SUPERBUHEI (Debütromane in der FVA)

Buchseite und Rezensionen zu 'SUPERBUHEI (Debütromane in der FVA)' von Sven Amtsberg
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Dass Hannover-Langenhagen der Platz sein würde, den das Leben ihm zugedacht hat, hätte Jesse Bronske nicht geglaubt. Und dass die Sitzschönheit Mona die Frau an seiner Seite sein würde, ebenso wenig. Mona ist Kassiererin im »SUPERBUHEI«, wo Jesse auch die Kneipe »Klaus Meine« betreibt. Tag für Tag schenkt er trostlosen Gestalten Drinks aus, die er nach Scorpions-Songs Gin of Change oder Grog you like a hurricane genannt hat. Doch der Wunsch nach Einzigartigkeit wurde ihm zeitlebens von seinem Zwillingsbruder Aaron auf gemeine Art vereitelt. Aaron, der ihm so sehr gleicht, dass noch nicht einmal ihr Vater, Imbissbudenbesitzer und Elvis-Imitator in Hamburg-Rahlstedt, sie auseinanderhalten kann. Jesse war vor Aaron geflohen, doch als er eines Nachts vor seinem Haus eine dunkle Gestalt im Maisfeld sieht, ist er sich plötzlich sicher: Aaron ist zurückgekehrt, um ihn zu ersetzen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:360
EAN:9783627002343

Rezensionen zu "SUPERBUHEI (Debütromane in der FVA)"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Apr 2017 

    Kleine Maus

    Kleine Maus musste Jesse die Kneipe im Eingangsbereich des Supermarktes nennen, weil Klaus Meine sich über die ursprüngliche Namensgebung beschwert hat. Die Songs von den Scorpions spielt er trotzdem rauf und runter. Wie seine Freundin Mona aussah, wenn sie glücklich war, daran erinnert er sich noch. Auch seine Jugend in Hamburg Rahlstedt ist ihm immer gegenwärtig. Seine Eltern hatten sich getrennt, genauer gesagt, die Mutter hat den Vater verlassen. Seine Elvis-Imitationen waren auch irgendwann nicht mehr attraktiv. Vielleicht waren sie es nie. Jesse war jedenfalls froh, nach Langenhagen abhauen zu können. So wurde er auch seinen Zwillingsbruder Aaron los.

    Ist er ihn tatsächlich los? Nach vier Jahren als Kneipenwirt in der Einöde in der Nähe Hannovers sind Jesses Gedanken von Angst bestimmt. Will Aaron ihm sein Leben wegnehmen, seine Freundin? Oder entspringt vieles doch seinen alkoholbestimmten Phantasien. An manche Ereignisse erinnert er sich nicht so genau, etliches verschwimmt im Ungewissen. Mona war schon lange nicht mehr glücklich. Und die dauernde Berieselung mit den Liedern der Scorpions ist auch nicht immer leicht zu ertragen, auch wenn er sich diesen Teil selbst ausgesucht hat.

    Etwas düster und klaustrophobisch ist die Stimmung, die beim Lesen dieses Romans entsteht. Neben einigen witzigen Nebenideen, die trotz der trüben Grundstimmung, zu einem Lächeln einladen, ist dieser Roman doch von der Unsicherheit und dem Alkoholismus seines Protagonisten geprägt. Seine traurige und einsame Kindheit, die Jugend mit der Trennung der Eltern. Und auch die Loslösung von dieser Vergangenheit wirkt schwierig. Man möchte ihm helfen, ihm sagen, befreie dich von deinem Ballast. Doch so recht will es nicht gelingen. Eher schafft es Jesse, den Leser mit seinen trüben Gedanken zu beschäftigen und sich der Frage zu widmen, inwieweit er vielleicht krank ist und professioneller Hilfe bedarf. Je weiter die Lektüre voranschreitet, desto mehr sperrt man sich gegen die vorgestellten Personen. Mit Mut lässt der Autor einiges offen, so dass es dem Leser überlassen bleibt, sich vorzustellen welches weitere Schicksal Jesse beschieden ist.

    3,5 Sterne

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Apr 2017 

    ein kultiger Roman

    Nachdem ich die ersten Seiten aus Sven Amtsbergs "Superbuhei" gelesen hatte, war dieses Buch für mich bereits ein Kultbuch. Von dieser Meinung bin ich auch bis jetzt nicht abgewichen. Natürlich stellt sich mir die Frage, wie ich überhaupt darauf komme? Was macht einen Roman eigentlich zu einem Kultbuch? Gibt es diesen Begriff überhaupt? Welche Eigenschaften hat ein Kultbuch? Für mich könnten es diese hier sein, allesamt in "Superbuhei" zu finden:
    ein ungewöhnlicher Protagonist, vorzugsweise als Ich-Erzähler, der mit seinem Leben hadert
    ein Milieu, fernab von der "heilen Welt": Kneipe, Alkohol, Drogen, trostloses Umfeld
    Nostalgie, in Form von Musik, die man in seiner Kindheit gehört hat
    unzählige Klebezettel, die die beeindruckendsten Textstellen markieren und darauf hinweisen, dass der Autor sehr viel zu sagen hat

