Thanksgiving

Rezensionen zu "Thanksgiving"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Jul 2019 

    Happy Family...

    Am 5. August 1962 stirbt nicht nur Marilyn Monroe, sondern es erblickt auch ein kleines Mädchen das Licht der Welt. In der Klinik herrschen an diesem Tag aufgrund einer Massenkarambolage chaotische Zustände, und es dauert lange, bis eine Schwester die 16- oder 17-jährige Miriam bemerkt, die schon in den letzten Zügen der Geburt liegt. Gleich nach der Geburt kann das drogensüchtige Mädchen deshalb auch unbemerkt wieder die Klinik verlassen, lässt ihr Baby aber dort zurück.

    Der Radiologe Solomon Matzner hat sich unsterblich in eine bildschöne Italienerin verliebt und gegen den Widerstand seiner Familie beschlossen, diese Cici auch zu heiraten. Dafür konvertiert er sogar vom Judentum zum Katholizismus und nimmt dafür in Kauf, von seiner Familie verstoßen zu werden. Geplant ist, dass Cici nicht arbeiten gehen soll, sondern sich um die Kinder kümmern wird, die da kommen sollen. Doch bereits in der ersten Schwangerschaft geht alles schief. Der Sohn kommt viel zu früh auf die Welt, stirbt nach wenigen Stunden, und Cici kann aufgrund der nachfolgenden Notoperation nie wieder Kinder bekommen.

    Die junge Frau verfällt in tiefe Depressionen, pumpt Milch ab für ein Kind, das sie nicht braucht, und verlässt ihr Schlafzimmer nicht mehr. Sol weiß sich nur auf eine Art zu helfen: ein Ersatzkind muss her. Und so holt er das kleine, von seiner Mutter verlassene Mädchen in sein und Cicis Haus und schenkt seiner Frau damit ihre Lebensfreude wieder. Cheri, so wird das Mädchen genannt, wird fortan heiß und innig geliebt und wächst bewacht und behütet auf. Und doch ist dem Kind ein Widerstandsgeist zueigen, der den Umgang mit ihr anstrengend erscheinen lässt - Cheri ist nicht bereit, einfach so die Erwartungen anderer zu erfüllen...

    Diese Erzählung ist wie der Weg der Suche Cheris nach sich selbst und ihrem Platz im Leben lang und mäandernd. So wird hier nicht chronologisch von ihrem Leben berichtet, sondern vor- und zurückspringend in Zeit und Geschehen, anfangs oft nur in Andeutungen, später in Situationen des Erkennens und der gelüfteten Geheimnisse. Cheri als Hauptcharakter bleibt nicht nur ihrer Umwelt, sondern auch dem Leser über lange Phasen unnahbar.

    Sie erscheint als toughe Frau, eine unkonventionelle Professorin, die kurz vor Ablauf der biologischen Uhr noch versucht schwanger zu werden, dafür auch alle Strapazen der Unfruchtbarkeitsbehandlung über sich ergehen lässt, gleichzeitig aber unleugbar in Eheproblemen feststeckt. Gleichzeitig lassen Andeutungen erahnen, dass dies nicht die erste schwere Krise in ihrem Leben ist, dass sie derzeit aber immerhin versucht, einem 'normalen' Leben so nahe zu kommen, wie es ihr möglich scheint.

    Dass hinter der toughen Schale eine große Verletztheit steckt, alte Wunden nur schorfig und schlecht vernarbt verheilt sind, wird schnell deutlich. Cheri, das adoptierte Mädchen, hatte nie wirklich das Gefühl gehabt, zu ihrer Familie zu gehören. Sol schien immer eifersüchtig auf sie zu sein, weil Cici ihre ganze Liebe auf das Kind richtete. Und Cici erdrückte sie mit ihrer Liebe, ohne wirklich ein Gespür dafür zu haben, wer Cheri eigentlich war. Und so steckt bis heute ein tiefes Gefühl in Cheri, nie das bekommen zu haben, was sie eigentlich gebraucht hätte: ein wirkliches Gefühl der Zugehörigkeit...

