Teufelsgrinsen: Ein Fall für Anna Kronberg

Rezensionen zu "Teufelsgrinsen: Ein Fall für Anna Kronberg"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jun 2015 

    Konkurrenz für Irene Adler

    Als eingefleischtem Fan des genialen, wenn auch leicht arroganten Meisterdetektivs aus der Baker Street sind mir die Bücher von Annelie Wendeberg natürlich schon vor längerer Zeit ins Auge gesprungen. Was mich ein wenig zögern und zaudern ließ, war die Tatsache, dass Holmes hier ein anderer Partner zur Seite gestellt wird, anstatt seines getreuen Freundes John Watson.

    Und nicht nur das... Besagter Partner ist eigentlich eine PartnerIN - wenn auch eine, die als Mann verkleidet lebt, um Medizin praktizieren zu können. Da beschlich mich doch direkt die Befürchtung, dass sich hier eine kitschige Liebesgeschichte anbahnen würde, in deren Verlauf sich Holmes bis zur Unkenntlichkeit zum romantischen Menschenfreund wandelt.

    Und selbst wenn nicht: Holmes und eine weibliche Kollegin? Holmes, der Frauen keine sonderliche Wertschätzung entgegenbringt?

    Halt, fiel mir da ein. Irene Adler. Die eine Frau, die in den Originalgeschichten von Arthur Conan Doyle Holmes' Wertschätzung erringt. Es gibt also durchaus einen Präzedenzfall!

    Mit diesem beruhigenden Gedanken im Hinterkopf fing ich an, "Teufelsgrinsen" zu lesen - und ich habe es kein bisschen bereut.

    Annelie Wendeberg schreibt einen ganz wunderbaren Holmes. Rastlos und getrieben, überheblich und gnadenlos intelligent, wie man ihn kennt und liebt. Und Anna Kronberg, die Protagonistin, steht ihm dabei keineswegs nach! Auch sie hat einen messerscharfen Verstand, der ihr keine Ruhe lässt, nur setzt sie ihn nicht zur Verbrechensbekämpfung ein, sondern zur Erforschung von Bakterien und Viren . Als Mann lebt sie nur, weil es Frauen zu ihrer Zeit noch nicht gestattet war, Medizin zu studieren, geschweige denn als Arzt zu praktizieren.

    Sie wird von Zeit zu Zeit als medizinischer Experte von Scotland Yard hinzugezogen, so auch, als die Leiche eines offensichtlich an Cholera erkrankten Mannes gefunden wird. Am Fundort trifft sie auf Holmes - der ihre Verkleidung natürlich binnen Minuten durchschaut. Schnell wird Anna mitten hineingezogen in den Fall, und so tun sich die beiden ungleichen Ermittler zusammen.

    Zwischen den beiden sprühen oft die Funken, denn beide analysieren andere Menschen zwar gerne, werden aber nur höchst ungern selber analysiert. Beide spielen auch nur widerwillig die zweite Geige, weswegen es viel verbales Gerangel darum gibt, wer in welcher Situation das Sagen hat. Das zu lesen, macht einfach unglaublich viel Spaß!

    Da ist es fast nur noch die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, dass "Teufelsgrinsen" auch eine sehr originelle, intelligente und spannende Krimihandlung sein eigen nennt. Das Buch hätte für meinen Geschmack gerne auch doppelt so dick sein dürfen, denn die Seiten flogen nur so dahin.

    Auch den Schreibstil fand ich fantastisch. Anna ist eine präzise Erzählerin mit einem feinen, trockenen Humor. Ihr scharfer Verstand spricht aus jedem Satz, aber auch ihre Gefühle kommen gut beim Leser an, obwohl sie nicht zu emotionalem Überschwang neigt.

    Ja, wie ist es denn nun - gibt es eine Liebesgeschichte, oder nicht? Das möchte ich noch gar nicht verraten, aber schon mal beruhigend sagen: Holmes bleibt Holmes.

