Sunset. Roman

Rezensionen zu "Sunset. Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Jun 2016 

    Emigration ist eine schwere Krankheit an sich

    Klaus Modicks Roman „Sunset“ ist eine literarische Wanderung zwischen Fiktion und Realität, zwischen Dichtung und Wahrheit. Er berichtet von tatsächlichen Personen und stützt sich ganz wesentlich auf mündliche und schriftliche Überlieferungen von und über den/die auftretenden Personen.
    An der amerikanischen Westküste ist auch noch Jahre nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur in Deutschland eine Kernzelle der deutschen Literatur verblieben. Kern und Zentrum dieser Autorenzelle ist Lion Feuchtwanger, der – angestoßen durch die Nachricht vom Tod Bertolt Brechts – über einige im Roman geschilderte einsame Stunden in eine intensive kritische Betrachtung über seine Situation verfällt. Der Roman schildert uns aus der Innensicht des Schriftstellers Lion Feuchtwanger seine innere Zerrissenheit und seine inneren Konflikte angesichts der politischen und wirtschaftlichen Lage im Heimat- und Fluchtland. Dabei tritt die Reflexion über die Rolle des deutschen Schriftstellers im Exil hervor. In Deutschland wird zu dieser Zeit am Aufbau zweier neuer Staaten gearbeitet. Einige seiner Kollegen sind wie selbstverständlich zurückgekehrt, haben sich auf eine der Seiten gestellt und helfen aktiv mit beim geistigen und organisatorischen Aufbau dieser Staaten nach der Katastrophe des Dritten Reiches, so wie Arnold Zweig. Andere versuchen weiterhin über ihre literarische Tätigkeit nicht nur zu überleben, sondern auch das geistige Klima im neuen Deutschland mitzuprägen, so wie Bert Brecht. Nur Lion Feuchtwanger verbleibt weiterhin in den USA, lebt in seiner schicken Villa in Pacific Palisades, dem damals so genannten „Weimar unter Palmen“, genießt seinen finanziellen Erfolg während des Exils und leidet unter den stärker werdenden Anfeindungen des amerikanischen Staates gegen alle vermeintlich links orientierten Personen. So lebt Feuchtwanger letztlich den Gegenentwurf zu dem Leben aller ihm bekannten und wichtigen Zeitgenossen in der deutschen Literatur. Er ist zerrissen zwischen Bürgerlichkeit und Radikalität und nutzt die Bürgerlichkeit eben auch als Fluchtpunkt aus dem Hexenkessel des politischen Statements.

    „So schwieg auch Feuchtwanger oder wiegelte ab, wenn es um Stalins Untaten ging, schwieg, schwieg als es ihren japanischen Nachbarn an den Kragen ging. Lieber zeigte man den Werfels das herrliche, vom FBI observierte Schlösschen.“

    Sein kommerzieller Erfolg – sichtbar gemacht vor allem in seinem luxuriösen Anwesen – hebt ihn aus der Menge der zeitgenössischen, vom Naziregime verfolgten Autoren heraus und macht ihn gleichzeitig suspekt. So urteilte Thomas Mann über ihn ggü einem Kollegen:
    „Haben Sie die Perfektion der Einrichtung bemerkt, die 18.000 ledergebundenen Bücher, alle von ihm nicht nur gelesen, sondern auch verstanden und im Gedächtnis behalten, die abwechslungsreichen Schreibtische, einer, um im Liegen zu schreiben, ein anderer, um sitzend zu schreiben, ein dritter zum Stehen, und die prächtigen Schreibutensilien […] und was kommt bei all der Vollkommenheit heraus? Reine Scheiße.“ Und diese Skepsis und Kritik erlebt Feuchtwanger nicht nur in der Außenwahrnehmung, sondern auch in der Innensicht über sich selbst. Er stellt sich die Frage: Darf ein linker, regimekritischer Autor überhaupt kommerziellen Erfolg haben? Oder macht ihn das nicht von vornherein unglaubwürdig und sein Werk fadenscheinig? Wie wird man seinem Verantwortungsgefühl für Deutschland gerecht? All diese existentiellen Fragen bewegen Feuchtwanger in dem kurzen Ausschnitt seines Lebens, in den Klaus Modick uns mit ihm eintauchen lässt. Ein ständiges Schuldgefühl ob der eigenen Rolle und Situation ist prägend für die Stimmungslage Feuchtwangers

    „Ein Emigrant aber, der nicht heimkehrt, ist erst recht verdächtig. Er liebt sein Land nicht. Erst lässt er es im Stich, dann bleibt er ihm fern. Er ist der doppelte Verräter.“

    Liefert vielleicht das literarische Werk dann die Rechtfertigung für das gewählte Leben? Feuchtwanger beschäftigt sich zur Beantwortung dieser Frage auch eindringlich mit dem Wert und dem Charakter von Literatur:

    „Wenn Schreiben mehr sein soll als Morgengymnastik, mehr als hoffnungsloser Kampf gegen den eigenen Verfall und das Nachlassen der Erinnerung, dann ist das Schreiben eine gefährliche Beschäftigung. Tendenziöses Schreiben, wie Brecht es betrieben hat und wie er selbst es betrieben hat, weil die Zeitläufe ihn dazu gezwungen haben, ist immer schon bedrohlich gewesen. Und die Bedrohung durch die Nazis und ihr Hass waren eine Bestätigung, dass die Tendenz notwendig war. Aber heute und hier im Schoß der großen Demokratie Amerika scheint es bereits gefährlich zu sein, Worte für den unwandelbaren Ozean zu finden oder in einem Stinktier ein Gleichnis für den Stand der Dinge, die eigene Lage zu sehen. Aber vielleicht ist Schreiben zu allen Zeiten, in allen Lagen, gefährlich gewesen und wird es immer sein, weil eine Persönlichkeit hinter den Worten steht, die sich gegen die Dummheit und Brutalität der Welt auflehnt.“

    Mein Fazit: Der Schriftsteller Feuchtwanger hat mich schon seit langer Zeit interessiert und angezogen. Das hat mich auch zur Lektüre dieses Romans animiert. Im Germanistikstudium habe ich genau die Skepsis gegenüber seinem Werk zu spüren bekommen, die Modick in „Sunset“ auf interessante Art schildert. „Ach, Feuchtwanger interessiert Sie? Ist das nicht Massenware? Warum beschäftigen Sie sich nicht eher mit dem großen Brecht, mit Mann oder Zweig?“ Die deutsche Literaturgeschichte hat sich genau die Skepsis gegenüber dem Werk zu eigen gemacht, in die sich Feuchtwanger in der fiktiven Handlung von Sunset hineingräbt. Und doch bleibt ein nicht nur mengenmäßig großes Werk zurück. Und so gebe ich nach Lektüre von „Sunset“ nicht nur gerne eine Leseempfehlung für diesen Roman von Klaus Modick für alle, die sich in dieses literaturgeschichtlich interessante Setting begeben wollen, sondern verbinde das auch mit einem Plädoyer für den unterschätzten und heute oft übersehenen Lion Feuchtwanger. Ich liebe insbesondere seine „Wartesaal-Trilogie“

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Sep 2015 

    Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht

    In seinem Exil in Los Angeles erhält der mittlerweile 72-jährige Lion Feuchtwanger die Nachricht, dass sein Freund Bertolt Brecht in Berlin gestorben ist. In den Stunden, die auf diese Nachricht folgen erinnert sich Feuchtwanger an viele Episoden aus dieser, für ihn bedeutsamen Freundschaft. Gleichzeitig durchlebt er viele Momente seines langen Schriftstellerdaseins noch einmal.

    "Es fängt damit an, denkt er, dass man versucht, Schönes zu schreiben. Später will man Großes schreiben. Noch später Gewaltiges, Moralisches, politisch Wirksames. Aber irgendwann, jetzt, kommt der Moment, da man nur noch das Wahre schreiben mag, und dann muss man feststellen, dass man die Wahrheit nicht kennt. So schrecklich ist das. So schrecklich einfach ist das. Immer aber schreibt man, weil man geliebt werden will." (S. 112)

    In einzelnen Rückblenden nimmt der Leser teil an den Anfängen seiner Karriere und seinem Leben in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik sowie des Nationalsozialismus. 1940 reist Feuchtwanger dann in die USA ein. Hier wird er den Rest seines Lebens verbringen. Feuchtwanger ist einer von vielen deutschen Künstlern, die vor den Repressionen der deutschen Nationalsozialisten nach Amerika exilieren. In Los Angeles bildet sich eine Kolonie deutscher Künstler, die hier einen regen gesellschaftlichen Umgang miteinander pflegen. Man trifft auf Namen wie Arnold Zweig, Fritz Lang, Alfred Döblin, die Familie Mann und natürlich Bertolt Brecht.

    Erstmalig begegnen sich Brecht und Feuchtwanger in Berlin, zu Beginn des ersten Weltkrieges. Brecht, der unbekannte Jungdichter, wird von Feuchtwanger, der sich bereits einen Ruf als angesehener Schriftsteller erworben hat, protegiert.
    Klaus Modick lässt seine beiden Protagonisten nicht gut wegkommen. Als Leser entwickelt man nur wenige Sympathien für Brecht und Feuchtwanger. Brecht ist der Ungestüme, Rücksichtslose, Skrupellose, der seinen Freund auszunutzen scheint - zumindest lebt er gern auf seine Kosten.
    Feuchtwanger wirkt unscheinbar, klein, nörgelig,hilflos im Alltag, der in erster Linie schreibt, weil er Anerkennung sucht. Er fühlt sich von der Welt unverstanden.

