Todesfrist: Thriller

Buchseite und Rezensionen zu 'Todesfrist: Thriller' von Andreas Gruber
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen – und ein altes Kinderbuch dient ihm als grausame Inspiration.


»Wenn Sie innerhalb von 48 Stunden herausfinden, warum ich diese Frau entführt habe, bleibt sie am Leben. Falls nicht – stirbt sie.« Mit dieser Botschaft beginnt das perverse Spiel eines Serienmörders. Er lässt seine Opfer verhungern, ertränkt sie in Tinte oder umhüllt sie bei lebendigem Leib mit Beton. Verzweifelt sucht die Münchner Kommissarin Sabine Nemez nach einer Erklärung, einem Motiv. Erst als sie einen niederländischen Kollegen hinzuzieht, entdecken sie zumindest ein Muster: Ein altes Kinderbuch dient dem Täter als grausame Inspiration – und das birgt noch viele Ideen ...


Format:Taschenbuch
Seiten:432
EAN:9783442478668

Rezensionen zu "Todesfrist: Thriller"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Apr 2019 

    »Sehen Sie diese drei Finger? Drei Sätze! Schaffen Sie das?«

    Nach heutigen Standards kann oder mag man sich gar nicht mehr vorstellen: ein renommierter Arzt und Psychiater, der als erster Vertreter der Jugendpsychiatrie in Deutschland galt, auch in der Armenklinik tätig war und selber Kinder hatte, veröffentlichte 1844 ein Bilderbuch, in dem Kinder auf vielfältig Weise grausam zu Tode kommen, verstümmelt werden oder anderweitig zu Schaden kommen. Sie verbrennen, verhungern, werden von Hunden gebissen oder bekommen die Daumen abgeschnitten.

    Die Rede ist natürlich von Heinrich Hoffmann und seinem umstrittenen Klassiker “Struwwelpeter”. Zwar kann man das Buch nicht einfach so im Licht heutiger Pädagogik sehen, dennoch wirkt es auf den heutigen Leser unnötig grausam.

    Andreas Gruber geht da noch einen Schritt weiter: sein Killer nimmt das Buch als Vorlage…
    …allerdings sind seine Opfer keine Kinder, sondern Erwachsene.

    Alleine für diesen Einfall verdient das Buch schon Pluspunkte für Originalität, doch das verblasst geradezu neben der geballten Wunderlichkeit und sarkastischen Brillanz des männlichen Protagonisten: Maarten Sneijder.

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    M.S.S.: »Maarten S. Sneijder, wenn ich bitten darf. Und das hier dauert bedauerlicherweise wohl länger als drei Sätze?«

    Mikka: »Kann ich diese Rezension bitte ohne Einmischung weiterschreiben?«

    M.S.S.: »Ob Sie das können, bezweifele ich doch sehr.«

    Mikka: »Sehen Sie diese drei Finger? Drei Minuten Klappe halten! Schaffen Sie das?«
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    Ja, das S ist wichtig, und das lässt er auch niemanden vergessen – wofür das Initial steht, ist allerdings paradoxerweise sein Geheimnis. Sneijder ist hochintelligent, macht sich durch seine schroffe Art jedoch nur wenige Freunde: er ist nicht nur ätzend sarkastisch, sondern lässt sein Gegenüber auch deutlich spüren, was er von ihm hält – meistens nicht viel. Regeln und Umgangsformen? Das ist was für Leute, die die Wahrheit nicht aushalten können.

    Er leidet unter unerträglichen Clusterkopfschmerzen, weswegen er sich oft zwei Akupunkturnadeln in die Hände steckt, und raucht Joints, um einen besseren Draht zur Gedankenwelt des Mörders zu bekommen.

    Kurz gesagt: Maarten S. Sneijder ist eine Nummer für sich – und ich liebe ihn.

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    M.S.S.: Ich gebe hiermit zu Protokoll, dass das Gefühl nicht erwidert wird.

    Mikka: Das waren keine drei Minuten.
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    Doch man kann sich im Verlaufe des Buches des Gedankens nicht erwehren, dass er unter all dem Stacheltiergehabe eigentlich gar nicht so übel ist. Zu dem Schluss kommt auch die junge Ermittlerin Sabine Nemez, die von Sneijder… Naja, herumkommandiert wird – man könnte aber auch sagen, unter die Fittiche genommen. Irgendwie.

    Sie ist ein sehr starker Charakter und passt perfekt zu Sneijder, die beiden ergänzen sich wunderbar. (Was wohlgemerkt nichts mit Romantik zu tun hat, denn Sneijder ist schwul.) Sie steht ihm in Intelligenz nicht nach und ist willens, Wagnisse einzugehen – wie das Wagnis, mit Sneijder zusammenzuarbeiten.

    Dass die Geschichte originell ist, habe ich schon erwähnt…

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    M.S.S.: Hat es dann einen besonderen Grund, warum Sie sich endlos wiederholen?

    Mikka: Immer noch keine drei Minuten.
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    …und sie ist großartig konstruiert.

    Die Handlung ist komplex, hat tolle Wendungen und verfällt nie in Klischees, sondern spielt höchstens damit. Und das ist nicht nur todspannend, sondern einfach rundum unterhaltsam — wobei Sneijder für mehr Humor sorgt, als ihm selber wahrscheinlich recht wäre.

