesens habe ich mir mühsam ein Bild von den Charakteren gemacht, war teilweise entsetzt, zu welchen Handlungen sie fähig sind. Der Kniff, dies am Ende als nichtig hinzustellen, ist für mich das Highlight an diesem Roman gewesen.

    Die Erzählweise der Autorin war stellenweise ein wenig verwirrend für mich. Es wurde mir nicht immer direkt klar, was mit den Figuren geschieht. Einige Passagen musste ich mehrfach lesen, um wirklich alles herausfiltern zu können, was wichtig zu sein scheint. Doch trotz dieser Wirrrungen war ich neugierig auf die Zusammenhänge, die Bekenntnisse die hinter allem steckten. Kurtto zeichnet das Bild einer Handvoll Leute, deren Sehnsüchte und Probleme eng mit der Insel verbunden sind auf der sie leben. Ein leiser, Roman, der auf den wenigen Seiten dennoch viel zu erzählen hat.

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  1. 3
    16. Aug 2022 

    Unter der Sprache verschüttet blüht eine Geschichte

    Der Leser ist in dem Roman „Tristania“ an einem extrem abgelegenen Ort der Welt: in Tristan da Cunha, einer vulkanischen Insel mitten im Atlantik, vom südlichen Afrika fast so weit entfernt wie von Südamerika, und doch gehört die Insel zu Europa, genauer gesagt zu Großbritannien, auch heute noch. Hier lebt eine überschaubare Anzahl von Menschen, die auf Grundlage dieser Abgelegenheit eine enge, und doch spröde Gemeinschaft bilden. Unterschiedlich gehen die Menschen mit der Einsamkeit und Abgeschiedenheit von der Welt um. Die einen gehen auf in der Konzentration auf die direkte Umwelt und die berauschende Natur, die anderen zieht es hinaus, spüren die Anziehungskraft vorbeifahrender oder sogar anlegender Schiffe. Die Beziehungen der Menschen zueinander sind einerseits geprägt von großer Nähe und Gemeinsamkeiten, andererseits spiegeln sie aber auch irgendwie die Alternativlosigkeit von Verbindungen miteinander wider. Diese Stimmung gibt der Roman sehr intensiv wieder, ohne sich aber den Personen wirklich zu nähern. Sie bleiben für den Leser kühl und fremd in dieser kühlen und faszinierenden Umgebung.
    Das Schicksal vor allem von Lars und Lise wird geschildert. Lars ist einer derjenigen, den es hinaustreibt. Lise ist eine derjenigen, die sich mit der alternativlosen Partnerwahl arrangiert hat und ihren Mann ungern, aber widerspruchslos ziehen lässt, wenn er wieder mal ein Schiff besteigt, um in Großbritannien den Handel der Insel zu organisieren. Denn sie ist mit der Insel tief verwurzelt und kann keine Anziehungskraft des Außen verspüren oder sie sich auch nur vorstellen. Doch Lars sieht diese Alternative immer wieder überdeutlich und sie wird für ihn zur Realität, als er in London die Blumenhändlerin Yvonne kennenlernt. Es entwickelt sich eine Beziehung, die Lars in London festhält und seine Kleinfamilie in Tristan allein zurücklässt. Von nun an steht Lars permanent vor der Wahl zwischen einem Leben mit Yvonne oder einer Rückkehr zu Lise, und das ist nicht nur eine Frage nach der richtigen, geliebten Frau, sondern eine Frage nach dem Lebensentwurf und der Möglichkeit, Abgeschiedenheit auf dem Level von Tristan wählen und leben zu können.
    Das ist die Situation, als in Tristan der Vulkan ausbricht und die Insel evakuiert werden muss. Bei der Evakuierung gehen drei Einwohner der Insel verloren und werden deshalb zurückgelassen. Einer davon ist Lars und Lises Sohn Jon, ein schwieriger, etwas autistisch wirkender Junge, der inmitten des Zwiespalts seines Vaters – Heimatverbundenheit und Fernweh – lebt und in diesem Zwiespalt offensichtlich in Leid lebt. Lise wird nach Südafrika evakuiert und wartet dort mit den anderen Tristanern darauf, wohin die Reise weiter geht – zurück oder zu einer neuen festen Station im Leben. Für alle Tristaner ist das eine Entscheidung, die sie wegführen könnte von ihrem so komplett anderen Leben als dem, was sich ihnen an Neuem bieten könnte. Für Lise aber ist das zusätzlich eine Entscheidung, die sie vor dem Hintergrund des auf Tristan noch zurückgebliebenen Sohnes Jon treffen muss.
    Als Lars von der Naturkatastrophe und dem Verbleib der Tristaner erfährt, gibt ihm das den entscheidenden Anstoß zur Entscheidung für seine Familie. Doch da ist auch noch Martha, die Lehrerin auf Tristan, über der eine dunkle Geschichte der Vergangenheit liegt. Und die die Beziehung zwischen Lars und Lise auf nicht offen erklärte Art und Weise mitprägt. Aber dazu sei hier in der Rezension nicht mehr gesagt….
    Mit einem Fazit zu dem Roman tue ich mich sehr schwer. Ich mag die Geschichte, die Ortsauswahl und die Figuren sehr. Ich sehe auch durchaus die Qualität der Sprache in diesem Roman, die deutlich erkennen lässt, dass die Autorin auch oder vornehmlich Lyrikerin ist. Auf der anderen Seite aber war es für mich so, dass diese lyrische Qualität des Romans ihm auch nicht immer gutgetan hat. Ich fühlte mich oft, als wäre ich in den Tiefen der Sprache eingesunken und verlor mich irgendwo in diesen Tiefen, wobei ich die handelnden Personen, die Handlungsorte und die Geschehnisse irgendwie aus dem Blick verloren habe. Dabei hatte das alles so viel zu bieten: dieser abgelegene Handlungsort voller interessanter Charaktere und Landschaften, die Zerrissenheit zwischen zwei Frauen bei Lars, die gleichzeitig die Zerrissenheit zwischen zwei Orten und Lebensweisen war. Die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit. Die drohende Natur. All das hat mich viel mehr interessiert als mir der Roman letztlich tatsächlich gegeben hat und den Grund für dieses Defizit sehe ich irgendwie in dieser - ich nenne es mal - "überambitionierten" Sprache. Schade. So gebe ich nur gute 3 Sterne. Es hat für mich einfach nicht funktioniert.

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  1. 3
    14. Aug 2022 

    Wenn die Sprache in jedem Satz Purzelbäume schlägt

    Der Debütroman der finnischen Autorin Marianna Kurtto „Tristania“, findet an einem ganz ungewöhnlichen Schauplatz statt. Alles dreht sich um eine kleine 250 Seelen zählende Inselgemeinschaft auf Tristan da Cunha, die abgelegenste bewohnte Insel der Erde. Besonders im Fokus der Romangeschehnisse im Jahre 1961 stehen zwei Ehepaare bzw. ein Kind. Das eine Paar lebt getrennt, seit Lars der Ehemann und Vater sich nach Großbritannien abgesetzt hat und Lise mit ihrem Sohn Jon auf der Insel zurückgelassen hat. Die Nachbarin Martha blieb bisher in ihrer Ehe mit Bert kinderlos und hat ein massiv prägendes Ereignis in ihrer Vergangenheit, welches noch heute ihr Leben beeinflusst. Zu Beginn hat man als Leserin noch das Gefühl alle Protagonist:innen gut einschätzen zu können, jeder hat seinen Platz in diesem Plot. Jedoch mit dem (historisch belegten) drohenden Vulkanausbruch in 1961 kommt nicht nur Lava aus dem Inneren der Erde ans Tageslicht, sondern auch einige Geheimnisse der Inselgemeinschaft.

