Tage in der Geschichte der Stille

Buchseite und Rezensionen zu 'Tage in der Geschichte der Stille' von Merethe Lindstrøm
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Eva und Simon haben ein schönes und erfülltes Leben: ein großes Haus, drei erwachsene Töchter, verdienter Ruhestand nach erfolgreichen Karrieren als Lehrerin und Arzt. Doch als Simon aufhört zu sprechen, beginnt die Vergangenheit an Eva zu nagen. Bedingt durch die Stille, die mit Simons Rückzug entsteht, macht sie sich auf die Suche im Gespräch mit sich selbst nach den erschwiegenen Flecken in ihren beiden Leben. Sie versucht sich zu öffnen, sich der Isolation und Stille zu entziehen, in der sie schon viel länger leben, als sie es sich eingestehen will. Sie sucht das Gespräch mit dem örtlichen Priester, arbeitet allein an ihrer Erinnerung und plötzlich tauchen einzelne Bilder auf, werden für sie wieder greifbar: der mysteriöse Einbrecher damals, als die Kinder noch klein waren, die jähe Entlassung der ehemaligen Hausangestellten, die ihnen doch beiden so nah stand. Doch während Eva ihrer eigenen Lebensgeschichte näher kommt, verschwindet Simon in sich selbst, verstummt zusehends,
bis er fast kein Wort mehr herausbringt. Eva beginnt zu verstehen, dass seine Erinnerungen andere sind als ihre. Ein für die Poetik seiner Sprache mit dem Kritikerprisen 2011 und dem Literaturpreis des Nordischen Rates 2012 ausgezeichneter Roman, der zwischen Erinnerung und Vergessen oszilliert. Ein Buch über das Schweigen und die Liebe zweier Menschen, die sich am Ende eingestehen müssen, dass es Dinge gibt, die vielleicht immer unaussprechlich bleiben.

"Eine elegante Betrachtung der destruktiven Kräfte von Familiengeheimnissen und unterdrückter Vergangenheit [...]. Tage in der Geschichte der Stille ist eine Lehrstunde des philosophischen Dilemmas mit der rasiermesserscharfen Spannung eines straffen psychologischen Thrillers." - The National

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:221
EAN:9783957577795

Rezensionen zu "Tage in der Geschichte der Stille"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Okt 2019 

    Vom Schweigen und Verschwinden

    Eva, pensionierte Lehrerin, und Simon, Arzt im Ruhestand, leben in einem schönen Haus, die drei gemeinsamen Töchter sind längst erwachsen und ausgezogen. Simon ist deutlich älter und hat bereits mit den Malaisen des Alters zu tun. Er spricht nicht mehr, wirkt verwirrt, geht verloren. Ob es sich dabei um eine bewusste Entscheidung handelt oder um das Symptom einer Krankheit, bleibt lange ungewiss.

    „Seine schleichende Veränderung begann vor ein paar Jahren. Aber vielleicht war seine Rastlosigkeit schon lange zuvor da, vielleicht ist sie ein Ausdruck für etwas, das er sich lange gewünscht hatte. Sich davon zu machen.“ (S. 14)

    Eva, die Ich-Erzählerin, tut sich schwer mit dem Schweigen. Sie vermisst die Gespräche, empfindet die Stille als bedrückend. Neuerdings geht Simon zweimal wöchentlich in eine Senioreneinrichtung, die Töchter wollen die Mutter überreden, dass er ganz dorthin übersiedelt, um sie zu entlasten.

    Eva berichtet uns in Episoden aus ihrem und Simons Leben. Beide haben schon schlimme Dinge erlebt, die ihre Biografie prägen. Sie kennen zwar die Erlebnisse des jeweils anderen, konnten sich aber nicht einmal den eigenen Töchtern anvertrauen. Dadurch wird die Hemmschwelle immer höher und den Kindern ist es unmöglich, aktuelle Ereignisse und Entscheidungen ihrer Eltern nachzuvollziehen. Konflikte stellen sich ein.

    „Es gab keine Erklärung. Er konnte es niemandem erklären, es kam so plötzlich. Die Depression. In schweren Phasen war er manchmal mehrere Wochen da, ohne anwesend zu sein, ohne wahrzunehmen, wie die Tage vergingen. Nur ich wusste davon. Die Kinder nicht. Ich habe ihnen nichts erzählt, von der Sonnenfinsternis. Von den Verwandten, den ganzen Menschen aus der Vergangenheit, die weg sind.“ (S. 35)
    Das Schweigen und das Verschwinden sind zentrale Motive des Romans. Beide Eheleute empfinden unabhängig voneinander eine schwere Schuld, mit der sie fertig zu werden versuchen. Allerdings nicht miteinander, sondern jeder für sich – ohne Hilfe von außen.

    „Schuld ist relativ, antwortete ihr der Priester. (…) Und das Gefühl von Schuld entspricht wohl nicht immer der Härte des Verbrechens.“ (S.53)

    Über drei Jahre hatten sie eine Haushaltshilfe: Marija, die zur Freundin wurde. Aufgrund eines „Vorfalls“ musste sie gehen. Lange bleiben die näheren Umstände im Dunklen, es gibt nur Andeutungen und weitere Episoden.

    „Ich kann das Warum nicht erklären. Warum ausgerechnet Marija? (…)
    Wir haben sie hereingelassen. Wir hatten scheinbar die ganze Zeit auf sie gewartet.“ (S.85)

    Es baut sich von Beginn an Spannung auf. Was ist geschehen? Welche Erlebnisse der Vergangenheit haben noch eine dermaßen große Auswirkung auf die Gegenwart? Warum spricht Simon nicht mehr? Warum pflegt Eva das Grab eines unbekannten Jungen?

    Die Autorin hat ihren Roman genial komponiert. Gegenwart und Vergangenheit stehen im Wechsel. Immer, wenn sie an neuralgische Punkte kommt, wird wieder geschwiegen. Dennoch wird das Bild für den Leser immer vollständiger. Brillant gemacht.

    Hinzu kommt eine sehr hohe sprachliche Dichte. Ich habe langsam gelesen, die Formulierungen genossen. Es gibt Sätze zum Niederknien, zum Nachdenken. Nichts ist leicht, alles hat eine Bedeutung, man möchte die beiden Alten verstehen. Dennoch ist der Roman keinesfalls verkopft, sondern sehr gut lesbar.

    Am Ende versteht man die beiden Eheleute nicht unbedingt, dazu wird manches einfach verschwiegen. Aber die wesentlichen Sachverhalte liegen auf dem Tisch und laden zum Nachsinnen über das Gelesene ein. Das ist es, was ich von guter Literatur erwarte.

    Meine volle Lese-Empfehlung für diesen tiefgründigen und großartig geschriebenen/ übersetzten Roman! Ein Buch, das in Erinnerung bleibt und einen Dauerplatz in meinem Regal bekommt.