    Dieser Roman erzählt von der Suche Cheris nach Antworten, nach sich selbst, nach ihren Wurzeln, nach ihrem Weg - und nach ihrem Platz im Leben. Im lezten Viertel reißt endlich die harte Fassade ein, die Cheri um sich errichtet hatte - und ihre Umgebung wie auch der Leser erhält die Möglichkeit, ihr näher zu kommen. Das letzte Viertel hat mich versöhnt mit der Erzählung, die mich über weite Strecken außen vor ließ. Endlich hatten Trauer, Menschlichkeit und Wärme Einlass gefunden und mich mitschwingen lassen...

    Mehrere Indizien lassen darauf schließen, dass Tracy Barone in ihrem Debüt auch autobiografische Anteile verarbeitet hat. Diese Vorstellung fand ich gerade gegen Ende sehr berührend. Und so bleibt mir nur der Wunsch, dass Cheri oder Tracy ihren Platz im Leben gefunden haben mögen und sich dabei immer treu bleiben können...

    Ein Roman, dem ich über lange Strecken recht gleichgültig gegenüberstand, der mich aber im letzten Viertel überrollte und überzeugen konnte... Empfehlenswert!

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Jun 2019 

    Glückliche Familie

    5. August 1962
    • Marilyn Monroe stirbt an Tabletten-Überdosis
    • Jamaika feiert Unabhängigkeit
    • Nelson Mandela wegen unerlaubten Grenzübertritts ins Südafrika verhaftet
    • Trenton, New Jersey: Stromausfall im St. Mercy Hospital
    • Auffahrunfall an der New Jersey Turnpike: zwölf Fahrzeuge beteiligt, schlimmster Unfall in der Geschichte des Staates

    …und ein kleines Mädchen wird geboren. Es ist schon ein turbulenter Start ins Leben für die spätere Protagonistin. Die jugendliche und drogenabhängige Mutter lässt ihr Baby in der Klinik zurück. Der Arzt Solomon Matzner wickelt einen Adoptionsdeal ab, nachdem seine Frau Cici und er ihren Sohn kurz nach dessen Geburt verloren haben.
    Es ist ein turbulentes Leben, das Cheri Matzner fortan lebt. Cheri revoltiert gegen ihre Eltern, den jüdischen Arzt Solomon und die temperamentvolle italienischstämmige Mutter Cici.

    Cheri erfüllt keine Erwartungen, ihr Lebensweg ist keineswegs geradlinig. Mit 40 scheint sie an der Seite ihres um einiges älteren Mannes Michael zur Ruhe zu kommen. Ein Status, der Cheri so gar nicht liegt, doch das Schicksal weist Cheri in ihre Schranken.

    „Das wilde Leben der Cheri Matzner“ von Tracy Barone ist ein amerikanischer Roman, der besser nicht geschrieben sein könnte. Nur der Originaltitel ist ein bisschen russisch. Über die „Happy Family“ hatte Tolstoi schon einiges zu erzählen. Das berühmte Zitat aus Anna Karenina ist diesem Roman als Motto voran gestellt.
    Die Protagonistin Cheri ist ein sehr vielschichtiger Charakter. Mal mochte ich sie, mal nervte sie mich ungehörig, ich liebte, litt, lachte, trauerte, fluchte und freute sich mit ihr. Cheri ist auf der ständigen Suche, nach ihrer Herkunft, ihrem Platz im Leben ihrer Identität. Man möchte manches Mal glauben, John Irving hat seine weibliche Seite endlich rausgelassen und schickt nun Cheri Matzner ins Rennen mit all seinen herrlich suchenden Charakteren.