    Der Roman glänzt eindeutig durch die Wahl der Autorin für das Setting ihrer durch dramatische Ereignisse ausgelöste Kaskaden an menschlichen Offenbarungen. Nicht nur die im Laufe des Buches immer mehr offenen Verstrickungen der Inselbewohner bietet viel Potential, sondern auch die Örtlichkeit dieser (mir zumindest bis dahin) unbekannten Inselgruppe aber auch die zeitliche Einordnung in den 1960er Jahren. Leider wurde mir dieser ungewöhnliche Handlungsort nicht so nahe gebracht, dass sich tatsächlich vor meinem inneren Auge das Romangeschehen ausbreiten konnte. Hier musste ich an Hanya Yanagiharas „Das Volk der Bäume“ denken, welches sich zwar inhaltlich ganz woanders jedoch sowohl zeitlich als auch örtlich (bezogen auf eine abgelegene Inselgruppe) in einem ähnlichen literarischen Bereich bewegt. Das genannte Buch entführte mich bei der Lektüre vollständig in dieses Setting. Kurtto gelang dies leider nicht. Ebenso hatte ich bei der Lektüre mitunter Probleme das Personal auseinanderzuhalten und den Geschehnissen folgen zu können. Mit den Protagonist:innen bin ich bis zum Schluss nur bedingt warm geworden.

    All diese Probleme haben meines Erachtens ihre Wurzel in der überambitionierten Sprache der Autorin. Diese nutzt poetische Sprachbilder einfach in einem für mich massiven und nervigen Übermaß. Die Autorin kann definitiv sehr gut schreiben, damit aber nicht haushalten. Die dauernde Überfrachtung der Sprache zerrt an der Aufmerksamkeit der Lesenden. Es wird schwer sich beim Lesen sowohl auf den Plot als auch die Sprachbilder zu konzentrieren. Am Ende leidet beides darunter. Durch genutzte Sprachbilder sollten Aussagen deutlicher und klarer werden. Aber durch das Zuviel davon verschwimmen nicht nur die Aussagen sondern die eigentliche Essenz der Handlung und der Personen. Hier ein beispielhafter Absatz mit allein fünf Sprachbildern, anhand welchem man erkennen kann, dass bei Marianna Kurttos Sprache annähernd jeder Satz Purzelbäume schlagen muss:

    S. 52: „Es wird Oktober, der Frühling flimmert, das Tussock-Gras flattert im Wind wie die Haare eines Riesen [Nr. 1]. Martha kneift die Augen zusammen und sieht vor sich die Zukunft als Augenblicke, die dicht nebeneinander leuchten wie Perlen [Nr. 2] - sie wird sie von Bert bekommen, sie wird von ihm alles bekommen, und die bösen Träume werden tief in den Bauch des Vulkans rinnen [Nr. 3]. Dort werden sie verbrennen, sich an den Rändern ringeln wie alte Fotos [Nr. 4], die niemand mehr anschauen will. Martha wird den Kopf ihres Kindes streicheln, weich wie Schafwolle [Nr. 5].“

    Obwohl das Personal sich zahlenmäßig noch in Grenzen hält, fiel es mir mitunter schwer die einzelnen Personen auseinanderzuhalten. Meines Erachtens liegt der Grund in den sehr ähnlich oder gar fast gänzlich gleich klingenden Perspektiven der Charaktere. Jedes Kapitel ist mit einem Personennamen überschrieben. Dieser Person wird in dem entsprechenden Kapitel gefolgt. Die Autorin wechselt hier zwischen personaler und Ich-Erzählperspektive hin und her. Wenn die personalen Perspektiven noch nachvollziehbar in der Sprache der Autorin Marianna Kurtto ausformuliert sein können, so sollten die Ich-Erzählperspektiven jedoch Eigenarten der einzelnen Personen herausarbeiten. Das geschieht kaum bis gar nicht. Das Prinzip, nach welchem Kurtto manchen Personen eine Ich-Perspektive und anderen nicht zugesprochen hat, ist mir bis zum Schluss verschlossen geblieben.

    Nachdem über weite Strecken das Verwirrspiel der Charaktere und deren dunkle Vergangenheit mit der parallel angelegten drohenden Naturkatastrophe sehr gut konstruiert ist, wirkte mir das Ende des Buches dann doch zu „überzufällig“ konstruiert. Die Autorin hatte mich ab einem bestimmten Kipppunkt einfach verloren.

    Schlussendlich handelt es sich hierbei durchaus um einen lesenswerten Roman. Man sollte jedoch wissen, auf was man sich sprachlich einlässt. Wer nicht von vornherein allein bei der Erwähnung von lyrisch-poetischer Sprache im Übermaß in Euphorie ausbricht, sollte zumindest vorab sich eine Leseprobe anschauen, um einschätzen zu können, ob er oder sie mit dem Stil von Kurtto zurechtkommt. Ich werde zukünftig eher einen Bogen um die Autorin machen.

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  1. Es brodelt an den Rändern

    Tristan ist eine Vulkaninsel im südlichen Atlantik, die als entlegenster bewohnter Ort der Welt gilt. Die Insel ist nicht mal ganz 100 Quadratkilometer groß und bietet einer sehr überschaubaren Anzahl von Einwanderern - nicht mehr als eine Handvoll Familien - ein karges Zuhause. Auf dem wenigen bestellbaren Boden gibt es Gemüseanbau (hauptsächlich Kartoffeln), etwas Schafzucht, daneben Fischerei und Handel mit dem wertvollen Guano, den die Einheimischen auf den benachbarten, unbewohnten Inseln sammeln. Wenig Abwechslung, viel Mühe und Arbeit - so beschreibt die finnische Autorin Marianna Kurtto das Leben der Einheimischen.

    Der Roman beginnt 1961 mit zwei Familien im Mittelpunkt: Lise, eine Frau von vierzig, wurde von ihrem Mann, dem Seemann Lars, verlassen; jedenfalls ist er von seiner letzten Fahrt nicht zurückgekommen. Sie lebt seitdem allein mit ihrem Sohn Jon. Die jüngere Martha ist die Lehrerin der Insel; sie ist verheiratet mit dem etwas antriebslosen Bert. Bisher haben die beiden zu ihrem Kummer keine Kinder. Beide Frauen sind unzufrieden, haben sich mehr erhofft und wünschen sich, wenn auch unausgesprochen, von der Insel weg. Ihre Einsamkeit wird in beredten Worten deutlich: "Fort von hier" wünscht sich Martha, in deren Zuhause "die Stille von der Küchendecke hing wie eine erstickte Fledermaus" (S. 131). Und über Lise: "Lise hat ein Kind, ihr Mann ist fort. Ein am Grund zerbröckelter Krebs oder einer, der ans Ufer kam und sich einen neuen Panzer wachsen ließ" (S. 19). Sie weiß, dass Lars sich in England einer anderen Frau zugewandt hat. Ihr Sohn Jon, ein Neunjähriger, ist verschlossen und in sich gekehrt; der Vater fehlt ihm.

    In einigen Rückblenden wird deutlich, wie die Inselgemeinschaft funktioniert, wie man tanzen geht, einander nachbarschaftlich hilft, gemeinsam arbeitet. Aber auch, wie viel in diesem engen Zusammenhalt voreinander verschwiegen wird und wie viel im Untergrund brodelt. Der ruhelose Vulkan von Tristan ist der passende Hintergrund für eine Geschichte, in der man einander vieles schuldet und nicht voneinander wegkommt. Mit dem (historisch verbürgten) Vulkanausbruch von 1961 kommt eine entscheidende Wende. Die Bevölkerung von Tristan soll per Schiff nach Kapstadt evakuiert werden, aber nicht jeder will ohne weiteres mit.

