Todesmarsch

Buchseite und Rezensionen zu 'Todesmarsch' von Richard Bachman
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Wettrennen in den Tod


Einhundert 17-jährige Amerikaner brechen jedes Jahr am 1. Mai zum Todesmarsch auf. Für neunundneunzig von ihnen gilt das wörtlich – sie werden ihn nicht überleben. Der Sieger dagegen bekommt alles, was er sich wünscht ...


Format:Taschenbuch
Seiten:315
Verlag: Heyne
EAN:9783453002395

Rezensionen zu "Todesmarsch"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Feb 2015 

    Offenen Auges in den eigenen Tod

    Wenn man "Todesmarsch" auf den kleinsten Nenner runterrechnet, kommt so etwas dabei raus: in einer dystopischen Zukunft treten Jugendliche in einem grausamen Medienspektakel gegeneinander an, und nur einer kann überleben.

    Oh, sagt da der moderne Leser. Kenn ich schon, hab ich schon tausendmal gelesen. Battle Royale! Die Tribute von Panem! Allerdings muss man sich da einer Sache bewusst werden: der erste Band von "Die Tribute von Panem" ist 2008 erschienen, "Battle Royale" 1999... "Todesmarsch" wurde in den 70er Jahren für eine ganz andere Generation von Lesern geschrieben und 1979 veröffentlicht, also lange, bevor Dystopien zu einem gehypten Genre wurden.

    So wenig originell das Thema also aus heutiger Sicht wirkt, so originell war das Buch doch damals, und es ist meiner Meinung nach immer noch durchaus lesenswert. Ich habe das Buch 1986 das erste Mal gelesen, und da war ich gerade mal zehn Jahre alt. Ich war viel zu jung, um es wirklich zu verstehen, aber es hat mich nie wirklich losgelassen, 28 Jahre lang - bis ich vor ein paar Wochen beschloss, es noch einmal zu lesen, um zu schauen, ob es auch mein erwachsenes Ich beeindrucken kann. Und das tat es.

    Das Buch liest sich anders, als man das heute von Dystopien gewöhnt ist, mehr introspektiv als darauf zentriert, dass der Protagonist sich gegen das Regime auflehnt. Es geht hauptsächlich um die Gefühle und die Psychologie der teilnehmenden Jugendlichen: zunehmende Verzweiflung, Selbsthass, Todeswunsch und komplette Übersättigung, aber auch Hoffnung und Selbstlosigkeit. Was hat sie dazu getrieben, an etwas teilzunehmen, bei dem die Überlebenschancen gerade mal 1 zu 99 sind? Und was treibt die Zuschauer dazu, sich so etwas geradezu todesgeil anzuschauen? Auch die Zuschauer sind übersättigt, brauchen den ultimativen Kick und hinterfragen gar nicht mehr, ob so etwas ethisch vertretbar ist.

    Das Ganze ist auf perfide Art spannend, aber oft schmerzhaft grausam und schwer zu lesen. Denn so nach und nach lernt man die verschiedenen Charaktere kennen, und die meisten davon wachsen einem ans Herz. Aber man weiß ja von Anfang an, dass alle bis auf Einen auf elende Art und Weise sterben werden... Im Endeffekt gönnt man das nicht einmal den weniger sympathischen, denn so etwas hat niemand verdient - und vielleicht ist genau das die Botschaft?

    "Todesmarsch" ist eines der ersten Bücher von Stephen King alias Richard Bachman, und das merkt man auch am Schreibstil, der noch nicht ganz ausgereift ist und gelegentlich zu dick aufgetragenem Pathos neigt. Für jüngere Leser, die in den 70ern und 80ern noch gar nicht am Leben waren, lesen sich sicher auch die Dialoge etwas befremdlich, denn heutige Jugendliche sprechen ganz sicher nicht mehr so. Dennoch entwickelt das Buch einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann!

    Stephen King selber hat einmal gesagt, die Bücher, die er unter seinem eigenen Namen verfasst habe, seien positiver als die von Richard Bachman. Schwer zu glauben, schließlich schreibt er hauptsächlich Horror! Aber tatsächlich ist es so, dass in den Büchern von Stephen King am Ende meist doch noch das Gute siegt - und hier? Ich will noch nicht verraten, ob der Protagonist nun siegt oder nicht, und im Endeffekt ist es auch egal, denn was bleibt, ist die Erinnerung an unsägliches Leid und menschliche Grausamkeit. Dennoch würde ich das Buch jedem weiterempfehlen, der etwas lesen will, das zum Nachdenken anregt.

    Fazit:
    100 Jugendliche treten den Todesmarsch an, aber nur einer kann überleben - Stephen King hat 1979 unter seinem Pseudonym Richard Bachman vielleicht eines der ersten Bücher dieser Art veröffentlicht, und es ist sogar noch grausamer und schonungsloser als die meisten heutigen Dystopien àla "Die Tribute von Panem" oder "Battle Royal".

