Tage ohne Ende

Buchseite und Rezensionen zu 'Tage ohne Ende' von Sebastian Barry
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Buch mit Leinen-Einband
Thomas McNulty und sein Freund John Cole sind gerade 17 Jahre alt, als ihre Karriere als Tanzmädchen in einem Saloon für Bergarbeiter ein natürliches Ende findet. Für den "miesesten Lohn aller miesesten Löhne" verdingen sie sich bei der Armee und sind fortan unzertrennlich in Kriegsgeschäften unterwegs. Angst kennen beide nicht, dafür haben sie schon zu viel erlebt. Sie wissen: "wenn's um Gemetzel und Hungersnot geht, darum, ob wir leben oder sterben sollen, schert das die Welt nicht im Geringsten. Bei so vielen Menschen hat die Welt es nicht nötig." Thomas ist vor dem "Großen Hunger" aus Irland geflohen, hat die Überfahrt und die Fieberhütten in Kanada überlebt, sich bis nach Missouri durchgeschlagen. Wie ein irischer Simplicissimus stolpert er durch das Grauen der Feldzüge gegen die Indianer und des amerikanischen Bürgerkriegs - davon und von seiner großen Liebe erzählt er mit unerhörter Selbstverständlichkeit und berührender Offenheit. In all dem Horror findet Thomas mit John und seiner Adoptivtochter Winona sein Glück. Er bleibt ein Optimist, ganz gleich unter welchen Umständen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783958295186

Rezensionen zu "Tage ohne Ende"

  1. Endlos kann so ein Tag werden

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Jun 2020 

    Man freut sich immer, wenn ein Autor was zu interessantes zu erzählen hat. So auch bei Sebastian Barry. Ein im Jahr 1955 in Dublin geborener Autor. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Nun bin ich erfreut, der Empfehlung einer Buchhändlerin meines Vertrauens gefolgt zu sein.

    Sprachgewaltig erzählt der Ich-Erzähler Thomas McNulty vom Krieg und der Gewalt gegen die Indianer. Wie die Einwanderer sich alles nahmen, was den Ureinwohnern gehörte. Ganze Völker auslöschten und abschlachteten. Später auch die Nordstaatler gegen die Südstaatler, die der Befreiung der schwarzen Sklaven entgegen traten. Brutal, aber grandios erzählt. Aber es geht nicht nur brutal in dieser Art von "Western" zu.

    Thomas McNulty lernt durch Zufall den nur etwas älteren Jungen John Cole kennen. Die beiden Jungs ziehen zusammen los und verdingen sich ihren Lebensunterhalt als "tanzende Mädchen" in einer Gegend, die hauptsächlich von Männern bewohnt wird. Nach dem dieses schöne Leben zu Ende geht, bleibt ihnen nur die Möglichkeit sich der Armee zu verpflichten. Hier verbringen sie die nächsten 5 Jahre, die alles andere als ein Zuckerschlecken wird. Sie stolpern, unzertrennlich durch das Grauen. Aber sie finden auch eine andere Möglichkeit ihr Leben gemeinsam außerhalb der Armee zu leben. Sie adoptieren ein Indianermädchen und versuchen sie vor den Gefahren, die in dieser rauen und barbarischen Welt herrscht zu beschützen. Die Kälte der Menschen, denen ein Mord überhaupt nichts ausmacht, denen die Menschlichkeit abhanden gekommen ist.

    Es gibt so gut wie keine Absätze in diesem nur 261 Seiten langem Buch. Das macht aber gar nichts. Bei so einer außergewöhnlichen Art des erzählens bemerkt der Leser das überhaupt nicht. Es steckt sogar viel Humor in diesen Sätzen, wo Vergleiche gezogen werden, wie "Er schwitzte wie eine feuchte Mauer" oder auf Seite 126 "Abgesehen von den endlosen Metern Regen, die dicht wie Tuch auf uns herabfallen."