    Marianna Kurtto ist eigentlich Lyrikerin, was ihrem Stil anzumerken ist. Sie benennt die Gefühle ihrer Figuren nicht direkt, sondern mit poetischen Bildern und Vergleichen, die sich zwanglos erschließen, aber auch eine eigentümliche Vagheit schaffen - bisweilen schien es mir (mein ganz persönlicher Eindruck), dass sie eher Typen schildert als Individuen. Oder anders gesagt: entsprechend der Titelillustration erkennen wir die brodelnden Emotionen am Handeln der Personen, ein dunkler Kern im Innern bleibt uns aber verschlossen. Andererseits gelingt es Kurtto gerade durch diese Undurchsichtigkeit, voreilige Deutungen zu erzeugen. In der Leserunde hat so gut wie jeder Teilnehmer, wie sich herausstellte, wichtige Handlungsabschnitte falsch gedeutet und letztlich Charaktere falsch "gelesen". Es kann eine hinreißende Leseerfahrung sein, festzustellen, wie leicht man in Denkfallen getappt ist, und die Autorin löst am Ende jedes Rätsel auf und gibt sogar einen optimistischen Ausblick auf die Zukunft vor. Trotzdem hat mich die beschriebene Undurchsichtigkeit in der Schilderung letztlich daran gehindert, das fünfte Sternchen aufzulegen. Das Buch ist hochinteressant (schon wegen des Schauplatzes), sprachlich ambitioniert und bietet eine spannende Handlung - ich bin trotzdem nicht so richtig warm damit geworden. Trotzdem ausdrückliche Leseempfehlung, da es sich um einen sehr persönlichen Eindruck handelt.

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  1. Leben auf dem Vulkan

      Tristan da Cunha, die nur 98 Quadratkilometer große Insel im Atlantischen Ozean, gehört zum Britischen Überseegebiet und gilt als abgelegenste bewohnte Insel der Welt. Sie diente Edgar Allan Poe, Jules Vernes, Raoul Schrott oder Primo Levi als Romanschauplatz und 2017 auch der finnischen Romanautorin und Lyrikerin Marianna Kurtto für ihren Debütroman Tristania, mit dem sie 2019 für den renommierten Preis des Nordischen Rates nominiert war. Dreh- und Angelpunkt ist der reale Vulkanausbruch von 1961 mit der vorübergehenden Evakuierung. Im Roman bebt dabei nicht nur die Erde und es ergießt sich ein Lavastrom, es entsteht auch ein neuer Vulkan in der Flanke des alten und für die Protagonistinnen und Protagonisten bleibt nichts, wie es war.

    Einsam und doch nie allein
    1961 leben die Inselbewohnerinnen und Inselbewohner von dem, was die karge Umgebung ermöglicht: Fischfang und Schafzucht. Daneben wird mit gelegentlich vorbeifahrenden Schiffen Tauschhandel betrieben, was im ansonsten ruhigen Alltag vorübergehende Hektik auslöst.

    Während kaum Kontakt zur Außenwelt besteht, begibt sich der von Fernweh geplagte Fischer Lars zum Handel mit Fischerzubehör regelmäßig ins sechs Schiffswochen entfernte England und lässt seine stille Frau Lise und den neunjährigen Jon zurück. Als er sich in London in die Blumenverkäuferin Yvonne verliebt, zieht er mit ihr in ein Haus am weißen Strand. Doch quält ihn sein Gewissen und Tristan da Cunha, die Insel mit dem schwarzen Sand, „die ein Berg ist, zwei Kilometer hoch, ozeantief und von Schluchten gespalten“ (S. 12), lässt sich nicht so leicht abschütteln:

    "Sie ist Heimat, sie ist der einsamste Ort auf der Welt, und ich bin dort nie allein." (S. 37)

    Allein mit ihrer Trauer um den Verlust bleiben die grüblerische Lise und Jon, Außenseiter und Leseratte dank väterlicher Mitbringsel.

    Ein „morsches Liebeshaus“ auch bei den Nachbarn
    Unglücklich ist auch das Nachbarspaar. Martha, 20 Jahre jünger als Lise und Insellehrerin, wollte mit der Familiengründung einem Trauma entkommen:

    "[…] und die bösen Träume werden tief in den Bauch des Vulkans rinnen. Dort werden sie verbrennen, sich an den Rändern ringeln wie alte Fotos, die niemand mehr anschauen will." (S. 52)

    Als ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt, entfremden sich die Eheleute. Bert, der nichts über Marthas Vergangenheit weiß, steht ihrer Traurigkeit hilflos gegenüber und verfällt in Trägheit.

    Und dann bricht der Vulkan aus...

    Viele Puzzleteile werden zu einem Gesamtbild
    16 der 17 Kapitel spielen im Jahr des Vulkanausbruchs 1961, je sechs in Tristan da Cunha und England, vier in Kapstadt und eines auf See. Dazwischen gibt es Rückblenden und einen mit „Später: 1965“ überschriebenen Schluss. Die Erzählperspektive wechselt zwischen dem „Ich“ von Lars und Jon sowie personal Erzähltem überwiegend von Lise und Martha.  Ähnlich ist allen jedoch der melancholische, poetische, überbordend bildhafte und einfach schöne Stil, sicher auch ein Verdienst des erfahrenen Übersetzers Stefan Moster. Die fehlende Unterscheidbarkeit der Stimmen könnte man kritisieren, für mich war es jedoch einfach der Inselton.

    Wer ein packendes, zeitloses Drama um menschliche Verwicklungen in ungewöhnlicher Umgebung sucht, sich gerne überraschen lässt, Leerstellen, Anspielungen, falsche Fährten, absichtliche Verschleierung und unterschiedliche Zeitebenen nicht scheut, charakterliche Beurteilungen revidieren kann, eine starke, bildhafte Sprache und interessante Charaktere schätzt und Themen wie Fernweh, Heimatverbundenheit, zwischenmenschliche Konflikte, Eifersucht, Gewalt, Schuld, Reue und Neubeginn mag, für den ist Tristania eine ausgezeichnete Leseempfehlung.

