Taschenbücher: Die Interessanten: Roman

Rezensionen zu "Taschenbücher: Die Interessanten: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Sep 2018 

    Ein Gesellschafts- und Familienroman im besten Sinne

    Feriencamps scheinen eine lange amerikanische Tradition zu haben. Im Sommercamp "Spirit-in-the-woods", das sich an künstlerisch Talentierte wendet, schließen sich in den 70er Jahren 6 Jugendliche zusammen und bilden die Gruppe der "Interessanten". Dazu gehört das Geschwisterpaar Ash und Goodman Wolf aus sehr reichem Hause, der Zeichner Ethan Figman, der froh ist, seinen dauerhaft zerstrittenen Eltern zu entfliehen, Jonah Bay, dessen Mutter eine singende Berühmtheit ist, Cathy, die Tänzerin werden möchte und im Zuge der Geschichte eine tragische Rolle einnimmt, und letztlich Jules Jacobsen. Sie ist aus meiner Sicht die Hauptfigur, um die sich der Roman rankt. Das Sommercamp hat für sie eine besondere Bedeutung, gibt es ihr zum ersten Mal die Gelegenheit, ihrem einfachen Zuhause zu entfliehen und in die Welt der Reichen, insbesondere in die der Familie Wolf, einzutauchen.

    Wir begleiten die Freunde, die überwiegend den Kontakt ein Leben lang halten, über mehrere Jahrzehnte. Es gibt Höhen und Tiefen. Nur wenigen gelingt es, die künstlerische Karriere einzuschlagen, die sie zu Zeiten des Camps im Sinn hatten. Richtig erfolgreich wird nur Ethan, der Trickfilme produzieren wird. Deutlich zeigt sich aber auch, dass Geld allein eben nicht glücklich macht, kein Geld zu haben aber auch unglücklich machen kann.

    Es passiert einiges im Laufe dieser Jahre: Liebesbeziehungen, Ehen, Kinder, Karrieren, Scheitern und Neuanfänge. Vieles mutet durchschnittlich und normal an. Es gibt aber auch krasse Vorkommnisse. So wird Goodman schon mit 19 Jahren bezichtigt, seine ehemalige Freundin Cathy vergewaltigt zu haben. Er flieht vor der Gerichtsverhandlung, was aus meiner Sicht einem Schuldeingeständnis gleich kommt. Die Familie steht aber bombenfest und fast scheinheilig von seiner Unschuld überzeugt hinter ihm, unterstützt ihn weiter aus der Ferne. Dennoch umwölkt dieses Ereignis nicht nur das Leben Cathys und der Wolfs, sondern hat Bedeutung für alle Beziehungen innerhalb des Romans.

    Jules Jacobsen muss feststellen, dass ihr künstlerisches Talent nicht ausreicht, und sich einem "normalen" Beruf zuwenden. Später kehrt sie an den geliebten Ort ihrer Jugend zurück und wird wichtige Erfahrungen machen. Sie wird feststellen, dass sie sich in gewisser Weise lange etwas vorgemacht hat...

    Meg Wolitzer ist eine sehr gute Beobachterin. Alle ihre Figuren sind sehr glaubwürdig gezeichnet und kamen mir nah.
    "Die Interessanten" ist ein sehr amerikanischer Roman, der einiges über den Zustand der Gesellschaft aussagt und in mir noch eine Weile nachwirken wird.

