T. Singer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'T. Singer: Roman' von Dag Solstad
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3 von 5 (1 Bewertungen)

Buch mit Leinen-Einband
Singer ist vierunddreißig und hat gerade die Ausbildung zum Bibliothekar abgeschlossen, als er mit dem Zug in der
Kleinstadt Notodden ankommt, um ein neues Leben zu beginnen. Er verliebt sich in Merete, eine Töpferin, und zieht mit ihr und ihrer kleinen Tochter zusammen. Im Lauf der Jahre beginnt die Beziehung zu bröckeln. Und gerade als sich das Paar scheiden lassen will, nimmt Singers Schicksal durch einen Autounfall eine unerwartete Wendung.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:280
Verlag: Dörlemann
EAN:9783038200659

Rezensionen zu "T. Singer: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 30. Jul 2019 

    Rätselhaft

    Mit "T. Singer" hat der norwegische Schriftsteller Dag Solstadt eine rätselhafte Geschichte über einen rätselhaften Mann geschrieben.
    Er schildert das Leben seines Protagonisten T. Singer, an dem eigentlich so gar nichts besonderes ist, aber dennoch unendlich viele Rätsel aufgibt.

    Anfangs präsentiert sich Singer als ewiger Student, der mehr oder weniger planlos vor sich hin studiert und in den Tag hineinlebt. Irgendwann gelangt er an einen Punkt, an dem er seinem Leben eine neue Wendung geben möchte. Er wird Bibliothekar und nimmt eine Stelle in Nottoden an, tiefstes dunkelstes Norwegen, irgendwo in der Telemark. Nottoden ist ein kleiner Ort, der nicht viel zu bieten hat. Vor zig Jahren hat der Norwegische Großkonzern Norsk Hydro Nottoden als Firmensitz auserkoren. Es gab ambitionierte Unternehmenspläne für Notodden, die jedoch alle im Sande verlaufen sind. Übrig geblieben ist nur ein nichtssagender Ort, der seinen Einwohnern nicht viel zu bieten hat. Doch die sind zufrieden. In Nottoden lernt Singer Merete kennen. Scheinbar verlieben sich die beiden ineinander. Denn man wird den Verdacht nicht los, dass die beiden nur die eigene Vorstellung von dem jeweils anderen lieben. Sie heiraten. Merete bringt ihre kleine Tochter Isabella mit in die Ehe. Kennenlernen werden sich Merete und Singer nie.

    "Denn wir müssen zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung rätselhaft anmuten kann, dass Singer in irgendeinem Roman eine Hauptfigur sein könnte, unabhängig vom Niveau, wir können aber darüber informieren, dass eben dieses Rätselhafte das Thema des zu realisierenden Romans ist."

    Singer ist als Person nicht zu charakterisieren. Man erfährt, was er nicht möchte. Man erfährt jedoch noch nicht einmal im Umkehrschluss, was er möchte. Er scheint sich den Vorstellungen, die Merete von ihm hat, anzupassen. Aber warum er das macht, bleibt ein Rätsel. Die Ehe ist zum Scheitern verurteilt. Man wundert sich nicht. Und kurz bevor Singer und Merete sich scheiden lassen, stirbt sie bei einem Autounfall und lässt Singer als Witwer zurück. Ist mann ein Witwer, wenn die Scheidung schon beschlossene Sache war? Ist mann in der Verpflichtung ein Stiefvater zu sein, wenn die Stieftochter mit der Scheidung aus seinem Leben verschwunden wäre, und er auch vorher keinen Bezug zu dem Kind hatte? Singer weiss keine Antwort auf diese Fragen. Ich auch nicht. Er entschließt sich, Isabella bei sich zu behalten. Eine rätselhafte Entscheidung, denn ihn verbindet nichts mit dem Kind, außer den paar Jahren, die sie unter einem Dach gelebt haben. Er geht mit Isabella nach Oslo, wo er eine Stelle als Bibliothekar annimmt.

    "Singer hielt ehrerbietig und ängstlich Abstand zu ihr. Was war das? Er fühlte sich überflüssig, doch gleichzeitig war er da, in derselben Wohnung wie das fünfzehnjährige Mädchen, das er versorgte."

    In Isabella scheint Singer seine Meisterin gefunden zu haben. Sie steht ihm in Verschlossenheit in nichts nach, was ihn zu wurmen scheint. Denn er versucht sie aus ihrer Reserve zu locken. Nicht, dass er Gefühle für das Mädchen hegt. Warum er sich also um sie bemüht, bleibt ein weiteres Rätsel. Die beiden leben nebeneinander her. Singer scheint Isabella gleichgültig zu sein. Aus dem kleinen Mädchen wird eine junge Frau und sie verschwindet aus seinem Leben. Und was bleibt zurück? Singer. Nur wer Singer ist, bleibt bis zum Ende des Romans ein Rätsel.

    Habe ich dieses Buch gemocht? Ich weiß es nicht. Es ist schon ein großes Kunststück, einen Protagonisten zu schaffen, der so gar nicht zu charakterisieren ist. Doch genau das hat der Autor Dag Solstadt hinbekommen. Singer lässt sich nicht beschreiben - weder äußerlich noch innerlich. Er lässt sich bestenfalls erahnen, wobei jeder Wesenszug, den man Singer andichtet, von Zweifeln begleitet wird. Es herrscht eine große Distanz zwischen Leser und Singer, wozu der häufige Wechsel zwischen der Erzählperspektive Singers und einer auktorialen Erzählperspektive in diesem Roman noch beiträgt. Diese Distanz zum Protagonisten sowie der vergebliche Versuch, ihn zu charakterisieren machen diesen Roman zu etwas Besonderem: einem experimentellen Leseerlebnis, das den Leser fordert, da er stetig bemüht sein wird, das Rätsel um das Wesen des Protagonisten zu lösen.

    © Renie