    "Brecht kam mit Ideen, die er irgendwo aufgelesen oder entwendet hatte, zum Beispiel bei Feuchtwanger, und um aus den Ideen anderer Leute seine Stücke machen zu können, brauchte er wiederum die Kenntnisse und die Disziplin anderer Leute, Leuten wie den Freund Feuchtwanger vor allen anderen." (S. 62)

    Im Exil führen beide ein sorgenfreies Leben. Feuchtwanger kann gut von seinem Ruhm als Schriftsteller leben. Brecht kann gut von seinem Freund Feuchtwanger leben. Einzig die Beamten der McCarthy-Ära machen ihnen das Leben schwer. Sie werden beschattet und ständigen Befragungen ausgesetzt. Schlimmstenfalls droht ihnen die Ausweisung.

    "Im Exil ist der Emigrant verdächtig, weil er sich mit einer Regierung angelegt hat, mithin ein potenzieller Unruhestifter und Aufrührer ist, selber fast wie Gerüchte von Untaten, die über die Grenzen entkamen. Ein Emigrant aber, der nicht heimkehrt, ist erst recht verdächtig. Er liebt sein Land nicht. Erst lässt er es im Stich, dann bleibt er ihm fern. Er ist der doppelte Verräter." (S.97)

    Brecht hat mit seiner Arbeit in Amerika keinen Erfolg. Die Amerikaner verstehen sein Werk nicht. Er passt einfach nicht in dieses Land und wird nicht ernst genommen. Irgendwann zieht Brecht einen Schlussstrich und geht zurück nach Deutschland.
    Nach und nach kehren weitere Schriftstellerkollegen wieder nach Europa zurück. Feuchtwanger entscheidet sich dafür, in Amerika zu bleiben und verbringt hier die letzten Jahre seines Lebens.
    Tatsächlich gelingt es Klaus Modick, dass der Leser zum Ende des Buches Mitleid mit Feuchtwanger bekommt. Zurück bleibt ein alter kranker Mann, der sich unverstanden fühlt und dem man als Leser auf einmal vieles nachsieht und entschuldigt.

    "Das eigene Leben? Sein Körper hat sich entwickelt, ist gereift, nun verfällt er. Er ist um die halbe Welt gereist, wenn auch unfreiwillig, war glücklich und unglücklich, war gesund und krank. Hat Erfolge und Misserfolge erlebt, doch kein Erfolg schmeckt so süß, dass er die Bitterkeit von Niederlagen vergessen macht. Hat also gelebt. Aber was ist es gewesen? Doch nicht nur Wachstum und Verfall von Zellen, nicht nur Verzweiflung und Verzückung. Der Sinn der Jahre? Entwicklung? Sehr vages Wort. Der Vernunft zum Sieg über die Dummheit verhelfen? Allzu pathetische Worte. Streben nach Glück, wie es die amerikanische Verfassung verspricht? Gewiss, es ist all das. Aber am Ende ist es vielleicht nur dies: Leben. Da sein." (S. 179)

    Mit seinem Schreibstil zeigt Klaus Modick Sinn für's Detail. Teilweise wirkt der Stil fast schon poetisch, manchmal auch abstrakt. Viele Stellen in seinem Buch sind sehr stimmungsvoll beschrieben. Die Melancholie, die z. B. auch das Buchcover vermittelt, findet sich häufig in seinem Buch wieder.

    "Es hätten Zikaden sein können. Oder ein Posthorn aus romantischen Tagen, in lauschiger Sommernacht, ein Signal aus dem versunkenen, unerreichbaren Land jenseits des anderen Ozeans. Der Dunst überm Wasser wird dichter, verschleiert die rot sinkende Sonne überm Kap von Malibu. Der Horizont verdunstet hinterm grauen Vorhand der Dämmerung. Pelikane jagen übers Wasser, stechen im Sturzflug hinein, tauchen wieder auf, steigen, schweben, lassen sich fallen. Der Klang eines Saxofons weht vom Strand herüber." (S. 175)

    Das Buch hat mir gut gefallen. Allein schon die Begegnung mit den Großen der deutschen Literatur machen das Buch zu einer interessanten Lektüre. In diesem Roman wird häufig Bezug auf einzelne Werke Feuchtwanger's genommen, wobei es nicht notwendig ist, seine Bücher zu kennen. Zwischenzeitlich habe ich mich jedoch gefragt, ob ich die Person Feuchtwanger anders wahrgenommen hätte, wenn ich mit seinen Büchern vertraut gewesen wäre. Leider hat Modick es nicht geschafft, mich auf Feuchtwanger's Werk neugierig zu machen. Ganz im Gegenteil: Das, was Modick über Feuchtwanger's Bücher wiedergibt, hat mich eher abgeschreckt - zu düster, zu abstrakt, schwermütige Literatur. Wie gut, dass Modick's Schreibstil das genaue Gegenteil ist.

    ©Renie