    Klare Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Jul 2018 

    Der „Spirit in the Woods“ und die amerikanische Realität

    In den 70er Jahren trifft sich eine Gruppe von kreativ interessierten Jugendlichen über einige Jahre jeden Sommer im Sommercamp „Spirit in the woods“ im Osten der USA. Diese 6 Jugendlichen werden ihr Leben lang von dem dort aufgesogenen „Geist“ (Spirit) nicht mehr losgelassen werden. Genauso bleiben die Verbindungen zwischen den 6 Menschen (3 Jungen, 3 Mädchen) für ihr Leben sehr bedeutsam, selbst wenn sich einige von ihnen später nicht mehr wiedersehen werden.
    Ganz unbescheiden hat sich diese Gruppe selbst den Namen „Die Interessanten“ gegeben – und beschwören damit einen Anspruch an sich selber herauf, dem sie ihr Leben lang hinterherhecheln werden – der eine mehr, der andere eher weniger erfolgreich.
    Meg Wolitzer begleitet in diesem Roman diese Gruppe von Jugendlichen/Menschen und gibt dem Leser damit einen interessanten Einblick in die amerikanische Gesellschaft von den 70er Jahren an bis in die Gegenwart hinein. Der Ausschnitt ist dabei sehr gelungen gewählt, denn genauso wie Spirit-in-the-Woods den Anschein erwecken möchte, mit ihren Teilnehmern die Breite der Gesellschaft abzudecken und jedem einen Platz gewähren zu wollen, so bleibt dabei doch nur die jugendliche Variante der amerikanischen hohen Mittelschicht angereichert um einige Quotenamerikaner aus den ärmeren Schichten bzw. mit den anderen Hautfarben übrig. Und dies ist auch der Ausschnitt, der dem Leser dann im Roman über die Leben der 6 Protagonisten gezeigt wird.
    Alle Sechs leben in Spirit in the Woods ihre kreativen Interessen aus und meinen, diese auch zum Kern ihres späteren Lebens machen zu wollen oder zu können. Aber nur wenigen wird dies später gelingen. Da ist der Trickfilmer Ethan, der seine Jugendphantasien rund um den fiktiven Planeten Figland zu einer erfolgreichen TV-Serie in den USA machen kann und sich doch dabei immer weiter von seinen kreativen Ideen der Jugend und seinen weniger erfolgreichen Jugendfreunden entfernt sieht.

    „Langsam wurde die Bewegung weg vom rein Kreativen hin zur Kreativität des Geldes immer sichtbarer.
    Überall um sie herum genossen das Geldmachen und der Wunsch, Geld zu machen, ein gestiegenes Ansehen. Die Leute redeten von Geldmachen, als wären es Künstler, und über Künstler wurde völlig unverblümt unter dem Aspekt ihres pekuniären Wertes gesprochen.“

    Ethans Frau Ash, auch eine „Interessante“, kann sich, finanziell abgesichert auch durch ihre reichen Eltern, kleinen, elitären, schlecht bezahlten und wenig Sicherheit bietenden Theaterprojekten widmen.
    Die Großzahl der Freunde allerdings muss sich von dem Traum einer kreativen Zukunft schnell verabschieden.
    Da ist Goodman, der nach einem vermeintlichen sexuellen Übergriff auf ein Mädchen von den „Interessanten“, abtaucht und sein Leben im ausländischen Versteck lebt, um dem Gefängnis zu entgehen.
    Da ist Jules, die mit ihrem depressiven Ehemann sich mit Routinejobs so gerade durchschlägt.
    Da ist der homosexuelle Jonah, der sich mit einer berühmten Folksängerin-Mutter und einer traumatischen Drogen- und Beziehungserfahrung in der Jugend trotz großem Talent bewusst gegen ein Musikerleben entscheidet.
    Da ist Cathy, deren Körper ihren Tanzambitionen nicht hinterherkommt und die in die Finanzwelt der New Yorker Wallstreet eintaucht.
    Jeder einzelne der 6 Freunde aus Spirit in the Woods führt uns so eine andere, eine mehr oder weniger erfolgreiche, eine mehr oder weniger zufrieden stellende Variante des modernen amerikanischen Traums vom Leben in diesem „großen“ (great) Land und von dem Zusammenhalt der Menschen in ihm vor Augen. Aus einer Mischung aus Sentimentalität und Illusionslosigkeit wird so ein ganz besonderes, interessantes Bild dieses Landes geschaffen.
    FAZIT:
    Mit einem an Charakteren sehr reichen Personal schafft Meg Wolitzer einen großen Gesellschaftsroman rund um die Bedeutung von Talent, Kreativität, Freundschaft und Neid vor dem Panorama der USA in den letzten vierzig Jahren. Es ist ein Buch, das auf den Leser einen großen Sog der Sympathie zu seinem Personal ausübt und dem ich viele Leser wünsche. Darum natürlich eine 5 Stern-Bewertung!