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  1. 4
    11. Aug 2022 

    Brodeln im Innern der Figuren

    Tristan da Cunha ist eine kleine Vulkaninsel im Südatlantik, ca. 2800 Kilometer vom Kap der guten Hoffnung entfernt. Knapp 250 Menschen leben auf dem rauen Eiland. Im Oktober 1961 kam es dort zu einem größeren Erdbeben und in Folge darauf zu einem Vulkanausbruch. Die Einwohner mussten evakuiert werden und kamen nach Kapstadt. Die meisten von ihnen kehrten später aber wieder in ihre Heimat zurück.
    Dieses Geschehen bildet den Hintergrund für Marianna Kurttos Roman „ Tristania“. Die finnische Autorin, 1980 in Helsinki geboren, hat zuvor fünf Gedichtbände veröffentlicht und ihr Debutroman wurde für den Preis des Nordischen Rates nominiert.
    Im Zentrum der Geschichte stehen zwei Familien, Lars und Lise mit ihrem Sohn Jon und das kinderlose Ehepaar Martha und Bert.
    Den Fischer Lars treibt es immer wieder hinaus. Als Fischereihändler reist er oft bis nach England und bringt von dort Geschenke für Frau und Sohn mit. Doch das wiegt längst nicht die lange Zeit des Alleinseins auf. Und als Lars sich eines Tages in eine Londoner Blumenverkäuferin verliebt und nicht mehr zurückkehrt, müssen Lise und Jon allein klarkommen.
    Auch Martha, die junge Lehrerin von Jon, träumt sich weg von der Insel; sie spürt wie Lars eine große Sehnsucht nach der weiten Welt. Anders ihr Mann Bert. Er ist zufrieden mit dem einfachen Leben, mit dem täglichen Einerlei. Die Ehe der beiden, die so hoffnungsfroh begonnen wurde, wird überschattet von einem dunklen Geheimnis, das Martha belastet. Sie hatte gehofft, dass ein gemeinsames Kind die Erinnerung auslöschen würde, doch dieses Glück war ihnen nicht vergönnt. Und Bert spürt, dass er seiner Frau nicht helfen kann. „ Etwas war kaputt, von Anfang an, ich konnte es nicht reparieren.“
    Neben den zwei Paaren haben noch weitere Figuren ihren Auftritt, so z.B. Lises Freundin Elide , die mit ihren sechs Kindern genug zu tun hat oder Marthas depressive Mutter.
    Die Autorin beschreibt die harten Lebensbedingungen auf der Insel, die bestimmt werden durch die Kräfte der Natur, den Wind, den Regen, das Meer, die Kargheit der Landschaft . Doch im Wesentlichen geht es um das Innenleben der Figuren. Obwohl eine so kleine Gemeinschaft es mit sich bringt, dass jeder jeden kennt, so haben doch alle ihre Geheimnisse.
    Lars ist hin - und hergerissen zwischen der Liebe zu seiner Frau und seinem Sohn und der Sehnsucht danach, die Enge der Insel hinter sich zu lassen. Mit einer jüngeren Frau beginnt er ein neues Leben, aber das alte lässt sich nicht so einfach abschütteln.
    Jon ist anders als die anderen Kinder. Er ist verträumt und leidet unter der Abwesenheit des Vaters und der Trauer seiner Mutter.
    Martha quälen immer wieder schreckliche Träume, die in einem traumatischen Erlebnis in ihrer Vergangenheit begründet sind.
    Dann bricht der Vulkan aus und alles kommt in Bewegung. „ …denn der Berg hat ja aus ihnen allen Opfer gemacht, hat sie von seinen Hängen abgeworfen und gezwungen, nachzuschauen, was sie auf dem Grund der Schlucht erwartet.“
    Der Roman erzählt von der Liebe zur Heimat und der Sehnsucht nach der Ferne, von Schuld und Verantwortung, von Liebe und Hass. Über allem schwebt eine melancholische Grundstimmung.
    Marianna Kurtto entwickelt ihre Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, mal lässt sie die Figuren selbst zu Wort kommen, dann spricht wieder ein auktorialer Erzähler. Auch die Orts- und Zeitebenen wechseln, mal sind wir in die 1950er Jahren, dann im Jahr 1961, mal auf Tristana, dann wieder in London oder Kapstadt. Das und die Art des Erzählens verlangen einen aufmerksamen Leser.
    Der Roman hält mit unerwarteten Überraschungen die Spannung aufrecht und zum Ende hin gibt es nochmals einen dramatischen Wendepunkt, der den Leser atemlos innehalten lässt. Ständig ist man gezwungen, das Bild, das man sich von den einzelnen Figuren gemacht hat, in Frage zu stellen oder zu revidieren.
    Die Sprache ist dicht und außergewöhnlich poetisch. Hier spürt man, dass eine Lyrikerin am Werke ist. Bilderreich, voller ungewohnter Metaphern beschreibt die Autorin die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Figuren und die raue Schönheit der Natur.
    Leider gibt es für mich ein paar Kritikpunkte, weshalb ich dem Roman nicht die volle Punktzahl geben kann.
    In den einzelnen Erzählerstimmen konnte ich keine sprachlichen Unterschiede ausmachen, obwohl es sich um sehr unterschiedliche Personen handelt. Der durchgängig hohe poetische Ton ließ mich auch keine Nähe zu ihnen entwickeln. Manchmal hatte ich den Verdacht, die Autorin wolle unbedingt kryptisch schreiben, um den Leser gezielt in die Irre zu führen. Und das beinahe märchenhafte Ende konnte mich letztlich auch nicht ganz überzeugen. Zu konstruiert erschienen mir die Ereignisse.
    Trotz meiner Einwände spreche ich gerne eine Leseempfehlung für dieses poetische und atmosphärisch dichte Buch aus.
    Hervorzuheben ist auch die wunderbare Übersetzung von Stefan Moster.

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  1. 5
    11. Aug 2022 

    Erkenntnisse

    Ein wunderbares Buch. "Tristania" ist ein interessant und vollkommen raffiniert aufgebautes Buch der finnischen Autorin Marianna Kurtto. Denn dieses Buch wartet mit einem Knaller am Ende auf. "Tristania" verblüfft und verführt. Dieser Roman lief anfänglich, ja bis zum letzten Viertel des Buches als 4-Sterne-Roman für mich. Marianna Kurtto schreibt in einer poetischen und eindrucksvollen Sprache, der man anmerkt, dass die Autorin auch Gedichte schreibt. Die Schreibe ist sehr schön und zum Genießen, jedoch auch voller Hinweise, die sich nur bei einem genaueren Hinsehen, eventuell mehrmaligem Nachlesen, erklären und die Schreibe ist auch nicht einfach, da die poetische Struktur auch etwas anstrengt, allerdings gefällt mir gerade dies sehr gut. Denn gerade das macht das Buch auch außergewöhnlich. Man muss sehr aufpassen, ist als Leser gefordert und auch dies gefällt mir sehr. Die Autorin führt einen etwas an der Nase herum, aber dies macht man auch selbst als Leser, weil die eigenen Vorurteile aus dem Leben im Buch genauso greifen und die Leserschaft zu frühzeitigen Beurteilungen verführen, sie regelrecht dazu verleitet werden zu beurteilen und auch zu verurteilen. Aber Schwarz und Weiß ist hier nichts, denn manches Schwarze wird gar zu Weiß und umgekehrt. Und dies passiert im wunderbaren letzten Viertel des Buches. Der bei mir den Schalter umlegt und dem Buch den verdienten 5 Stern einbringt. Und dies geschieht nicht, weil ich durch die Handlung, durch das Personal brenne, sondern weil ich durch die Struktur des Buches und durch die Botschaft, die in dem Buch liegt, brenne. Etwas viel in diesem Buch. Mitnichten. Denn gerade dies bewirkt ja ein Sinnieren bei der Leserschaft, ein Überdenken und damit vielleicht auch ein Gewinn für die weitere Zeit der Leser. Denn an dieses Buch wird man sich erinnern! Und das am Ende dann gar eine Prise eitel Sonnenschein mitspielt. Was solls. Sei es den Figuren gegönnt, sie haben es sich nach dem ganzen Procedere verdient! Gerade dieses Spiel mit der Leserschaft fand ich gelungen, man sollte sich eben nie zu sicher in seiner Beurteilung sein, im Buch und auch im Leben nicht. Überraschungen gibt es immer. Ein denkwürdiges Buch! Und im besten Fall ein Buch, welches die Leserschaft nachhaltig und zu ihrem Besten verändern kann. Denn genau das traue ich diesem Buch "Tristania" auch zu.

    Zum Inhalt: Lars, der Vater von Jon und der Mann von Lise, ein unsteter Geist, der dem Reiz des Neuen anhängt, verlässt seine Heimat und Martha, die Lehrerin der Insel mit einer zerstörerischen Vergangenheit träumt ebenso davon von der Insel Tristan de Cunha verschwinden zu können. Ein Vulkanausbruch und die daraus resultierenden Ereignisse verändern nachhaltig das Leben der Insulaner und neue überraschende Erkenntnisse verändern ebenso die Menschen.

    Unbedingt lesen!

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  1. Fesselnder Inselroman in bemerkenswert poetischer Sprache

    Tristan da Cunha ist eine 98 Quadratkilometer kleine Insel, die als das abgelegenste bewohnte Eiland der Welt gilt. Sie liegt im südlichen pazifischen Ozean, es gibt nur eine Anhöhe, in deren Mitte „sich das Herz des Berges glühend auftut“ – es handelt sich nämlich um einen Vulkan dabei. Es ist historisch belegt, dass dieser am 8. Oktober 1961 ausbrach, was Folgen für die rund 300 Bewohner der Insel hatte. Bis dahin wurden keinerlei vulkanische Aktivitäten festgestellt. Rund um diese Naturkatastrophe hat Marianna Kurtto ihren außergewöhnlichen Roman angelegt.