    Man könnte als ergriffener Leser Seitenweise aus diesem Buch zitieren. Das würde aber die Rezession sprengen. Daher mein Anliegen, wer sich in der Sprache von guten Autoren gerne verliert, der sollte dieses Buch unbedingt lesen. Denn es kommen auch Wörter darin vor, die man seit ewigen Zeiten nicht mehr gehört hat. Quäntchen ist so ein Wort. Ich dachte schon dieses Wort würde gar nicht mehr existieren. Ängstliche Leser, die mehr die Harmonie lieben, für die ist dieses Buch nicht geeignet. Eher die Menschen, die das Leben von ihrer wahren Seite begreifen. Ein wertvolles Buch, von dessen Autor ich gerne in Zukunft noch mehr lesen möchte.

  1. Von der Kraft des Menschen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Apr 2019 

    Was habe ich hier nur in den letzten Tagen für einen Schatz in den Händen gehalten. Ein Buch wie ein Abenteuer, mich sehr an meine heiß geliebten Indianerbücher als Kind erinnernd. Das Indianerthema hat mich auch seither nie wirklich losgelassen, damals waren sie meine Helden, heute interessieren mich deren Vielfalt, deren Kulturen, deren Geschichte und deren Zukunft. Dieses Buch befasst sich mit der Zeit der Indianerkriege, vom Goldrausch in Kalifornien beginnend und in den Indianerkriegen der Prärie mündend. Das fiktive Buch erinnert zum Teil an wahre Begebenheiten in dieser Zeit des Genozids und schildert auch sehr treffend und äußerst wahrheitsgetreu die Härte der Gräueltaten, die an den Indianern verübt wurden. Muss man aushalten können. Ich finde es hingegen nur richtig, dass dieses unrühmliche Kapitel amerikanischer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Wer dazu mehr wissen möchte, sollte "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" von Dee Brown lesen. Ist aber sehr hart!!!

    Andererseits spricht es auch das andere heftige Thema in Amerikas Geschichte an, den Amerikanischen Bürgerkrieg, schildert das ganze Grauen, dem die Menschen damals ausgesetzt waren. Und auch das Grauen, dem die schwarze Bevölkerung Amerikas in den südlichen Staaten ausgesetzt war, wird zu Papier gebracht.

    Ebenso wird die Hungersnot in Irland zum Thema gemacht, die Situation auf den Einwandererschiffen aus Irland geschildert, sowie die Situation der armen Iren in Amerika. Ganz besonders bezeichnend fand ich die Situation im Bürgerkrieg im Buch, als auf beiden Seiten die Iren im Bürgerkrieg gegeneinander kämpften. Der Hungersnot entkommen, dem nächsten Grauen ausgesetzt, dass sie sich gegenseitig zufügen!

    Nun zur Handlung: Die beiden 12/13-jährigen Jungen Thomas McNulty und John Cole laufen sich zufällig über den Weg und der irischstämmige McNulty und der junge Cole mit indianischem But in der Familie werden Freunde, beschließen gemeinsam durchs Leben zu gehen, werden wegen Mangels an weiblicher Bevölkerung Tanzmädchen in einem Saloon, gehen in den Wilden Westen zur Armee, entdecken schließlich tiefe Gefühle füreinander, adoptieren das Indianermädchen Winona, treten bei Minstrel-Shows (toll, wieder etwas gelernt) auf, gehen schließlich in den Bürgerkrieg … .

    Und immer steht der Blick auf die Menschlichkeit im Fokus. Was macht uns zu Menschen? Was ist richtig oder falsch? Selbst wenn die Protagonisten fehlerhafte Handlungen begehen, reflektieren sie ihr Handeln, versuchen sich zu bessern. Sind Menschen mit Stärken und Schwächen. Liebenswerte Menschen!

    Der Sprache und dem Sprachklang gebührt neben der Handlung auch ein großes Lob. Einerseits wird in einer harten Sprache gesprochen, einer der rauen Zeit in Amerika angepassten Sprache. Andererseits sind immer wieder Beschreibungen/Passagen zu finden, die zum Schmelzen schön sind, kleine literarische Schätze mit einem wunderschönen Klang.

    Mir hat dieses Buch sehr gefallen und ich gebe eine unbedingte Leseempfehlung! Toll!!