    Ich habe sowohl das Buch gelesen, als auch mir das ungekürzte Hörbuch angehört, und ich muss sagen: sehr gut umgesetzt! Esther Schweins erweckt die Charaktere mit ihrer lebendigen, emotionalen Stimme wunderbar zum Leben, allen voran natürlich Anna Kronberg und Sherlock Holmes.

    Fazit:
    Eingefleischte Holmes-Fans müssen sich sicher erst an den Gedanken gewöhnen, statt John Watson eine Frau als Partner an Holmes' Seite zu sehen, aber Anna Kronberg ist eine ganz wunderbare literarische Figur. Sie und Holmes sind sich von der Intelligenz her ebenbürtig, und so müssen beide schnell feststellen, dass es unangenehm werden kann, wenn man auf der falschen Seite eines messerscharfen Verstandes steht... Aber sie müssen sich zusammentun, um einen Fall zu lösen, der sowohl seine Expertise im Bereich des Verbrechens als auch ihre Kenntnisse der Medizin benötigt.

    In meinen Augen ist das wunderbar und intelligent geschrieben, spannend und oft überraschend humorvoll.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Apr 2014 

    Ein super Debüt

    Dr. Anton Kronberg arbeitet Ende des 19. Jahrhunderts als angesehener Arzt für Infektionskrankheiten am Guy's Hospitel in London. Was niemand weiß: Anton heißt eigentlich Anna und da Frauen weder Medizin studieren noch als Arzt praktizieren dürfen verwandelte sie sich eben in einen Mann. Als sie zu einem Toten gerufen wird, der wahrscheinlich an der Cholera gestorben ist, trifft sie auf Sherlock Holmes. Die Beiden sind sich vom Charakter her sehr ähnlich und gemeinsam kommen sie einem schrecklichen Verbrechen auf die Spur.

    Was für ein tolles Debüt der Autorin Annelie Wendeberg. Ich bin total begeistert. Gerade habe ich das Buch geschlossen und würde am Liebsten sofort eine Fortsetzung lesen. Der Autorin ist es perfekt gelungen die Umstände dieser Zeit einzufangen. Ich fühlte mich wirklich ins 19. Jahrhundert nach London versetzt. Ich spürte das Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen, litt unter dem entsetzlichen Gestank, wich den stehlenden und bettelnden Kindergruppen aus, sah die grenzenlose Armut auf der einen und den maßlose Reichtum auf der anderen Seite.

    Der Schreibstil ist der Zeit perfekt angepasst und flüssig. Angepasst ist der Hauptcharakter allerdings gar nicht. Anna / Anton hat ihren / seinen eigenen Kopf und tut nur das was sie / er möchte. Am Tag arbeitet Anton als angesehener Bakteriologe und in der Nacht versorgt Anna als vermeintliche Krankenschwester die Ärmsten der Armen. Die Figur der Anna, ich bleib jetzt mal bei der weiblichen Form, war mir sofort sehr sympathisch. Sie lässt sich nichts gefallen und steht immer ihren Mann. Eine absolut ungewöhnliche Frau für diese Zeit.

    Sherlock Holmes wird hier sehr introvertiert dargestellt, aber ich mochte ihn sofort. Ich fand es auch sehr interessant wie weit die Forschung damals war und was für Möglichkeiten Ärzte hatten. Die Beschreibung der Krankenhäuser war in erster Linie sehr erschreckend. Der Plot ist sehr gut durchdacht und stimmig. Das Buch ist wirklich ein wahrer Genuss und darum vergebe ich 5 von 5 Punkten, den Favoritenstatus und eine Leseempfehlung an alle, die Lesen können. Hoffentlich bekommen wir noch viele Geschichten von Anna / Anton Kronberg zu lesen. Ich kann den 2. Teil kaum erwarten. Beeilen sie sich bitte mit dem Schreiben Frau Wendeberg.

    © Beate Senft