    Tristan da Cunha ist ein Mikrokosmos. Wir lernen nur wenige Familien kennen. Im Zentrum stehen Lars mit seiner Frau Lise und dem gemeinsamen 9-jährigen Sohn Jon. Lars ist Fischer, wie fast alle Männer auf der Insel. Man tut, was man tun muss. Der Alltag wird von Wetter, Winden und unermüdlicher Betriebsamkeit dominiert. Es gilt, genug Vorräte für den Winter anzulegen, Häuser zu bauen, Schafe zu züchten und Fische zu fangen, um sie in der am Ufer liegenden Konservenfabrik zu verarbeiten. Doch Lars ist das eintönige Leben auf der Insel nicht genug: Er bricht regelmäßig auf, um in anderen Ländern Handel zu treiben. Er bleibt mitunter Monate lang weg, beschenkt seine Lieben danach mit exotischen Mitbringseln, Süßigkeiten und Büchern. Im Oktober 1961 gilt er auf der Insel als vermisst. Er ist länger fort geblieben als üblich, Lebenszeichen gibt es keine. „Lise hat ein Kind, ihr Mann ist fort. Ein am Grund zerbröckelter Krebs oder einer, der ans Ufer kam und sich einen neuen Panzer wachsen ließ.“ (S.19)

    Kurtto baut ihre Geschichte in mehreren wechselnden Perspektiven auf. Während Lise und Jon in der Unsicherheit leben, ob Lars noch lebt, erfährt der Leser durch Lars´ Innensicht, dass er mittlerweile in England Anker setzte, wo er mit Yvonne eine neue Liebe gefunden hat. Lars beschreibt sein fortwährendes Fernweh, seinen Aufbruch, seinen Neuanfang. Gleichzeitig schwingt immer auch Sehnsucht nach Heimat und Sohn in seinen Gedanken mit: „In meiner Kabine lege ich mich auf das harte Bett. Ich schließe die Augen und sehe die Insel: Überraschend erhebt sie sich aus dem Meer, so unglaublich wie eine Oase in der Wüste, aber vertraut. Sie ist Heimat, sie ist der einsamste Ort auf der Welt, und ich bin dort nie allein.“ (S.37)

    Auch Martha kennt das Fernweh. Die Umstände haben sie aber in Tristan gehalten. Sie kümmert sich um ihre verwirrte Mutter, arbeitet dort als Lehrerin und ist dem kleinen Jon sehr zugetan. Sie wird von einem dunklen Geheimnis umwölkt, über das für den Leser immer mehr Details in intensiven, eindrücklichen Erinnerungen an die Oberfläche quellen. Martha ist mittlerweile mit Bert verheiratet, einem zurückgezogenen, stillen Mann. Beide wünschen sich vergeblich ein Kind. Die Ehe ist durch Marthas erlittene Verletzungen belastet, ohne dass sich das Paar sich darüber austauschen kann. „Warum ist ihnen das so schnell passiert, warum ist alles, was am Anfang gefunkelt hat, bereits verblasst?“ (S. 62)

    Es tauchen weitere Figuren im Verlauf der Geschichte auf. Jon, der scharfe Beobachter, und die zwei genannten Paare bilden aber zusammen mit der einmaligen insularen Kulisse das Zentrum. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen und Verwicklungen auf so engem Raum, dass man sich kaum aus dem Weg gehen kann. Es geht um Liebe und verschmähte Liebe, um Hass, Verlust, Heimat, Fremdsein, um Sehnsucht und Fernweh, um Verantwortung, verpasste Chancen, Aufbruch und Neuanfang, um Schuld, Sühne und Tod. Die Themen sind komplex und vielfältig. Die Handlung wird dabei von zwei wesentlichen Ereignissen getrieben: einerseits von dem an Martha verübten Verbrechen, das mit Schweigen bedeckt, aber nie bestraft wird. Andererseits von dem Vulkanausbruch, der nicht nur Lava auswirft, sondern die Gemüter der Menschen in Wallung versetzt und zum Handeln zwingt. Kurtto setzt dabei bewusste Andeutungen, bleibt immer wieder vage, verbindet Gegenwart und Vergangenheit, bis sich zum Ende hin das komplette Bild für den Leser erschließt. Man darf kontinuierlich aufpassen und mitdenken. Grandios!

    Marianna Kurtto hat neben zwei Romanen bisher mehrere Gedichtbände vorgelegt. Man spürt ihre Nähe zur Lyrik sowie ihr großes dichterisches Talent in jeder Zeile dieses beeindruckenden Buches. Sie vermag Atmosphäre zu schaffen, sie beherrscht eine sehr poetische, bildgewaltige Sprache, in die man herrlich eintauchen und sie genießen kann. Dabei ist sie niemals platt oder oberflächlich. Sie beleuchtet ihre Charaktere aus verschiedenen Blickwinkeln, sie lässt sie sich glaubwürdig entwickeln, sie gibt ihnen viele Facetten und psychologische Tiefe, sie zeigt bestehende Ambivalenzen auf. Denken und Handeln der Figuren spiegeln sich in der teilweise unwirtlichen, aber auch schönen Natur wider, die Sprache strahlt Wärme, Empathie und latente Melancholie aus. Die Metaphern sind ein Genuss. Wie ausgewogen, harmonisch und passgenau werden Gefühlslagen und Emotionen der Protagonisten beschrieben! Hier passt eins zum anderen.

    Dazu kommen grandios konzipierte, tragfähige Handlungskomponenten, die den Leser zu fesseln verstehen. Die Dynamik steigert sich in der zweiten Hälfte immens und weiß zu überraschen. Fiktion verknüpft sich mit realen Begebenheiten. Dieser Ausgang ist unglaublich gut gelungen, er passt zu dem grandios strukturierten Roman, bei dem am Ende jedes Puzzleteil an seinen Platz rutscht. Die poetische, ruhige Sprache täuscht nicht über die anschwellende Dramatik hinweg. Ein Buch, dem auch eine zweite Lektüre nicht schadet und das sich hervorragend für Lesekreise eignet.

    Unbedingt erwähnenswert ist die übersetzerische Meisterleistung von Stefan Moster, dem es gelungen ist, die poetische Sprachmelodie aus dem Finnischen perfekt ins Deutsche zu übertragen. Ein Roman, bei dem einfach alles stimmt, der mich völlig bezaubert hat und dem ich deshalb ganz viele Leser wünsche!

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  1. Reigentanz auf dem Lavastrom

    Autorin
    Marianna Kurtto

    Inhalt
    Die Inselbewohner von Tristania leben vom Fischfang und treiben Handel mit Schiffen, wenn diese bei ihnen haltmachen. Sie tauschen, was gerade befördert wird: Mehl, Reis, Seife, Zigaretten und vieles mehr. Manchmal werden Briefe gebracht, die Hoffnung auf Geschichten „aus einer anderen Welt […], in der man die Stoffe in Geschäften aussucht und Vögel zum Wohnen in Käfige setzt“ (S. 46) enthalten. Im Gegenzug bekommen die Schiffe Trinkwasser, Handarbeiten und Schafe oder das, was die Inselbewohner gerade parat haben.

    „Und die vorbeifahrenden Schiffen hinterließen uns auch immer etwas, wenn welche vorbeifuhren und die Launen der Winde, die Fahrpläne der Handelsrouten und die unsteten Gemüter der Kapitäne es ihnen erlaubten, in unseren Gewässern haltzumachen.“
    (S. 30 f.)

    Die Erzählung besteht aus einer Reihe von Hauptpersonen, die sich auf drei Familien verteilen. Verwoben werden diese Personen mit weiteren Nebenfiguren, sodass ein Geflecht von nicht immer durchschaubaren Handlungen innerhalb der Verbindungen entstehen.

    Lise ist mit Lars verheiratet. Jedoch Lars ist abwesend, als die Erzählung beginnt. Er hat in London mit einer anderen Frau, Yvonne, ein neues Leben angefangen. Jon ist der Sohn von Lise und Lars. Jon hat offensichtlich die Beschützerrolle seines Vaters übernommen. Er betrachtet die Mutter-Sohn-Verbindung als ein „Spiel“.