    Tracy Barone schreibt ohne rührseligen Kitsch, sogar beim Sterben findet sie den richtigen Ton. Von dieser Autorin möchte ich mehr, viel mehr lesen!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Jun 2019 

    Vom Finden

    Im Jahr 1962 stirbt Marilyn und Cheri Matzner wird geboren. Allerdings ist die Geschichte ihrer Herkunft nicht so einfach. Ihre leibliche Mutter bringt sie in einer kleinen Klinik in Trenton zur Welt und verschwindet kurz nach der Entbindung. Das junge Ehepaar Matzner erwartet ein Kind. Es ist tragisch, der kleine Junge stirbt kurz nach der Geburt. Cici Matzner fällt in eine tiefe Depression, auch weil sie keine Kinder mehr bekommen kann. Sol sieht eine Chance darin, das neugeborene Mädchen zu adoptieren. Und so wächst Cheri in einer wohlhabenden Familie auf, hat die Möglichkeit zu studieren und überhaupt auf ein glückliches Leben.

    Es könnte so schön und einfach sein, ist es aber nicht. Selbst die kleine Cheri merkt bald, dass ihre Familie nicht so ist wie andere. Cici kommt aus Italien und hat ihren Akzent nie abgelegt. Sols Familie hat sich von ihm abgewandt als er seinen Willen durchsetzte und Cici heiratete. Und Cici vereinnahmt ihre Tochter etwas arg. Sie will es besonders gut machen und vergisst, dass eine Mutter auch mal loslassen muss. Auch Cheris Verhältnis zu Sol ist eher angespannt. Von ihm möchte sie unabhängig sein. Nach einigen Versuchen in verschiedenen Jobs, ist Cheri nun verheiratet.

    Dies ist wieder mal eines der Bücher, die sich möglicherweise erst dann erschließen, wenn man das letzte Kapitel beendet hat. Zunächst wirken die Handlungsstränge etwas zusammenhanglos und man fragt sich manchmal, weshalb einiges so angelegt ist, wie es ist. Je weiter man liest, desto mehr fügt sich alles zusammen. Cheris Persönlichkeit gewinnt mehr Kontur und man kann für die meisten ihrer Handlungen viel Verständnis entwickeln. Sie schafft vieles selbst und manchmal erhält sie Hilfe von ganz unerwarteter Seite. Cheri Matzner ist ein ungewöhnlicher Charakter, dem man außerordentlich gönnt, in sich selbst zu ruhen. Ein durchaus lebensbejahender Roman, in dem tragische Momente mit großer Authentizität geschildert sind.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Jun 2019 

    Von der Bedeutung der Kommunikation

    Ein richtig starkes Buch über eine außergewöhnliche Frau, so könnte man dieses Buch beschreiben. Denn für mich steht hier nicht die Familie im Vordergrund, sei sie nun glücklich oder nicht. Den Vordergrund nimmt für mich das Leben der Cheri Matzner ein, von daher finde ich den Titel schon passend. Und da ich Cheri als eine recht unangepasste Seele erlebe, die mich schwer begeistern konnte, fand ich auch ihr wildes Leben passend. Sie geht an ihre Grenzen und dies recht radikal. So etwas wird nicht jeder tun und so etwas wird nicht jedem gefallen. Die meisten Menschen gehen doch lieber die einfachen Pfade. Von daher lege ich meine anfänglichen Bedenken gegenüber der Veränderung des Titels ab und stimme dem Titel "Das wilde Leben der Cheri Matzner" vorbehaltlos und applaudierend zu.

    Der Anfang des Buches war für mich nicht ganz so stimmig, die Beschreibung der Eltern Matzner empfand ich als zu unausgewogen und auch teilweise etwas unglaubwürdig. Aber vielleicht lag das auch an einer gewissen Antipathie meinerseits den beiden Elternpersonen gegenüber. Denn beim Rest des Buches habe ich keine Ungereimtheiten mehr entdecken können, die Geschichte verläuft stimmig und der Hauptcharakter und andere (auch die Eltern) wachsen mir ans Herz. Vielleicht war diese Beschreibung der beiden Personen auch ein Stilmittel, um zu zeigen, dass Beide weder vollkommen noch unfehlbar sind. Und auch, um zu zeigen in was für eine Familie Cheri hineinkommt.