    "Es stimmt schon, dass das Leben ohne Alkohol leichter ist. Es fühlt sich nur nicht so an." (S. 47)

    Jesse Bronske ist der ungewöhnliche Protagonist und Ich-Erzähler aus "Superbuhei". Dass er mit seinem Leben hadert ist unbestreitbar. Der Mann hat wirklich Probleme, angefangen beim Alkohol bis hin zu Paranoia und Depressionen.
    Er betreibt das "Klaus Meine", eine Kneipe in dem Supermarkt "Superbuhei" in Hannover. Man ahnt es, er ist Scorpions-Fan, insbesondere zu dem Sänger der Scorpions, Klaus Meine, verspürt er eine tiefe Verbundenheit. In der Kneipe läuft den lieben langen Tag die Musik der Scorpions - nichts anderes. Den Stammgästen - andere Gäste verirren sich nicht hierhin - ist dies egal. Ihnen liegt nur daran, in möglichst schneller Zeit einen Alkoholpegel zu erreichen, der das Leben für sie erträglicher macht. Das "Klaus Meine" öffnet morgens um 10 Uhr. Bis abends, zum Geschäftsschluss, haben die Stammgäste Zeit, sich die Kante zu geben, woran sie auch intensiv arbeiten.

    Steht Jesse nicht hinter der Theke seines "Klaus Meine", lebt er mit Mona zusammen, einer Kassiererin aus dem Superbuhei. Beide wohnen in dem Haus von Monas verstorbenen Eltern. Home sweet home ist anders. Denn das Haus überzeugt eher durch Schmuddeligkeit als durch Heimeligkeit. Baufällig und marode steckt der Mief von zig Jahren in seinen Mauern. Das Haus ist vollgespickt mit Dingen, die Monas toten Eltern gehörten. Eine Käfersammlung und Monas Sonnenbank im Wohnzimmer, tragen ihr Übriges zum (Un-)Wohlfühlfaktor bei.

    "Wir streiten oft. Vor allem sonntags, wenn der ganze Tag in seiner Ödnis und Weite vor uns liegt. Nicht selten habe ich dann das Gefühl, sie gäbe mir die Schuld für die Langeweile, so wie sie auch mich dafür verantwortlich macht, dass unser Leben nun einmal ist, wie es ist. Dass es nur wenig von den Filmen hat, die sie im ZDF zeigen. Unser Leben ist eher wie RTL II." (S. 84)

    Man fragt sich, welche Zukunftsperspektive Jesse hat? Und so wie er sich in diesem Roman präsentiert, bleibt als einzige Antwort: "Gar keine". Sein Leben besteht aus Eintönigkeit und Durchschnittlichkeit. Es gibt keine herausragenden Ereignisse, die auf eine rosige Zukunft hoffen lassen. Jesse versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben, indem er sich krampfhaft auf die Suche nach seinen verborgenen Talenten begibt, die seinem eintönigem Durchschnittsdasein einen tieferen Sinn geben sollen. Vom Tennisspielen bis hin zu schriftstellerischen Ambitionen war schon alles dabei. Gebracht hat es nur nichts.

    Wenn die Gegenwart mies ist, die Zukunft auf nicht hoffen lässt, fragt man sich, was in Jesses Vergangenheit passiert ist, dass er sich in dieser Situation befindet.
    Der Leser erfährt durch Jesse, dass er in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Die Familie Bronske bestand aus den Eltern, Jesse und seinem Zwillingsbruder Aaron. Die "Flucht aus der Eintönigkeit" schien auch ein Thema zu sein, das seine Eltern beschäftigt hat. Allerdings jeden für sich. Der Vater versucht sein Glück als erfolgloser Elvis-Imitator, die Mutter sucht ihr Glück bei einem anderen Mann.

    Die Zwillinge sind bereits im jugendlichen Alter als die Mutter die Familie verlässt. Sie bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. Jahre später hat sich die Eingeschworenheit jedoch in Luft aufgelöst. Jesse fühlt sich als Erwachsener von seinem Zwillingsbruder bedroht. Man fragt sich, wie es dazu gekommen ist, dass Jesse diesen Hass auf seinen Bruder entwickelt hat. Diese Frage könnte wahrscheinlich Aaron beantworten. Also wartet man als Leser auf das Erscheinen von Aaron. Dieser lässt allerdings auf sich warten. Die Bedrohung durch ihn ist zwar ständig präsent, aber eben nur die Bedrohung. Denn Aaron selbst bleibt im Hintergrund und nimmt zunächst persönlich keinen Einfluss auf die Handlung.