    Es ist geradezu sadistisch, wie er den Leser dazu bringt, mit den Charakteren mitzufühlen, nur um sie dann einen nach dem anderen eines elendigen Todes sterben zu lassen... Hier ist buchstäblich der Weg das Ziel, und mit jedem Schritt denken die teilnehmenden Jugendlichen mehr über die eigene Vergänglichkeit und den Wert des Lebens nach - zu spät, viel zu spät. Ein Buch, das einem an die Nieren geht, aber meiner Meinung nach ein lohnendes Buch, das zum Nachdenken anregt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Mai 2014 

    Kings großartige Dystopie

    Kenner der Materie wissen bereits, dass hinter dem Pseudonym Richard Bachman der Horror-Star Stephen King steckt. Kenner der Materie wissen genauso, dass die als Bachman geschriebenen Romane sich streckenweise deutlich von dem unterscheiden, was man heute von King erwarten würde. “Todesmarsch” ist einer dieser Romane, die eigentlich gar nichts mit dem Horror-Genre zu tun haben.

    Man kann fast sagen, dass “Todesmarsch” einer der geradlinigsten Romane des Autoren ist. Anders als in vielen seiner aktuellen Werke verzettelt sich King nicht in haufenweise unterschiedlichen Nebenhandlungen, die in ihrer Summe oftmals dazu angetan sind, den Leser etwas vom roten Faden seiner Bücher abzulenken. Hier schreibt er fokussiert auf seine Hauptfigur Ray Garraty, wenn auch öfters unterbrochen von Rückblenden auf dessen “normales” Leben vor dem Marsch. Der Geschichte tut das unglaublich gut, denn auf diese Art gibt es nur wenig, was von dem Grauen, welches die 100 Teilnehmer zwangsläufig umgibt, ablenken würde. Das hat zur Folge, dass man geradezu in die eigentlich sehr nüchtern und sachlich erzählte Geschichte hineingezogen wird – und schließlich auch bis zum Schluss mit ihren Figuren leidet und fiebert. Hat die Spannung den Leser erst einmal gepackt, wird sie ihn nicht mehr loslassen, man will unbedingt Gewissheit darüber erlangen, wer den “Todesmarsch” gewinnen wird. Ganz nebenbei entdeckt man auch noch wunderbare Parallelen auf die Medien von heute. Zwar geht man noch nicht ganz so weit wie in diesem Buch, aber die Richtung, die King hier vorgegeben hat ist schon gewissermaßen erschreckend, wenn man sich Ekel-/ Trash-TV wie das allseits beliebte Dschungel-Camp vor Auge führt.

    Was nun die Protagonisten selbst angeht, hält Bachman sich in seinem Werk vergleichsweise bedeckt. Wie ich eben schon erläuterte, verzichtete er auf ausschweifende Nebenhandlungen, was natürlich zur Folge hat, dass auch die Nebenfiguren eher schwach ausgestattet sind. Man erfährt nur so viel über sie, wie sie der Hauptfigur Garraty in ihren kurzen Gesprächen von sich erzählen. Eigentlich schade, auf der anderen Seite jedoch passt das sehr gut in das Konzept von “Todesmarsch”, schließlich muss man sich immer wieder vor Auge halten, dass auf der einen Seite jeder Teilnehmer potentiell den Tod bedeuten kann – und auf der anderen Seite ist da dann diese Gewissheit, dass man ohnehin nicht lange miteinander befreundet sein wird. Perfides Detail am Rande ist dabei übrigens, dass jeder aus meinem Umfeld, der das Buch gelesen hat sich (wie auch ich) dabei erwischt hat, dass er mit sich selbst Wetten darauf abgeschlossen hat, welcher der Jungs als nächster sterben wird.

    Stilistisch mag man über Stephen King denken, was man möchte. Wichtig dabei ist jedoch, dass man sich von diesem Vorwissen befreit, denn nicht nur in der Ausgestaltung der Handlung, sondern auch in der Art zu schreiben hat der Autor sich bei “Todesmarsch” relativ bedeckt gehalten. Im Vergleich zu seinen aktuellen (und auch einigen der älteren) Bücher möchte man seinen Stil hier fast schon als etwas puristisch bezeichnen – was man nun aber nicht unbedingt negativ interpretieren sollte, denn er passt gut zu der knallharten Handlung, welche sich aber eben auch auf das Wesentliche beschränkt. Fans des “typischen” Kings sei also die Warnung mit auf den Weg gegeben, dass die Wahl des Pseudonyms Richard Bachman in diesem Fall eine absolut naheliegende Wahl gewesen ist und, ähnlich wie auch in den Romanen “Amok” oder “Sprengstoff” deutlich darauf hinweist, dass man es hier im weitesten Sinn doch mit einer anderen Person zu tun hat.

    Fazit:

    “Todesmarsch” zählt zu meinen absoluten Favoriten aus dem Schaffen Stephen Kings, auch – oder vielleicht gerade weil – wenn er sich schon von seinem bekannten Stil unterscheidet. Für mich hat dieses Buch alles, was eine spannungsgeladene Dystopie ausmacht, ohne dabei ausufernd zu werden. Mittlerweile habe ich übrigens das zweite Exemplar im Schrank stehen, das erste war nach 10 Lesedurchläufen doch etwas… “mitgenommen”. Uneingeschränkt empfehlenswert, absolutes Lieblingsbuch.