    Ebenso stimmt das Buch nachdenklich zum Thema Adoption. Es zeigt deutlich was so ein Hintergrund mit den betreffenden Personen machen kann. Und es zeigt auch unter was für einem Druck Adoptierte stehen. Dieses Buch könnte eine Lektüre sein, welche mit dem Thema konfrontierte Menschen weiterbringen könnte.

    Ebenso finde ich in dem Buch das Spiel mit dem Thema des Einflusses der Herkunft und/oder der Erziehung auf den Werdegang des Menschen recht interessant. Wunderbar und vollkommen richtig ist, dass dies nur angerissen wird, der Leser eigene Schlussfolgerungen ziehen darf.

    Zur Handlung. Es geht hier um das Leben einer recht interessanten Frau, mit Ecken und Kanten, authentisch gezeichnet, adoptiert und mit den Ursachen/Folgen hadernd, willensstark, auf Konfrontationskurs mit der Umwelt/gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens, aber auch mit Ängsten behaftet und manchmal schwach. Ein realer Mensch und für mich ein liebenswerter Charakter! Es geht einfach gesagt um "Das wilde Leben der Cheri Matzner"! Schlussendlich habe ich wieder ein Buch gelesen, welches mir sehr gefallen hat! Und am Ende drängten sich mir unweigerlich Gedanken auf, die einen teil autobiographischen Inhalt vermuten lassen. Wenn dies so sein sollte, spende ich auch dafür tosenden Applaus!!!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Mai 2019 

    Wenn das Leben dich prüft...

    Als Fan von Familiengeschichten bin ich über diesn Roman gestolpert und wurde regelrecht überwältigt.

    In der Geschichte geht es um Cheri, die unter kuriosen Umständen von der Familie Matzner adoptiert wird. Diese haben gerade ein Kind verloren. Wird die kleine Cheri diese große Lücke füllen können?

    Der Autorin ist hier ein Werk gelungen, dass den Leser emotinal packt und nach wenigen Seiten einfach nicht mehr los lässt. Auch wenn die Handlung oft sehr düster und schwermütig ist, so habe ich mich beim Lesen dennoch sehr wohl gefühlt. Es hat sich alles so unglaublich echt angefühlt und man war unglaublich nah an den Figuren dran.

    Cheri ist eine zerrissene Frau, die eigentlich Stolz auf ihr Leben sein sollte, es aber leider nicht ist. Ich konnte mich sehr gut mit ihr identifizieren, vor allem wegen ihres Rebellentums. Was sie alles durchmachen musste im Leben, das muss man erstmal aushalten können. Die Angst vor dem unnahbaren Vater Sol konnte ich nachvollziehen.

    Mutter Cici hat immer ihr bestes gegeben um eine gute Mutter und Ehefrau zu sein. Bei ihr hat mich ehrlich gesagt erstaunt, dass sie mit dem wenigen zufrieden war was sie hatte, aber offenbar kann Muttersein sehr erfüllend sein, da kann ich leider nicht mitreden.

    Etwas schade fand ich, dass Cheri ihre Kindheit nicht näher beleuchtet wird. Darüber hätte ich auch sehr gern etwas gelesen.

    Cheris Leben ist ansonsten von Schicksalsschlägen gepflastert, die man erstmal aushalten muss. Mich hat ihre Suche nach dem Sinn des Lebens wirkich bewegt und emotional sehr mitgenommen.

    Das Ende hat alle offenen Fragen beantwortet und mir hat es sehr gut gefallen, dass trotz allem etwas Positives für Cheri passiert.

    Fazit: Wer kein Problem hat mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle, der wird dieses Buch lieben so wie ich. Klasse, gern empfehle ich diesen Schatz weiter.