Triceratops: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Triceratops: Roman' von Stephan Roiss
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Triceratops: Roman"

Ein kleiner Junge malt Monster in seine Schulhefte und spricht von sich selbst als Wir. Seine Mutter schluckt in der geschlossenen Anstalt Neuroleptika mit ungesüßtem Früchtetee hinunter. Der bibeltreue Vater kocht nur Frankfurter und die Schwester bewegt sich wie ein Geist durch das Haus. Die einzigen Vertrauten des Jungen sind die Aschbach-Großmutter und später die blauhaarige Helix, die auf ihrem Snakeboard in sein Leben fährt. Eines Tages ereignet sich eine Tragödie, die das Wir und die ganze Familie von Grund auf erschüttert.In harten Schnitten und bildhaften Szenen erzählt Stephan Roiss die Geschichte seines namenlosen Protagonisten, der dem Trauma und der Einsamkeit zu entfliehen versucht. Ein intensiver Roman, der lange nachhallt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783218012294

Rezensionen zu "Triceratops: Roman"

  1. Verdichtet. Gelungenes Experiment.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Okt 2020 

    Kurzmeinung: Kurz aber knackig.

    Triceratops ist ein kurzer Roman. In literarisch verdichteter Form stellt der Autor eine Tragödie dar. In oft knappen Hauptsätzen schildert er das Familienleben eines heranwachsenden Jungen und dessen unterdrückte Emotionen.

    Die verdichtete Erzählform wird aufgelockert durch ein literarisches „wir“. Denn der namenlose Erzähler spricht nur in der Wirform von sich. Wenn gerade mehrere Personen im Raum oder in der Nähe sind, muss man sich erst wieder ins Gedächtnis holen, dass „wir“ in diesem Fall ein „ich“ bedeutet.

    Die eigentlich bedrückende Geschichte einer Familie, die gleich mehrere Fälle psychischer Krankheit aufweist, wird durch diese, als charmant empfundene Erzählform abgemildert, andererseits aber auch verstärkt. Das „wir“ muss der Leser selber interpretieren.

    Es kann die Sprachlosigkeit angesichts massiver Störungen in der Familie oder auch die Einsamkeit eines sich verschließenden Kindes darstellen, für das es, so oder so, um das psychische Überleben geht.

    Um den Druck, der auf ihm lastet, zu mildern, schreibt das Kind Briefe an sich selbst, was eine komische Note hat, was dem Erzähler selber auch durchaus bewusst ist, auch seine übrigen Äußerungen sind häufig lakonisch.

    Fazit: Das Experiment des verdichteten Romans ist dem Autor gelungen. Man darf gespannt sein, ob er auch „richtige“ Texte kann, also einen Roman mit fortlaufender, unkomprimierter Geschichte mit "echtem Plot". Der Autor ist längst anderweitig literarisch tätig, er schreibt Hörspiele und Texte für Graphic Novels, etc. Doch Triceratops ist sein erster Roman: Glückwunsch!

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman
    Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020
    Kremayr & Schreriau, 2020

  1. »Es kann gar nicht mehr schön werden, oder?«

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Sep 2020 

    Der erste Eindruck ist, dass hier offensichtlich ein Rollentausch vorliegt: Die Mutter heult und jammert, um Aufmerksamkeit zu bekommen, der Sohn muss immer für emotionale Unterstützung verfügbar sein. Die Tür zum Kinderzimmer hat grundsätzlich offen zu stehen, damit er sie weinen hören und direkt trösten kann, und als er Tür und Ohren mal leise schließt, reagiert die Mutter umgehend mit passiv-aggressiver Schuldzuweisung.⠀

    Das unglückliche Kind isst zuviel, wird übergewichtig, hat ständig Ekzeme und wird daher auch noch in der Schule gemobbt. Es hätte gerne die Hörner, den Nackenschild und den wehrhaften Panzer eines Triceratops, tatsächlich kratzt er sich die dünne verletzliche Haut, bis sie in blutigen Fetzen hängt.⠀

    Es gibt kein “Ich”.⠀

    “Nachdem sich der Fluss beruhigt hatte, standen wir auf und stellten uns auf die unterste der steinernen Stufen, die neben uns ins Wasser führten. Das gegenüberliegende Ufer konnten wir im Nebel bloß erahnen. Wir schlossen die Augen. Langsam kippten wir vornüber.”⠀
    (Zitat)⠀

    Der Erzähler spricht in der Wir-Form von sich, was hier keineswegs wirkt wie Pluralis Majestatis – ganz im Gegenteil. Daraus spricht eine tiefe Verwundung, eine bodenlose Haltlosigkeit, auch wenn man als Leserin nur spekulieren kann:⠀