    "Mutter hatte uns oft von Kain und Abel erzählt. Wir hatten ihr immer versprechen müssen, nie so zu werden. Was wir getan haben, trotzdem frage ich mich, was, wenn wir doch so werden würden, wer wäre dann wer? Bin ich der, der erschlägt? Oder der, der erschlagen wird?" (S. 44)

    "Superbuhei" ist ein stimmungsgeladenes Buch. Es beginnt als lustiges Buch mit einem sehr skurrilen Humor. Man trifft auf viele Lebensweisheiten, die fast schon philosophische Ansätze haben. (Alcäus lässt grüßen: In vino veritas!) Dieser Humor wird von der unterschwelligen Bedrohung durch Aaron begleitet. Irgendwann kippt die Stimmung. Jesse zeigt plötzlich Verhaltensweisen, die den Leser an seinem Geisteszustand zweifeln lassen und seine Aussagen bezüglich seines Bruders in Frage stellen.

    Zum Ende fragt man sich, ob man sich nicht tatsächlich in einem Thriller oder Horrorroman befindet. Denn dank Jesse und seinem merkwürdigen Verhalten wird die Stimmung unheimlich gruselig.

    Sven Amtsberg lässt uns schließlich mit einem ganz fiesen Ende zurück - offen wie ein Scheunentor und mit ganz viel Raum für Spekulationen.

    Noch eine Anmerkung zu dem Bezug zu den Scorpions. Der Sound dieser Band aus Hannover begleitet den Leser durch das komplette Buch. Mir ist der eine oder andere Song hier begegnet, dessen Melodie ich nicht aus dem Kopf bekommen habe. Allen voran natürlich das Gepfeife aus "Winds of Change". Sven Amtsberg hat auch die einzelnen Kapitel mit Songtitel der Scorpions versehen. Wer also bis dato nicht viel mit den Scorpions am Hut hatte, wird spätestens nach diesem Buch ein besonderes Augenmerk auf diese Band haben.

    Mein Fazit: Egal wie die offizielle Definition lautet, für mich hat "Superbuhei" definitiv das Zeug zu einem Kultbuch. Daher gibt es von mir natürlich auch eine Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Apr 2017 

    Anders als erwartet

    Anders als erwartet

    Nach beenden dieses Romans musste ich zwar feststellen, dass ich eigentlich etwas anderes erwartet habe, aber dass, was ich stattdessen bekommen habe, hat mir sehr gut gefallen. Meine Vorstellung driftete mehr in den humorvollen Bereich ab, aber dieser Roman brachte unterschwellig viel mehr zum klingen.

    Jesse Bronske arbeitet in seiner Kneipe, welche er nach seinem Idol Klaus Meine benannt hat, die dem Supermarkt Superbuhei angegliedert ist.
    Er ist mit seiner Arbeit überhaupt nicht zufrieden, auch privat plätschert es mit Mona, die im Superbuhei arbeitet, auch nur so dahin. Kurz um.....die Luft ist raus. Zu allem Überfluss trinkt er auch gern mal ein Gläschen zu viel. Seine schon krankhafte Vorstellung von Sicherheit, scheint auf einem Wahn zu basieren den man als Leser nur schwer nachvollziehen kann. Er fühlt sich von seinem Zwillingsbruder Aaron verfolgt, doch niemand außer Jesse selbst scheint dies zu bemerken.

    Sven Amtsberg schafft eine enorme Stimmung allein schon durch die Erzählperspektive. Der Leser erlebt alles durch Jesses Eindrücke, so wie dieser es wahrnimmt. Dies erlaubt einem dann eine große Bandbreite an Spekulationen, denn was von dem was Jesse erzählt kann man glauben, was entspringt nur seinem depressiven Denken?

    Einiges im Roman wird durchaus salopp und witzig geschildert, aber stellenweise offenbarte sich eine enorme Tiefgründigkeit. Ein Beispiel wäre die Beschreibung der Normalität. Jesse jongliert mit seinen Gedanken, und das was dabei herauskommt, haute mich vom Hocker. Eindrucksvoll und sehr nachvollziehbar beschrieben.

    Während des Lesens war mir nie ganz klar, ob es den Zwillingsbruder Aaron wirklich gibt. Der gesamte Roman lebt von dieser Zerrissenheit, diesem Zweifel. Jesse erzählt viel von seiner Kindheit und Jugend, aber auch dort ist es oft schwer zu erkennen, ob es sich um Einbildungen oder reale Erinnerungen handelt. Irgendwann war ich soweit, dass ich alles und nichts in Frage stellte. Und genau dies machte diesen Roman für mich so besonders.

    Dieser Roman ist erfrischend anders und hat mich wirklich positiv überrascht. Das Ende ist überraschend und verleiht dem Buch dann noch einmal eine ganz andere Richtung. Eine Richtung die mich sprachlos zurücklässt. Ohne Worte, das muss man selbst gelesen haben.

    Sven Amtsberg ist ein Autor, denn man sich merken sollte, er scheint immer für eine Überraschung gut.

 
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