Totwasser: Kriminalroman (Linn Geller)

Rezensionen zu "Totwasser: Kriminalroman (Linn Geller)"

  1. 4
    (4 von 5 *)
     - 01. Jul 2019 

    Niemand ist derjenige, der er zu sein vorgibt.

    Nach privaten Rückschlägen baut Linn Geller sich eine kleine Anwaltskanzlei auf. Gleich ihr erster Fall als Pflichtverteidigerin konfrontiert sie mit einem Mord: Grace Riccardi wird beschuldigt, ihren Mann, den Fernsehstar Nico Benten, umgebracht zu haben, und ist auch zu einem Geständnis bereit. Dennoch glaubt Linn an die Unschuld ihrer Mandantin und stößt bei ihren Recherchen auf Ungereimtheiten. Ohne es zu merken, bringt sie sich selbst dabei in tödliche Gefahr.
    Dieser Kriminalroman ist im Dezember 2018 bei Bastei Lübbe erschienen, umfasst 320 Seiten und bildet den Auftakt zu einer Reihe rund um die Ermittlungen der Anwältin Linn Geller.
    Der Roman beginnt mit einem Prolog, der den Abschluss des aktuellen Falles schildert, um dann durch einen Sprung in die Vergangenheit die Kriminalgeschichte von Anfang an aufzurollen. Dieses weckt bei Leserinnen und Lesern schon Neugier und Spannung. Der Fall selbst entpuppt sich im Laufe der Ermittlungen als komplexer, als es anfangs anmutet: Gibt es am Anfang kaum ein Motiv, obwohl es unglaublich scheint, dass ein Mensch so lupenrein sein kann wie der Ermordete, häufen sich diese im Laufe der Recherchen, was die Lesenden zum Miträtseln sowie Spekulieren einlädt und sie kaum zur Ruhe kommen lässt. Niemand scheint in diesem Roman wirklich der-/diejenige zu sein, der/die er/sie zu sein vorgibt, verschiedene Verdächtige treten auf und werden wieder verworfen. Der Spannungsbogen durchzieht in Wellenbewegungen den gesamten Roman, um dann in einem fulminanten Finale die Lesenden zu einem mehr oder weniger befriedigenden Ende zu führen (mir persönlich hat das Mordmotiv nicht so gut gefallen).
    Hofelichs Sprache ist flott und einfach zu lesen, was den Kriminalroman zu einem leichten, angenehmen Lesevergnügen für zwischendurch werden lässt. Der Roman spielt abwechselnd in Stuttgart und Cornwall, wobei mir insbesondere die Schilderungen des letzten Landstrichs sehr gefallen haben.
    Die Charaktere werden von der Autorin lebensnah und entwicklungsfähig beschrieben. Ein wenig penetrant erschien mir während des Lesens die Darstellung der Protagonistin selbst: Immer wieder wird ihr Schicksal zum Ausdruck gebracht, stellenweise hat man beim Lesen das Gefühl, als wolle sie sich ihm gar nicht stellen. In der Realität ist das Hadern mit den eigenen Lebensumständen in der Tat verbreitet, zehrt aber hier wie dort dann doch irgendwann an den Nerven der Mitmenschen bzw., beim Lesen, der Leser*innen. Erfreulicherweise scheint sich Linn jedoch am Ende dann doch ein wenig wohler in ihrer Haut zu fühlen.
    Sehr gut gefallen hat mir, das während des Lesens der Titel des Roman, „Totwasser“, erklärt wurde. Ich selber konnte mit dem Begriff am Anfang nicht viel anfangen, beim Lesen wird jedoch klar, weshalb dieser Titel gewählt wurde – und er passt, gibt das „Totwasser“ doch einen Anstoß zur Klärung des Falles.
    Das Cover ist ansprechend gewählt: Es wird von Grau- und Blautönen beherrscht, zeigt ein Haus auf den Klippen und versprüht eine düstere, bedrückende Atmosphäre, die sich auch stellenweise im Kriminalroman selbst widerspiegelt.
    Insgesamt legt Julia Hofelich mit „Totwasser“ einen lesenswerten Auftakt zu einer Krimireihe vor, der durch eine komplexe Handlung und Motivreichtum überzeugt. Von mir gibt es aufgrund der oben angeführten Kritikpunkte dreieinhalb von fünf Lesesternen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Feb 2019 

    Die Tragödie des verblassten rosa Striches

    Vorneweg: das Buch hat einiges zu bieten, das ich an einem guten Krimi zu schätzen weiß – so erweist die Autorin sich in ihrem Debütroman als Meisterin der Winkelzüge.