    Kann das Kind sich selber abweichende oder gar negative Meinungen bezüglich der Mutter nicht gestatten und muss diese daher in eine zweite Persönlichkeit abspalten? Ist es so einsam, dass es Trost sucht bei sich selbst, dass es ein “Wir gegen den Rest der Welt”-Gefühl manifestiert? Der Autor lässt es offen, ein Warnsignal ist es so oder so.⠀

    Meine ursprüngliche emotionale Reaktion auf die scheinbare Selbstsucht der Mutter – ein gärend bitteres Bauchgefühl –, musste ich im Laufe des Romans immer wieder überdenken und anpassen. Lernen, sie nicht als Täterin zu sehen, sondern als zutiefst verwundete, kranke Frau. Es wäre allzu einfach, ihr zu zürnen, weil sie dem Sohn eine Verantwortung auflädt, die er ohne seelische Wunden gar nicht stemmen kann.⠀

    Sie selbst sagt von sich, sie habe ihren Kindern so viel Liebe gegeben, wie sie nur konnte. Und auch wenn ein Sündenbock die Geschichte vielleicht etwas leichter hinnehmbar gemacht hätte, ist doch offensichtlich, dass sie mit ihrer Rolle als Mutter und dem Leben an sich wirklich heillos überfordert ist. Sie schluckt Neuroleptika, muss oft in die Klinik, weil gar nichts mehr geht.⠀

    »Mutter hat die Pfanne vom Herd genommen«, sagte sie unvermittelt. »Sie hat sie auf den Boden gestellt und ist barfuß in das heiße Fett gestiegen. Du hast im Gitterbett geplärrt.«⠀
    (Zitat)⠀

    Die Schwester des Erzählers ist ganz offensichtlich auf dem autistischen Spektrum, was natürlich niemand realisiert, weil die Mutter die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch sie kann den Erzähler nur bedingt unterstützen und wird später zu einer weiteren Quelle der Sorge und des Traumas.⠀

    Das verstörte Kind wird zu einem verlorenen Jugendlichen, zu einem strauchelnden jungen Mann. Er, immer der Namen- und Haltlose, sucht sich letztendlich Freunde, die ebenfalls Außenseiter sind, doch auch hier gibt es einen Bruch:⠀

    Um dazuzugehören, gibt er paradoxer Weise lange vor, stumm zu sein, fühlt sich offenbar sicherer in dieser Rolle, und lebt dadurch doch nur eine Lüge. Sogar seiner Freundin gegenüber erhält er die Täuschung aufrecht, dem Menschen, von dem er doch bedingungslose Akzeptanz erwarten könnte.⠀

    Die Longlist des Deutschen Buchpreises ist dieses Jahr voller kaputter Familien. “Triceratops” ist da keine Ausnahme: das Buch ist ein Aufschrei, die Geschichte eines jungen Menschen, der an den psychischen Störungen seiner Familie zerbricht. Es ist ein unheilvoller Domino-Effekt: der Großvater hat sich erhängt, die Mutter ist schwerst depressiv, die autistische Schwester scheitert später katastrophal an ihrer eigenen Mutterrolle, der Vater kann das alles nicht mehr ertragen und greift zum Alkohol.⠀

    Und alles lastet schwer auf dem Rücken des Protagonisten, der sich schuldig fühlen muss für jeden Versuch, sich einen Raum für die eigenen Emotionen zu erobern. In seinen Gedanken streitet er ab, die Mutter zu lieben, als könne er sich damit auch der Co-Abhängigkeit entledigen:⠀

    “Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr. Wir wollten nichts sagen, sie nicht berühren, nicht alleine mit ihr sein.“⠀
    (Zitat)⠀

    »Alles ist gut« zieht sich wie ein Mantra durchs Buch, dabei ist hier rein gar nichts gut, für niemanden. Man ist versucht, Schuld zuzuweisen, um dem Ganzen wenigstens irgendeine Art von Sinn zu geben – und damit zu suggerieren, dass es eine Lösung des Problems geben kann. Wo ein Schuldiger ist, gibt es auch Bestrafung, Verbannung oder Verhandlung. Die Tante glaubt an einen Fluch und weist dem Protagonisten die Rolle des Fluchbrechers zu, was diesen noch mehr unter Druck setzt.⠀

    »Und niemand! Niemand war jemals wirklich da! Niemand!«⠀
    (Zitat)⠀

    Die letzte Stabilität zerbricht mit dem Tod der Großmutter, dem einzigen Fixpunkt im Leben des Erzählers. Den Großvater hat er nie kennengelernt, aber dessen schon lange nicht mehr genutzte Hütte im Wald wird zu seinem Rückzugsort. Auf einer Karte hat der Großvater ein rätselhaftes “X” markiert, und es wird zur fixen Idee, diesen Ort zu finden, in der Hoffnung auf… Ja, auf was? Eine Erklärung? Ein Heilmittel? Erlösung? Vergebung? Der Erzähler verausgabt sich auf der Suche, ohne Rücksicht auf seine Gesund- oder Sicherheit.⠀