    „Ich spiele den Schlafenden.
    Meine Mutter spielt die Mutter.“ (S. 11)

    Martha ist Lehrerin auf der Insel, sie heiratet spät und kann keine Kinder bekommen. Sie gilt auf der Insel als „merkwürdig“ und trägt ein Geheimnis mit sich.

    „Bevor sie geht, legt Martha die Decke aufs Bett, und alles darunter bleibt verborgen.“ (S. 136)

    Der Beginn des Romans wird zunächst durch Reflexionen der Personen in ihren Beziehungen bestimmt. Lises Gedanken drehen sich um die Frage, warum Lars sie verlassen hat, Jon will die Abwesenheit seines Vaters verstehen und Martha unterdrückt ihre Gefühle, sie will ihr Geheimnis nicht verraten. Auch alle anderen Figuren sind mit ihren Wünschen und Vorstellungen des Lebens auf Tristania innerlich beschäftigt.

    Dann bricht der Vulkan aus, der Tristania geformt hat.

    „Die Erde schwankt und ist dann ganz still.“ (S. 134)

    Das innerliche „Schwanken“ der Bewohner Tristanias gerät ebenfalls in Stille. Das gewohnte Leben verändert sich und sie müssen die Insel verlassen. Die gesamte Insel muss evakuiert werden und von nun beginnt ein neuer Abschnitt ihres gewohnten Lebens, der Entscheidungen erfordert.
    Während der Evakuierung bleibt Jon auf der Insel. Die Suche nach ihm ist zunächst erfolglos. Lars erfährt im fernen England von dem Ereignis und entschließt, zu seiner Familie zurückzukehren. Später beginnt die Wiederbesiedlung der Insel. Und auch das dunkle Geheimnis wird erhellt.

    Sprache und Stil
    Der Roman beginnt mit einem Prolog, der einer Ouvertüre gleichkommt. Kraftvoll und melodisch wird das Thema der Handlung aufgenommen.

    „Würden Wellen etwas fühlen, würden sie sich wundern, wenn sie auf die Insel träfen; sie haben geglaubt, ihr Weg wäre endlos, eigentlich sogar, ihre Welt wäre Unendlichkeit. Aber jetzt prallen sie auf grauen Stein und schwarzen Sand, werden in die Höhe geschleudert und zerstieben, regnen in wütenden Spritzen auf die empfindungslose Uferlinie herab. Sie drängen immer weiter, Stück für Stück tiefer, sodass die im Sand vergrabenen Schnecken bald das Wasser im Nacken spüren, sich an ihr Zuhause erinnern, es in sich tragen“ (S. 7)

    Auf diesen komplexen Eingangsabschnitt folgen ruhigere Abschnitte von Wellen und Wasser, die mystischen Klang und Emotionen verspüren lassen. Langsam entsteht ein Bild der Insel, dunkel und geheimnisvoll. Der Vulkanausbruch lässt mit seinen glühenden Lavaströmen, die ins Meer strömen, „Skulpturen“ entstehen. So wie die Wellen ewig gegen die Insel schlagen und weiter „ihre Ränder umformen“, so würde der Mensch, wenn er der Spur der Lava folgt, an den Rand des Kraters in das Innere, in die glühende, brodelnde Masse schauen, das Herz des Berges sehen und sein eigenes Herz erkennen.
    In poetischer Sprache durchzieht das Thema nach der Suche zu sich selbst die Frage, wo ist meine Heimat.

    „Aber bis zum Rand dieses Herzens ist es ein weiter Weg.“ (S. 8)

    Das Setting wird geprägt durch die Abgeschiedenheit der Insel, mit grauem Stein und schwarzem Sand, die von Wellen heftig umspült wird.
    Die Insel ist ein Berg, „zwei Kilometer hoch, ozeantief und von Schluchten gespalten.“ (S. 12 ) Und zwischen Meer und Berg liegt das Dorf.

    Die Handlung ist einfach, wie auch die Figuren in dem „Stück“ einfache Menschen sind. Sie führen ein bescheidenes Leben in der rauen Natur.
    Marianna Kurtto beschreibt die Inselbewohner, deren Leben von der Kargheit, Abgeschiedenheit, Einsamkeit und Sehnsüchten nach der Aussenwelt geprägt ist. Ihre Gedanken drehen sich immer wieder ums Ankommen, eine Heimat finden in der Familie und in der Landschaft. Die Autorin stellt dem Ausbruch des Vulkans das Innere des Menschen gegenüber. Wie der Vulkan jederzeit ausbrechen kann, lauert zwischen den Zeilen immer etwas Verborgenes, das bereit ist, wie ein Lavastrom sich zu lösen.

    Sie nutzt für diese intensive Betrachtung unterschiedliche Stilmittel, stellt in den einzelnen Kapiteln ihre Figuren wie in einen Reigentanz zusammen. Den Reigen eröffnet Jon und endet mit Martha. Reihum führt die Autorin in die Gedanken, Gefühle und psychisch verborgenen Welten der Protagonisten ein. Und auch die Nebenfiguren bekommen Konturen.
    Es entsteht ein Puzzle aus Rückblenden, unterschiedlichen Ich-Erzählern Jon und Lars und auktorialer Erzähler, die durch die Gedankenwelt führen. Die hochpoetische Sprache ist zwar wunderschön zu lesen, dadurch wird aber manchmal Unterscheidungen der Charaktere in den einzelnen Passagen nicht klar herausgearbeitet. Kursiv geschriebene Texte geben Eindrücke oder Gedanken einzelner Personen wieder. Zeitsprünge, das Spielen des Textes mit Auslassungen, und Anspielungen und ein unvollendetes Gespräch als Rätsel, das am Ende gelöst wird, entwickeln immer wieder neue Bilder vor einer dunklen Kulisse, die langsam auf den Ausbruch zusteuern, sowohl des Vulkans als auch der Ausbruch der Inselbewohner.

    Fazit
    Der Roman „Tristania“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Am 8. Oktober 1961 kam es zu einem Erdbeben auf der Insel Tristan da Cunha. Es formte sich ein Hügel, aus dem zwei Tage später der Ausbruch des Vulkans erfolgte. Die Inselbewohner wurden schnell evakuiert und konnten im September 1962 wieder zurückkehren.
    vgl. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tristan_da_Cunha, 10.08.2022.

    Auf dieser Grundlage entwickelt Marianna Kurtto ihren Roman und passend zu der Stimmung entwirft sie einen atmosphärisch dichten, ruhigen, verhaltenen und poetischen Text. Trotzdem schafft die Autorin die Balance zwischen ruhigen Erzähltempo und grandioser Spannung herzustellen. Wie bei einem Drama in drei Akten schreitet das Geschehen dem Finale entgegen. Das Leben auf Tristania, der Vulkanausbruch und die Rückkehr verschmelzen im Finale zu einem dramatischen Wendepunkt.

    „ Würden sie [die Wellen] etwas fühlen, hätten sie vor der Insel so viel Angst, dass sie erstarrten, und es gäbe kein Wasser mehr. Aber sie fühlen nichts, sie schlagen an Land, ziehen sich aufs Meer zurück und lösen sich auf.“ (S. 8)

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  1. Unter der Oberfläche ....

    Die kleine Vulkaninsel Tristan da Cunha ist eine der entlegensten bewohnten Insel der Welt. Die wenigen Einwohner leben von der Fischerei und Guano, einer begehrten Handelsware, die sie auf den nahgelegenen Vogelinseln sammeln. Nicht allzu häufig ankern Schiffe an der schroffen südatlantischen Küste, ungünstige Winde erschweren manchmal ein Anlegen. Fremde Schiffe sind eine überlebensnotwendige Abwechslung, bringen Lebensmittel und andere nützliche Dinge zum Tausch.