    Der Fall entwickelt im Verlaufe der Handlung viele interessante Verzweigungen und Verästelungen, die Ermittler verrennen sich in unerwartete Sackgassen, das Ganze wird zunehmend komplex, ohne dadurch unglaubwürdig zu werden… Auch die Aufklärung des Falls konnte mich erfreulicherweise überraschen. (Es gibt doch nichts Schlimmeres als einen vorhersehbaren Krimi.) Ich war nahe dran an der Lösung, aber knapp daneben ist auch vorbei!

    Pluspunkte gibt es ebenfalls dafür, dass sich die Geschichte sozusagen von hinten aufrollt und dabei aus der Perspektive einer Anwältin erzählt wird statt aus Sicht einer Polizistin oder Detektivin.

    An sich liest sich das Buch spannend und unterhaltsam.
    (Mehr zum “an sich” gleich.)

    Julia Hofelich hat vor einigen Jahren nicht nur selber als Rechtsanwältin gearbeitet, sondern sogar ihre eigene Kanzlei gegründet, genau wie ihre Protagonistin – sicher keine schlechte Grundlage für diesen Krimi; man merkt, dass Frau Hofelich weiß, wovon sie spricht.

    Außerdem ist ihr Schreibstil locker und durchaus angenehm. Hier kommt sicher zum Tragen, dass sie neben ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin auch ein Fernstudium zur Drehbuchautorin absolviert hat. Besonders die Dialoge lesen sich knackig und in einem guten Tempo.

    Nein, nicht alles ist hundertprozentig glaubwürdig. Manches erschien mir sogar etwas zu konstruiert, aber nicht in einem Ausmaß, der mir normalerweise das Buch verdorben hätte. Deshalb höre ich jetzt damit auf, um den heißen Brei herumzureden:

    Was es mir sehr schwer gemacht hat, das Buch wirklich voll und ganz zu mögen, ist Linn Geller, die Protagonistin.

    Auch hier möchte ich jedoch mit dem Positiven anfangen: Linn hätte es sich einfach machen können, indem sie das Geständnis ihrer Mandantin hinnimmt, ohne es groß zu hinterfragen, aber sie hat Prinzipien und ist entschlossen, ihnen gerecht zu werden – eine durchaus lobenswerte und sympathische Eigenschaft.

    Aber sie hat in einem Ausmaß Schwierigkeiten mit ihrem Selbstbild, dass ich es zunehmend ermüdend und sogar enervierend fand. Wenn so etwas zum Hintergrund eines Charakters gehört, gut. Wenn es hier und dort in die Handlung einfließt, auch gut.

    Wenn es aber immer wieder in den Mittelpunkt gestellt wird, ohne dass der Charakter sich merklich weiterentwickelt, dann stört es mich.

    Linn hatte vor geraumer Zeit einen schweren Autounfall, der ihr Bein zertrümmerte und ihr Gesicht zerschnitt. Es ist durchaus verständlich, dass so ein Ereignis traumatisiert und den Blick auf das Leben verändert. Aber aufgrund dessen, wie sie in den ersten Kapiteln über sich selber denkt und wie andere Menschen auf sie reagieren, bin ich davon ausgegangen, dass sie im Gesicht vollkommen entstellt ist. Doch dann denkt Linn darüber nach, dass die Narbe inzwischen zu einem ‘dünnen rosa Strich’ verblasst ist – deswegen so viel Selbstzweifel, sogar so viel Selbsthass…?

    Wenn es nur um Linns eigene Gedanken ginge, würde ich sagen, sie hat auf Grund des Traumas einfach ein gestörtes Selbstbild, aber es wird ja mehr als einmal angesprochen, wie andere auf sie reagieren.

    Es gibt auch andere Dinge, die ich ein wenig fragwürdig fand. Zum Beispiel, dass Linn sich manchmal sehr übereilt auf unklare Hinweise und unzuverlässige Zeugen stützt, ohne sie groß zu hinterfragen, so dass es mir im Erfolgsfall eher vorkam wie gut geraten. Sie wird als sehr talentierte, sogar herausragende Anwältin dargestellt, da erschien mir dieses Verhalten eher unrealistisch.

    Die anderen Charaktere haben mir überwiegend gut gefallen und ich fand sie auch gut geschrieben.

    FAZIT

    Linn Geller ist eine junge Anwältin, die gerade eine eigene Kanzlei gegründet hat und Fälle mit Werbewirksamkeit daher gut gebrauchen kann. Aber ihre Mandantin Grace Ricardi, die sie doch eigentlich nach Kräften verteidigen soll, scheint fest entschlossen, einen Mord zu gestehen, den sie nie im Leben begangen hat…

    Der Fall ist interessant, komplex und unterhaltsam, der Schreibstil liest sich sehr angenehm… Es gibt viele Eigenschaften, die für das Buch sprechen – aber mit der Protagonistin, die sich vor Selbsthass quasi zerfleischt, wurde ich leider überhaupt nicht warm.