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    M.S.S.: Korrekt.
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    Zuletzt noch ein paar Worte zum Schreibstil…

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    M.S.S.: Sie haben ja keine Ahnung, wie froh mich das Wort “Zuletzt” stimmt.
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    Der Schreibstil ist fantastisch, und Andreas Gruber schreibt einfach mit Biss und Humor, ohne das dabei die Spannung flöten geht.

    FAZIT

    Wer Thriller liebt, einer Prise Humor nicht abgeneigt ist und Maarten S. Sneijder noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen. Dieses Mal bekommt der misanthropische niederländische Ermittler es zusammen mit der Münchner Kommissarin Sabine Nemez mit einem Mörder zu tun, der ein altes Kinderbuch als Vorlage für seine Taten nimmt, und das ist so originell wie spannend – und es macht einfach Spaß, Sneijder dabei zuzusehen, wie er halt Sneijder ist.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Dez 2016 

    48 Stunden Zeit...

    Sabine Nemetz arbeitet beim Münchner Kriminaldauerdienst, wird aber in den neuesten Mordfall mehr als erträglich hineingezogen. Trotz ihrer persönlichen Betroffenheit - oder vielleicht auch gerade deswegen - setzt sie alles daran, den Täter zu überführen. Sie staunt jedoch nicht schlecht, als ihr nach einer heimlichen Anfrage in einem ihr eigentlich nicht zugänglichen Computersystem des BKA, plötzlich ein Fallanalytiker dieser Bundesbehörde gegenübersteht: Maarten S. Sneijder. Obwohl Sabine Nemetz eigentlich nicht an den Ermittlungen beteiligt werden soll, beweist sie eine rasche Auffassungsgabe und forsche Unerschrockenheit, so dass Sneijder schließlich auf ihrer Mitarbeit besteht.

    "Wenn Sie innerhalb von 48 Stunden herausfinden, warum ich diese Frau entführt habe, bleibt sie am Leben. Falls nicht – stirbt sie."

    Der Mordfall in München entpuppt sich rasch als Teil einer ganzen Mordserie, die an Brutalität kaum zu überbieten ist. Dabei finden die Morde an vollkommen unterschiedlichen Orten statt, die Opfer haben anscheinend nichts miteinander zu tun, und die Tötungsart ist jedesmal eine andere. Verhungernlassen gehört ebenso zum Spektrum der grausamen Morde wie das Ertränken in Tinte oder das Umhüllen des noch lebenden Opfers mit Beton. Der vom BKA abgestellte Fallanalytiker Maarten S. Sneijder und die junge Ermittlerin Sabine Nemetz entdecken schließlich trotz aller Unterschiede ein Muster hinter den Taten. Der Serienmörder lässt sich von dem alten Kinderbuch 'Der Struwwelpeter' inspirieren - er setzt die Darstellungen der drastischer Bestrafung kindlichen Fehlverhaltens einfach in die Tat um. Doch was ist das Motiv des Täters? Und wie um Himmels Willen sollen sie ihn stoppen?

    Was für ein Thriller! Er beginnt schon rasant und behält dieses Tempo auch weitgehend bei. Dabei springt das Geschehen in den kurzen Kapiteln von einem Schauplatz zum anderen, aber auch zwischen Gegenwart und Vergangenheit - und sorgt dadurch für zusätzliche Verwirrung. Der flüssige Schreibstil lässt einen neben der zunehmenden Spannung geradezu von Kapitel zu Kapitel fliegen. Dabei hält das Gefühl einer wachsenden Bedrohung an, und vor allem Sabine Nemetz kommt zunehmend an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Doch als unerwarteter Protegé des aalglatten Maarten S. Sneijder, der es hervorragend versteht, die Kollegen vor Ort mit wachsender Begeisterung vor den Kopf zu stoßen, wächst Sabine geradezu über sich hinaus.

    "Er war so charmant wie eine giftsprühende Kobra, die noch nicht gefrühstückt hatte."

    Maarten S. Snijder - damit hat Andreas Gruber einen Ermittler kreiert, der seinesgleichen sucht. Als erfahrener Fallanalytiker des BKA wird der Niederländer immer wieder bei der Klärung schwieriger Mordserien von den Dienststellen vor Ort herangezogen, doch eilt ihm inzwischen sein Ruf voraus. Ein regelrechtes A...loch ist er bei aller Genialität, ein Kollegenschw...in, das am liebsten alleine arbeitet und seine Ruhe verlangt. Kollegen als gleichberechtigt anzusehen, kommt ihm gar nicht erst in den Sinn, sein arrogantes Verhalten ist legendär. Um so erstaunlicher mutet es an, dass er die toughe Sabine Nemetz schließlich unter seine Fittiche nimmt und ihr sogar kleine Einblicke in sein Privatleben gewährt. Vanilletee und Hasch gehören ebenso zu dem exzentrischen Ermittler wie Akkupunkturnadeln und Diebstähle in Buchhandlungen. Trotz allem mochte ich Sneijder zunehmend gerne, und seine junge Kollegin Sabine Nemetz erlebte ich als beherzt und sympathisch. Beide Charaktere waren für mich authentisch und glaubwürdig.

    Ein für mich rundum überzeugender Thriller mit ungewöhnlichen Mordarten, einem spannenden Wettlauf mit der Zeit und mit einem überaus schrägen Ermittler. Ich freue mich schon auf ein Wiederlesen mit Maarten S. Sneijder & Co. Zum Glück gibt es schon Fortsetzungen...

    © Parden