    Die finnische Autorin Marianna Kurtto hat diese karge Insel als Ort ihres Romans „Tristania“ gewählt. Die Ereignisse kreisen um wenige Personen und lassen sich zeitlich von den späten 1950er Jahren bis Mitte der 1960er Jahre einordnen. Eine wichtige Rolle spielt Lars, der einzige Bewohner, den es weit hinaus in die Welt zieht. Er ist oft monatelang unterwegs, bringt seinem Sohn Jon Bücher und Süßigkeiten von seinen Reisen mit. Irgendwann ist er länger als üblich verschwunden, hat sich mit einer neuen Frau in England eingerichtet. Das Leben seiner Frau Lise und seines Sohnes sind geprägt durch die Abwesenheit des Ehemanns und Vaters. In unmittelbarer Nachbarschaft von Lise und John leben Martha (Jons Lehrerin) und ihr Mann Bert, deren Ehe kinderlos geblieben ist, sowie Lises Freundin Elide mit ihrem Ehemann Paul und ihren zahlreichen Kindern.

    Kurtto schreibt in einer bildreichen, lyrisch-poetischen Sprache. Sie erschafft eine melancholische Atmosphäre, lässt uns Stück für Stück an den Handlungen, Gedanken und der Gefühlswelt der Protagonist:innen teilhaben. Schon bald ist klar, dass es unter der Oberfläche brodelt, tiefe Verletzungen und traumatische Ereignisse stattgefunden haben müssen. Kurtto platziert Andeutungen sehr geschickt, führt uns in die Irre, lässt manches nur erahnen. Bilder wollen entschlüsselt werden, die Sichtweisen auf einzelne Personen verändern sich während des Lesens, nichts ist so wie es zunächst scheint. 1961 kommt es zur Katastrophe: Der Vulkan bricht aus, nicht alle können evakuiert werden, einige Menschen werden vermisst. Lars, der von dem Unglück in der Zeitung erfährt, macht sich auf den Weg, in der Hoffnung, seine Angehörigen zu treffen ….

    Kurtto erzählt eine tragische Geschichte von Sehnsucht, Versäumnissen, Fehlern, Schuld und Heimat. Die Sprache ist zutiefst poetisch, fast schon lyrisch und vermittelt eine sehr besondere, schwermütige Atmosphäre, in der ich mich regelrecht verfangen habe. Abseits des Mainstream ist „Tristania“ eine anspruchsvolle, literarische Perle, die mir sowohl inhaltlich als auch sprachlich in Erinnerung bleiben wird. Ich hoffe sehr, dass weitere Werke der Autorin ins Deutsche übersetzt werden. Die hier vorliegende Übersetzung von Stefan Moster ist übrigens eine Meisterleistung.

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  1. Wenn die Heimat eine Insel ist.

    Kurzmeinung: Ein einfühlsamer, sanfter Roman, dennoch kraftvoll und einfach wunderschön.

    Marianna Kurtto, eine finnische Schriftstellerin, die wir in Deutschland viel zu spät entdecken, hat sich in ihrem Roman „Tristania“ (erschienen in Finnland 2017) von dem Vulkanausbruch, der 1961 die Insel Tristan da Cunha heimsuchte und die wenigen Einwohner zur vorübergehenden Evakuierung zwang, inspirieren lassen.

    Von dieser kleinen Inselgruppe habe ich noch nie etwas gehört. Damit wir etwas lernen, zitiere ich aus Wikipedia: „Zu dem Archipel Tristan da Cunha gehören auch die Insel Gough sowie die unbewohnten Inseln Inaccessible Island, Nightingale Island, Middle Island und Stoltenhoff Island.“ Inaccessible Island, dieser Name sagt schon alles.

    Auf Tristan ist es wunderschön. Die Insel ist zwar wirklich klein, aber grün und voller Farben und Gerüche. Man hält Schafe und fängt Fische. Es ist windig bis stürmisch und sehr feucht. Nur wenige Menschen wohnen dort. Denn Kargheit und Armut begleiten das Inselidyll. Das hält nicht jeder aus. Wer es aber aushält, bildet einen besonderen Menschenschlag.

    Der Kommentar:
    Marianna Kurtto bildet die Schönheit der winzigen Vulkaninsel mit ihrer Sprache ab. Man wird durch die Poesie ihrer Worte wie ein Vogel emporgetragen in die Lüfte und lässt sich von den Klippen stürzen. Die Wiesen sind üppig, das windgepeitschte Meer ist grünblau, der alles beherrschende Vulkan in der Mitte der Insel ist von erschreckender Herrlichkeit. Der Weg dort hinauf ist der einzige lohnenswerte Spaziergang. Die Menschen selber sind wortkarg. Jeder kennt jeden. Jeder hat einen Hund. Man denkt, keiner könnte ein Geheimnis haben, alles liege in dieser kleinen Community offen zu Tage. Doch dem ist nicht so. In den verschlossenen Seelen der Einheimischen liegen seltsame Gedanken verborgen, Gedanken über das Leben und den Tod, über die Liebe, über die Heimat. Diese ergründet der Leser nach und nach mit den verschiedenen Icherzählern der Geschichte.

    Die spannendste Figur des Romans ist Lars. Er ist ein Seemann, wie man ihn sich vorstellt. Und dann auch wieder nicht. Ihn hält es nicht auf der Insel, obwohl er mit Lise eine gute Ehe führt und einen Sohn hat, den er liebt. Obwohl, mit der Liebe ist es ja nicht immer einfach. Warum ist Jon, sein Sohn, so ganz anders als er? Aber zum Glück mögen sie beide Bücher, die sie wegen des mangelnden Nachschubs alle auswendig kennen. Lars ist Fischer, klar, jeder ist Fischer auf Tristan. „Wir kennen das Meer und wir lesen die Gedanken der Fische“, sagt er, „Wir töten sie mit Geschick und Liebe und verzehren sie wie Edelsteine, sie sind wertvoller als Gold“. Aber er ist auch Händler und auf „Dienstreise“ in England und Lise bleibt allein in der kleinen Community zurück. Jeder ahnt, dass Lars ein Doppelleben führt, aber keiner spricht es direkt aus. Vielleicht stimmt es auch gar nicht.

    Heimat und Heimweh bilden den Grundtenor dieser Geschichte. Oder anders ausgedrückt, Fernweh und Heimweh. Wer von einer Insel stammt, wird sie nie ganz los. So geht es auch den Bewohnern von Tristan.

    Fazit: Ich bin völlig verzaubert von diesem kleinen Roman, mit seiner langsamen, bilderreichen, lyrischen und einfühlsamen Sprache; diese Sprache gibt allen Protagonisten eine einzigartige Stimme, die obwohl einzigaig, auch einen ähnlichen Zungenschlag hat. Denn es ist die Stimme der Insel selber. Vor allem aber kommt durch die Sprache das Staunen vor der großartigen Natur unserer Erde zum Ausdruck. Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Mein Lesehighlight 2022!

    Kategorie: Literatur. Anspruch
    Verlag, Mare, 2022
    Lesehighlight.

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  1. Es brodelt

    Oktober, 1961: Als auf der kleinen südatlantischen Insel Tristan da Cunha der Vulkan ausbricht, geht es für die Menschen dort nicht nur um die Rettung ihrer eigenen Leben. Denn zusammen mit der Lava brechen Geheimnisse und Gefühle hervor, die fast genauso lange unter der Oberfläche brodelten wie das bedrohliche Magma. Im Epizentrum des Ausbruchs: Lehrerin Martha, ihre Nachbarin Lise und deren nach England geflohener Mann Lars sowie Jon, Lises und Lars' Sohn.

    Wer den Namen "Tristania" liest, erinnert sich zunächst vielleicht an die gleichnamige norwegische Gothic Metal-Band, die um die Jahrtausendwende in der Szene mit einigen gutklassigen Alben durchaus Beachtung fand. Was den Debütroman der finnischen Autorin Marianna Kurtto mit dieser Band verbindet, ist der traurige Grundton, der sich wie ein glühender Lavastrom durch die 300 Seiten bewegt. Die zweite Auffälligkeit betrifft den Übersetzer Stefan Moster, der sich in für ihn nicht unbekannten Gefilden bewegt. Denn schon im letzten Jahr reiste Moster für den mare-Verlag literarisch auf eine Insel des Südatlantiks und begleitete in Olli Jalonens herausragendem Roman "Die Himmelskugel" den kleinen Angus auf St. Helena.