    Der Autor erzählt das in kompakter Form, die doch nie an erzählerischer Wucht verliert. Der Schreibstil ist oft nüchtern, bringt die Dinge verdichtet und wie nebenbei auf den Punkt. In meinen Augen eine gute Wahl, denn ein hochemotionaler Stil hätte die inhaltliche Dramatik womöglich bis ins Pathos überreizt und für den Lesenden unzumutbar gemacht.⠀

    Die Geschichte liest sich so schon beklemmend und düster – es gibt hier keine neutrale Instanz, keinen Blick von außen, nur die klaustrophobische Hölle dieser gepeinigten Familie. Man ist als Leserin mittendrin, auch wenn der Erzähler versucht, sich in seinem “Wir” von ihr zu distanzieren.⠀

    Die Charaktere werden sparsam beschrieben, mit gerade genug Details und Einblicken in ihr Seelenleben, um sie in ihrem jeweiligen Trauma prägnant darzustellen. Dies ist eine dysfunktionale Familie wie aus dem Lehrbuch. Da ist es gut, zwischendurch einen Schritt zurücktreten und durchatmen zu können, wenn ein Erzählstrang abbricht und sich einen neuen Fokus sucht.⠀

    Fazit⠀

    Der Protagonist ist der jüngste Sohn einer entsetzlich dysfunktionalen Familie. Der Großvater hat sich schon erhängt, die Tante glaubt, da sei der Wahnsinn auf ihre Schwester übergesprungen. Der Erzähler versucht, der depressiven Mutter Halt zu geben, während und um ihn herum die familiären Strukturen immer weiter zersplittern: die autistische Schwester ist ihm keine Hilfe, der Vater kann alles nicht mehr ertragen und trinkt.⠀

    Das könnte alles viel zu viel sein, der klare Schreibstil ohne Pathos hält jedoch alles zusammen. Der Autor führt den Leser mitten hinein in dieses familiäre Drama, ermöglicht ihm aber gleichzeitig genug Distanz, dass man die Geschichte aushält und auch weiterlesen will.

  1. Zweifaltigkeit

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Sep 2020 

    Die Verhältnisse im Elternhaus des Jungen sind schwierig. Der Vater hat für alles einen Bibelspruch zur Hand. Die Mutter ist häufiger wegen psychischer Probleme in der Klinik. Dann muss der Junge, dessen Schwester noch nicht alt genug ist, um auf ihn aufzupassen, zur Tante oder zur Oma Aschenbach. Bei der Oma auf dem kleinen Bauernhof fühlt er sich wohl, denn die Oma kümmert sich um ihn, während er sich daheim des Öfteren um die Mutter kümmern muss. Eigentlich würde der Junge lieber malen und einfach nur Kind sein.

    Es wundert einen nicht, dass der Junge von seiner Kindheit überfordert ist. Genau genommen hat er keine richtige Kindheit. So richtig auszudrücken wagt er es nicht, allerdings hat er schwerwiegende Hautprobleme, die der ärztlichen Behandlung bedürfen. Wenn man sich mit psychischen Erkrankungen nicht auskennt, könnte man auf die Idee kommen, die Eltern sollten sich besser um ihre Kinder kümmern, anstatt um sich selbst zu rotieren. Wahrscheinlich jedoch ist deren Wahlmöglichkeit eingeschränkt und wie eigentlich alle Eltern geben sie ihr Bestes, um den Kindern den Weg ins Erwachsenenleben zu ebnen. Es will ihnen nur nicht so recht gelingen. Der Vater flüchtet in die Bibel und wohl auch in den Alkohol, die Mutter flüchtet ins Krankenhaus. Die Oma scheint als Einzige relativ normal, auch wenn drei ihrer sechs Kinder früh gestorben sind und sie manchmal etwas viel vom Krieg redet.

    Puh, so eine Familie möchte man nicht geschenkt. Man ist zum einen froh, dass es sich hoffentlich nur um einen Roman handelt und zum anderen ist man froh, dass es bei durchaus vorhandenen Schwierigkeiten in der eigenen Familie mehr Fröhlichkeit zu verteilen gab. In seiner Schwere hat der Roman durchaus einen Nachhall und die fehlende Gefälligkeit muss kein Nachteil sein. Die szenischen Beschreibungen entwerfen Bilder im Kopf. Doch manchmal fragt man sich, ob es der Tragödien nicht zu viele sind für ein kleines Leben. Immerhin der Junge ist stark und er steht seine Kindheit durch. Man fragt sich, ob man seine Stärke hätte oder ob man lieber auswandern würde.