Totalschaden: Roman

Rezensionen zu "Totalschaden: Roman"

  1. Eine Ehe vor dem Aus

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Apr 2020 

    "Ich sehe fünf tote Hasen, und ich versuche zu lächeln."

    Dies ist der erste Satz des Romans "Totalschaden" der Schwedin Helena von Zweigbergk. Ein Hase ziert auch das Cover dieses Buches. Hasen scheinen hier also eine entscheidende Rolle zu spielen. Zumindest sind sie in "Totalschaden" schuld daran, dass in dem Haus von Agneta und Xavier ein Feuer ausbricht, das für eben diesen Totalschaden sorgt. Das Haus ist nicht mehr bewohnbar. Nun müssen sich Agneta und ihr Mann entscheiden, ob sie das Haus wieder aufbauen oder einen kompletten Neuanfang wollen.
    Eigentlich waren auch nicht die Hasen schuld an diesem Totalschaden, sondern Agneta, die in einem Moment der Unachtsamkeit, bei dem Versuch, aus den toten Hasen eine kulinarische Köstlichkeit zuzubereiten, das eigene Heim abgefackelt hat. Und da steht sie nun als diejenige, die ihren Lieben Heim und Elternhaus genommen hat. Und während sie mit ihrem Schicksal hadert und sich in Selbstmitleid und Selbstvorwürfen suhlt, erkennt sie, dass das verbrannte Haus vermutlich nicht der einzige Totalschaden in ihrem Leben sein könnte.

    "Mit den Jahren hat unsere Streitlust nachgelassen, und seit die Kinder aus dem Haus sind, brausen wir allenfalls mal kurz auf. Der Gedanke, uns richtig zu streiten, ist schon fast absurd. Wir leben mit der unausgesprochenen Übereinkunft, dass die Zeit unserer Kämpfe vorüber ist. Wir lassen die Dinge kommen und gehen. Es ist ein ruhiger, angenehmer Frieden und eigentlich nichts, was wir infrage stellen wollen."

    Agneta und Xavier sind seit über 20 Jahren Jahren verheiratet und Eltern von mittlerweile erwachsenen 3 Töchtern. Die Ehe verlief bisher sehr harmonisch. Denn Routinen und Gewohnheiten bestimmten den Ehealltag und ließen das Zusammenleben entspannt vor sich hindümpeln.
    Als Xavier, der 14 Jahre älter als Agneta ist, in den Ruhestand tritt, funktioniert die Harmonie in der Ehe auf einmal nicht mehr. Vielleicht hat sie auch schon vorher nicht mehr funktioniert. Agneta ahnt, dass die bisher von ihr geschätzten Routinen und Gewohnheiten nicht mehr ausreichend sind. Noch will sie es nicht wahrhaben. Durch den Hausbrand wird das Ehepaar jedoch aus seinem bisherigen Alltag gerissen. Agneta und Xavier werden durch dieses einschneidende Erlebnis gezwungen, ihre Ehe und ihr bisheriges Zusammenleben in Frage zu stellen, was für alle - Töchter inbegriffen - schmerzhaft ist.

    Helena von Zweigbergk hat diesen Roman aus der Perspektive von Agneta geschrieben. Dabei konzentriert sich die Handlung auf den Zeitpunkt des Brandes und auf die Wochen danach. Der Roman ist in drei Teile gegliedert, welche die Entwicklung von Agneta aufzeigen. Und diese Entwicklung ist extrem:
    - von der anfangs perfekten Agneta, die ihre Energie dahingehend investiert hat, Mutter einer heilen Familie zu sein und für eine Wohlfühlatmosphäre in einem heimeligen Zuhause zu sorgen;
    - über die krisenuntaugliche und vor Selbstmitleid zerfließende Heulsuse, die ihre Lieben mit ihren kaum versiegenden Tränenfluten an den Rand des Wahnsinns treibt;
    - bis hin zu einer Agneta, die wie Phönix aus der Asche aus diesem Drama wieder aufersteht und ihr Leben selbst in die Hand nimmt, nachdem sie ausreichend ihre Wunden geleckt hat.

    "Kann eine Familie funktionieren, ohne dass jemand die Rolle auf sich nimmt, die ich innehatte? Oder verstehe ich am Ende meine eigene Rolle und Bedeutung falsch? Male ich ein sentimentales Bild von mir als Königin unseres Heims, des Reichs der Familie? Bin ich nur noch eine staatenlose königliche Hoheit, die sich selbst und ihrer Umgebung verzweifelt einzureden versucht, dass es irgendwo auch für sie einen Platz gibt?"

    Agneta ist in diesem Roman also extrem wandelbar, was vielleicht in dieser Ausgeprägtheit befremdlich erscheinen mag. Aber außergewöhnliche Situationen bringen außergewöhnliche Eigenschaften in einem Menschen zutage, weshalb man der Autorin die drastische Entwicklung ihrer Protagonistin am Ende abnimmt.

    Helena von Zweigbergk erzählt die Geschichte von Agneta und Xavier mit großer Leichtigkeit und Ironie. Diese Ironie wird durch einen Sprachstil, der reich an kuriosen Metaphern ist, verstärkt. Dadurch wird dieser problembehaftete Roman zu einer unterhaltsamen und witzigen Lektüre, die insbesondere für den langjährig verheirateten Leser den einen oder anderen Wiedererkennungsmoment parat hat.

    Leseempfehlung!

    © Renie