    Gleich zu Beginn fällt den Leser:innen die poetische Sprache auf, die Kurtto im Prolog genial einsetzt, um die Wellen vor Tristan auf die Suche nach menschlichem Leben nach dem - übrigens historisch belegten - Vulkanausbruch zu schicken. Diese Poesie behält sie für den Rest des Romans bei, wobei der Einsatz nicht immer gleichermaßen gelungen ist. Schöne und treffende Bilder wechseln sich mit bemüht wirkenden Vergleichen ab. Zudem verhindert die etwas artifiziell wirkende Sprache eine nähere Verbindung zu den Figuren.

    Meisterlich ist hingegen die Komposition des Romans. Insbesondere bei der Figurenentwicklung gelingt es Kurtto, mit den Erwartungen der Leserschaft zu spielen und ihr immer wieder den Spiegel vorzuhalten, um festgelegte Vorurteile zu hinterfragen und wieder über den Haufen zu werfen. Dies gelingt ihr durch die verschiedenen Perspektiven der Charaktere. Wir folgen den Ich-Erzählern Jon und Lars und lassen uns von einem personalen Erzähler durch die Gedankenwelten von Martha und Lise begleiten. Doch Kurtto belässt es nicht bei den Protagonist:innen, sondern spielt dieses Spiel bis in die kleinsten Nebenfiguren hinein. So entpuppt sich eine eigentlich schwache Figur als eigentliche Heldin, während ein vermeintlich rechtschaffener Charakter das vielleicht dunkelste Geheimnis hütet.

    Sehr gut hat mir zudem die Empathie der Autorin für ihre Figuren gefallen. Zwar schickt sie sie auf eine melancholische und traurige Reise, schenkt ihnen aber immer auch Hoffnung und zarte Momente des Glücks. Ganz erstaunlich ist auch, wie es Kurtto gelingt, trotz des durchweg ruhigen Erzähltempos gerade in der zweiten Hälfte des Romans eine intensive und hochdramatische Spannung zu erzeugen.

    Nun ist es schwer, diese Rezension zu verfassen, ohne auf das Finale einzugehen. In der Tat ist es am besten, sich auf dieses einzulassen und vorher so wenig wie möglich darüber zu wissen. Nur so viel sei gesagt: Es gibt einen wahrlich dramatischen Wendepunkt in der Geschichte, der die Leserschaft spalten und ungläubig zurücklassen wird. In der jüngeren Literatur hat zuletzt vielleicht Alex Schulman mit "Die Überlebenden" für einen ähnlichen Effekt gesorgt.

    Insgesamt ist "Tristania" ein lesenswerter und gelungener Roman mit bemerkenswerter Figurenkonzeption und einem traurig-leisen und dennoch hochspannenden Plot, der allerdings sprachlich manchmal zu viel will und im Finale aufgrund eines Überraschungseffekts ein wenig an Glaubwürdigkeit einbüßt. Um in eine passende melancholische Stimmung zu kommen, lesen Sie zur Einstimmung auf den Roman am besten den wunderbaren Prolog - und hören ganz nebenbei einmal "Beyond The Veil", das wohl beste Album von Tristania aus dem Jahre 1999.

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  1. Es brodelt

    Oktober, 1961: Als auf der kleinen südatlantischen Insel Tristan da Cunha der Vulkan ausbricht, geht es für die Menschen dort nicht nur um die Rettung ihrer eigenen Leben. Denn zusammen mit der Lava brechen Geheimnisse und Gefühle hervor, die fast genauso lange unter der Oberfläche brodelten wie das bedrohliche Magma. Im Epizentrum des Ausbruchs: Lehrerin Martha, ihre Nachbarin Lise und deren nach England geflohener Mann Lars sowie Jon, Lises und Lars' Sohn.

    Wer den Namen "Tristania" liest, erinnert sich zunächst vielleicht an die gleichnamige norwegische Gothic Metal-Band, die um die Jahrtausendwende in der Szene mit einigen gutklassigen Alben durchaus Beachtung fand. Was den Debütroman der finnischen Autorin Marianna Kurtto mit dieser Band verbindet, ist der traurige Grundton, der sich wie ein glühender Lavastrom durch die 300 Seiten bewegt. Die zweite Auffälligkeit betrifft den Übersetzer Stefan Moster, der sich in für ihn nicht unbekannten Gefilden bewegt. Denn schon im letzten Jahr reiste Moster für den mare-Verlag literarisch auf eine Insel des Südatlantiks und begleitete in Olli Jalonens herausragendem Roman "Die Himmelskugel" den kleinen Angus auf St. Helena.

    Gleich zu Beginn fällt den Leser:innen die poetische Sprache auf, die Kurtto im Prolog genial einsetzt, um die Wellen vor Tristan auf die Suche nach menschlichem Leben nach dem - übrigens historisch belegten - Vulkanausbruch zu schicken. Diese Poesie behält sie für den Rest des Romans bei, wobei der Einsatz nicht immer gleichermaßen gelungen ist. Schöne und treffende Bilder wechseln sich mit bemüht wirkenden Vergleichen ab. Zudem verhindert die etwas artifiziell wirkende Sprache eine nähere Verbindung zu den Figuren.

    Meisterlich ist hingegen die Komposition des Romans. Insbesondere bei der Figurenentwicklung gelingt es Kurtto, mit den Erwartungen der Leserschaft zu spielen und ihr immer wieder den Spiegel vorzuhalten, um festgelegte Vorurteile zu hinterfragen und wieder über den Haufen zu werfen. Dies gelingt ihr durch die verschiedenen Perspektiven der Charaktere. Wir folgen den Ich-Erzählern Jon und Lars und lassen uns von einem personalen Erzähler durch die Gedankenwelten von Martha und Lise begleiten. Doch Kurtto belässt es nicht bei den Protagonist:innen, sondern spielt dieses Spiel bis in die kleinsten Nebenfiguren hinein. So entpuppt sich eine eigentlich schwache Figur als eigentliche Heldin, während ein vermeintlich rechtschaffener Charakter das vielleicht dunkelste Geheimnis hütet.

    Sehr gut hat mir zudem die Empathie der Autorin für ihre Figuren gefallen. Zwar schickt sie sie auf eine melancholische und traurige Reise, schenkt ihnen aber immer auch Hoffnung und zarte Momente des Glücks. Ganz erstaunlich ist auch, wie es Kurtto gelingt, trotz des durchweg ruhigen Erzähltempos gerade in der zweiten Hälfte des Romans eine intensive und hochdramatische Spannung zu erzeugen.

    Nun ist es schwer, diese Rezension zu verfassen, ohne auf das Finale einzugehen. In der Tat ist es am besten, sich auf dieses einzulassen und vorher so wenig wie möglich darüber zu wissen. Nur so viel sei gesagt: Es gibt einen wahrlich dramatischen Wendepunkt in der Geschichte, der die Leserschaft spalten und ungläubig zurücklassen wird. In der jüngeren Literatur hat zuletzt vielleicht Alex Schulman mit "Die Überlebenden" für einen ähnlichen Effekt gesorgt.

    Insgesamt ist "Tristania" ein lesenswerter und gelungener Roman mit bemerkenswerter Figurenkonzeption und einem traurig-leisen und dennoch hochspannenden Plot, der allerdings sprachlich manchmal zu viel will und im Finale aufgrund eines Überraschungseffekts ein wenig an Glaubwürdigkeit einbüßt. Um in eine passende melancholische Stimmung zu kommen, lesen Sie zur Einstimmung auf den Roman am besten den wunderbaren Prolog - und hören ganz nebenbei einmal "Beyond The Veil", das wohl beste Album von Tristania aus dem Jahre 1999.

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